Es muss nicht immer
MST sein...
Brasiliens Landarbeiterinnen mobilisieren für großen „Sternmarsch der Margeriten“
Landarbeiterinnengewerkschaft MMTR {Movimento de MulheresTrabalhadoras Rurais - Bewegung der Landarbeiterinnen) erneut ihren „Sternmarsch der Margariten“ - so benannt nach der 1983 ermordeten Gewerkschafterin Margarida Maria Alves (siehe Kasten). Sie wollen damit ihren Forderungen Nachdruck verleihen, die weit über die Forderung nach einer Agrarreform - wie sie die MST fordert - hinaus gehen. Als eine Frauengewerkschaft arbeitet sie vor allem für die Würde der Frauen im ländlichen Brasilien.
Alle kennen die rote Fahne mit dem grünen Konterfei Brasiliens, mit einem Machete schwingenden Bauern und der an seiner Seite stehenden Frau. Dank einer hervorragenden Öffentlichkeitsarbeit und einer zentralen Organisation, ansässig im urbanen Süden Brasiliens, kann das MST niemand übersehen. Aber wer kennt schon die MMTR und die Marcha das Margaridas? Die MMTR ist eine Gewerkschaft für Landarbeiterinnen - ausschließlich von Frauen organisiert. Und bei dem „Sternmarsch der Margeriten“ handelt es sich um die bisher größte landesweite Mobilisierung der Landarbeitennnen und Kleinbäuerinnen. Im Gedenken an die Gewerkschaftsführerin Marganda Alves (Siehe Kasten) kamen im August 2000 knapp 20.000 im ländlichen Raum arbeitende Frauen nach Brasilia. Ihr Protest galt dem Hunger, der Armut und der Gewalt, die zu sehr ihren Alltag bestimmen. Die Frauen der MMTR verstehen sich als unabhängige Bewegung, gewerkschaftsnah, aber autonom in ihrer Organisierung, in ihren Entscheidungen und Forderungen. Mit dem MST gibt es kaum Berührungspunkte, denn die politischen Visionen und der Weg dorthin sind zu verschieden. Dieses Jahr am 26. August hoffen die Veranstalterinnen die Teilnehmerzahl der Marcha zu verdoppeln. Das blumige Outfit der Frauen steht dabei in scharfem Gegensatz zu ihrer deutlichen Kritik an der Agrarpolitik sowie ihren klaren Forderungen nach Land, Wasser, einem würdigen Gehalt, Gesundheitsversorgung und einem Ende der sexistischen Gewalt, Lautstark soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass die 19 Millionen Landarbeiterinnen eine wichtige Stütze der PT-Regierung sind und von Lula deutliche Zeichen für eine Wende in der Agrarpolitik erwarten.
Für mehr als „nur“ eine Landreform
Die Geschichte der Organisierung der auf dem Land arbeitenden Frauen
ist bereits über zwanzig Jahre alt. Mit dem Ende der Diktaturknüpften
die Landarbeiterinnen an die Kämpfe um soziale Gerechtigkeit der brutal
unterdrückten Ligas Camponesas an, l98l / 82 begannen in verschiedenen
Staaten des Nordostens wie Pernambuco und Paraiba, erstmals Frauen sich autonom
zu organisieren und für eine Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen
einzusetzen. Landbesetzungen waren damals wie heute letztes Mittel im Bemühen
um soziale Gerechtigkeit. Denn anders als beim MST steht für die Frauen
des MMTR nicht die Landfrage im Vordergrund sondern ihr „Empowerment“,
ihre Selbstbestimmung. Natürlich wird keine der frauenbewegten Kleinbäuerinnen
vergessen, die Landreform zu erwähnen, wenn man sie nach ihren Forderungen
fragt. Aber sie nennt sie in einem Atemzug mit dem Kampf für den Zugang
zu Wasser, zu Gesundheitsversorgung, zu kleinbäuerlichen Fördermaßnahmen
sowie dem Wunsch nach einem würdigen Einkommen und dem Respekt vor ihrer
Arbeit und Person. Die Bewegung der Landarbeiterinnen existiert in ganz Brasilien
und besteht aus einem Netzwerk von unzähligen Klein- und Kleinstgruppen,
wobei der Nordosten mit rund 800 solcher Vertretungen über eine besonders
hohe Organisationsdichte verfügt. In den frühen 80er Jahren-während
einer jahrelangen Dürre begannen die Frauen sich zu organisieren, um für
bessere Hilfsmaßnahmen zu streiten, Denn Frauen hatten keinen Zugang zu
den Notbeschäftigungs-programmen der Regierung, der einzigen Arbeits- und
Einkommensquelle während der Trockenheit. Für einen halben Mindestlohn
im Straßen- und Brunnenbau arbeiten zu dürfen, das war
das Ergebnis ihres ersten gemeinsamen Kampfes.
