Aufhaltsamer Abstieg
Die Schwäche der US-Hegemonie

Von Immanuel Wallerstein Deutsch von Eva Marz.
geklaut aus 'Süddeutsche Zeitung', Montag, 12. August 2002


Der Autor ist Senior Research Scholar an der Yale University. Sein letztes Buch „The End of the World as We Know It" erschien bei University of Minnesota Press.

George W. Bush ist ein geopolitischer Versager. Er hat sich von einer Clique Falken in eine Situation drängen lassen, die ihn praktisch nötigt, in den Irak einzumarschieren: eine Situation, aus der er sich wohl nicht mehr befreien kann; eine Situation, die nur negative Folgen für die Vereinigten Staaten von Amerika haben wird - und für den Rest der Welt. Auch ihm wird bald aufgehen, dass er sich damit schwer geschadet, vielleicht sogar politisch tödlich verwundet hat. Alles in allem könnte er es sein, der dafür sorgt, dass die ohnehin schwindende Macht der Vereinigten Staaten in der Welt noch schneller schwindet.

Die Idee des amerikanischen „Imperiums" als neue weltpolitische Größe nimmt in den Köpfen der politischen und intellektuellen Elite Washingtons Gestalt an. Wir dokumentieren in einer losen Folge Stimmen amerikanischer Prominenter, die dieser Idee Ausdruck verleihen oder Widerspruch entgegensetzen (siehe SZ vom 25. Juli). Nachdem Andrew Bacevich das Imperium als politischen Auftrag zum Wohle der Menscheit interpretierte (SZ vom 30. Juli), kommt diesmal Immanuel Wallerstein, der große alte inneramerikanische, in Yale lehrende Kritiker der US-Politik, zu Wort. Wallerstein setzt sich vor allem mit der immer konkreter werdenden Absicht von Bush, Krieg gegen den Irak zu führen, auseinander.


Ein Krieg gegen den Irak wird mit Sicherheit vielen Menschen das Leben kosten, irakischen, aber auch amerikanischen Menschen, weil von vorneherein absehbar ist, dass chirurgische Luftangriffe aus großer Höhe in diesem Fall militärisch nicht ausreichen werden. Die Invasion des Irak wird in einem Ausmaß zum Aufruhr in der arabisch-islamischen Welt führen, wie man ihn dort bisher noch nicht erlebt hat. Die anderen arabischen Führer mögen Saddam Hussein zwar überhaupt nicht, aber ihre Bevölkerungen werden ein Vorgehen nicht hinnehmen, welches sie als unprovozierten Angriff auf einen arabischen Staat ansehen. Den arabischen Staatschefs lässt diese Zwangslage nur die Wahl, auf der Welle des Aufruhrs mitzureiten oder unterzugehen.

Im schlimmsten Fall kann ein Angriff auf den Irak sogar zum Einsatz von Nuklearwaffen führen, die, einmal entfesselt, künftig kaum wieder zu illegalen Kriegsmitteln erklärt werden können. Vielleicht besitzt der Irak derartige Waffen noch nicht, sicher wissen wir das nicht - darum geht es ja in dem Konflikt. Aber selbst wenn nicht, könnte der Irak Israel auch mit konventionellen Waffen angreifen. Und könnte das nicht Israel seinerseits dazu veranlassen, mit eben den Nuklearwaffen zu antworten, von denen wir sicher wissen, dass dieses Land über sie verfügt? Was diese Option anbelangt: Können wir eigentlich sicher sein, dass die Vereinigten Staaten ihre taktischen Nuklearwaffen nicht einsetzen, wenn die Kämpfe allzu heftig werden?

Wie sind wir in diese katastrophale Sackgasse hineingeraten? Wir müssen mit der Tatsache beginnen, dass die Vereinigten Staaten weit weniger mächtig sind, als sie selbst und als große Teile der Welt glauben. Die Hegemonie der USA befindet sich seit rund dreißig Jahren im Niedergang. Ihre Vormachtstellung gründete sich, zumindest zu Zeiten ihres Höhepunkts zwischen 1945 und 1970, auf einem dreifachen Vorteil: erstens einer wirtschaftlichen Überlegenheit über alle andern Staaten der Welt, zweitens der politischen Führung in einer außerordentlich mächtigen internationalen Staatenkoalition und drittens seiner militärischen Potenz.

