Die Zahlenkünstler
Über Zweideutigkeiten in den offiziellen Armutsstatistiken
der Weltbank
von Marcus Hammerschmitt 22.09.2003
Eigentlich müsste es relativ einfach sein, festzustellen, ob die Armut auf dieser Welt in den letzten zehn und zwanzig Jahren angestiegen, gesunken oder annähernd gleich geblieben ist. Fragt man die Weltbank und den Internationalen Währungsfond (IWF), dann ist die Antwort eine erstaunliche: Sie wissen es nicht. Dabei geben sie sich solche Mühe. Datenmaterial wird erhoben, Kriterien werden erstellt und die Ergebnisse werden in aufwändigen Verfahren kompiliert und aufbereitet, so dass sie den Entscheidern in Politik und Wirtschaft zur Verfügung stehen. Die Armen dieser Welt mögen arm sein, aber ihre Armut wird immerhin mit den fortschrittlichsten Methoden gemessen, die zur Verfügung stehen.
Konträre Ergebnisse
Die Weltbank ist, wie Professor Angus Deaton in seinem Text Is World Poverty
Falling? für den IWF beschreibt, effektiv die einzige Organisation weltweit,
die globale Armutsstatistiken erhebt und verwaltet. Peinlich nur, dass Professor
Deaton in dem gleichen Text untersuchen muss, wie zwei unabhängig voneinander
durchgeführte Untersuchungen über den Stand der Dinge nahezu gleichzeitig
zu fast konträren Ergebnissen kommen. Und das bei der simplen Frage, ob
die Zahl der Menschen, die mit einem Dollar pro Tag auskommen müssen, in
den letzten zwanzig Jahren gewachsen oder gefallen ist. Das zentrale Rätsel
beschreibt Deaton gleich zu Anfang seines Texts: Die erste Tabelle im Weltentwicklungsbericht
der Weltbank von 2000/2001 mit dem Namen „Die Armut angreifen“ zeigt,
dass die Anzahl von Menschen weltweit, die mit weniger als 1$ pro Tag auskommen
müssen, zwischen 1987 und 1998 von 1,18 Milliarden auf 1,20 Milliarden
angewachsen ist, also um 20 Millionen.
Kaum zwei Jahre später stellte eine andere Weltbankveröffentlichung
(„Globalisierung, Wachstum und Armut: der Weg zu einer gerechten Weltwirtschaft“)
in einer zentralen Auflistung fest, dass die Anzahl der Menschen, die in Armut
leben, zwischen 1980 und 1998 um 200 Millionen gefallen sei und zwischen 1987
und 1998 keine Anzeichen für ein Anwachsen gezeigt habe. Die Abnahme der
Armut wurde später in einem Pressebulletin bestätigt, begleitend zu
der Veröffentlichung eines Texts namens „Die Rolle und Effizienz
von Entwicklungshilfe“, welcher kurz vor der UN-Entwicklungshilfekonferenz
in Monterrey, Mexiko vom März 2002 veröffentlicht wurde. In diesem
Bulletin heißt es: „In den letzten zwanzig Jahren ist die Anzahl
von Menschen, die mit weniger als 1 $ pro Tag auskommen müssen um 200 Millionen
gefallen, obwohl die Weltbevölkerung um 1,6 Milliarden zugenommen hat.“
Können diese Aussagen miteinander versöhnt werden? Hat es tatsächlich
eine derart dramatische Reduktion der Armut in den letzten zwei Jahren gegeben?
Oder hat die Bank nur ihre Interpretation der Geschichte geändert?
Datenprobleme
Obwohl sich Prof. Deaton in dem folgenden Text Mühe gibt, die Inkonsistenzen
zu erklären, muss er am Ende zugeben, dass seine Deutung der gemessenen
Werte großen Unsicherheiten ausgesetzt ist. Zwar kommt er zu dem Schluss,
dass die berichteten sehr positiven, um nicht zu sagen euphorischen Werte grundsätzlich
stimmen könnten, gibt aber seiner Sorge über die Grundqualität
des Datenmaterials Ausdruck, indem er schreibt:
Vieles an diesem Vorgang kann einem Unwohlsein bereiten. Am deutlichsten kommt
das in dem Zwang zum Ausdruck, sich auf Daten zu verlassen, deren Fehlerspanne
über einen Zeitraum von bloß zwei Jahren so krass unterschiedliche
Ansichten darüber erlaubt, was mit der Armut in der Welt los ist. Deatons
Unwohlsein wundert nicht, denn er kämpft die ganze Zeit mit unvergleichbaren
Datensätzen (unvergleichbar wg. signifikanter Änderungen an den Fragebögen
im Vergleichzeitraum), Langzeitschätzungen nach unsicheren Methoden, einer
grundsätzlichen Beschränkung seiner Überlegungen auf Indien (wg.
dessen fundamentaler Wichtigkeit für die Weltarmutszahlen) und anderem
mehr. Am Schluss hat der verblüffte Leser den Eindruck, die jahrelangen
Anstrengungen einer Koryphäe auf dem Gebiet der ökonomischen Statistik
seien in das Ergebnis geflossen, dass man etwas Genaues leider nicht sagen könne.
