The Poor, the Bad and the Angry
Das Folgende ist eine kurze Geschichte aus dem Alltag eines Supermarktverkäufers. Ähnliche Geschichten aus ganz verschiedenen Sektoren sind bereits in Buchform veröffentlicht: „Sabotage - ArbeiterInnen aus den USA erzählen: über den alltäglichen Widerstand gegen Lohnarbeit & Ausbeutung.“
Kevin Keating aus wildcat 67
Ich ging über die Verladerampe rein. Arschloch kam vom Eingang her auf
mich zu. Ich stempelte meine Stechkarte und steckte sie zurück. Ich spürte,
wie er an mir vorbeihastete, als ich ins Büro ging.
Ich saß an seinem Schreibtisch und zählte das Geld in meiner Kassenlade.
Als er hereinkam und im Raum herumging, hielt ich meinen Blick auf ihn gerichtet,
ohne mit den Augen zu blinzeln, denn ich weiß, daß er das nicht
ausstehen kann.
„Du bist schon wieder zu spät, Max.“
„Ja, morgen komme ich rechtzeitig.“
„Weißt du, du bringst Unordnung in den Laden.“
„Nein, das ist nicht wahr. Ich bin nur ein bißchen zu spät
gekommen, das ist alles.“
„Naja...“ Er räusperte sich. “Da muß ich wohl einen
Vermerk machen.“
Ich nahm die Kassenlade zur Kasse zwei. Miller war auf der vier.
„Okay, der hier ist leicht,“ sagte er, indem er unser Gespräch
in der Bar letzte Nacht wieder aufnahm und, mit einem Finger in der Luft, leise
zu singen begann: „Like a summer with a thousand Julys...“
„Hm. Miles Davis, oder? `Bitches Brew´?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ach scheiße! Ich bin halt einfach ein alter Punkrocker.“
Ich nickte in Richtung Büro und sagte: „Er geht mir mal wieder auf
den Sack.“ Miller schnaubte: „Ach, scheiß auf ihn! Heute ist
Sonntag.“ Er grinste, zog ein albernes Gesicht und verschwand in einem
der Gänge.
Der Laden war früher mal ein A&P gewesen. Jetzt ist er ein Naturkostsupermarkt,
ein großer teurer Laden mit verschiedenen Abteilungen für Lebensmittel,
Massenartikel, Vitamine, Delikatessen sowie Getränke. Wir arbeiten unter
hellen Lampen, die weite, schwarz-weiß geflieste Gänge beleuchten.
Durch die großen Fenster sieht man den Parkplatz vor dem Laden. Die Stereoanlage
des Ladens dudelt einen modernen Rocksender, mit Musik zum Einkaufen und zum
Schlafwandeln. Miller war um neun gekommen. Leslie und Susanne hatten ihren
Schichtbeginn um elf. Arschloch würde vermutlich in einer halben oder dreiviertel
Stunde abhauen. Dann konnten wir uns zurücklehnen. Sobald die Frauen hier
waren, konnten wir mit dem Potlatsch anfangen.
Sonntag ist der Tag des Angestellten-Klau-Marathons. Die loyalen Angestellten
haben heute keinen Dienst. Wenn der Laden erst geöffnet ist, ist der Besitzer
bis Montag früh weg, und so können wir vier soviel Geld, Lebensmittel
und Alkohol abziehen, wie wir für unbedenklich halten. Natürlich ziehen
wir jeden Tag was ab, aber sonntags geht es richtig los. Es ist ein Spiel, ein
Wettbewerb unter Freunden. Wir finden heraus, wer am meisten ticken kann, ohne
daß es auffällt: der Schlüssel liegt in der intelligenten Planung.
Miller gewinnt natürlich meistens, denn er legt wesentlich mehr Fleiß
an den Tag als wir anderen, und für ihn ist alle Tage Sonntag. Letzte Nacht
in der Bar zeigte er mir die Rollen aus seiner Schicht: ein dickes Bündel
Kassenbons, mit Gummis zusammengehalten. Hauptsächlich Chipkartenumsätze,
denn da liegt das dicke Geld, und Miller hat da echt ein Händchen für.
