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Narco-Guerilleros":
ein Alibi für Interventionismus Aus: The News-Observer Raleigh, NC, 29. 7.1999 v. Stan Goff, Übersetzung: Marcus Hammerschmitt |
Die Versuche, den Drogenhandel nach kolonlialem Gusto zu modeln haben seit den Opiumkriegen zu Interventionen in der heute sog. dritten Welt geführt. Früher wurden diese Auseinandersetzungen offen um die Kontrolle über den jeweiligen Drogenmarkt geführt, heute werden sie meist als Anstrengungen zur Eindämmung des Drogenhandels oder -konsums verkauft. Der Bericht von Stan Goff, eines ehemaligen Special Forces"-Soldaten der US-Armee, der südamerikanische und andere Regime im Kampf gegen den Drogenhandel beraten" und dabei nichts weiter getan hat, als Aufstandsbekämpfung zu betreiben, belegt, daß diese Art der Politik so aktuell wie eh und je ist.
Zu Beginn dieses Jahres vergossen das State Department und das Verteidigungsministerium etliche Krokodilstränen über die Menschenrechtslage im Kosovo. Nun dient selbstgerechtes Geschwafel über die Drogengefahr" demselben Ziel in Lateinamerika."Demokratie" soll die raison d'etre für eine lateinamerikanische Version der NATO werden.
Alles Schwindel. Die amerikanische Militärmaschinerie wird, wie immer, aus rein ökonomischen Gründen betrieben. Ich weiß das. Zwei Jahrzehnte lang war ich ein Mitglied dieser Militärmacht, und ich habe als Trainer und Ausbilder in sieben lateinamerikanischen Ländern gedient.
Betrachten Sie sich nur die neuesten Entwicklungen in Kolumbien. Der Drogenbeauftragte des weißen Hauses, General Barry McCaffrey (kein Zufall, daß er früher der Oberbefehlshaber von Southcom, der Leitstelle für die US-Truppen in Südamerika war) und Verteidigungsminister William Cohen werben für eine massive Ausweitung der Unterstützung für Kolumbien. Das State Department behauptet, diese Ausweitung sei nötig, um ein explosionsartiges Anwachsen des Coca-Anbaus" zu bekämpfen. Die Lösung ist nach Ansicht des State Department ein 950 Mann starkes Anti-Drogen-Bataillon". Aber das Verlangen nach einer solchen Truppe trifft in eigentümlicher Weise mit den neuerlichen militärischen Erfolgen der Fuerzas Armadas Revolucionario Colombiano (FARC) zusammen, der linksgerichteten Guerilla, die schon vierzig Prozent des Landes kontrolliert.
Als ich 1992 die kolumbianschen Sondereinheiten in Tolemaida trainierte, war mein Team angeblich dort, um die Drogenbekämpfung zu unterstützen. Das Drogenproblem war auch der Vorwand für eine ähnliche Mission in Peru 1991. In beiden Fällen trainierten wir rein militärische Infanterietruppen in Aufstandsbekämpfung.
Wir und die Kommandeure der Gastnationen wußten sehr gut, daß es sich bei dem Drogengerede um fadenscheinige Ausreden handelte. Sie brauchten einfach Hilfe. Durch jahrelange Menschenrechtsverletzungen hatten sie das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Und sie mußten militärische Niederlagen durch die Guerilla hinnehmen.
Jetzt aber werden wir propagandistisch vorbereitet. McCaffrey gibt zu", daß sich die Grenze zwischen Drogen- und Aufstandsbekämpfung zu verwischen beginnt. Der Grund? Die Guerilla ist in den Drogenhandel verwickelt. Narco-Guerilleros" ist McCaffreys neue Wortschöpfung . Man wiederholt sie so ausdauernd, daß die Presse sie unkritisch übernommen hat. Als dieser Kampfbegriff neu öffentlich eingeführt wurde, stellte Miles Frechette, der ehemalige US-Botschafter in Kolumbien, klar, daß es keine Beweise zur Unterstützung der Anschuldigungen gab. Seine Stellungnahme wurde schnell vergessen. In Kolumbien ist es wohlbekannt, daß zu den Hauptprofiteuren des Drogenhandels Mitglieder der Armee, der Polizei, Regierungsbeamte und große Geschäftsleute aus den urbanen Ballungszentren gehören. Aber der Drogenhandel allein würde das Ausmaß des gewünschten militärischen Engagements nicht rechtfertigen.
