Kinder, Küche, Kurzzeitjobs
von Tina Klopp aus KONKRET 9/O3
Alle wettern geqen Eichels »Sparpolitik«. Daß sie in besonderem
Maße Frauen trifft, ist dabei kein Thema.
Zur Zeit liest frau hin und wieder in von Männern verfaßten Artikeln
erstaunt von einer »Männerdämmerung«: »Die entscheidenden
Produktionsmittel zur Massen- und Bewußtseinsbildung in Deutschland liegen
mittlerweile in der Hand von Frauen.« »FAZ«-Herausgeber
Frank Schirrmacher belegte, was wie ein Sommerloch-Ulk wirkt, mit Hinweisen
auf Sandra Maischberger, Sabine Christiansen oder Friede Springer. Der »Focus«
hält Frauen mittlerweile schlichtweg für das »privilegierte
Geschlecht«. Und in der »Welt« beklagt Hans Christoph Buch
die Dominanz weiblicher »Wohlfuhl-Literatur« über die Produkte
»männlichen Genies«.
Angesichts dieser weiblichen Gestaltungsmacht verwundert, daß Deutschland
im kontinentalen Vergleich bei Gleichstellungsfragen jeden Negativ-Rekord
bricht. Das muß wohl daran liegen, daß Neoliberalismus und Geschlechterungerechtigkeit
sich prima vertragen. Schirrmacher muß das nicht auffallen. Aber schon
Horkheimer wußte: »Wer die Gesellschaft ändern will, muß
bei der Familie ansetzen.«
Immerhin der Deutsche Juristinnenbund (DJB) hat gemerkt, daß die Sparaktionen
der Agenda 2010 noch mit dem Familienmodell aus Ludwig Ehrhards Zeiten hantieren
und besonders zu Lasten der Frauen gehen. Die Arbeitsmarktgesetze
etwa geben laut DJB dem »männlichen Familienernährer«
den Vorzug -im ersten Gesetzentwurf vom Juni 2002 sogar ganz unverblümt:
»1. Familienfreundliche Quick-Vermittlung (Familienväter, Alleinerziehende)
und Erhöhung der Geschwindigkeit in der Vermittlung ... Familienvätern
und Alleinerziehenden wird eine besondere Priorität bei der Vermittlung
eingeräumt. Jeden Montag erhalten der Leiter des Arbeitsamtes und der Vorsitzende
der BA eine Liste der arbeitslosen Familienväter.« Erst auf Betreiben
des DJB wurde diese Passage aus dem Textentwurf gestrichen. Die Stoßrichtung
der Agenda ist je-
doch geblieben. Derzeit differiert der Anteil der Erwerbstätigen bei Männern
und Frauen um 17,7 Prozent. Ein Bonus-System, das schnelle Erfolge bei der Arbeitsvermittlung
honoriert, wird vermutlich bald noch mehr Frauen aus dem Erwerbsleben werfen.
Oder es kickt sie gleich aus der Arbeitslosenstatistik. Gut ein Drittel der
1,3 Millionen Bezieher/innen von Arbeitslosenhilfe werden künftig überhaupt
keine Unterstützung mehr erhalten. Ihr Anspruch erlischt, weil das Einkommen
ihres Partners höher angerechnet wird. Was Eichel im »Handelsblatt«
als »riesige Kraftanstrengung« pries - »vor allem bei der
Arbeitslosenhilfe nehmen wir den Leuten richtig Geld weg« -, bedeutet
in der Praxis, daß viele, vor allem Frauen, aus dem Versicherungsschutz
fallen.
Die Agenda 2010 und die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe wird
das Problem weiter verschärfen. Bereits in der Vergangenheit erhielten
40 Prozent der arbeitslosen Frauen im Westen und 20 Prozent im Osten überhaupt
keine Geldleistungen -und zwar meistens, weil ihre Gatten »zuviel«
verdienten. Für eine Familie mit Kind kann künftig schon ein Bruttogehalt
von 1.725 Euro zuviel sein. Die »Deckelung« des Versicherungsanspruchs
trifft besonders Frauen, weil sie weitaus öfter mit gutverdienenden Partnern
zusammenleben als umgekehrt. Diese Entscheidungen traf die Hartz-Kommission
ohne lange Debatten. Eine einzige Frau saß mit in der Runde. Das ist weder
mit den EU-Verord-nungen zum Gender Mainstreaming, denen auch die Bundesregierung
verpflichtet ist, noch mit dem Bundesgremienbesetzungsgesetz vereinbar.
Die Arbeitslosigkeit bekämpft Rotgrün mit einem statistischen Kniff,
der bewährten Disemployment-Strategie: Senkung der Arbeitslosenquote
durch Verknappung des Arbeitskräfteangebots (siehe Irene Dingeldey: »Alte
Leitbilder und neue Herausforderungen«, in: »Aus Politik und
Zeitgeschehen« 5/01). Und wer wäre für die Verknappung besser
geeignet als die Frauen? Sie erledigen ohnehin mehr als 75 Prozent der Hausarbeit
und leisten mindestens zwei Drittel der ehrenamtlichen Arbeit im Sozialbereich.