Miller ist Meister darin, ich kann nicht wirklich mit ihm mithalten. Er behauptet,
er hätte das in der Army gelernt. Auf dem Stützpunkt in Deutschland,
sagt er, hieß es: „Wenn du es nicht mitnehmen kannst, mach’s
kaputt.“
Wenn ich es halte wie Miller, verdoppelt sich mein Einkommen, und da ist noch
nicht inbegriffen, was ich an Sachwerten rausschleppe: die Biere aus den Kleinstbrauereien
oder aus Belgien, Bio-Säfte, genialer Käse, Delikatessen, frische
Pasta und Vitamin C-Pulver. Ich liebe diesen kanadischen Lachs für vierzig
Dollar das Kilo und die Eleganz, mit der er dir auf der Zunge zergeht, und ich
habe Geschmack gefunden an exzellent samtigen Merlots und an Cabernets aus dem
Alexander Valley, Weinen, die auf meinem Gaumen schon beim ersten Schluck eine
Galaxie von Geschmackseindrücken entstehen lassen. Ich bin schon so drauf,
daß ich den billigen Kram einfach nicht mehr ausstehen kann. Bestimmte
Jahrgänge und Weingüter mag ich besonders, kann ich sogar empfehlen
– aber ich bin ja nicht hier, um Werbung zu machen! Wir kleben auch nicht
an unserem Reichtum, außer Miller. Ich meine, ich hab versucht, was davon
abzugeben, aber die Volvofahrer wollen nicht mitmachen. Gerade gestern wurde
ein alter Mann richtig böse, als ich versuchte, ihm weniger als den Ladenpreis
abzunehmen, mit seinen gepflegten weißen Zähnen knurrte er mich richtiggehend
an. Aber ich kann die Leute in dieser Gegend eh nicht ausstehen, also scheiß
drauf!
Der erste Kunde des Tages betrat den Laden: ein Mann in italienischen Klamotten,
und an ihm dran hing eine Frau mit einer Frisur wie Woody Woodpecker. Ich beobachtete
ihre verschwommenen Bilder im Überwachungsspiegel hinten an der Wand. Die
Stimme des Mannes war undeutlich, die Frau lachte, ein törichtes „Ha!-ha-ha!“
tönte durch den Gang heran, Klänge von Grundbesitzern, die jeden Sommer
nach Paris oder Mailand fahren, um sich neue Schuhe zu kaufen. Sie kamen zu
mir an die Kasse mit einem einzigen Artikel, einem Chardonnay aus dem Napa Valley.
Ich nahm die Flasche in die Hand, las das Etikett, tippte 15.99$ ein und fragte:
„Wie ist der denn so?“
Er nahm einen zerknitterten Zwanzig Dollar-Schein aus seiner Brieftasche und
schnurrte: „Prächtig.“
Ich haute auf die Löschtaste, tippte 1.99$ ein, drückte auf „Verkauf“
und die Kasse ging auf. Im Kopf rechnete ich die Steuer hinzu, gab schnell das
Rausgeld und tütete die Flasche ein. Mir war klar, daß er mit ihr
am Arm nicht nach dem Bon fragen würde. Er lächelte mir zu, und dann
zogen sie ab.
Der Zwanziger in der Kasse war meiner. Nach ein oder zwei weiteren Operationen
dieser Art könnte ich den Schein in meine Tasche stecken. Allerdings hätte
ich warten sollen, bis Arschloch aus dem Laden war, aber dieser Umsatz von 16$
mit einem einzigen Artikel war zu cool, um ihn einfach durchzulassen.
Die Chardonnay-Trinker waren noch nicht aus dem Laden raus, da tauchte Arschloch
schon an meiner Kasse auf und sagte mit finsterem Blick: „Laß mich
da noch mal ran.“
Ich trat beiseite. Er drückte die „Kein Verkauf“-Taste, und
die Kassenlade sprang auf, bis sie an seinem Bauch zum Halt kam. Der fragliche
Zwanziger flatterte, als würde er ihm zuwinken. Wenn er das Bargeld durchzählen
und den Kassenstand mit der Bonrolle vergleichen würde, wäre ich geliefert.
Ich sah mich um.
Miller war verschwunden, er war wohl irgendwo hinten. Das war mir ganz recht
so. Diesen Anblick hätte ich ihm nicht gerne zugemutet.