Als Frauen nicht mehr ernst genommen wurden
Dass sich die Frauen separat versammelten lag zunächst daran, dass die
Gewerkschaften sie nicht ernst nahmen und ihnen teilweise sogar die Mitgliedschaft
verweigerten. Was als Krisentreffen begann, wurde bald zu einem regelmäßigen
Austausch. Auf ihren Treffen behandeln sie alle Themen, die das Leben der Frauen
bestimmt: wie das tägliche Überleben der Familie organisiert werden
kann und dass die Mehrfachbelastung der Landfrauen nicht wertgeschätzt
wird. Aber auch konkrete Kampagnen zurVerbesserung der rechtlichen und damit
auch sozialen Situation der Landarbeiterinnenwerden besprochen und durchgeführt.
Im Austausch mit der städtischen Frauenbewegung machten die Frauen auch
Fragen der Gesundheit, insbesondere reproduktive Rechte und selbstbestimmte
Sexualität zum Thema, Den Großteil ihrer Arbeit macht aber die alltägliche
gegenseitige Hilfe aus: in basisdemokratischen Netzwerken tauschen sie Informationen
über den Zustand der Böden und die Wasserversorgung aus, Außerdem
kümmern sie sich um den Aufbau von Schulen und machen Sendungen in kommunalen
Radios.Das Hauptproblem der Landarbeiterinnen des Sertao liegt nicht zuletzt
darin, dass sie kaum über eigene Produktion und vermarktbare Waren verfügen.
Anders als beispielsweise bei den Sammelwirtschafterinnen des Nordens machen
die periodische Trockenheit, der fehlende Zugang zu Land, Wasser und Vermarktungsmöglichkeiten
jegliche Chance auf selbstständige Einnahmequellen zunichte.
Die Folge ist eine massenhafte Migration in die Städte vor allem des Südens,
wo die Frauen meist als Hausangestellte arbeiten und die Männer im Baugewerbe,
vorausgesetzt sie bekommen überhaupt eine Arbeit. Die Bevölkerung
des Sertao ist geschwächt durch Mangelernährung auf Grund von Dürreperioden,
Aber auch eine ausreichende Gesundheitsversorgung fehlt genauso wie ein adequates
Bildungssystem. Klientelismus und Unterwürfigkeit gegenüber den Gutsbesitzern
charakterisieren das Verhältnis der Bevölkerung zu den politisch Verantwortlichen.
