Zu den geplanten Kürzungen an der Oldenburger Uni
„Friss die Hälfte“ oder Amputation?
„Einem Menschen, der abspecken soll, amputiert man auch nicht seine Glied-maßen“ konstatierte der Dekan der Fakultät IV Sukale gegen Ende einer von ihm initiierten Informations- und Diskussionsveranstaltung zu den geplanten Fächer- und Studien-gangsschließung im Bereich Human- und Gesellschaftswissenschaften. Das ist einerseits zwar natürlich brillant erkannt, zeigt andererseits aber auch, dass er, wie der Großteil der anderen Betroffenen (von den jetzt nicht Betroffenen ganz zu schweigen), die tatsächliche Problematik verkennt. Um in seinem Bild zu bleiben: Die Frage ist gar nicht so sehr, ob Gliedmaßen amputiert werden (und schon gar nicht auf welche Weise), sondern weshalb überhaupt abgespeckt werden soll.
Warum erst jetzt?
Vor einigen Jahren schon kündigte der damals gerade gewählte Präsident
der Universität Grubitzsch (zum Beispiel gegenüber dem studentischen
Radio im Offenen Kanal) offen an, es werde in den kommenden Jahren definitiv
zu Fächer- bzw. Studiengangsschließungen kommen. Da es aber damals
keine direkt Betroffenen gab (Grubitzsch hütete sich selbstverständlich,
konkretere Aussagen zu machen; konnte er wahrscheinlich auch gar nicht), gab
es auch keinen Aufschrei. Alle hielten einen Moment die Luft an und gingen dann
zum Tagesgeschäft über. In den darauf folgenden Jahren wurde die Universität
immer wieder von drastischen Kürzungen der Gelder vom Land Nieder-sachsen
erschüttert, eine Analyse der Gründe dafür hielt aber offensichtlich
niemand für notwendig. Zu den Studiengangsabwicklungen und Fächerschließungen
ist es bisher trotzdem nicht gekommen, was vermutlich mit daran liegt, dass
das Präsidium um Grubitzsch den größten Teil seiner Amtszeit
damit verbrachte, sog. „Leuchttürme“ auszubauen. Seine strategischen
Überlegungen dazu dürfte er natürlich nie vollständig offen
gelegt haben, aber von dieser Art der Profilbildung nichts gewusst zu haben,
das kann wohl niemand an der Universität für sich behaupten. Und dass
die Förderung bestimmter, gerade moderner Disziplinen die Vernach-lässigung
anderer mit sich bringt, das liegt auf der Hand. Bevor also Teile der Universität
ganz abgewickelt werden konnten mussten die Leuchttürme hell in die Region
und darüber hinaus leuchten. Vielleicht ist es mittlerweile eben so weit,
dass das „Profil“ der Universität so geschärft ist, dass
es die Geistes- und Humanwissenschaften eben nicht mehr braucht. Oldenburg,
das soll stehen für hochklassige Lehrerinnenausbildung und Natur-wissenschaften
von Weltruf. Ob das aber so aufgeht...
Es gibt aber natürlich weitere Gründe dafür, dass die Schließungen
gerade jetzt angekündigt werden. Seit letztem Jahr gilt ein neues Niedersächsisches
Hochschulgesetz (NHG), mit ihm gewann die Position des Präsidenten eine
große Zahl zusätzlicher Befugnisse und Entscheidungsgewalten. War
es vorher noch dem Senat vorbehalten, über die Öffnung und Schließung
von Studiengängen zu entscheiden, so liegt dieses Befugnis nun alleine
beim Präsidenten, ebenso wie die strategische Planung der Ziele der Universität.
(Dass im Rahmen dieser sog. Ziel-vereinbarungen schon beschlossene Sache ist,
dass bis 2007 alle Diplom- und fast alle Magisterstudiengänge abgeschafft
und durch Bachelor- und Masterstudiengänge ersetzt werden, dürfte
auch noch viele aus ihren Träumen reißen.) Jetzt ist das neue NHG
auch strukturell soweit umgesetzt, dass Grubitzsch diese Entscheidung treffen
kann, ohne dass der Senat oder ein anderes Gremium der Universität mitreden
darf. Zu jedem früheren Zeitpunkt hätte die Diskussion wohl jeden
seiner Pläne zunichte gemacht, gerade wenn es um Entscheidungen über
die immer noch recht stark vertretenen Geisteswissenschaften geht.
Vielleicht hätte er sich aber sogar noch ein klein wenig mehr Zeit gewünscht.