In früheren Zeiten wären es Ultravox gewesen oder Gang of Four, aber
jetzt dachte ich an eine Zeile aus einem Bluessong: „All the doctors in
Wisconsin sure can’t help her none...“
Dann entspannte ich mich und versuchte so auszusehen, als ginge mich das alles
nichts an. Ich bekam eine Art Kopfweh im Nacken, aber dann erinnerte ich mich
an einen Banditen in einer Geschichte aus Rußland, und wie der tapfere
Dieb, als er dem Gesetz in die Hände gefallen war, bis zu seinem Tod am
Ende eines Seils seine Unschuld beteuerte. Ich würde dem Kerl hier die
Hucke volllügen. Dann würde ich meinen Job verlieren. Ohne Einkommen
und ohne Ersparnisse und mit der Miete fällig nächste Woche müßte
ich mich von meiner fensterlosen Wohnung im Keller verabschieden. Bald würde
ich in meinem Auto schlafen müssen.
Das alles ging mir in einer Sekunde oder zwei durch den Kopf. Kein Rumgealbere
mehr mit der Gang. Ich würde sie vermissen, die geschäftige Weihnachtssaison
mit all unseren Freunden und Nachbarn, die wegen der großen Schnäppchen
kamen. Für besondere Kunden wird der Preis bis auf Null reduziert. Das
brennende Gefühl der Wut wich langsam. Noch mehr als meine Beute würde
ich diese kleine Diebsgemeinschaft vermissen, die ich mit meinen Arbeitskollegen
aufgebaut hatte. Ich war wütend deswegen, aber gleichzeitig fühlte
ich in diesem Augenblick eine seltsame Klarheit und Freiheit, denn ich hatte
eine schöne Zeit gehabt beim Ausplündern dieses Ladens. Und während
ich unter dem Streß zunehmend philosophisch draufkam, sagte ich mir, ein
schlechtes Gewissen ist Feindes Waffe und Schuld ist was für Weicheier.
Er stand einfach nur da und starrte auf die Belege in der Kassenlade. Dann öffnete
er die Plastikklappe über der Belegrolle, nahm die Spule raus und wickelte
die Rolle langsam auf, wobei er sie mit einem Stück aus der Rolle der vergangenen
Nacht verglich. Dann atmete er laut aus.
„Du hast hier ein Problem. Du warst letzte Nacht an dieser Kasse, stimmt’s?“
„Ja.“
„Was machen diese ganzen Doppelnullen hier?“
„Versteh ich nicht.“
Er antwortete nicht. Nach einer Minute sagte er, „Du machst die Kasse
auf, ohne was zu verkaufen.“
„Ja, und? Die Leute wollen Kleingeld für die Zeitung...“
„Das kaufe ich dir nicht ab. Hier läuft irgendeine krumme Scheiße
ab. Du hast „Kein Verkauf“getippt statt „Verkauf“ und
dann das Geld rausgenommen.“
„Auf keinen Fall. Das ist für die Leute, die Kleingeld für die
Zeitung oder den Bus wollen. Die Leute kommen hier rein und möchten Kleingeld,
das ist alles. Das ist die Wahrheit, Mann.“
Ich drehte mich weg von Arschloch. Da stand dieser alte Kerl mit den Zähnen
von gestern und gaffte mich an, als hätte er gerade mitgehört und
wollte mich jetzt verpfeifen. Einen nichtendenwollenden, kalten, schrecklichen
Moment lang starrten wir uns an. Er zischte: „Junger Mann!“ Arschloch
sah erst mich an als stünde ich vor Gericht, dann den alten Kerl, dann
wieder mich, blickte finster drein, und dann rief er mit einem ganz neuen, warmen
Unterton in der Stimme: „Miller, Herr Bergen hätte gerne etwas Unterstützung.“
Miller tauchte auf, und die beiden trotteten davon in Richtung Körperpflegeabteilung.
Arschloch wickelte die Rolle auf, bis sie auf den Boden hing, und sah sie eine
lange, lange Zeit durch. Aber er kapierte es immer noch nicht. Ich wäre
nie so blöde, die Kasse aufzumachen ohne einen Verkauf und dann Geld rauszunehmen.
Diese Doppelnullen kamen daher, daß ich Leuten Scheine kleingemacht hatte,
genau wie ich es gesagt hatte. Wenn ich die Kasse aufmache, um mir Geld rauszunehmen,
tippe ich immer einen kleinen Betrag ein. Den ziehe ich dann von meiner Entnahme
ab. Das Kopfrechnen hilft mir dabei, die Herrschaft der Langeweile im Laden
zu überleben. Es hat Aufregung und Glücksgefühle in meinen Arbeitstag
gebracht — bis jetzt. Ich richtete meinen Blick auf ihn und weg von dem
Zwanziger in der Kasse.