In dieser Hinsicht hat das MMTR am aller meisten geleistet: Die hier organisierten
Frauen trauen sich den Mund auf zu machen, sie hinterfragen staatliche Politik
und Maßnahmen der öffentlichen Hand, von denen sie ausgeschlossenwerden:
Wenn öffentliche Bewässerungsanlagen auf privatem Gelände gebaut
werden oder wenn Frauen in Programmen der Agrarreform nicht berücksichtigt
werden. Sie fordern die Versorgung „trockener Dörfer“ mit Wassertankwagen
oder die korrekte Auszahlung von Hilfsgeldern wie z.B. bolsa escola (Schulgeld)
oder valegas (Gutscheine für Gas) für bedürftige Familien. Und
sie haben mit eigenen Ideen bewiesen, dass Desertifikation und Hunger kein Schicksal
sind sondern menschengemacht und veränderbar. In Zusammenarbeit mit kirchlicher
und internationaler NRO-Unterstützung haben die MMTR-Frauen nicht nur beachtliche
Bildungsarbeit geleistet sondern mit einfachen Maßnahmen bewiesen wie
konkrete Verbesserungen in der Wasserversorgung und Ernährung möglich
sind. Convivencia com a seca - Zusammenleben mit der Trockenheit, nennen sich
Schritte wie das Auffangen von Regenwasser, der Versuch kleine Wasserbecken
anzustauen, Bachbetten zu säubern und Ufer zu bepflanzen und trockenresistentes
Obst und Gemüse anzubauen.
aus Lateinamerika Nachrichten 351/352 * September/Oktober 2003
Margarida Maria Alves
Die Gewerkschaftsführerin Margarida Maria Alves war 50 Jahre alt, als sie am 11.August 1983 von Auftragsmördern erschossen wurde. Sie hatte eine Woche vor ihrem Tod vergeblich um polizeilichen Schutz gebeten. Alves war unbequem, Sie rüttelte im Bundesstaat Paraiba an dem Machtapparat der Gutsbesitzer, die mit ihrem Landbesitz und ihren Zuckerfabriken die Lebensbedingungen der Bevölkerung ebenso wie deren politischen Spielraum bestimmen. Mittelalterlich anmutende Zustände im Umgang mit den Tagelöhnern, die in völliger Abhängigkeit, zu Hungerlöhnen und ohne jegliche soziale Absicherung der Willkür der Besitzer ausgeliefert sind, veranlassten Alves und andere dazu, sich zu wehren. 12 Jahre lang engagierte sich Margarida Alves und zeigte Großgrundbesitzer, denen sie Ausbeutung von Arbeitskräften und Missachtung der Arbeitsgesetze vorwarf, beim Arbeitsministerium an. Als eine von wenigen Frauen in der Gewerkschaftsstruktur setzte sie sich insbesondere für die berufliche Anerkennung der Arbeit der Landarbeiterinnen ein, die bis dahin ausschließlich als „Hausfrauen“ galten. 18 Jahre hat es gedauert bis 2001 der Mordfall Alves überhaupt vor Gericht kam. Entsprechend enttäuscht reagierten die Landarbeiterinnen dann auf die Entscheidung des Geschworenengerichts von Paraiba, das mit fünf gegen zwei Stimmen den des Mordes angeklagten Großgrundbesitzerjose Buarque de Gusmäo Neto freisprach. Ende 2002 wurde das Urteil vom Obersten Gerichtshof bestätigt. „Es ist als würde sie noch einmal ermordet“ entrüsteten sich die angereisten Unterstützerinnen vor dem Gerichtsgebäude. Dennoch, der Freispruch des wirtschaftlich und politisch einflussreichen Arzt und Unternehmers kam nicht unerwartet. Die Repression, der Zeugen und Geschworene ausgesetzt waren, und die Furcht vor „Zito“ Buarques Milizen, zeigen, dass sich an den Machtstrukturen in Paraiba wenig geändert hat. Buarque ist für seine Kaltblütigkeit, mit der er sich politischer Gegner entledigt, bekannt und tatsächlich kann niemand den sieben Geschworenen garantieren, dass es sie nicht treffen wird. Fehlende Strafverfolgung ist in Brasilien ein schwer wiegendes Problem. Die Menschenrechtsorganisation Justica Global betreut seit einigen Jahren Fälle gefährdeter bzw. verschwundener Landarbeiterinnen in Paraiba. Der Fall Margarida Alves wird auch von der Kommission für Menschenrechte der Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) verhandelt. Sie könnte die brasilianische Regierung für Verbrechen an den Menschenrechten verurteilen.