Dass die immer noch recht neue CDU-Landesregierung gerade vor wenigen Wochen
ein neuerliches Sparziel für die Universitäten Niedersachsens ver-kündete
setzte das Präsidium auf jeden Fall unter einen zeitlichen Druck. Mit zwischen
zwei und drei Millionen Euro weniger muss die Uni Oldenburg vermutlich jährlich
haushalten, über das wie und wo muss noch in diesem Jahr Rechenschaft abgelegt
werden, bereits am 1. September will Grubitzsch dem Minister in Hannover mitteilen,
wie die Abwicklung geregelt wird.
Diskursfreie Entscheidungen
Die Art und Weise, wie das Präsidium nun diese Entscheidung getroffen hat,
ist nicht neu. Seit Inkrafttreten der NHG-Novelle musste sich die gesamte Hoch-schulöffentlichkeit
daran gewöhnen, dass Entscheidungen in kleinen Runden (wenn überhaupt)
angekündigt werden und nur auf Umwegen und mit Verzögerung die Betroffenen
erreichen. Zum einen werden Entscheidungen autonom und diskursfrei getroffen,
zum anderen wird die Informationspolitik des Präsidiums dieser Autonomie
nicht gerecht. So informierte in diesem Fall nicht etwa der Präsident die
betroffenen Fächer, sondern der Dekan aus eigenem Antrieb. Dazu bat der
Präsident ausdrücklich darum, die breitere Öffentlichkeit nicht
zu informieren. Zum Antrittsbesuch des Ministers Stratmann am 7. August wurden
potentielle Störenfriede gar nicht erst eingeladen, damit das Thema ja
nicht zur Sprache kommt. Drei Wochen Zeit gibt das Präsidium nun also den
Fächern, sich zu überlegen, wie sie ihre Studiengänge abwickeln,
ein unglaublicher Affront. Und eine deutliche Aussage über die diskursiven
oder demokratischen Fähigkeiten Grubitzschs.
Affirmation is King
Womit wir wieder bei dem Beispiel der Amputation sind. Die Diskussion an der
Uni dreht sich alleine um die Frage, wie dieses von Minister Stratmann formulierte
Sparziel erreicht werden kann, sogar die jetzt von den Schließungen bedrohten
Fächer haben schon Alternativvorschläge erarbeitet. In dieser rein
affirmativen Strategie unterscheiden sie sich dann wieder kein bisschen vom
Präsidenten selbst. Dass es den Hochschulrektoren und -präsidenten
in der gesamten Zeit der Regentschaft von SPD-Bildungsminister Oppermann und
auch jetzt unter CDU-Minister Stratmann nicht gelang, eine Strategie zu entwickeln,
gegen die ständigen Kürzungen im Wissenschaftsbereich vorzugehen ist
ihr allergrößtes Versäumnis - aber vielleicht wollten sie es
ja auch gar nicht.
Niemand stellt — auch in der momentanen Situation nicht — die Frage,
warum eigentlich die Universitäten abspecken müssen. Seit Jahren werden
sie nun schon durchsetzt von neoliberalem Gedankengut, findet Universitälsplanung
nur noch unter Gesichtspunkten der Profilbildung, des Wettbewerbs, der Internationalisierung
(die letztendlich aber auch nur den Wettbewerb meint weil sie einerseits die
Studierenden fit machen soll für den globalen Arbeitsmarkt und andererseits
Hoch-schulen auch über Landesgrenzen hinweg um WissenschaftlerInnen, Drittmittel
und Studierende konkurrieren), der Quantifizierung von Leistung (Lehrender wie
Studierender) über Evaluationen und indikatorengesteuerte Mittelvergabe.
Parallel dazu wurde aus Bildung Ausbildung. Bildungsideale, Qualität der
Lehre, kritische Reflexion des eigenen Tuns und (bzw. in) der Gesellschaft etc.,
alles Dinge die in der strategischen Planung keine Rolle spielen.
