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Nur tote Fische kommen in die Zeitung, wilde Fische
fliegen
Junge Linke-Seminare
24.03.-26.03.2000: Vergangenheitsbewältigung Vom Schmuddelkind zur
Weltmacht
Darüber schweigen sie alle
Ob Goldhagen-, Mahnmal-, Entschädigungs- oder Walser-Debatte - so wichtig
wie heute war den Deutschen das Verhältnis zu ihrer nationalsozialistischen
Vergangenheit noch nie. Während die einen dem Volk aber die "Dauerpräsentation
ihrer Schande" ersparen wollen und endlich den Schlußstrich ziehen wollen,
sehen die anderen der Nation und ihrem Ansehen mit Aufarbeitung der Verbrechen
besser gedient. Nur was Nation und Volk im allgemeinen mit Deutschland
im besonderen zu tun haben, was Faschismus mit bundesrepublikanischer
Demokratie, interessiert in der öffentlichen Diskussion niemanden. Uns
aber schon.
Stunde Null - ausgefallen
Wer Staat und Kapital will, braucht Staatsbürger und Kapitalisten. Zur
großen Überraschung für heutige Liberale waren damals, bei der Gründung
der BRD, die neuen Demokraten aber alte Nazis. Wie und wieso begannen
mit denen dennoch Wirtschaftswunder und demokratische Erfolgsstory? Wie
wurde aus der Volksgemeinschaft der antikommunistische Frontstaat mit
Sozialpartnerschaft? Wieso ließen die antifaschistischen Siegermächte
das zu, und wie konnten die Deutschen ihr Wohlwollen erwirken? Die Leiche
in Nachbars Keller Als die Alliierten 1945 Deutschland besetzten, trafen
sie überall nur Opfer, deren größtes Mitleid statt den tatsächlich Verfolgten
ihnen selbst galt. Wie überwanden die Deutschen ihre persönliche Niederlage,
und wie halfen die Entschuldungsmythen der 50er und 60er Jahre dabei,
die privaten, politischen und kulturellen Kontinuitäten zu wahren?
Von "Vati, was hast du getan?" zu "USA-SA-SS!"
Die 68er-Bewegung entstand auch in der Konfrontation mit der Eltern- als
Tätergeneration. Bald aber schon entdeckte man Völkermord überall auf
der Welt, und ausgerechnet Israel, die Zufluchtsstätte der Juden, geriet
zur bevorzugten Zielscheibe der deutschen Linken. Warum umwarb die nachträgliche
antifaschistische Revolte plötzlich das deutsche Volk, als wäre nichts
geschehen - und wie konsequent ist der Weg Jockel Fischers aus diesem
Milieu zum Kriegsminister "wegen Auschwitz"?
Der Boom mit der Vergangenheit
Die Ausstrahlung der Fernsehserie "Holocaust" hat in den 70er Jahren das
Tabu über die Judenvernichtung auch in breiten Kreisen der Bevölkerung
durchbrochen - doch um den Preis ihrer kulturindustriellen Konsumierbarkeit.
Inwieweit dient auch das seither massenhaft stattfindende Aufarbeiten
noch der Abwehr dessen, was geschah? Kann man die Leiden der Opfer mitfühlen,
wird Identifikation und Mitleid ihnen gerecht? Wird beim Mahnen und Gedenken
bloß ein neues Wir-Gefühl geschaffen - oder repräsentieren die Reaktionäre
à la Walser und Nolte das allemal noch besser? Erinnert sich eigentlich
noch wer an den "Historikerstreit"? Was ist an der Vergangenheit noch
so lebendig, daß es die deutsche Öffentlichkeit magisch zu ihr hinzieht?
Bloß noch die letzten offenen Rechnungen der Opfer?
07.04.-09.04.2000: Krieg: Wen greift Deutschland im April 2000 gerade
an? Deutschland , Gewehr bei Fuß!
Wer hätte es gedacht: Geführt von Nachkommen des Pazifismus hat das rot-
grün geführte Deutschland seinenersten Kriegseinsatz über die Bühne gebracht.
Und bei einer so meisterhaften Inszenierung bleibt die Frage: Wann kommt
die Fortsetzung? Mit welcher Besetzung? Und wer malt das Bühnenbild. Nach
der Analyse der letzten Aufführung, wollen wir uns gemeinsam Gedanken
über das Drehbuch des nächsten Krieges machen.
Von Deutschen und Kriegen!
