„Die Irische Frage“

Am 3.12.99 organisierte die „Türkische Initiative zur Verteidigung des Lebens von Abdullah Öcalan“ eine Veranstaltung unter dem Namen „Befreiungskrieg und Dialog - Internationale Erfahrungen der Friedensprozesse“. An dieser Podiumsdiskussion nahmen Vertreter der Herri Batasuna bzw. Euskal Herria (Baskenland), der ELN (Kolumbien), der ERNK (Kurdistan) und zwei ehemalige IRA-Inhaftierte (Irland) teil. Die irischen Genossen Anthony McIntyre und Tommy McKearney gehen in dem nachstehenden Beitrag auf „die“ irische Frage ein, insbesondere vor dem Hintergrund der ersten nordirischen Selbstverwaltung (Teilautonomie) und der damit verbundenen „Logik des Dialogs“ zwischen Befreiungsbewegung und Regierung - eine Logik bzw. Diskurs, dem verschiedene Befreiungsbewegungen zur Zeit Folge leisten.

Um die irische Situation zu verstehen, ist es absolut notwendig, eine gewisse Kenntnis der Geschichte Irlands zu haben. Manche Leute erzählen euch vielleicht, daß es eine schwierige und komplexe Geschichte ist. Und Leute sagen euch vielleicht, daß die irische Geschichte sich dem Zugriff gewöhnlicher Beobachter und Beobachterinnen entzieht... Glaubt diesen in die Irre führenden Unsinn nicht. Sehr häufig haben diejenigen, die sagen, daß ein Thema zu schwierig zu verstehen ist, ein ureigenes Interesse an der Aufrechterhaltung der Unkenntnis. Und dies ist in bezug auf Irland seit langem der Fall. Ein umsichtig und skrupellos geschmiedetes Märchen wurde von den Feinden der progressiven Demokratie entwickelt, um die wahre Darstellung Irlands zu verschleiern. Ich bin mir sicher, daß viele von euch gehört haben, der Konflikt in meinem Land sei ein Religionskrieg. Ein Krieg, der zwischen unterschiedlichen und miteinander konkurrierenden christlichen Sekten ausgefochten wird. Eine Form des Religionskrieges, die in West-Europa seit dem 17ten Jahrhundert nicht mehr zu beobachten war. Laßt mich von vornherein sagen, daß solche Vorstellungen fundamental und tiefgehend falsch sind. Zu sagen, der irische Konflikt sei eine Schlacht um religiöse Dogmen ist ebenso falsch, als wenn man behaupten würde, der palästinensisch-israelische Konflikt sei ein Streit über die relativen Verdienste des Korans und des Talmuds. In Wirklichkeit hat der irische Konflikt seine Ursprünge in den strategischen und finanziellen Interessen des britischen Staates und des britischen Empires. Irland befindet sich an der für Britannien strategisch wichtigen Westküste und stellte schon immer eine Bedrohung des britischen Mutterlandes dar, wenn es von Kräften kontrolliert wird, die London feindlich gesonnen sind. Jahrhundertelang fürchteten die Briten, daß Irland als Sprungbrett für eine Invasion genutzt werden könnte. Wir könnten dies als den militärstrategischen Grund für die britische Intervention in Irland beschreiben. Ein zweiter Grund für die britische Vorherrschaft Irlands steht in bezug zu obigem, hat aber eine ökonomischere Erklärung. In der Feudalzeit war Irland eine Landquelle für die Eroberung durch gierige Barone. Im Zeitalter des Kapitalismus diente ein verarmtes Irland dem industriellen Britannien als Lieferant von „Gastarbeitern“. Arbeitgeber verursachten immer wieder rassistische Konflikte zwischen eingewanderten irischen und einheimischen britischen Arbeitern und Arbeiterinnen, um zu spalten und die arbeitenden Menschen weiter auszubeuten. Der Fluß billiger irischer Arbeitskraft nach Britannien verminderte sich erst kürzlich, könnte aber in Zukunft wieder ein bedeutender Faktor für den britischen Kapitalismus werden. Es ist auch wichtig darauf hinzuweisen, daß an diesem Ende des 20ten Jahrhunderts, es auch einen etwas zeitgenössischeren aber nichtsdestotrotz gewaltigen Grund für die britische Intervention in Irland gibt. Wir befinden uns gegenwärtig in einer neuen Ära des globalen Kapitalismus. Wir haben uns über das „Zeitalter des Imperialismus“ früherer Prägung hinaus in eine neue Ära der Globalisierung bewegt, in dem diejenigen, die den Reichtum der Welt kontrollieren, in Übereinstimmung handeln, um ein ihren Erfordernissen entsprechendes internationales System durchzusetzen. In den Tagen des Kalten Krieges sah es diese herrschende Elite als wichtig an, ihr System oder „Ordnung“ weltweit und um jeden Preis durchzusetzen. Dem westlichen Kapital wohlwollend gesonnene Diktaturen wurden unterstützt, wenn die Alternative zu diesen die westliche Hegemonie hätte herausfordern können. Eine gesteuerte Freiheit oder Demokratie wurde nur denjenigen gestattet, die voll und ganz den kapitalistischen Lebensstil guthießen. Und selbst hierbei gab es Einschränkungen. Es gab eine verbrecherische Hackordnung, wer was tun durfte. Solch eine chaotische Managementmethode war riskant und neigte zu Gefahren. Bei der frühesten Möglichkeit versuchten die herrschenden Interessen im Westen ihr System einheitlicher zu gestalten. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Alliierten wird diese Weltordnung oft (doch eindeutig nicht immer) in subtilerer Weise durchgesetzt. Frühere Gegner des Westens werden fragmentiert und erniedrigt, während gleichzeitig eine andauernde weltweite Kampagne geführt wird, um alte, potentiell lästige Konfliktherde beizulegen. Es ist kaum nötig herauszustellen, daß die Neue Ordnung weiß, daß es weit mehr Nutzen bringt, wenn alte Gegner in diese Konfliktbeilegungen eingebunden werden können. Hierbei handelt es sich nicht um Altruismus, sondern lediglich aufgeklärtes Eigeninteresse, da alle Beilegungen unter den durch die Neue Ordnung (fast unsichtbar) festgesetzten Bedingungen zustande kommen müssen. Sehr verkürzt sind dies die grundlegenden Ursachen, warum die britische Regierung versucht hat, Irland zu kontrollieren. Die alten, offensichtlicheren Gründe haben weitgehend den neuen Platz gemacht. Britannien sieht nicht lediglich ihre partiellen Eigeninteressen in Irland, sondern spielt auch ihre Rolle in der gegenwärtigen Globalisierung des Kapitals. Laßt mich schnell erwähnen, wie Britannien versucht hat, diesen Einfluß und diese Kontrolle auszuüben. Zu Feudalzeiten gebrauchte Britannien seine Übermacht und nutzte geschickt Stammesanimositäten in Verbindung mit einer Politik der Ansiedlung von Kolonialisten, um Grundbesitz in Irland zu erlangen und zu behalten. In jüngerer Zeit nutzte die britische herrschende Klasse die Nachfahren der alten Kolonialisten aus, indem sie ihnen gestattete, tatsächlich ihren eigenen Staat innerhalb des Vereinigten Königreichs zu bilden. Als das restliche Irland Anfang dieses Jahrhunderts die verwaltungsmäßige Unabhängigkeit erlangte, wurde das gegenwärtige Nordirland gebildet und anschließend in undemokratischer Weise regiert. Dieser Staat im Staate etablierte sich innerhalb künstlicher und undemokratischer Grenzen. Fünfzig Jahre lang regierte die pro-britische community unter Nichtbeachtung demokratischer Praktiken. Und als sie in den 60er Jahren von massenhaften, aber friedlichen Protesten irischer Republikaner und Republikanerinnen sowie anderer herausgefordert wurden, reagierten sie mit brutaler und tödlicher Gewalt. Britanniens Zentralregierung beantwortete die sich entwickelnde Krise, indem sie die Kolonialregierung und die herrschende Ordnung in Belfast voll unterstützte und anschließend selbst die direkte Kontrolle über die Situation übernahm. Als Antwort auf die tödlichen Angriffe der kolonialen nordirischen Streitkräfte und der mit diesen zusammen agierenden regulären britischen Armee reorganisierte sich die IRA in den frühen 70er Jahren. Zunächst als eine Armee der Verteidigung, später dann als Guerrillaarmee, die aktiv für den Sturz des von Britannien unterhaltenen Staat in Irland kämpfte. Mit beträchtlicher Unterstützung durch die republikanischen Menschen im nördlichen Teil Irlands setzte die