Prag 2000
fliegende Barris, brennende Steine

Weiße Kleidung, Helme, Gasmasken, ein Trompeter und eine unglaubliche Organisation - so präsentierten sich die etwa 1000 mit einem „geliehenem" Zug aus Italien angereisten Autonomen. Die Ya Basta-Leute hatten schon für Amsterdam einen Zug besetzt, mit dem sie dann nach Holland gefahren sind. Diesmal sagten sie der italienischen Regierung, dass sie ihnen gefälligst einen Zug zur Verfügung stellen sollen, sonst würden sie sich einen nehmen. Dieser "Autonomen-Express" überwand das Reiseproblem.

Genauso entschlossen zeigten sie sich auch auf der Demo mit knapp 10.000 Leuten. Als die Demo vor einer Brücke zum stehen gebracht wurde, beschloss Ya Basta, die schmale, etwa 600 Meter lange Brücke, die mit einigen Wasserwerfern, Räumpanzern und ungefähr 300 Bullen besetzt war, zu stürmen. Sie rannten immer wieder mit einer Reihe LKW-Reifen auf die Bullenreihen los, doch diese Übermacht überwanden sie nicht.

Bald kraxelte ich etwas frustriert, aber dennoch beeindruckt mit 2 Bekannten, die ich in Prag getroffen hatte, den Hang in's Tal hinunter. Als wir durch das Dickicht kletterten hörten wir auf einmal von unten im Tal unzählige Explosionen. Wie sich kurz darauf hinausstellte, waren das die Bullen, die im Tal mit einigen Hundertschaften versprengte Autonome jagten. Alle 30 Sekunden schossen sie mit Tränengasgranaten, die nach dem Aufprall noch ca. 6 mal explodierten, wie Knallfrösche. Sie sind nur heftiger, es sind sogar schon Menschen daran gestorben. Nach und nach versammelten sich jedoch immer mehr Autonome unten im Tal. Bald brannten die ersten Barris. Die Stimmung war super. Trotz Sprachbarrieren half mensch sich eifrig, wenn beispielsweise eine große Mülltonne zur Barri geschleppt werden musste. Wir räumten ein Warenlager leer, dessen Inhalt die Flammen noch höher werden ließ. Auch ein nagelneuer, eklig-bonziger BMW wurde integriert. Mit der Zeit flogen immer mehr Steine auf die Bullen. Auch weiter verstärkter Tränengaseinsatz konnte uns nicht daran hindern. Die total verplanten tschechischen Bullen schossen mit dem Zeug herum, wie kleine Kinder, die gerade zu Weihnachten ihre erste Wasserpistole gekriegt haben. Die Bullen hatten seit über 10 Jahren keine nennenswerte Demo gehabt. Sie mussten sich sogar noch Wasserwerfer aus Berlin leihen. Doch diese Unerfahrenheit merkte mensch ihnen an und wir nutzten sie: bald hatten wir, die wir zahlenmäßig nur knapp überlegen waren, die Situation unter Kontrolle und der Weg bis zum Anstieg hinauf zum Kongresszentrum war frei gekämpft.

Das Kongresszentrum hatte eine etwa 100 Meter lange, hochgelegte Terrasse. Der Weg bis dahin verlief fast ohne Zwischenfälle. Nach einer 3/4 Stunde wurden aus 50 Autonomen etwa 1000, die inzwischen von vielen Armani-Anzug-Trägern und Bullen von der Terrasse vorsichtig und interessiert beäugt wurden. Ein für mich unvergessliches Bild ergab sich, als ein spanischer Genosse unter diesen glotzenden Bonzenmob die Buchsteben des Wortes Fascistas auf die genau passende 9 Säulen des Gebäudes sprayte und große Pfeile nach oben malte. Unsere Stimmung wurde von dem Ya Basta-Trompeter weiter verbessert, der ein Revolutionlied nach dem anderen spielte. Bald jedoch wurden wir wieder mit der Realität konfrontiert, als die Bullen die Presseleute von der Terrasse wegschickten und links, rechts und über uns Truppen auffuhren. Einige Bullen oben auf der Terrasse hatten sich inzwischen große Behälter mit Tränengas auf den Rücken geschnallt. Da kam auch noch ein Hundertschaft aus dem Gebäude und wir ließen uns zurückdrängen und wollten jetzt 50 Meter weiter das Gebäude attackieren. Sofort waren die Bullen am Start, doch Barris und ein nicht endender Steinhagelbrachte sie zum Stehen und schlug sie zurück. Durch Tränengasattacken drängten sie uns daraufhin wieder zurück. Da stieß noch ein Teil der Demo von etwa 400 Leuten zu uns. Daraufhin sah die Situation für die Bullen sofort wieder so scheiße aus, wie zuvor. Als wir sie wieder zurückschlugen fingen sie sogar an mit Steinen zu werfen. Ein etwa 2 Fäuste großer Stein landete direkt neben mir und ein Typ aus Frankreich wurde am Bein verletzt, doch die Bullen hatten mehr Verletzte. Einige wurden von ihren Kollegen gestützt, hielten sich den Kopf etc. So ging es noch eine Weile hin und her. Eine weitere verpeilte Aktion der Bullen brachte ihnen jedoch letztendlich einen Vorteil. Sie fuhren mit einem Bullenbus mitten zwischen uns durch. Dass er komplett entglast und ein wenig zerpflückt wurde, war selbstverständlich. Allerdings brachte ihnen dieser Bus Deckung, die ihnen die Möglichkeit gab die Barris zu überlaufen und sich einen Platz auf der Straße zu festigen.

Das Dumme war, dass es schon halb 6 war. Um 6 wollten die Schweine vom Kongress in die Oper. Wenn wir sie also erwischen wollten, mussten wir dahin. Doch die Oper war schon von 2000 Leuten besetzt und die Kongressabgeordneten mussten sich wohl ein anderes Abendprogramm einfallen lassen. Inzwischen ziemlich ermattet kamen wir kurz später beim Bus an, der uns nach Hause fahren sollte. Schließlich hatten wir ja 17 Stunden nur mit Demonstrieren und Straßenschlacht verbracht. Doch Adrenalin hält ja bekanntlich wach.

Bisher hat mensch sich als Linker oft in abstrakte Fantasien gerettet, um den Optimismus nicht zu verlieren, doch Prag zeigte einem die Realität: militanter Protest mit geballter internationaler Kraft kann die da oben und das ganze System zum Wackeln bringen, wie zum Beispiel ansatzweise einen Tag nach dem Global Action Day, als die Konferenz aufgrund der Proteste beendet werden musste. Deshalb kann es beim nächsten Weltbanktreffen in Marseille nur eine Devise geben: ANGRIFF!

Ein Pragreisender aus Oldenburg