Herbst der Oligarchen?
von Stefan Schmalz aus der konkret nov. 03

Die brasilianische Landlosenbewegung MST ist eine der wenigen orthodox-marxistischen Massenbewegungen, die weiter offensiv für den Sozialismus kämpfen. Sie hat ihre Aktivitäten gegen die Regierung des Hoffnungsträgers der Linken, Lula da Silva, verstärkt.

Für hiesige Linke sind Begriffe wie »Boden« oder »Erde« mit äußerst negativen Assoziationen verbunden: Der faschistischen Ideologie von Blut und Boden, Forderungen nach der Revision der Oder-Neiße-Grenze, Gesichtern von preußischen Junkern und kahlköpfigen Schlägern, dem Holocaust. Doch Assoziationen zu ähnlichen Worten sehen auf der südlichen Halbkugel häufig grundverschieden aus. Mit dem Begriff »Boden« wird hier etwas ganz anderes in Verbindung gebracht: Großgrundbesitz, Armut, Hunger, Klassenkampf.
In Brasilien etwa, einem Land das mit einer Fläche von über 8,5 Millionen Quadratkilometern beinahe kontinentale Ausmaße besitzt, werden die sozialen Konflikte im Agrarwesen besonders offen ausgetragen. Hunderttausende von landlosen Bauern stehen nur einigen wenigen Oligarchen gegenüber. Die Bevölkerung hat sich immer besser organisiert, die stärkste der über ein Dutzend Landlosen-organisationen nennt sich MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra / Bewegung der Agrararbeiter ohne Land).
Es lohnt sich, diese Organisation genauer zu studieren. Nicht nur, daß sich aus den Aktivitäten der MST vieles über soziale Kämpfe in Lateinamerika und den Strukturen lernen läßt, an denen sich diese Konflikte entfachen. Die möglichen Lehren gehen weit über eine öde Geschichtsstunde hinaus. Erstens: Die MST ist eine marxistische Massenorganisation, die mehr als eine Million Menschen organisiert. Die Landlosen stellen zur Zeit weltweit vielleicht die einzige Massenbewegung dar, die sich positiv auf die Diktatur des Proletariats bezieht. Zweitens: Während der Rest der Welt affirmativ die neue sozialdemokratische Re-
gierung Lula abfeiert, hat die MST ihren Konfrontationskurs mit der neuen Administration in den vergangenen Monaten verschärft. Die Bilder von den Landlosen mit den roten Hemden flackern in Brasilien nun beinahe jeden Tag über die Mattscheibe. Und zuletzt: Die MST hat eine ernstzunehmende Strategie /ur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse anzubieten.

Der Weg in die Abhängigkeit
Brasiliens Ökonomie ist seit Jahrhunderten durch eine besondere Form des Agrarkapitalismus geprägt das Latifundium. Es hat sich im Zuge eines langwierigen historischen Prozesses herausgebildet. Im Jahr 1500 startete die Eroberung des Landes durch die portugiesischen Kolonisatoren. Sie raubten der indige-nen Bevölkerung große Landflächen und privatisierten sie. Als die napoleonischen Armeen Portugal ISO? besetzten, floh König Don Joao mit seinem Hofstaat nach Rio de Janeiro. Die portugiesische Dynastie überlebte auf diese Weise den Krieg; Brasilien war zeitweilig Zentrum des Kolonialreichs. Doch das vom Krieg gebeutelte portugiesische Imperium geriet immer stärker in Abhängigkeit von England. Die Unabhängigkeit Brasiliens im Jahr 1822 und die Ausrufung der Republik (1889) änderten wenig an diesem Zustand. Als die Engländer als Hegemonialmacht um die Jahrhundertwende schließlich ausgedient hatten, übernahmen die USA den Job. Auch die EU steuerte ihren Beitrag zu »Freedom and Democracy« bei und investierte seit der Epo­che der Militärdiktatur (1964-84) massiv in das Land am Amazonas.
Die direkten Folge der imperialistischen Beherrschung sind offensichtlich. Der brasilianische Kapitalismus blieb von der ökonomischen Konjunktur der westlichen Metropolen abhängig. Die nachholende industrielle Entwicklung seit den 30er Jahren folgte der Kapitalakkumulation der dortigen Zentren. Die brasilianischen Kapitalisten sträubten sich gegen eine Agrarreform, die Voraussetzung für eine »erfolgreiche« kapitalistische Entwicklung. Infolgedessen blieben die großen Latifundien erhalten und transformierten sich im 20. Jahrhundert in hochproduktive Zentren des Agrobusiness. Die Bevölkerung sieht wenig von den dort produzierten Reichtümern. Es wird heute weiterhin für den Export in die kapitalistischen Metropolen produziert. Millionen von Menschen in Brasilien hungern, und trotzdem liegen riesige landwirtschaftlich nutzbare Flächen einfach brach. Es gilt in der brasilianischen Bourgeoisie als schick, Land zu besitzen und es nicht zu nutzen.