Das Verteidgungsministerium möchte gern die Märkte für US-amerikanische Waren in Südamerika schützen, die Abermilliarden Dollar wert sind. Und es möchte gerne den Frieden" in einer Weise erhalten, die die fortgesetzte Ausbeutung der südamerikanischen Nationalökonomien durch Schuldendienst an US-amerikanisch dominierte Finanzinstitutionen sicherstellt. Um das anscheinend benötigte" militärische Engagement zu rechtfertigen, müssen wir scheinbare Demokratien" schützen. Im Juni dieses Jahres, bei einem Treffen der Organisation amerikanischer Staaten in Guatemala, schlugen Vertreter der Clinton-Administration eine US-amerikanisch geführte multinationale lateinamerikanische Eingreiftruppe vor, um in gefährdeten Regionen zu intervenieren". Diese Eingreiftruppe solle die Demokratie schützen".
Kolumbien wurde als Standbein dieser Eingreiftruppe vorgeschlagen, weil Kolumbien am stärksten bedroht ist. Die Guerilla ist natürlich der Feind der Demokratie. Und die kolumbianische Regierung ist, nominell gesehen, eine Demokratie. Es gibt dort Wahlen. Nur ein winziger Teil der Bevölkerung kann tatsächlich Kandidaten nominieren und unterstützen, und Terror ist Teil des politischen Alltagsgeschäfts. Aber es gibt so etwas wie Wahlen.
Hinter der demokratischen Fassade jedoch finden die exzessivsten und systematischsten Menschenrechtsverletzungen statt, die derzeit in dieser Hemisphäre zu beklagen sind. Rechtsgerichtete Todesschwadrone, unterstützt und angeleitet durch die offiziellen Sicherheitskräfte" sind an Taten beteiligt, die El Salvadors Roberto d'Abuisson mit Stolz erfüllen würden: Folter, öffentliche Enthauptungen, Massaker, Vernichtung von Agrarland und Vieh, Zwangsumsiedlungen. Just diesen Monat griff Enrique Mora Rangel, Kommandeur der kolumbianischen Armee, in das kolumbianische Justizwesen ein, um Carlos Castano, den mächtigsten Paramilitär Kolumbiens vor der Anklage für eine Serie von Massakern zu schützen, die gleichermaßen Lokalpolitiker, Gewerkschafter, Oppositionelle wie auch deren Familien betraf. Castanos Organisation war 1991 eng mit den Sicherheitskräften verwoben, und zwar unter der Übersicht des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums und der CIA.
Ich war 1983 in Guatemala, als der letzte Staatsstreich stattfand.1985 war ich in El Salvador. Als ein Insider im Militärdienst habe ich die scharfe Dissonanz zwischen den offiziellen Erklärungen für unsere Politik und der tatsächlichen Praxis bei der Unterstützung krimineller Regime nur allzu gut wahrgenommen. Die Milliardenprofite, die in Kolumbien und den Nachbarstaaten gemacht werden können, sind ein weitaus plausiblerer Grund für den Ruf nach NATO-artiger Stabilität als die Sorge um Demokratie oder um den Drogenhandel.
Für mich ist das alles ein erschreckendes Déjà-vu.
Stan Goff zog sich von der US-Armee 1996 zurück. Er diente in Vietnam, Guatemala, El Salvador, Grenada, Panama, Kolumbien, Peru, Venezuela, Honduras, Somalia und Haiti. Zuletzt war er Mitglied der Einheit 3rd Special Forces".