„Ich hab nicht gesagt, daß du für diese Zeitungskästen
Geld wechseln sollst. Das sind nicht meine. Sie bringen mir keinen Cent.“
„Ja, aber die stehen direkt vor dem Laden...“
„Das ist mir scheißegal! Ich verdiene nichts an diesenAutomaten!
Sie gehören mir nicht, und ich gebe kein Kleingeld raus dafür und
ich möchte nicht nochmal sehen, daß du ohne Umsatz die Kasse aufmachst.“
„Die Leute erwarten sowas aber. Wenn ich ihnen kein Kleingeld gebe, ärgern
sie sich über mich, über dich und über den Laden, und dann hauen
sie ab und kommen nicht wieder.“
Er schob die Kassenlade zu und gab mir die Rolle mit dem Band. Und dann sagte
er mit ruhiger Stimme: „Ist mir scheißegal, was die wollen. Du kannst
einem zahlenden Kunden Kleingeld geben, aber sonst niemand. Ich will nicht,
daß irgendjemand in diesem Laden hier eine Kasse aufmacht, ohne einen
Umsatz einzugeben oder eine Lieferung zu bezahlen.“
„In Ordnung, hab ich verstanden.“
„Gut. Schönen Tag noch.“
Er vergaß, das Geld in der Kasse zu zählen. Als nächstes sah
ich ihn über den Parkplatz gehen zu seinem Geländewagen. Zwei der
üblichen Sonntagmorgen-Kunden betraten den Laden, und wir grüßten
uns höflich, während ich versuchte, das Band wieder auf die Spule
zu fummeln, was fast schon ans Jonglieren grenzte. Ich atmete erstmal durch,
und dabei entstand ein Geräusch der Nervosität, wie ich es glaube
ich noch nie zuvor von mir gehört hatte, eine Mischung aus Lachen und Seufzer
aus tiefster Pein. Ich sah mich um, und alles war wie eine Viertelstunde zuvor.
Miller schwebte herum und machte irgendwo im Hintergrund Lärm, und Kunden
platzten zur Tür herein mit ihren Brieftaschen voller Plastikkarten und
gekleidet in nagelneuen Eddie Bauer-Klamotten, mit dunklen Sonnenbrillen und
großen Daunen-Anoraks, wie wenn sie auf Elchjagd gingen. Dann war der
Kick, weil ich nicht gekündigt worden war, weg und ich fragte mich, inwieweit
das jetzt ein Sieg war. Er wußte, daß etwas lief. Und wie es auch
immer weitergehen würde, wir mußten immer noch für ihn arbeiten.
Und wir bekommen etwas weggenommen, das wir uns niemals zurückholen können.
Selbst wenn wir den Laden komplett ausräumen würden, würde das
immer noch nicht wettmachen, um was er uns bestiehlt.
Miller kam strahlend zu seiner Kasse zurück, mit dem alten Kerl im Schlepptau,
der einen Einkaufswagen vor sich her schob. Miller spielte einen Akkord auf
einer unsichtbaren Gitarre und sang: „She’s got Elgin movements
from her head to her toes/Breaks in on a dollar ‘most, anywhere she goes...“
Ich zeigte auf seine Kasse, sagte „Robert Johnson!“ und schüttelte
den Kopf. Entweder konnte Miller Gedanken lesen oder unsere Schwingungen hatten
sich jetzt auf dieselbe einzigartige Wellenlänge eingestimmt. Vor dem Laden
schälte sich der Cherokee-Jeep mit dem Greenpeace-Aufkleber auf der Stoßstange
wie ein PS-Protz aus dem Parkplatz und beschleunigte Richtung Schnellstraße,
um unseren Brötchengeber zu seinen anderen Geschäftsinteressen zu
bringen oder zu seinem Fitnessclub oder damit er sich irgendwo ein Football-Spiel
in der Glotze ansehen konnte oder mit was er halt sonst so seine Sonntagnachmittage
vertrödelt, und ich lachte und sagte mir, daß das trotzdem noch ein
guter Tag würde.