Die Bewegung der Landlosen
Daraus resultiert die Strategie der MST. Landlose Bauern, Agrararbeiter und Tagelöhner haben ab den frühen 80er Jahren im Süden Brasiliens immer heftigere Kämpfe um Boden ausgefochten. Im Rahmen dieser Konflikte entstand im Januar 1984 die MST. Die Bewegung wuchs in den Folgejahren, begann sich straffer zu organisieren, breitete sich über das ganze Land aus, theoretisierte ihre Erfahrungen und wurde zu einer Bedrohung der brasilianischen Oligarchie.
Das Vorgehen der Organisation ist recht simpel: Die Landlosen besetzen eine unbe-wirtschaftete Fläche, kultivieren diese in Windeseile und bauen eine erste Infrastruktur auf. Meist kommt es zu Konfrontationen mit der Polizei oft schon endeten diese in blutigen Massakern. Dennoch lehnt die MST den bewaffneten Kampf ab und versucht statt dessen eine Legalisierung der Besetzung zu erreichen. Wenn die Landes- bzw. Provinzregierung progressiv ist, schreckt sie meist vor gewalttätigen Auseinandersetzungen zurück. Manch eine Administration der Arbeiterpartei PT schickte statt staatlicher Schlägertrupps Ärzte in das Camp. Nach der Legalisierung der Okkupation verwandelt sich die Zeltstadt (acampamento) in eine feste Siedlung (assentumento). Die MST baut eine Schule und Häuser, organisiert Strom und medi/inische Versorgung. Die Kommune wird genossenschaftlich bewirtschaftet, es existiert kein Privateigentum an Produktionsmitteln. Agrar-produkte werden auf lokalen Märkten verkauft, der Großteil des Gewinns geht an die Organisation. Die MST hat inzwischen ein eigenes Bildungssystem aufgebaut und finanziert sogar Stipendien für Medi/instudien im Ausland. Die Größe der Siedlungen schwankt zwischen einigen Dutzend Familien und Ortschaften mit mehr als 10.000 Menschen. Die schätzungsweise 500 Landlosencamps und mehr als 1.500 festen Siedlungen gehören mittlerweile in 23 der 26 brasilianischen Bundesstaaten zum Alltag nur ins Amazonasgebiet ist die Bauernbewegung bisher nicht vorgedrungen. Die Zentren der MST liegen im fruchtbaren Süden Brasiliens (Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Paranä) und in der von extrem ungleicher Landverteilung geprägten Sertäo-Steppe (Pernambuco, Bahia, Cearä) im Nordosten des Landes.
Die interne Organisationsstruktur und ideologische Orientierung der »sem terra« mutet einerseits wie die einer leninistische Kaderpartei an, ist aber andererseits stark maoistisch beeinflußt. Jede Person arbeitet zwei bis drei Tage in der Woche als Landarbeiter im Kollektiv und muß sich gleichzeitig in einem der Arbeitssektoren (Bildung, Medizin, Finanzen, politische Schulung, usw.) engagieren. Die Familien organisieren sich in »nucleos« (Basisgruppen), die Delegierte mit imperativem Mandat wählen und die Positionen der Basis weitergeben. Auf diese Weise bilden sich Campleitungen, Regional-, Landes- und Bundesvorstände. Alle fünf Jahre führt die MST eine Großveranstaltung mit Delegierten aus ganz Brasilien durch. Auf dieser Versammlung werden die politischen Entscheidungen für die nächsten Jahre getroffen. Es steht den Bewohnern der Siedlungen frei, diese zu verlassen.
Die Landlosen bilden gezielt Kader aus, die nach leninistischem Vorbild die Rolle einer politischen Avantgarde übernehmen. Die »militantes« werden in den Camps und Siedlungen gewählt und in den Schulungszentren der Landlosen ausgebildet. Dort lernen die zukünftigen politischen Aktivisten die Funktionsweise der Organisation kennen und werden über Kapitalismus und Klassenbewußtsein, Landbesetzungen, Imperialismustheorie, Kultur und politische Agitation informiert. Die Kinder werden in den Camps erzogen und geschult. Kein Wunder also, daß sich die Bewegung immer weiter radikalisiert: Die MST hat ihre Autonomie bewahrt, eigene »organische« Intellektuelle gebildet, viele Erfolge verbucht und vor allem eine Massenbasis.
Die ideologische Grundrichtung ist eindeutig definiert. Leninistische Einflüsse finden sich in der internen Struktur und im Revolutionskonzept: Die Organisation unterhält gute Beziehungen zum sozialistischen Gewerkschaftsverbund CUT und betrachtet sich als Vereinigung revolutionärer Bauern, die nur in Kooperation mit dem urbanen Proletariat den Kapitalismus bekämpfen kann. Die maoistische Beeinflussung spiegelt sich sowohl in der gesellschaftlichen Position der Landarbeiter als auch in ihrer politischen Strategie wieder.
Die Revolution soll vom Land an den Stadtrand getragen werden. Brasilien hat mit über 80 Prozent eine extrem hohe Urbanisierungsrate. Dieser Urbanisierungsprozeß wird von der MST als chaotisch begriffen, viele Menschen seien wegen des Mangels an Perspektiven vom Land in die Stadt gezogen. Die sozialen Probleme in den brasilianischen »favelas« (Armutsviertel) seien daher nur lösbar, wenn die Stadt ein stückweit »desurbanisiert« wird. Es werden daher Siedlungen in der Nähe von städtischen Ballungszentren aufgebaut, mit dem Angebot an die Slumbewohner, sich dort niederzulassen. Die Strategie geht auf: Die neuen Campbewohner sichern ihre Subsi-stenz und verändern ihren Lebensstil. Die weitergehende Zielsetzung ist klar. Es sollen kleinere urbane Zentren gebildet werden, die sich mittels guter technologischer Ausstattung eigenständig erhalten können.

