LeserInnenbrief zu Gorleben
Wir
sind in Niedersachsen nicht in der Lage, in diesem Jahr einen weiteren Transport
durchzuführen"
(Heiner
Bartling; Niedersächsischer Innenminister)
Trotz dieser klaren Aussage Bartlings ist es durchaus möglich, dass die Rot-Grüne Bundesregierung versuchen wird, einen zweiten Castor Transport durchzuprügeln. Grund genug, um einen Rück- bzw. Ausblick zu versuchen, der keine politische Analyse mit Anspruch auf Vollständigkeit sein, sondern Fragen und Positionen in der Szene zur Diskussion stellen soll.
Vorweg
Die meissten bejubeln den gelungenen Widerstand im Wendland. Für uns bleibt aber trotzdem einiges offen: Was wäre wenn die Greenpeace- und Robin-Wood-AktivistInnen sich nicht angekettet hätten? Vermutlich waren diese beiden Aktionen die Einzigen, die den Castor reell zum stoppen gebracht haben. Wenn die Straße von Dannenberg bis ins sog. Zwischen"-Lager ohne Stops in 90 Minuten zurückgelegt worden wäre, wäre dies der schnellste Transport gewesen, den es je gab. Waren diese erfolgreichen Aktionen, wie immer wieder behauptet wurde, nur im Windschatten von militantem Handeln möglich? Wie bewerten wir Auseinandersetzungen mit den Bullen um strategisch völlig bedeutungslose Punkte (z.B. von der Strecke abseits gelegene Äcker)? Militante Massenauseinandersetzungen werden in der Regel dadurch gerechtfertigt, dass durch sie eine große Anzahl Bullen eingesetzt werden muss. Aber wo gab es Aktionen, die darüber hinaus sinnvoll waren? Gibt es Kriterien, die eine bestimmte militante Vorgehensweise sinnvoll machen, oder eben nicht? Auch wenn wir über die Dumpfheit von Bullen nur den Kopf schütteln können, die ihren eigenen Kollegen beim Rückzug überfahren; wie stehen wir zu denen, die auf den offensichtlich dadurch Schwerverletzten noch eintreten, als der mit der Trage weggeschafft wird? Wollen wir mit solchen Leuten gemeinsame Aktionen machen oder fahren die einen Gewaltfilm, mit dem wir nichts zu tun haben ? Es gab mal einen Konsens darüber, dass Schluss ist, wenn eineR am Boden liegt. Ist dieser Konsens aufgehoben? Oder ist es mittlerweile uncool" die eigenen Leute in einer solchen Situation zu bremsen? Oder macht es Sinn, dem überfahrenen Bullen so richtig einen zu verpassen"?
Bullen
Die vorher ausgegebene Parole, die Nachschubwege der Bullen zu blockieren und anzugreifen wurde kaum umgesetzt. In einer Auswertung des Geschehenen ist es u.E. wichtig herauszubekommen, warum das so war. Entweder war dieser Teil des Konzeptes nicht weit genug verbreitet oder er wurde als nicht effektiv genug angesehen. Im letzteren Fall allerdings wäre eine bundesweite Diskussion angemessen.
Ein weiterer Punkt könnten logistische Schwierigkeiten gewesen sein: Die Aktionen wurden vielleicht als zu risikoreich angesehen, weil es keine geeigneten Angriffspunkte entlang den entsprechenden Bundesstrassen gab. Vielleicht brauchen wir aber auch einfach noch etwas Zeit, um die erfolgreiche Isolierung der Einsatzkräfte hinzukriegen. Stellt Euch die Bullen in ihren ach so schlimmen" Unterkünften auch noch ohne Fressen und Wechselwäsche vor! Unserer Meinung nach waren die Rückzugsmöglichkeiten der Bullen viel zu ruhig. Mit Kleingruppen hätten noch viel mehr Autos tiefergelegt und deren technische Ausrüstung zerstört werden können. In größeren Gruppen könnte der Schlaf der Bullen durch laute und kreative Aktionen gestört werden. Es wäre wichtig, wenn sich für einen weiteren Transport eine Struktur für genau diesen Teil verantwortlich erklärt und entsprechende Aktionen vorbereitet.