IRA den Kampf in den 70er und 80er Jahren fort. Die IRA bezog einen Großteil ihrer Unterstützung aus dem nördlichen Teil der Insel, was zugleich ihre große Schwäche darstellte. Die verschiedenen Regierungen der Republik Irland haben die IRA Kampagne immer heftig bekämpft. Während der letzten 70 Jahre haben sie die verständliche Angst der Menschen vor dem Krieg genutzt, um den Großteil der südirischen Bevölkerung gegen militante demokratische Republikaner und Republikanerinnen im allgemeinen, und die IRA im besonderen aufzubringen. Aus diesem und anderen Gründen gab es ab Mitte der 80er Jahre innerhalb der IRA und ihrer politischen Partei Sinn Fein bedeutende Veränderungen. Diese waren das Resultat einer Suche nach Möglichkeiten, um den Kampf durch eine Verbreiterung der Unterstützungsbasis effektiver zu machen. Einige Republikaner und Republikanerinnen argumentierten, daß es am besten sei, die Dinge so zu belassen wie sie waren und mit der in der Vergangenheit geführten rein militaristischen Guerrillakampagne weiterzumachen. Die Schwierigkeit für diejenigen, die diesen Weg befürworteten, bestand darin, daß dieser während der 70er Jahre probiert worden war und seine eindimensionalen Unzulänglichkeiten gezeigt hatte. Eine andere, kleinere Richtung argumentierte, daß - wenngleich der einfache Militarismus komplett unzulänglich sei - es ebenso ein Fehler sei, alles auf den liberalen bürgerlich- parlamentarischen Prozess langsamer und oftmals bedeutungsloser Reformen zu setzen. Sie argumentierten für eine Ablehnung des konspirativen Militarismus und für eine nach links tendierende Kampagne massenhafter öffentlicher Aktionen, die nicht nur einen Bruch der Verbindungen zu Großbritannien, sondern auch den Ersatz der südlichen bürgerlichen Republik durch eine Republik der Arbeiter und Arbeiterinnen zum Ziel hätten. Die dritte und bei weitem größte Richtung argumentierte für eine Fortsetzung des Militarismus, aber mit einer ebenso stark gewichteten Konzentrierung auf die Beteiligung innerhalb des parlamentarischen Prozesses. Diese von Gerry Adams und Martin McGuinness geführte Gruppe gewann innerhalb der republikanischen Bewegung die breiteste Unterstützung. Und dies trotz der Warnungen der beiden anderen Richtungen, daß es einen inneren Widerspruch zwischen parlamentarischem Prozess und Aufstandsaktivitäten gibt und daß früher oder später das eine oder andere würde enden müssen. Die Debatte kulminierte schließlich in einer Spaltung innerhalb der republikanischen Mitglieder im Jahre 1986. Und aus praktischen Gründen suchen wir die Ursprünge der momentanen politischen Situation von dieser Zeit ab. Die Spaltung und die anschließenden Veränderungen in der Sinn Fein-Politik veranlaßten andererseits sowohl die britische als auch die irische Regierung zu einer Neubewertung, wie mit dem Krieg in Nordirland umzugehen sei. Bevor wir den Verlauf der momentanen Verhandlungsvereinbarungen untersuchen, lohnt es sich kurz das zu betrachten, was als Irischer Republikanismus bekannt ist. Als demokratische, republikanische Revolutionäre im späten 18ten Jahrhundert zunächst in Nord-Amerika und dann in Frankreich die Kontrolle ergriffen, war Irland ein kleines, von einer fremden Macht regiertes Land am Rande Europas. London kontrollierte Irlands Verwaltung. Für die Mehrheit der irischen Landbevölkerung war die Tatsache von gleicher oder vielleicht sogar größerer Bedeutung, daß die Klasse, die das Land kontrollierte, kulturell nahezu ausschließlich englisch war. Die irische Landbevölkerung tendierte dazu, ihre Grundbesitzer nicht nur als Tyrannen, sondern als ausländische Tyrannen zu sehen. Eine Konsequenz hiervon bestand darin, daß in dem Moment als die Iren und Irinnen den Republikanismus annahmen, dieser eine Anziehungskraft sowohl als radikal-demokratische Theorie als auch als nationalistisches Vehikel ausübte. Und seitdem ist dies sowohl