Der neu-alte Feind
Die Wahl der sozialdemokratischen Regierung Lula im Oktober 2002 hat keineswegs zur Demobilisierung der Bewegung geführt. Im Gegenteil. Die MST weigert sich, ihr Programm der Regierungspolitik unterzuordnen. Zwar schränkte die Organisation vor der Wahl zunächst ihre Mobilisierungen ein. Seitdem Lula jedoch im Amt ist, hat sich die Zahl der Landbesetzungen verdoppelt. Die Regierung hat eine Kommission einberufen, die einen Plan zur Landreform ausarbeitet. Darin ist auch die MST vertreten. Dennoch soll der Druck von unten aufrechterhalten bleiben. Joao Paulo Rodrigues, einer der führenden Aktivisten der MST beschrieb die Beziehung der MST zur Regierung so: »Lula ist ein Referenzpunkt für unseren Kampf, aber seine Regierung ist dubios, der Feind ist nun getarnt.« Die neue Offensive hat zu massiver Re-pression geführt. Da auf nationaler Ebene derzeit weder ein Pinochet noch ein Strössner zur Verfügung steht, hat die Landoligarchie begonnen, eigene, paramilitärische Schutztruppen aufzubauen. Darüber hinaus gehen die Gouverneure der Bundesstaaten nun hart gegen die MST vor. Die Polizei ist »Landessache«; im Bundesstaat Sao Paulo etwa nahm die Militärpolizei führende Kader der MST fest. Die nationale Mitte-Links-Koalition tut wenig dagegen, beschwört den sozialen Frieden und beteuert ihren Willen zur Agrarreform.
Die MST hat diese Repression keineswegs zurückgeworfen. Eine neue Generation von »militantes« ist in die Führungsspitze der Organisation aufgerückt. Sie sind teilweise in den Camps der Bewegung aufgewachsen. Ihre Eltern wollten meist lediglich ein Stück Land. Die jungen Aktivisten propagieren indessen offen die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nach sowjetischem oder kubanischem Vorbild.