Voll krasse Bildung
Wissen ist eine Ware, doch die Kritiker dieses Umstands partizipieren
an ihr
von martin krauss aus der jungle world gestohlen, Nummer 39 vom 17.9.03
Da konkurrieren Privatuniversitäten auf dem Bildungsweltmarkt, indem sie
hoch qualifizierte Arbeitskräfte produzieren. Da öffnen sich die staatlichen
Universitäten der Drittmittelforschung und freuen sich über Institute,
die ihnen von Firmen eingerichtet werden. Da kämpfen Hochschullehrer um
Gelder für ihre Forschung und um Kontakte für ihre Studenten, damit
die auch ja, wie es immer so schön heißt: praxisnah ausgebildet werden.
Da schreiben Schulen Bettelbriefe, damit ihnen, gerne auch gegen Werbung, ein
Computersaal eingerichtet wird oder wenigstens eine leidlich akzeptable Dusche
in der Sporthallenumkleide.
Das alles sind für hiesige gesellschaftliche Verhältnisse recht normale
Abläufe, und wer wollte sich darüber beschweren? Schule und Hochschule
bilden für das Leben aus, und das gibt es nur unter den jeweils vorgefundenen
gesellschaftlichen Verhältnissen.
Es ist ja weiterhin richtig, in Schule und Universität repressive Institutionen
oder ideologische Staatsapparate zu erkennen. Und doch verweigert sich gerade
einer, der in solchen Begrifflichkeiten spricht,
nicht der Bildung: nicht der Fähigkeit, mit der mikroelektronischen Entwicklung
mitzuhalten und via Internet zu kommunizieren. Auch nicht der Fähigkeit,
zumindest Englisch als Fremdsprache zu beherrschen und, wenn es um weitere wünschenswerte
Sprachkompetenzen geht, eher an Französisch, Italienisch oder Spanisch
zu denken denn an etwas so
Weltmarktinkompatibles wie Albanisch oder Kisuaheli. Und auch nicht der Fähigkeit,
den diffizilen Alltag in einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft zu
bewältigen, wenn es um die Steuererklärung oder das Zahlen mit der
Kreditkarte geht.
Solches Wissen zu verweigern, weil es doch nur oder zumindest vorwiegend
aus ökonomischen Interessen gelehrt wird, wäre nicht nur albern. Es
wäre auch
schier unmöglich.
Denn wer die Hochschule besucht, um dort gegen den Zugriff des Kapitals auf
die Freiheit der Forschung zu protestieren, hat ja immerhin diesen Zugang zu
den Stätten der Wissensproduktion schon geschafft, also jede Menge Bildung
intus.
Das unterscheidet ihn von nicht gerade Wenigen in seiner Generation, die nicht
nur keine Bildung haben, sondern oft auch noch anders aussehen.
Etwa vierzig Prozent der Migranten in Deutschland sind ohne Berufsabschluss,
etwa zwanzig Prozent von ihnen sind sogar ohne Hauptschulabschluss.
Was fürs linke und linksliberale Milieu gern gesehener Anlass ist, über
Kanaksprak aus »krass«, »voll konkret« und »ey,
Alter« zu lachen, zeigt doch, dass auch hier die Vielfältigkeit dieser
Gesellschaft nicht zur Kenntnis genommen wird.
Ohne Übertreibung: Die beinah einzige Chance zum sozialen Aufstieg für
Millionen Migrantenkids besteht darin, bei RTL als Superstar entdeckt zu werden
oder einen Vertrag als Profiboxer zu erhalten.
Weil kaum einer zur Kenntnis nimmt, dass es nicht-deutsche Schüler gibt,
für die Wissensvermittlung oft viel besser auf Türkisch oder Arabisch
funktionierte, gibt es auch kaum nicht-deutsche Studenten.
Es gibt ja auch kaum türkische Fernsehmoderatoren oder arabische Schlagerstars.
Nicht mal in der Fußballbundesliga oder dem Bundestag, die nun wirklich
vorgeben, Repräsentanz der Gesellschaft zu sein, gibt es einen nennenswerten
Migrantenanteil.
Mag also sein, dass die Wissensproduktion im Dienste des Kapitals erfolgt.
Aber es ist doch Wissen, das da produziert wird, und an dem können die,
die gegen den Kapitalzugriff protestieren, zumindest teilhaben. Wissen ist also
immer noch Macht, und die sollte vielleicht doch besser allen gehören.