Laut Margret Mönig-Raane, Vizechefin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi,
hantierte die Hartz-Kommission »mit dem Ernährermodell aus den
fünfziger Jahren«. Die Gewerkschafterinnen furchten, daß Frauen
bei der Arbeitsvermittlung in Niedriglohnjobs abgeschoben werden könnten.
Die neuen Minijobs und Familien-AGs sind jedenfalls optimal auf die Bedürfnisse
von Zuverdienerinnen zugeschnitten: sozial kaum abgesichert, flexibel und
garantiert karrierefrei. »Minijobs schaffen viele neue Arbeitsplätze«,
verkündete die »Tagesschau«. Aber was für welche? Steuervergünstigungen
von »Dienstleistungen im privaten Bereich« schaffen vor allem neue
Jobs für Putzfrauen und Pflegekräfte: zweifelsfrei Frauenberufe. Zwar
kommt Teilzeit-Arbeit dem Wunsch vieler Mütter entgegen. Aber sie entspricht
auch der Nachfrage vieler Unternehmen nach flexiblen, nicht-organisierten
Arbeitskräften. Insgesamt haben in Deutschland nur 35 Prozent aller arbeitenden
Frauen
einen Vollzeitjob (Männer: 95 Prozent). Bei den Frauen-Arbeitsstunden liegt
Deutschland in Europa auf dem vorletzten Platz.
Ein konservatives Familienbild und die Interessen der Besserverdienenden
bestimmen . auch das Ehegattensplitting, das der Bund mit 43 Milliarden Euro
im Jahr sponsert. Die Steuervorteile steigen mit der Einkommensdifferenz innerhalb
der Ehe. Je höher das allein verdiente Einkommen, desto stattlicher die
Steuerentlastung. Beispiel: Bei 100.000 Euro Jahresgehalt lassen sich per Splitting
knapp 5.000 Euro ersparen, also 415 Euro im Monat. Die muß eine Frau durch
einen Minijob (400-Euro-Job) erst einmal hereinholen, damit sich ein Zuverdienst
lohnt. Ursprünglich stand die Abschaffung des Ehegattensplittings im Wahlprogramm
der SPD. Nun aber will auch Renate Schmidt mehr Familien- als Frauenministerin
sein.
Auch die Forderung nach einem Gleich- Stellungsgesetz las man einst im SPD-Programm.
Das hätte jedoch Ärger mit den Betrieben gegeben. Die Regierung einigte
sich daher im Sommer 2001 mit der Industrie auf eine freiwillige Vereinbarung,
an der sich die Unternehmer im Herbst 2003 messen lassen sollten. Was zu einer
peinlichen Offenbarung hätte werden können, hatten inzwischen fast
alle wieder vergessen. Jutta Allmendinger, Direktorin des Instituts für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), ist es zu verdanken, daß die
entscheidende Zahl dann doch publik wurde: Klägliche 6,5 Prozent der Unternehmen
haben Vereinbarungen zur Gleichstellung getroffen. Besonders bitter: Vermutlich
stammt dieser Anteil zum großen Teil noch aus der Ära Kohl.
Laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes verdienen Frauen durchschnittlich
25 Prozent weniger als Männer, bei den Arbeitern sind es sogar 35
Prozent. Obwohl sie die Schulen noch mit gleichwertigen Abschlüssen verlassen
- es machen sogar mehr Mädchen Abitur als Jungen -, arbeiten sich die allerwenigsten
bis an die Spitze vor. Nur fünf Prozent des Führungspersonals in Großunternehmen
sind weiblich. Ins mittlere Management schaffen es knapp zehn Prozent. Genauso
niedrig ist der Anteil der Frauen, die auf dem Lehrstuhl einer deutschen
Uni sitzen.
Tatsächliche Diskriminierungen sind schwer nachzuweisen. Doch arbeiten
Frauen generell in Berufen, die in niedrigere Lohngruppen eingeteilt sind.
Bildet man Kategorien, die Berufe vergleichbar machen, z. B. Dauer und Art der
Ausbildung, Verantwortung, Kompetenzen, Streßbelastung, dann werden Benachteiligungen
deutlich (siehe Barbara Stiegler: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit?).
Die Einkommensstudie der Bundesregierung von 2002 belegt zudem: Der Knick
in der Karriere einer Frau tritt spätestens mit dem ersten Kind ein. Auffällig
ist, daß die Lohnschere in den neuen Bundesländern bislang weniger
weit auseinanderging als in den alten. Bislang. Denn während die Frauen
in Ostdeutschland »ganz normal« am Erwerbsleben beteiligt waren
und Kinderbetreuung eine Aufgabe des Staates war, eifern sie ihren wesdeutschen
Geschlechtsgenossinnen seit der Wende vor allem im Umgang mit dem Putzlappen
nach. Beruf und Kind - das haut nicht hin, weil es nach dem gängigen Gesellschaftsbild
nicht hinhauen soll. So meinte Florian Gerster, Chef der Bundesanstalt für
Arbeit, der Osten brauche keine »Sonderrolle« mehr zu spielen, da
dort ein ähnlich hoher Bevölkerungsanteil wie im Westen arbeite.