Deutschland ist wieder eine souveräne Nationen - und dazu gehört der erste
richtige Kriegseinsatz dazu. Was ist spezifisch deutsch an diesem Kriegseintrittsprogramm,
und was ziemlich allgemein? Hat Deutschland noch andere Interessen in
der Welt, die es unterscheidet von allen anderen Mächten? Eilt Deutschland
von Krieg zu Krieg? Will Deutschland Europa völkisch zergliedern? Oder
soll Auschwitz besiegt werden? Jugoslawien: Komm wir zerlegen einen Staat.
Wie wurde der Krieg gegen Jugoslawien vorbereitet? Steckt Deutschland
dahinter - oder hat die eigenartige Logik von Titos Selbstverwaltungssozialismus
den anti-jugoslawischen Nationalismus hervorgebracht? Wie wurde die deutsche
Öffentlichkeit auf den Feind eingeschworen - oder mußte sie das gar nicht
mehr, weil Serbien schon immer sterbien mußte? Wie war denn nun das Verhältnis
von USA, Frankreich und Deutschland beim Kriegführen?
Right or wrong, my country
Wie funktioniert Massenzustimmung im Krieg? Warum ist die "eigene Meinung",
auf die die werten StaatsbürgerInnen immer so stolz sind, eine recht uniforme
Angelegenheit? von Kriegshysterie, und warum man heute ohne sie auskommt,
von Moral, und warum so ernst nun auch wieder nicht gemeint ist.
Neue Feinde - neues Glück Zugegeben: Vielleicht ist ja im April 2000 auch
gerade mal Frieden. An Feindbildern für potentielle Kriege dürfte dennoch
kein Mangel bestehen. Wir wollen weniger spekulieren, sondern lieber analysieren:
Was sind nächste Ziele Deutschlands, und wer kommt ihm dabei in die Quere
- und wie wird damit umgegangen? Wer mit den herrschenden Verhältnissen
Frieden schließt, wird irgendwann auch Krieg führen. Wetten: Daß ist schon
die Erklärung warum PazifistInnen in Parteiform so gerne die Notwendigkeit
von Kriegen einsehen - bei aller Liebe zum Frieden. Wie die Grünen das
machen, und wie die PDS das noch tun wird, wollen wir erklären. Und was
mensch gegen Kriege tun sollte, die verhindert gehören.
05.05.-07.05.2000: Was ist Ideologie?
Unter den Beschimpfungen, die demokratische PolitikerInnen austauschen,
ist häufig der Ideologie-Vorwurf enthalten: die Gegenseite setze ihr Politikkonzept
absolut und wolle dies anderen aufzwingen. Als ideologisch gilt also schon
mal Kompromißlosigkeit. Gegenüber GegnerInnen aus den eigenen Reihen,
die die alten Werte gegen die derzeitige Richtschnur hochhalten wollen,
heißt es auch oft: die sind ‘ideologisch’, diesmal weil sie sich nicht
mit den realen Sachzwängen abfinden, an denen sich sämtliche ‘Werte’ brechen.
Sobald sich einige Stimmen erheben gegen die demokratische Form des Herrschens,
werden sich DemokratInnen dann ganz schnell einig, daß nicht ihre unterschiedlichen
demokratischen Positionen, sondern die antidemokratischen Positionen die
eigentlich ideologischen seien. Das kennen wir schon aus der Schule: Kommunismus
und Faschismus = undemokratisch und deshalb ideologisch. Bloß weil gut
staatsbürgerliche LehrerInnen mit ihren staatlichen Lehrplänen und der
entsprechenden Staatsgewalt in ihrem Rücken die Definitionsmacht haben,
ist also alles ideologisch, was nicht der hier und jetzt herrschenden
Auffassung, wie eine Gesellschaft einzurichten sei, entspricht. Was aber
taugt der Begriff ‘Ideologie’, wenn er doch immer nur im Streit um das
richtige Herrschaftskonzept als Schimpfwort für die Gegenseite dient?
Sozialwissenschaftlich gebildete DemokratInnen haben mittlerweile darauf
verzichtet, Ideologie als Vorwurf zu gebrauchen. Ideologie heißt für sie
nun ganz einfach: ein Ganzes von Vorstellungen darüber, wie die Gesellschaft
eingerichtet ist, und wie sie eingerichtet werden soll, oder: Weltanschauung
plus politisches Programm = Ideologie. In der Welt konkurrieren halt unterschiedliche
Ansätze, wie die Welt einzurichten sei, miteinander. Die sind nur noch
formal unterschieden, nämlich als verschiedene Ansätze überhaupt. Hört
sich ziemlich peacig an, oder? Das ‘Konfliktpotential’ liegt schließlich
auch in den Inhalten, aber über die besagt der Ideologiebegriff nun gar
nichts mehr. Im Unterschied zu den aktuellen Fassungen des Begriffs beharrt
Marx darauf, daß man Bewußtseinsinhalte nach wahr und falsch unterscheiden
kann. Ihm zufolge ist Ideologie gesellschaftlich notwendig falsches Bewußtsein.