Ihr Unverständnis über die Einstellung des eigenen Studiengangs machten
die meisten Institutsdirektorlnnen daran fest, dass sie in der vergangenen Zeit
doch immer Reformwilligkeit - d.h. Bereitschaft zu Studiengangsreformen oder
Modul-arisierung, Bachelor-Einführung und Akzeptanz von Stellenstreichungen
bewiesen hätten. Und so läuft es genau-genommen bei allen von außen
an die Universität herangetragenen Themen. Bachdor/Master, Bologna, Credir-Systeme,
Studiengebühren usw. usf. stellen nicht hinterfragbare Aufgaben und Prozesse
dar und bleiben undiskutiert. Wie viel der Diskurs bringt zeigt ein Beispiel
aus den Sozialwissenschaften: Dort wollte der Dekan vor einigen Jahren einen
Bachelor of Social Sciens einführen, ein von der Fachschaft angeregter
Diskussions- und Reflexionsprozess bewirkte, dass viele Lehrende ihre fatalistische
Sicht aufgaben und das ganze letztlich verhindert werden konnte. Wenn den Sozialwissenschaften
diese bewusste Entscheidung jetzt zum Strick gedreht werden sollte wäre
das natürlich doppelt schlimm, stellt es doch jede selbständige Entscheidung
unter Strafe.
Heute Top, morgen Flop
Dass in Zeiten des beschleunigten Strukturwandels nun gerade die Geisteswissenschaften
dran glauben müssen ist natürlich besonders bitter, passt aber ins
Bild. Es darf daran erinnert werden, dass Anfang/Mitte der neunziger Jahre die
Wirtschafts-wissenschaften genau die schlechten Abschlusszahlen hatten, die
heute eben anderen vorgehalten werden. Die Studiengänge standen in der
all-gemeinen Kritik, wirkten nicht mehr zeitgemäß. Heute haben ausgerechnet
die Wirtschaftswissenschaften die besten Abschlusszahlen. Ähnliches gilt
für die Naturwissenschaften, die lange Zeit für einen Klotz am Bein
gehalten wurden. Heute strahlen die Leuchttürme besonders von Wechloy aus.
Das ein Unipräsident heute die Möglichkeit hat, nach dem hire and
fire Prinzip zu agieren darf also beunruhigen. Gerade in Bezug auf die profilbildenden
naturwissenschaftlichen Leuchttürme steht zu befürchten, dass sie
so lange nicht strahlen werden. Schließlich sind das meist sehr modische
Sludiengänge bzw. Forschungszweige, ihr jeweiliger Wegfall kann dramatische
Auswirkungen haben. Wie schnell das gehen kann mit nicht mehr dem Zeitgeist
entsprechenden Studiengangen zeigt nicht zuletzt das Beispiel der Jüdischen
Studien. Auch sie wurden kürzlich fast abgewickelt weil sie offenbar nicht
mehr in eine Zeit des neu aufkommenden perfiden Antisemitismus passen. Man stelle
sich vor, 2006 übernimmt die CDU die Bundes-regierung und unterstützt
die Atommafia von neuem- alle Studiengänge, die mit Regenerativen Energien
zu tun haben (wie in Oldenburg) könnten zumachen. Nicht weil das Thema
uninteressant wird, sondern weil der Arbeitsmarkt (und dem ist die Universität
von heute hörig) wegbricht. Und auch die Begeisterung für LehrerInnenausbildung
wird in Zukunft sicher wieder sinken, dafür sorgt alleine schon die Demographie
(und viel schneller wohl das Faktum, dass in Oldenburg Sport nicht mehr als
Fach angeboten wird). Und dann? Geisteswissenschaften weg, LehrerInnen werden
nicht gebraucht, weil eine ganze Generation die Stellen auf Jahre besetzt hält,
Leuchttürme erloschen. Die Pädagogik und Lehramtsausbildung ohnehin
schon unattraktiv, weil wichtige Fächer wie Psychologie und Soziologie
nur noch als Zulieferinnen funktionieren und somit nicht unbe-dingt anziehend
wirken auf junge kreative Wissenschaftlerinnen. Perspektive? Nun ja...
Ganz nebenbei stellt die geplante Schließung verschiedener Fächer
natürlich die Zukunft zahlreicher Postgraduierter in Frage. Eine Promotion
beispielsweise bei den Lehrenden, zu denen man ein gutes Verhältnis ent-wickelt
hat, kommt für viele wohl kaum mehr in Frage. Einen Einstellungsstop (auf
unbestimmte Zeit) für wissenschaftliches und nichtwissenschaftliches Personal
hat der Präsident schon jetzt verhängt, und das, obwohl die Verwaltung
jetzt schon ächzt (und dank der Vervielfachung des bürokratischen
Aufwands durch die massive Bachelor/Master-Einführung in der kommenden
Zeit weiter belastet wird) und der Mittelbau schon jetzt kaum mehr existiert
Auch eine Art von Amputation...
Jan Kühnemund
geklaut aus morgenröte Ausgabe 2 - August 2003