eine Stärke als auch eine Schwäche des irischen Republikanismus gewesen. Wenn er als ein radikal-demokratisches, durch die Dynamik, die nationale Unabhängigkeit und Souveränität zu erlangen, unterstütztes Instrument agiert, kann der irische Republikanismus eine sehr progressive Kraft sein. Wenn er sich auf der anderen Seite auf einen reinen Stammesnationaismus zurückzieht, wird er unattraktiv, reaktionär und sogar gefährlich. Und in der Tat besteht eine der wesentlichen Schwächen der momentanen Parteipolitik von Sinn Fein darin, daß sie den radikal-demokratischen Aspekt des irischen Republikanismus in einem Wasserbecken nationalistischen parlamentarischen Reformismus’ praktisch versenkt hat. Da wir hier zusammengekommen sind, um die Implikationen von Verhandlungslösungen im allgemeinen zu diskutieren, könnte es für euch aufschlußreich sein zu hören, wie es zu der momentanen Situation in Irland kam. Als die momentane Führungsspitze von Sinn Fein zu erkennen gab, daß sie einen parlamentarischen Weg in Betracht zog, wurden von denjenigen, die entweder in politischer Opposition zur Bewegung standen oder zu ihren Todfeinden gehörten, eine Reihe verschiedener Handlungsweisen gleichzeitig verfolgt. Die erste wahrnehmbare Entwicklung war ein „Zermürbungs“-Prozess. Mitte der 80er Jahre war eine der militantesten und kompromißlosesten Gegenden der IRA-Unterstützung die Gegend von Tyrone in Nordirland. Die Leute dort hatten 1981 den Hungerstreiker Bobby Sands als ihren Parlamentsabgeordneten gewählt und die örtliche ERA war als heftige Gegnerin jeglicher Kompromißlösung bekannt. Zwischen 1986 und 1992 führten Sondereinheiten der britischen Armee eine Anzahl von tödlichen under cover-Aktionen gegen die IRA in Tyrone durch und töteten eine beträchtliche Anzahl von IRA-Mitgliedern. Und während offizielle britische Einheiten diese Angriffe ausrührten, unternahmen pro-britische Todesschwadrone parallel dazu eine Mordkampagne an republikanischen Unterstützen und Sympathisanten. Andere Gegenden, in denen die Unterstützung für die republikanische Sache stark war, waren ebenfalls - wenngleich in geringerem Ausmaß - von dieser blutigen konterrevolutionären Kriegsführung betroffen. Kurzum, eine Schreckensherrschaft wurde im Herzen des Republikanismus entfesselt. Anders als in den frühen 70em traf der konterrevolutionäre Terror in den 80em auf eine ambivalente Antwort der Führung der größten republikanischen Organisation. Dieser Teil des republikanischen Milieus hatte seine Aufmerksamkeit der parlamentarischen Strategie zugewandt und war nicht willens, diese Option dadurch zu gefährden, daß er seine Unterstützer und Unterstützerinnen an der Basis auf eine anhaltende und notwendigerweise breite Kampagne öffentlicher Verteidigung festlegte. Es überrascht nicht, daß das Versäumnis der Bewegung, für Schutz zu sorgen, die republikanische Bevölkerung in ihrer Gesamtheit demoralisierte. Der Führung gelang es jedoch, einer Kritik für dieses Versäumnis durch die Unterstützer und Unterstützerinnen zu entkommen, indem sie die einfachen Mitglieder gekonnt manipulierte und deren Angst zu ihrem eigenen Vorteil, d.h. dem der Führung, wendete. Die Angst der Leute erlaubte es der republikanischen Führung, für einen parlamentarischen Weg einzutreten, der die schrittweise, aber umfassende Erosion ihres lange beibehaltenen Programms beinhaltete. Solch eine Kehrtwendung wäre ohne die durch den Terror verursachte Demoralisierung unmöglich gewesen. Die Kehrtwendung war enorm. Weniger als 10 Jahre zuvor stellte die republikanische Bewegung als ihre Ziele nichts geringeres als den Bruch der politischen Union mit Großbritannien auf, um eine demokratische sozialistische Republik im gesamten Irland zu errichten. Jetzt reden sie nur kurz über das alte Ziel und dann auch nur als Rhetorik. Statt dessen wird republikanischen Unterstützen und Unterstützerinnen