Zielgruppensemantik

Der Musiksender VIVA reagierte mit drei Sonderausgaben von „Interaktiv" auf die Terroranschläge in den USA
von Maike Fries 18.9.01


Während MTV nach den Terroranschlägen auf die USA zeitweise keine Werbung mehr sendete, ansonsten aber alles seinen gewohnten Gang ging, setzte der Musiksender VIVA „aus Respekt vor den Ereignissen" zunächst sein Programm komplett aus, später liefen gemäßigte Musikvideos. Moderierte Sendungen gab es keine - bis auf die etwa dreistündige VIVA Interaktiv Sondersendung, die Mittwoch-, Donnerstag- und Freitagnachmittag lief, bis der Sender am vergangenen Freitag gegen 18 Uhr zu seinem gewohnten Programm zurückkehrte.

Ebenso wie die Sendung eine Sondersendung war, war sie ein Sondereinsatz für die sonst quietschfidelen VIVA-VJs - und die waren sichtlich Überfordert in ihrer neuen Rolle als Kinderpsychologen und Nahost-Experten.

„Das ist natürlich alles echt hart", meint Moderatorin Jessica, die sich in Turnschuhen auf dem roten Sofa lümmelt und sich sichtlich unwohl fühlt. Nach einer halben Stunde verabschiedet sie sich denn auch „zurück ins warme Bett" mit dem Appell: „Bitte lasst die lieben Moslems in Ruhe, sonst gibt's was auf die Ohren von mir!" - dieser Satz sollte von Moderatorenseite dann leider auch tatsächlich der vernünftigste des Nachmittags bleiben.

Jessica wird abgeläst von VJ Olli, der sichtlich gestresst ins Studio kommt. Dort hampelt schon seit einer halben Stunde VJ Lukas herum, der immer wieder Stimmen aus dem zeitgleich laufenden VIVA-Chat wiederzugeben versucht, meistens aber sagt er: „Das geht echt alles so superschnell hier, ich komme gar nicht mehr mit." Lukas ist 20 und ein hübscher Junge. Bevor er zu VIVA kam, hat er als Model gearbeitet. Deswegen ist es auch nicht so wichtig was er sagt. „Es gibt immer Menschen, die keinen Frieden wollen", schreibt jemand im Chat. „Stimmt", sagt Lukas, „das war schon immer ein Problem, irgendwie."

„Du wohnst ja in der Nähe einer Airbase. Wie is`n da die Stimmung so?" fragt er Katrin, 15, die im Studio angerufen hat.

Lukas und Olli wechseln sich damit ab, Kommentare aus dem Chat und eingehende E-Mails vorzulesen und mit den meist weiblichen Anrufern (die mehrheitlich Katrin heißen) zu sprechen. Per E-Mail berichtet Esan, ein Palästinenser, von seinen zweigeteilten Gefühlen. Einerseits sei er geschockt, andererseits gäben die USA den Israelis Geld und Waffen, „damit die die Palästinenser abknallen." „Stimmt", antwortet Olli. „Die Amerikaner sind nicht das Volk, das die Hände in Unschuld wäscht, die haben genauso viel Dreck am Stecken wie alle anderen auch. Dass wir jetzt über die berichten, heißt nicht, dass wir das mit den Israelis und den Palästinensern nicht so schlimm finden."

Kurz darauf trudeln Beschwerden per E-Mail ein, Olli stehe auf Seiten der Palästinenser. Das weist Olli weit von sich, aber „die Amerikaner haben im Nahen Osten halt auch schon den einen oder anderen Krieg geführt."

Tim stellt in einer E-Mail die Frage: „Würden die Amis so einen Rummel machen, wenn es bei uns passiert wäre?" „Die Amis haben uns halt kriegsmäßig voll geholfen," bekommt er als Erklärung für die deutsche Anteilnahme. Dass in Afrika jeden Tag tausend Menschen an Hunger sterben sei schon normal, kritisiert Tim. „Da kann man halt nix machen," meint Olli. Genauso wie Jessica vor ihm, bemüht sich auch Olli sehr darum, die ganze Zeit ein betroffenes Gesicht zu machen, aber auf seiner Stirn steht einfach nur: „ICH WILL NICHT HIER SEIN!"

Hilflos wirft er den USA Versagen vor: „Die haben es ja auch nicht geschafft, Fidel Castro zur Strecke zu bringen." Und aus dem Hintergrund meldet sich stammelnd mal wieder Lukas zu Wort: „Das is" ja irgendwie ein Anschlag auf die generell irgendwie zivilisiertae Welt."

Als sich Lukas und Olli am Schluss der Sendung zu einer Schweigeminute zusammen auf das Sofa setzen, sagt Lukas, die Sendung habe ihm ganz viel gebracht, irgendwie. Die Frage ist, ob es irgendwem anders auch ganz viel gebracht hat. Wahrscheinlich war es für einige hilfreich, mal „darüber zu reden" oder eben auch, bestimmte Dinge mal laut, das heißt vor einer gewissen Öffentlichkeit auszusprechen. In vielen Beiträgen wurde eben auch deutlich, dass über die Terroranschläge von den Lehrern in der Schule häufig geschwiegen wird. Aber Einsichten und Erkenntnisse über politische Zusammenhänge hat das Spektakel wohl niemandem gebracht - und die helfen eben auch manchmal weiter.

Im Gegenteil: Die Verdummungsmaschinerie lief hier hochtourig. Es hat leider auch nichts mit Charme oder einer duften Nähe zu den Jugendlichen zu tun, wenn man zwei Moderatoren vor die Kamera stellt, die dümmer sind und weniger Sachverstand besitzen als so mancher 13-jährige Anrufer, im Gegenteil grenzt das schon fast an Pietslosigkeit.

Natürlich erwartet niemand von VIVA Politsendungen mit ausgereiften Analysen und Hintergründen (...). Aber sicherlich findet sich auch in den Fluren von VIVA der eine oder andere Praktikant, der mal drei Semester Politikwissenschaften studiert hat - es wäre sinnvoller gewesen, so jemanden vor die Kamera zu stellen, in ein Paar Nike-Turnschuhen, versteht sich.

Den Nagel auf den Kopf trifft denn auch Lukas ganz unabsichtlich selbst, als er zum wiederholten Male die „Nummer gegen Kummer" ansagt: „Wenn Ihr mit Leuten sprechen wollt, die richtig ausgebildet sind."