Unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils?

Die Todesstrafe in den USA
und der Fall Mumia Abu-Jamal

Die Geschichte eines versuchten Justizmordes

Neuer Film und Infoabend
zu Mumia Abu-Jamal:
1.10.2001 alhambra 20:30 Uhr


Nach einer nächtlichen Schießerei, die mit dem Tod eines Polizisten endet, wird ein Mann, der am Tatort zugegen war und selbst schwer verwundet wurde, verhaftet und des Mordes angeklagt. Der Verhaftete, ein 27jähriger Radiojournalist, ist bei den staatlichen Stellen äußert unbeliebt. Die politische Polizei seines Landes und die örtliche Polizei seiner Stadt führen seit vielen Jahren ein Dossier über ihn, das bereits auf mehrere hundert Seiten angewachsen ist.

Der Mann wird bei seiner Festnahme schwer mißhandelt, und als er nach seiner Genesung von seiner Schußwunde deswegen Klage einreicht, „erinnern" sich einige der Polizisten - mehr als zwei Monate nach der Tat - plötzlich eines „Geständnisses" des Angeklagten, das sie in der Tatnacht gehört haben wollen.

Es kommt zur Bestechung von Zeugen, Zeugen, die für den Angeklagten aussagen wollen, werden nicht gehört, diskreditiert oder mit langen Haftstrafen bedroht; einem wird die Vernichtung seiner beruflichen Existenz in Aussicht gestellt und nahegelegt, aus der Stadt zu verschwinden.

Nach einem Prozeß, in dem er zwangsweise von einem Verteidiger, den er vehement ablehnt, vertreten und in dem ihm
- buchstäblich! - aus seiner politischen Meinung ein Strick gedreht wird, wird der Mann zum Tode verurteilt. Seitdem wartet er auf seine Hinrichtung.

Und wo ist all das geschehen? In einer lateinamerikanischen oder afrikanischen Diktatur, einem nahöstlichen Scheichtum oder im ehemaligen Ostblock?

Keineswegs. Ort der Handlung sind die Vereinigten Staaten von Amerika.

Und der Mann, von dem hier die Rede ist, ist einer der derzeit berühmtesten politischen Gefangenen der Welt, der schwarze Journalist, Autor mehrerer Bücher und ehemalige Black Panther Mumia Abu Jamal.

In dem 1996 gedrehten und jetzt erstmals in deutscher Fassung gezeigten Film „Unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils? Der Fall Mumia Abu-Jamal" wird die Anatomie des oben skizzierten Justizskandals ausführlich beleuchtet und erläutert; neben den Zeugen der Anklage, der Polizei und dem Staatsanwalt kommen dort ausführlich Entlastungszeugen zu Wort, deren Aussagen während Abu-Jamals Prozeß im Sommer 1982 mißachtet oder mittels skandalöser Methoden unterdrückt wurden.

Veronica Jones über ihre erzwungene Aussage in dem Prozeß, in dem Mumia Abu-Jamal zum Tode verurteilt wurde:

Ich sehe einen Mann, den ich im ganzen Leben noch nie gesehen habe, und sie zwingen mich, Lügen über ihn zu erzählen ... und vor mir stehen alle diese Polizisten, die mich ins Gefängnis stecken wollen.

... Meine Aussage [im Prozeß von 1982] war eine große Lüge, die jemanden fast das Leben gekostet hat, und ich hoffe, daß es dazu nicht kommen wird.

... Ich will es mir von der Seele schaffen. Ich will, daß meine Kinder aufrecht gehen können, daß sie sagen können: „Unsere Mutter hat das Richtige getan."

Zu sehen sind unter anderem der Arzt, der Abu-Jamal während der Zeit seines angeblichen Geständnisses behandelte und darauf besteht, nichts dergleichen gehört zu haben, ein renommierter Sachverständiger, der die Tatversion der Staatsanwaltschaft als völlig unglaubwürdig bezeichnet und die Nichtbewilligung eines entsprechenden Sachverständigen während Abu-Jamals Prozeß 1982 scharf kritisiert und Abu-Jamals Schwester Lydia Wallace, die beschreibt, wie furchtbar ihr Bruder bei seiner Verhaftung von der Polizei zugerichtet wurde.



Schockierende Aussagen von Augenzeugen

Aber vielleicht am schockierendsten sind die Aussagen einiger AugenzeugInnen am Tatort.

Die Zeugin Veronica Jones, die nach der Tat aussagte, sie habe zwei Männer vom Tatort wegrennen sehen, widerrief diese Aussage zur Bestürzung der Verteidigung im Prozeß gegen Abu-Jamal. Erst 14 Jahre später wagte sie zu sagen, was zu diesem Widerruf geführt hatte: Polizeibeamte hätten sie, die damals als Prostituierte und Kleinkriminelle ihren Lebensunterhalt verdiente und drei kleine Kinder zu versorgen hatte, mit einer langjährigen Haftstrafe bedroht, falls sie ihre Aussage nicht zurückzöge. Ferner wurde ihr das Angebot gemacht, ebenso wie die Hauptbelastungszeugin gegen Abu-Jamal (eine weitere Prostituierte), weiter im Bezirk arbeiten zu dürfen, wenn sie Abu-Jamal als Täter benennen würde - was sie allerdings nicht über sich brachte.