UN-Regeln und ihre Widersacher

Doch schon am Ende der sechziger Jahre zeichnete sich ab, dass der ökonomische Aufstieg Westeuropas und Japans diese beiden Regionen den Vereinigten Staaten wirtschaftlich einigermaßen ebenbürtig werden ließ (und in den kommenden dreißig Jahren werden sie die USA in dieser Hinsicht vermutlich übertreffen). Mit dem Abbau der wirtschaftlichen Überlegenheit ging einher, dass die amerikanische Führung der internationalen Staatenkoalition langsam untergraben und schließlich maßgeblich geschwächt wurde durch den Zusammenbruch der Sowjetunion, weil dieser in Westeuropa und Japan das Gefühl schwinden ließ, man sei auf ewig den USA politisch untergeben. Das einzige, was unbestritten übrig blieb, ist die gewaltige militärische Überlegenheit.

Aber auch noch so überlegene militärische Ressourcen nützen einem wenig, wenn einem für ihren Einsatz Fesseln auferlegt sind. Drei Faktoren behindern zumindest den Einsatz im großen Stil: Man kann sich ihn angesichts der eigenen geschwächten Wirtschaft immer weniger leisten; noch immer belastet das Vietnam-Trauma nicht nur die amerikanische Bevölkerung, sondern auch die Militärs; und schließlich wächst in Europa die Unlust, die militärischen Abenteuer der USA vorbehaltlos zu unterstützen.

Nichtsdestoweniger sieht es so aus, als sei eine amerikanische Militäraktion gegen den Irak keine Frage mehr des „ob", sondern nur noch des „wann". Washington beharrt darauf, dass der Schritt notwendig sei, weil der Irak UN-Resolutionen verletzt habe und eine eminente Gefahr darstelle für die Region, für die Welt im allgemeinen und die Vereinigten Staaten im besonderen. Diese Erklärung ist zu so dünn, um wirklich ernst genommen zu werden. Sich UN- Resolutionen oder anderen internationalen Abkommen zu widersetzen, war in den letzten fünfzig Jahren gang und gäbe. Niemand muss wohl eigens daran erinnert werden, dass die Vereinigten Staaten sich 1986 weigerten, einer Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag Folge zu leisten, die ihr Vorgehen in Nicaragua verurteilte.

Und Präsident George W. Bush hat unmissverständlich betont, dass er keinen Vertrag erfüllen werde, der die Interessen der USA gefährden könnte. Israel hat sich, natürlich, dreißig Jahre lang den UN-Resolutionen widersetzt. Und bei den meisten anderen UN-Mitgliedern sieht es nicht viel besser aus. Zugegeben, Saddam Hussein hat explizite Anweisungen der Vereinten Nationen missachtet. Aber was sonst ist neu?

Stellt Saddam Hussein wirklich eine große Bedrohung für alle dar? Im August 1990 fiel der Irak in Kuwait ein. Dieser Überfall wuchs sich in der Tat zu einer enormen Bedrohung aus. Die Antwort der USA und ihrer Verbündeten war der Golfkrieg, in dem die Iraker aus Kuwait hinausgeworfen wurden; aus guten politischen und militärischen Gründen entschied man, hier abzubrechen, mit der Folge, dass Hussein an der Macht blieb. Die Vereinten Nationen verabschiedeten seither ihre Resolutionen gegen Iraks Massenvernichtungswaffen, schickten Inspektoren-Teams und setzten eine Reihe von Embargos in Kraft. Diese Zwänge haben, wie wir mehr als zehn Jahre lang beobachten konnten, den Irak beträchtlich, aber eben nicht völlig geschwächt.