regelmäßig erzählt, daß das Ziel nunmehr das ist, was als “Tagesordnung der Gleichheit“ bekannt ist. Diese fordert: • Faire Behandlung von nordirischen Nationalisten und Nationalistinnen bei der Arbeitsplatzvergabe, • Faire Behandlung von nordirischen Nationalisten und Nationalistinnen bei der Wohnungsvergabe, • Faire Behandlung von nordirischen Nationalisten und Nationalistinnen in bezug auf kulturelle Angelegenheiten. Übrigens bemerkt ihr vielleicht, daß Sinn Fein jetzt den Begriff Nationalisten und Nationalistinnen öfter benutzt als in der Vergangenheit. Und glaubt mir auch, daß dies kein Anzeichen von Fortschritt ist. Oberflächlich betrachtet, scheint diese neue „Tagesordnung der Gleichheit“ eine vernünftige Forderung und ein erster Schritt in einem taktischen Sinne zu sein. Leider ist es weder das eine noch das andere, denn diese minimalistischen Forderungen sind in einem irischen Kontext an der Grenze zum sektiererischen - Rechte für Nationalisten und Nationalistinnen statt Rechte für alle - und sind sowohl taktisch als auch strategisch einschränkend. Während dieses gesamten Zeitraums war die republikanische Führung niemals vollkommen offen zu den einfachen Mitgliedern der Bewegung und ihrer breiteren Unterstützerbasis. Die verantwortlichen Leute nutzten die Tatsache aus, daß die Bewegung eine lange und starke Tradition klandestiner, konspirativer und hierarchischer Führungsstrukturen hatte. Die Tradition war dergestalt. Befehle entgegenzunehmen und ohne Frage umzusetzen. Eine Folge dieser Art politischer Organisierung, in der breite und tiefgehende Gespräche weder gefördert noch akzeptiert werden, ist, daß das Gespräch oft gefürchtet wird. Der Gedankengang ist, daß Debatte mit Abweichung und Abweichung mit Spaltung gleichgesetzt wird. Die Sinn Fein-Führung nutzte die beiden Aspekte der Demoralisierung und der Parteiloyalität effektiv aus, um die Natur ihrer Partei und deren Ziele zu verändern. Es wäre ein Fehler zu behaupten, dies alles wäre auf einem isolierten Schauplatz passiert. Die zweite Art der Annäherung Sinn Feins an die neuen Entwicklungen offenbarte sich. Wie vorhin gesagt, ist das Interesse an Irland jetzt mehr eine globale denn eine ein- oder zweidimensionale Sache. Und so kamen - als eine Art Konsortium interessierter Parteien, einschließlich der britischen, irischen und US-Regierung - die politischen Parteien sowie Geschäfts- und Bankenleute zusammen, um den Prozess zu unterstützen und zu fördern. Die Sinn Fein-Führung war nicht willens, ihrer Unterstützungsbasis offen zu erklären, daß nicht nur der Befreiungskrieg zu Ende war, sondern sich auch das Parteiprogramm grundlegend geändert hatte. Es war für sie daher notwendig, die einfachen Mitglieder zu überzeugen, daß die Situation immer noch unter Kontrolle war und daß das, was wir erlebten, vielmehr ein taktisches Manöver als eine strategische Kehrtwendung war. Dies wurde durch eine meisterhafte Nutzung der Möglichkeiten in den Medien erreicht, die von der Führung der Neuen Weltordnung und deren Unterstützem zugestanden wurden. Ein altes Verbot, sich mit Sinn Fein zu treffen oder deren Mitglieder im Fernsehen und Radio zu interviewen, wurde aufgehoben. Die Sinn Fein-Führung wurde regelmäßig fotografiert, wenn sie sich mit mächtigen Leuten und Politikern traf. Unterstützer und Unterstützerinnen, die in jeder erdenklichen Art an die Kälte der Isolation gewöhnt waren, konnte diese scheinbare Annäherung leicht fehlinterpretieren. Republikanische Apparatschiks brachten ihre Anhängerschaft dazu zu glauben, daß Washington Sympathien für den irischen Republikanismus hegte und daß Gerry Adams tatsächlich Entscheidungen im Weißen Haus beeinflussen könne. Beispielsweise gab es einen sehr öffentlichen Streit zwischen dem britischen Premierminister und dem Oval Office, als John Major forderte, daß Gerry Adams ein Visum zum Besuch in den USA verweigert