Informationsfluss
Das Konzept der Bullen, die Camps zu räumen hat zu Schwierigkeiten im Informationsfluss geführt. Ohne die Anlaufpunkte irrten doch so einige Gruppen orientierungslos umher. Wir hatten aber den Eindruck, dass sich dies nach einigen Tagen gelegt hat und sich auf die veränderte Situation gegenüber 1997 eingestellt wurde. Nichtsdestotrotz müssen wir überlegen, wie der Informationsfluss besser stattfinden kann.
Tiere
Ein beschissenes Kapitel war auch in diesem Jahr wieder einmal das Thema Hunde". Ganz klar: Tiere _ und damit meinen wir ALLE Tiere, also auch Ratten _ gehören weder ins Wendland noch auf irgendeine andere Demo. Die Situation ist meistens nicht so, dass mensch sich überlegen kann, sich rauszuziehen, wenn es brenzlig wird. Und vorher ist es meistens auch nicht möglich abzuschätzen, ob es brenzlig wird. Ein Hund ist ein Rudeltier, der bei seinen Bezugspersonen sein möchte, egal was abgeht. Wie soll der Hund in einem Tumult gelassen bleiben und wissen, wer gut" oder böse" ist. Mal abgesehen davon, dass die Hunde in Panik in die Wälder laufen und nicht zurückfinden. Im besten Fall werden sie von irgendwelchen Leuten aufgegriffen. Im schlechtesten Fall vielleicht auch von durchgeknallten Bullen oder JägerInnen erschossen. Es gibt keinen Hund, der Demo-tauglich" ist. Was passiert, wenn der Hund im Auto gelassen wird und BesitzerIn wird festgenommen? Diejenigen mit Hunden haben die Verantwortung für die Tiere übernommen und wenn sich im Umfeld niemand findet, der/die den Hund in der Zeit betreuen kann, dann muß mensch zuhause bleiben! Ansonsten wäre es denkbar, dass die entsprechenden Leute Aufgaben übernehmen, bei denen die Hunde gefahrlos mitlaufen können. So z.B. die der/des BetriebshelferInnen, die zur Unterstützung der örtlichen LandwirtInnen einspringen, damit diese den Protest unterstützen können. An dieser Stelle ein dickes Lob an die BetriebshelferInnen, die im Schatten des sichtbaren Widerstandes einen großen Teil Arbeit geleistet haben.
Presse
Zu den militanten Aktionen im Vorfeld bleibt ebenfalls noch eine Frage offen. Wie der Interim zu entnehmen ist, gab es mehrere Brandsätze und Aktionen, bei denen zwar ein Castorzusammenhang nicht auszuschliessen" sei, aber in der Presse nicht als solcher eindeutig hergestellt wurde. Auch im Falle des in Oldenburg abgebrannten Busses gehen wir von einer Anti-Castor-Aktion aus. Ist vielleicht eine entsprechende Anweisung an die Presse ergangen, diese Angriffe nicht in den Castor-Zusammenhang zu stellen, um deren mobilisierenden Charakter auszuschalten? Wenn ja, wie gehen wir damit um?
Ausblick
Und dann bleibt eigentlich wie bei jedem Transport die eigene Unzulänglichkeit stehen, mit dem Anti-Castor-Kampf andere Inhalte in die Öffentlichkeit zu tragen.
Es ist doch klar, dass wir nicht bei Parolen wie Castor stoppen" und Kein Endlager in Gorleben" stehen bleiben können. Sowohl in Redbeiträgen, Presseerklärungen als auch auf Transparenten wird selten auf andere Schweinereien dieses Staates aufmerksam gemacht. In der linksradikalen Szene wird immer wieder kritisiert, dass die Anti-Atom-Bewegung in ihren Inhalten zu beschränkt sei. Aber wenn sich diese Szene an Ereignissen wie Gorleben beteiligt, warum trägt sie dann keine anderen (ihre?) Inhalte hinein?
Und last but not least: Nach dem Castor ist vor dem Castor!
Es muß uns gelingen, die Verantwortlichen nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Sachbeschädigungen treiben die Kosten in die Höhe und sind zu jeder Zeit an (fast) jedem Ort möglich.
In diesem Sinne viel Spass und lasst Euch nicht erwischen!