Und er provoziert die Großmacht. Dies zu einem Zeitpunkt, in dem die US-Falken glauben, dass nur mit überwältigender militärischer Stärke unsere unangefochtene Vormachtstellung in der Welt wiederhergestellt werden kann. Doch die Hegemonie der USA ist, wie gesagt, nicht mehr mit der früheren Vormachtstellung vergleichbar, dem Anschein der letzten Jahre zum Trotz. Schon Machiavelli wusste, dass es niemals in erster Linie auf die Streitkräfte ankommen darf: Wenn das alles ist, was du hast, deutet man es eher als ein Zeichen von Schwäche als von Stärke, wenn du sie einsetzt, und es wird dir schaden.

Kriegs- oder Friedenspräsident

Eindeutig ist, dass zur Zeit eigentlich niemand in der Welt außerhalb der USA einen Einmarsch der Vereinigten Staaten in den Irak unterstützt. Es gibt, um genau zu sein, nur zwei bemerkenswerte Ausnahmen: Israel, das Bush anfeuert, und Großbritannien, oder eher Premierminister Tony Blair, der mit Blick auf den Irak erklärt: „Nichts tun ... ist keine Option." Es ist noch nicht allzu lange her, als der Observer berichtet hatte, dass „britische Militärführer eine ernste Warnung an Blair aussprachen, derzufolge jeder Krieg gegen den Irak zum Scheitern verurteilt sei und viele Menschenleben kosten würde bei vergleichsweise sehr geringem politischen Gewinn".

Ich kann mir nicht denken, dass die meisten US-Militärführer zu einem anderen Schluss gekommen sind, nur sind sie wahrscheinlich vorsichtiger, diese unwillkommene Wahrheit Präsident Bush mitzuteilen. Jedenfalls scheinen die USA darauf zu zählen, den Widerstand ihrer Verbündeten vor allem in der Region durch Einschüchterung zu überwinden. Aber seit Israels verschärfter Besatzungspolitik besteht wenig Hoffnung, dass US-Truppen von saudischen Stützpunkte aus operieren könnten. Die Türkei hat - auch wenn sie dem amerikanischen Druck nachgibt - kein echtes Interesse daran, irakische Kurden zu verteidigen, weil das die Kurden im eigenen Land stärken würde. Und was Israel anbelangt, so ist Ariel Scharon - mit Bushs Unterstützung - bekanntlich zur Zeit dabei, den Rest der palästinischen Autonomie zu zerstören, was einer stabilen Anti-Irak Koalition nicht förderlich ist.

Trotz allem, es wird zum Einmarsch kommen, nur der Sieg wird schwer zu erringen, wenn nicht gar unmöglich sein. Gut möglich, dass uns ein zweites Vietnam bevorsteht. Denn genau wie damals wird sich auch dieser Krieg in die Länge ziehen - mit unüberschaubaren politischen Kosten.

Ob das niemandem in der Bush-Regierung klar ist? Einigen wenigen schon, doch die werden übergangen, weil Bush in einem selbstverschuldeten Dilemma steckt. Er muss nach vorne stürmen. Doch wenn er die Invasion durchsetzt, riskiert er, wie Lyndon Johnson, den eigenen Sturz. Und ein Scheitern der USA könnte am Ende die Europäer ermutigen, sich noch europäischer, das heißt noch weniger atlantisch zu begreifen, als sie es jetzt schon tun. Allerdings ist dies ferne Zukunft, während die negativen Vorzeichen eines Einmarschs schon jetzt aufleuchten.

Bush versprach der amerikanischen Bevölkerung einen „Krieg gegen den Terrorismus", den „wir sicher gewinnen werden". Alles, was er bis jetzt geschafft hat, war der Sturz der schwachen und völlig verarmten Taliban- Regierung. Bin Laden hat er nicht gefangen. Pakistan ist unsicher. Saudi Arabien geht seinen eigenen Weg. Also muss er in den Irak einmarschieren, um sich nicht dort zum Schwächling zu machen, wo er es am meisten fürchtet - in den Augen der amerikanischen Wähler. Bushs unerhört hohe Akzeptanz in Umfragen spiegelt ihn als Kriegs-Präsidenten. Als Präsident des Friedens wird er in ernste Schwierigkeiten geraten - um so mehr, wenn er Versprechen aus Kriegszeiten nicht einhält. Deshalb bleibt Bush keine Wahl, als gegen den Irak Krieg zu führen. Mit den Folgen werden wir alle leben müssen.