werden solle. Als die Vereinigten Staaten dann scheinbar Major ignorierten und das Visum ausstellten, schien es für viele Republikaner und Republikanerinnen, daß die Parteimanager tatsächlich mit ihren Verlautbarungen Recht hatten. Es gab sowohl zu Hause als auch im Ausland eine gründlich in Szene gesetzte (und gefilmte) Serie von Treffen und Ereignissen, die dazu beitrugen den Eindruck zu erwecken, Sinn Fein sei ein sehr wichtiger Akteur auf der nationalen und internationalen Bühne. Als Resultat all dieses Manövrierens war Sinn Fein in der Lage, ihre Unterstützer und Unterstützerinnen zu überzeugen, daß die politischen Gezeiten unwiderruflich zu ihren Gunsten verliefen und daß man nur noch abwarten müsse. Sinn Fein hat nunmehr in bezug auf das lange beibehaltene Parteiprogramm jedoch eine Kehrtwendung vollzogen und ist keine revolutionäre Partei mehr, sondern hält vielmehr die momentane Globalisierung des Kapitals aufrecht. Die Sinn Fein-Führung hat ihre Zustimmung zur Union zwischen Großbritannien und Irland gegeben, so lange die pro-britische community dies wünscht. Sie hat inzwischen einer Beteiligung in einem nordirischen Parlament zugestimmt, das London gegenüber verantwortlich und dem internationalen Kapital gefügig ist. Ihr findet das vielleicht unglaublich, aber zur Verteidigung riskiere ich es, mir das Mißfallen meiner Gastgeber und Gastgeberinnen zuzuziehen, und erinnere sie daran, daß Irland nicht das einzige Land auf der Welt ist, in dem geschickt inszenierte Öffentlichkeitskampagnen ansonsten vernünftige Leute ablenken können. Aus dem bisher gesagten könnt ihr zweifellos entnehmen, daß ich kein Bewunderer der gegenwärtigen Befriedung in Irland bin. Nichtsdestotrotz ist es sehr wichtig festzustellen, daß weder ich, noch mein Kollege, Dr. Anthony McIntyre, eine Rückkehr zum bewaffneten Kampf befürworten. Noch sind wir prinzipielle Gegner von Verhandlungslösungen. Für irische Republikaner und Republikanerinnen wäre unter den gegenwärtigen Bedingungen die Waffengewalt vollständig kontraproduktiv. Zudem würden nur die Verantwortungslosen und Verrückten eine Konfliktlösung durch Krieg einer solchen durch Verhandlungen vorziehen. Wir würden allen, die die Möglichkeit einer Verhandlungslösung untersuchen, sagen, daß aus der irischen Situation etwas gelernt werden kann. Angesichts unserer Erfahrung und Beobachtung der Situation in Irland würden wir nahelegen, daß einige der in Betracht zu ziehenden Hauptfaktoren die folgenden sind: Ihr solltet euch nicht durch die Vergangenheit gezwungen sehen, die Beendigung einer erfolglosen militärischen Kampagne zu verweigern. Ihr müßt jedoch vollkommen ehrlich und offen gegenüber allen euren politischen Aktivisten und Aktivistinnen sowie Unterstützen! und Unterstützerinnen sein und ihnen die Möglichkeit geben, genau zu wissen, was die Parteiunterhändler machen und beabsichtigen zu machen. Ihr solltet euch über die allgemeinere internationale Politik im klaren sein und erkennen, daß ausländische Förderer selten unparteiisch oder altruistisch sind. Ihr müßt verstehen, daß Euer Einfluß auf eine Situation nicht immer gleich ist. Das ist im Hinblick auf bestimmte essentielle Zugeständnisse, wie die Freilassung von Gefangenen oder die Rückkehr von Exilanten, wichtig. Dir solltet die Logik der Trägheit verstehen. Wenn euer Gegner das Spielfeld beherrscht, ist die Zeit eher auf seiner, denn auf eurer Seite. Es ist sehr wichtig zu wissen, daß allein die Beendigung des Krieges nicht heißt,daß Ihr an der anschließenden Verhandlungslösung teilnehmen müßt. Es ist besser, eine Niederlage einzugestehen und sich zurückzuziehen als sich an der Zerstörung eurer eigenen Ziele zu beteiligen. Bevor ich zum Ende komme, möchte ich euch noch eine absolut unschätzbare Botschaft da lassen. Vergeßt niemals, daß am darauffolgenden Tag und für eine nächste Generation die Sonne immer wieder aufgeht.