Echte Verzweiflung scheint bei Deaton durch, wenn er der Weltbank empfiehlt,
sorgsamer mit ihrem Datenmaterial umzugehen:
Allein schon die erfolgreiche Erhebung dieser Daten und ihre Bedeutung für
politische Entscheidungsprozesse ruft nach einer Verbesserung der Methoden ihrer
Gewinnung und Pflege. Wenn derartige Berichte sich weiterhin widersprechen,
gerät die Weltbank in Gefahr, die Kompetenz zur Überwachung ihres
eigenen Erfolgs zu verlieren.
Wohin geht die Globalisierung?
Das könnte jetzt ein Einzelfall sein, wird aber durch ein weiteres Papier
von B. Milanov bestätigt, der in einem kurzen Text für die Weltbank
ebenfalls wild voneinander abweichende Armutsschätzungen diskutiert. Milanov
vertritt darin die Ansicht, dass die Berechnungen von Andrea Boltho und Gianni
Toniolo falsch sind, die in einer Ausgabe der Oxford Review of Economic Policy
vom Dezember 1999 deutliche Verbesserungen nicht bei den absoluten Armutszahlen,
aber doch bei der Ungleichverteilung („inequality“) zwischen Armen
und Reichen weltweit feststellten.
Der behauptete Fall des sogenannten Gini-Koeffizienten um vier Prozentpunkte
zwischen 1980 und 1998 sei eine Illusion, tatsächlich zeigten drei jüngere
Untersuchungen (Schultz, Firebaugh und seine eigene), dass der Gini-Koeffizient
um 10-20 Prozent höher liege als von Boltho und Tonioli angenommen. Zusätzlich
habe er, Milanovic, belegen können, dass der internationale Gini-Index
von 1988 bis 1993 um drei Prozentpunkte gestiegen sei.
Außerdem führt Milanovic die Schlussfolgerungen eines Papiers von
M. Lundberg und L. Squire an, die im Auftrag der Weltbank Bedrückendes
herausfanden: Die Globalisierung schade den Armen dieser Welt, stand dort explizit
zu lesen. Milanovic schreibt: „In einer jüngeren Weltbankveröffentlichung
behaupten Lundberg und Squire, dass Handelsderegulierungen das Einkommenswachstum
der 40 ärmsten Prozent der Bevölkerung negativ beeinflussen, während
sie dem Einkommenswachstum der restlichen Bevölkerungsgruppen starke, positive
Impulse verleihen (bezogen auf Beispieldaten aus 38 Ländern zwischen 1965
und 1992). Die Anpassungskosten von Handelsderegulierungen werden ausschließlich
von den Armen erbracht, egal wie lange die Anpassung auch brauchen mag. Die
Armen sind verwundbarer für Schwankungen im internationalen Preisgefüge,
und diese Verwundbarkeit wird durch eine Öffnung des Binnenmarktes gegenüber
dem Weltmarkt noch erhöht.
Man könnte auch sagen, dass die Globalisierung, so wie heute verstanden
und betrieben wird, die Armen ärmer und die Reichen reicher macht. Es versteht
sich von selbst, dass Lundbergs und Squires Papier bei den Globalisierungsgegnern
offene Türen eingerannt hat. Es wird gerne in globalisierungskritischen
Veröffentlichungen zitiert und ist dementsprechend populär. Wer
hat Recht? Sind die Optimisten näher an der Wahrheit oder die Pessimisten?
B. Milanovic ruft nach „größerer konzeptioneller Klarheit“
und „gründlicherer empirischer Untersuchung“. Für ihn
steht fest:
Erstens: Die globale Ungleichverteilung der Einkommen ist viel massiver als
von Boltho und Toniolo berichtet wird, und die jüngeren Trends deuten eher
auf eine Verschärfung der Ungleichheit. Zweitens: Die positiven Effekte
der Globalisierung kommen nicht allen gleich zugute. Es könnte möglich
sein, die Antiglobalisierungsbewegung von den positiven Effekten eines integrierten
Weltmarkts zu überzeugen, das würde aber Argumente erfordern, die
mehr auf Tatsachen und weniger auf Ideologie beruhen.
Wie das gelingen soll, wenn die Weltbank nicht einmal weiß, was die Zahlen
bedeuten, die sie selbst erhebt, bleibt sein Geheimnis. Für denjenigen,
der ohnehin keinen Zugriff auf die Daten der Großinstitutionen und die
Methoden ihrer Verarbeitung haben, bleibt wohl nichts anderes, als sich an die
Indizien zu halten.
Die Zunahme weltweiter Migrationsbewegungen, die Anstrengungen der reichen Länder
des Nordens zur militanten Abwehr aller verarmten Flüchtlinge, die nicht
verwertet werden können, und ein immer weiteres Aufklappen der Einkommensschere
in den reichen Ländern selbst deuten jedenfalls nicht gerade darauf hin,
dass die Armut in der Welt abnimmt. Dass unter diesen Umständen faktenbasierte
Debatten die Globalisierungsgegner von der segensreichen Wirkung der Globalisierung
überzeugen können, ist wenig wahrscheinlich.