Nicht besser erging es dem Entlastungszeugen William Singletary, der ebenfalls einen anderen Mann als Abu-Jamal vom Tatort wegrennen sah. Wie er sagt, wurde er von der Polizei mit der Drohung, ihn in der Stadt für vogelfrei zu erklären, zur Rücknahme seiner Aussage gezwungen. „Ich fühlte mich wie eine Frau, die man gerade vergewaltigt hat", sagt er heute dazu.

Ein weiterer Zeuge, Dessie Hightower, der ebenfalls einen Mann wegrennen sah und über die Hauptbelastungszeugin Cynthia White bemerkte, sie sei „mindestens einen halben Häuserblock vom Tatort entfernt" gewesen, wurde als einziger einem Lügendetektortest unterzogen (dessen Ergebnisse nie vorgelegt wurden), bei einer vierten Zeugin verweigerte die Staatsanwaltschaft die Herausgabe der Adresse - und so weiter und so weiter; der Antrag Mumia Abu-Jamals auf Wiederaufnahme seines Verfahrens, der seit dem 23. Juni 2000 vor dem 3. Bundesbezirksgericht in Philadelphia zur Entscheidung ansteht und seine letzte Chance auf ein faires Verfahren ist, zählt zur Begründung allein 30 Verstöße gegen die US-Verfassung auf.

Mumia Abu-Jamal - Ein Einzelfall? Sicher nicht! An die 90 nachweislich Unschuldige, die aufgrund der Bemühungen von Bürgerrechtlern aus der Todeszelle freikamen, Folterkammern der Polizei in Chicago zur Erpressung von Geständnissen, Prügelorgien bei Demonstrationen in Philadelphia und Los Angeles, Hunderte von der Polizei erschossene unbewaffnete US-Bürger in den letzten Jahren, fast 4.000 zum Tode Verurteilte und eine explodierende Gefängnisbevölkerung, die sich in den letzten 30 Jahren auf 2,1 Millionen versechsfacht hat - das alles zeigt einen beunruhigenden Trend, der angesichts der Modellfunktion der USA für die westliche Welt auf den entschlossenen Widerstand aller stoßen sollte, die bürgerliche Freiheiten, Demokratie und Menschenrechte als unverzichtbare Bedingungen für eine bessere Zukunft betrachten.

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Die Biographie in der »edition mumia abu-jamal« im Atlantik Verlag:

Terry Bisson

on a move
Die Lebensgeschichte von Mumia Abu-Jamal

Ebr. - 248 Seiten - ISBN 3-926529-64-4
25.00 DM, 23.00 sFr, 180 öS (ab 1.1.02: 12.80 Euro)

Der US-Autor Terry Bisson erzählt die Lebensgeschichte des Todeskandidaten AM-8335, weltweit bekannt als der Journalist und Autor Mumia Abu-Jamal.

Bisson schildert Jamals Lebensweg von der Kindheit in armen Verhältnissen bis zu seinem Engagement als Mitglied der Black Panther Party, für die er als Redakteur von The Black Panther arbeitete. Durch die politische Arbeit findet er seinen Beruf: Er wird ein beliebter Radiojounalist, der weit über seine Heimatstadt Philadelphia hinaus als scharfer Kritiker des Rassismus von Polizei und Politik bekannt wird.

Am 9. Dezember 1981 kommt er dazu, als ein Polizist seinen Bruder mißhandelt. Es fallen Schüsse, Mumia Abu-Jamal wird schwer verletzt, der Polizist stirbt durch die Hand eines Fremden. Jamal wird als Verdächtiger verhaftet und 1982 mit Hilfe manipulierter Zeugenaussagen zum Tode verurteilt.

Eindrucksvoll macht Bisson die gesellschaftliche Atmosphäre spürbar, die diesen Lebensweg prägt. Die Biographie erschien erst vor wenigen Wochen in den USA.

Terry Bisson ist Autor zahlreicher Romane, Kurzgeschichten und Dreh-bücher von Spielfilmen. Er schreibt für die New Yorker Village Voice, die Los Angeles Times, die Washington Post und The Nation.

»Fast jeder hat schon einmal von Mumia gehört, und wo immer sein Name fällt, entspinnt sich eine kontroverse Diskussion. Nun haben wir endlich seine Biographie. Bisson hat ein packendes Buch geschrieben. Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen.«

Sr. Helen Prejean,
Autorin von »Dead Man Walking«