Das meint: Die 18 Prozent Ost-Arbeitslosigkeit sind den Ost-Frauen geschuldet,
die auf dem Arbeitsmarkt rumstehen und die Quote Hochdrücken.
Insbesondere Frauen mit Kindern erhielten hierzulande geradezu Prämien,
wenn sie Heim und Herd nicht verließen, bestätigt der Sozialwissenschaftler
Werner Eichhorst, der für den internationalen Benchmarking-Vergleich der
Bertelsmann-Stiftung verantwortlich zeichnet. Während in den skandinavischen
Ländern immerhin ein Viertel der Männer Erziehungsurlaub nimmt, dümpelt
die Zahl in Deutschland bei unter zwei Prozent.
Erziehungsurlauber (neu: Elternzeitler) bekommen in Deutschland zwar vergleichsweise
wenig, dafür aber über längere Zeit Geld für ihren Berufsausstieg.
Dabei ist bekannt: Je länger der Ausstieg einer Frau aus dem Erwerbsleben,
desto wahrscheinlicher ist es ein Abschied für immer. Nicht zuletzt deshalb,
weil die Kinderbetreuung hierzulande im
Vergleich mit dem europäischen Ausland miserabel ist. In Deutschland
wird nicht mal jedes zehnte Kinder unter drei Jahren außer Haus betreut.
Resultat: Bei gut der Hälfte aller Paare mit kleinen Kindern bleiben die
Frauen zu Hause. Nur 5,7 Prozent der Betroffenen tun das aus freien Stücken.
Die nun versprochenen l ,5 Milliarden Euro Bundeszuschuß für
die Ganztagsschulen sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Kinderversorgung
ist Aufgabe der Kommunen - und die sind pleite. Der Sparplan 2003 des Bundeslandes
Sachsen-Anhalt zum Beispiel sieht 42 Millionen Euro weniger an Zuschüssen
für die Kinderbetreuung vor. Zwar gibt Deutschland insgesamt viel Geld
für die Familien aus und steht dem Musterschüler Schweden
in Sachen Geldtransfer pro Kind nicht nach, aber die Schweden investieren, offensichtlich
erfolgreicher, gezielt in die Bildung und Betreuung von Kindern. Deutschland
subventioniert hingegen durch Steuervergünstigungen und Kindergeld
die Familien. Dabei fällt viel Geld auf die ohnehin größten
Haufen. Je höher das Einkommen, desto höher die steuerlichen Vergünstigungen.
Dafür, daß sich auch hier etwas ändert, werben regierungsnahe
Experten wie Eichhorst mit dem Hinweis auf den Nutzen einer höheren Frauenerwerbsquote.
In Ländern mit einer hohen Frauenquote sei auch die Arbeitslosigkeit
insgesamt geringer. Bald könne man es sich nicht mehr leisten, auf die
Frauen als Arbeitskräfte zu verzichten. Frauenverbände weisen jedoch
darauf hin, daß von dem neoliberalen Konzept vor allen! die ohnehin
bevorzugten Karrierefrauen profitieren - für die große Masse ändert
sich nichts. »Soziale Gerechtigkeit« ist eben nur unter bestimmten
Bedingungen profitabel und muß in aller Regel erkämpft werden.
Mit der Kampfbereitschaft allerdings haben die Frauen Probleme. Wenn sie überhaupt
in Bereichen arbeiten, die gewerkschaftlich organisiert sind, dann haben sie
auch hier oft das Nachsehen - etwa wenn es darum geht, Lohnkategorien zu bilden.
Männer hingegen schlagen Zulagen für harte körperliche Arbeit
oder Wochenend- und Nachtdienste heraus. Die typischen Frauenbranchen bleiben
schlechter bewertet und werden selten bestreikt. Und, wie Frigga Haug, Mitherausgeberin
der Zeitschrift »Das Argument«, formuliert: »Das Merkwürdige
an der Herrschaft über Frauen ist, daß sie zugleich allgegenwärtig
scheint, dann wieder nirgends wirklich greifbar wird ... Wird das Gesetz über
die Abhängigkeit der Erwerbstätigkeit von der Einwilligung des
Ehemanns abgeschafft (1976), verlagert sich offenbar die Wahl des Hausfrauenberufs
ins Innere eigenen Wünschens.«
Haug hat im vergangenen Sommer eine Untersuchung über die Zukunftserwartungen
von Jugendlichen zwischen 13 und 18 gemacht (»Argument« 247).
Zu ihrer Überraschung fand sie reichlich Hoffnung aufs Hausfrauendasein
- insbesondere bei Gymnasiastinnen aus der ehemaligen DDR.