Was aber heißt ‘notwendig’ falsch? Schließlich gibt es zumindest einen
Menschen, der behauptet, daß er selbst den notwendigen (!) Fehler nicht
gemacht hat? Und was heißt überhaupt ‘gesellschaftlich notwendig’? Notwendig
dafür, daß die bestehende Gesellschaft sich erhält? Oder bewirkt Gesellschaft
selbst die falschen Vorstellungen der Menschen über sie? Besitzt die Gesellschaft
einen Charakter des ‘notwendigen’, aber falschen ‘Scheins’? Wie kann das
sein? Ist das für jede beliebige Gesellschaft denkbar? Oder doch nur für
den Kapitalismus? Was hat der Fetischcharakter der Ware damit zu tun?
Nach Adorno ist ein wesentliches Element von Ideologie, daß sie die bestehende
Herrschaft rechtfertigt. Muß das im Bewußtsein der Leute sein, oder gilt
wieder einmal: ‘Sie wissen es nicht, aber sie tun es’? Weiter sei Ideologie
ein Ganzes aus ‘Wahrem und Falschem’. Damit wäre sie nicht bloß irrational.
Wenn aber das Ganze unwahr ist, wie kann dann ein Teil wahr sein? Vielleicht
als ‘verkehrter Ausdruck einer verkehrten Welt’?
19.05.-21.05.2000: Birth, School, Work, Death - oder: Das Leben lebt
nicht.
Seminar über den bürgerlichen Alltag
Eine serialisierte, kapitalistische Mini-Krise, die Deinen Namen trägt...
nannte Brian Massumi das individuelle Leben. Warum nicken alle ab, daß
der Alltag grau ist, und wünschen sich doch nichts mehr als dessen störungsfreien
Gang? Und warum ist ihr Wunsch dem Kapital Befehl - oder läuft's andersherum?
Was hat der alltägliche Sexismus damit zu tun? Auf welche theoretische
Kritik läßt sich zurückgreifen? Langeweile - der Reflex aufs objektive
Grau Zwar produziert die bürgerliche Gesellschaft Reichtum ungeheuren
Ausmaßes, doch niemand, der / die ihn genießen könnte - die einen sind
von ihm ausgeschlossen, die anderen haben Magengeschwüre und Herzkasper.
Was ist das Elend am bourgeoisen Luxus, und wie hängt es mit dem Hunger
im Trikont zusammen? Vergnüge Dich! Ohne die kulturindustrielle Verwaltung
ihrer Freizeit wären die meisten mit ihrem Erholungsstreß völlig überfordert.
Hat sich die Kulturindustrie verändert, seit Adorno und Horkheimer sie
vor 50 Jahren als "Aufklärung als Massenbetrug" brandmarkten? Warumkonsumieren
die Menschen ihren Alltag als Soap- oder Talkshow-Ereignis - und formiert
sich allabendlich vor dem Fernseher die Volksgemeinschaft der 90er? Die
hundert schönsten Nebensachen der Welt Ob man seinen Alltag nun mit Mann
/ Frau und Kind, mit König Fußball oder den Sternen teilt, die das Schicksal
weissagen: Irgendwie muß dem schnöden Leben Sinn abgerungen werden. Welche
Strategien helfen dem bürgerlichen Subjekt, sich mit seinem Dasein zu
versöhnen, welche psychischen Anpassungsleistungen erbringt es? Und wie
paßt sein immer wiederkehrendes Interesse an Katastrophen und Weltuntergängen
zu seinem Wunsch nach Beschaulichkeit? Das lange Warten auf die Revolution
Wie gehen Linke mit dem Grauen um, dem bürgerlichen Alltag ausgesetzt
zu sein - und wie sollten sie? Das Leben der Deklassierten teilen - falls
die Not sie nicht ohnehin zwingt? Die Befreiung im Hier und Jetzt zu organisieren
versuchen - oder endet das bloß in Landkommunen und Psychosekten? Ist
das alles ohnehin nur Privatsache?
Bitte versucht nicht, Euch per E-Mail zu Seminaren anzumelden! Elektronisch
könnt Ihr Kontakt zu uns aufnehmen, um ein kostenloses Infopaket anzufordern.
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