RFID - ein Wort das wir noch öfter hören werden.
Radio Frequency Identification
Technologiestudien gehen davon aus, dass spätestens 2010 RFID-Funkchips (Radio Frequency Identification) die heutigen Barcodes ersetzt haben werden. Ein solcher Chip enthält einen elektronischen Produktcode, der lang genug ist, um weltweit jeden Gegenstand eindeutig zu identifizieren. Sobald ein RFID-Lesegerät ein Funksignal abgibt, antworten in der Nähe befindliche Chips, indem sie ihre Daten über mehrere Meter hinweg übermitteln.
Die Bielefelder Datenschützergruppe Foebud hat durch Zufall RFID-Chips in der Payback-Kundenkarte einer Metro-Stores gefunden. Wer den Markt aufsucht, muss an zwei großen Antennen vorbei gehen, und ein Computer könnte auslesen, wer den Laden betreten hat, was und wann eingekauft wurde. „Technisch ist es möglich, dass die Kunden des Metro Future Stores „Extra-Supermarkt“ in Rheinberg ausspioniert werden, ohne dass sie es merken,“ so die Datenschutzgruppe gestern in Bielefeld.
Zur Metro-Gruppe gehören u.a. die Kaufhauskette Galeria Kaufhof, der Discounter Real, der Heimwerkermarkt Praktiker, und die Elektronikmärkte MediaMarkt und Saturn. Die Payback-Karten des Future-Store werden bereits jetzt von den Kunden in anderen Payback-Partner-Unternehmen eingesetzt.
Bedenklich stimmt die Verbraucherschützer, dass der Metro-Konzern versucht
habe, die Öffentlichkeit zu täuschen. Nachträglich hätte
der Großhändler kleine Hinweisschildchen an ein DVD-Regal angebracht,
mit denen auf den Chip in der Payback-Karte hingewiesen wird. Man sei behaupteten
worden, dass diese Hinweise dort schon „seit einiger Zeit“ gehangen
hätten. Die Datenschützer meinen mit Fotos beweisen zu können,
das sich die Warnhinweise zuvor nicht an dem Regal befunden hätten.
Foebud wertet dies als Hinweis darauf, dass sich die Metro-Vertreter über
die Brisanz dessen im klaren sind, Kunden heimlich mit Schnüffelchips ausgestattet
zu haben.
LETZTE MELDUNG vom 27.3: Metro zieht RFID-Karte zurück
In der Auseinandersetzung um den Einsatz der RFID-Technologie Future-Store von
Metro konnten die Bürgerrechtler und Datenschutzaktivisten einen Teilerfolg
erzielen. Wie die Metro AG heute mitteilt, wird der Konzern eine Forderung der
Kritiker erfüllen und 10.000 Payback-Kundenkarten austauschen lassen, die
einen RFID-Chip enthalten. Stattdessen werden die Kunden in den nächsten
Wochen Karten ohne solche Chips erhalten.
(erstmal...die konzerne werden sich diese chance bestimmt nicht auf dauer entgehen
lassen sondern nur ein bißchen warten bis wieder andere themen aktuell
sind... meint jedenfalls die redax)
EXTRA ZUKUNFT für alle: die EXTRA FUTURE CARD?
Berichte der Gruppe Foebud:
Als wir am Sonntag, 1.2.2004, während des Vortrags „Public Domain“ von Katherine Albrecht (Boston, USA) eine Kundenkarte des Metro-Future-Stores in Rheinberg, auf unser RFID-Lesegerät legen, erscheint zu unserer Überraschung eine Identifikationsnummer. Mit dem Auslesen so eines Schnüffelchips könnten Kunden theoretisch eindeutig identifiziert werden, schon beim Betreten des Ladens. Und alle Einkäufe eines Kunden sind damit ebenfalls verknüpfbar - der gläserne Kunde, berührungslos per Funk ausgelesen? Technisch inzwischen möglich.
Am Montag vormittag legen wir die Future-Store-Payback-Karte unter ein Röntgengerät: Eindeutig sind Schnüffelchip (rechts unten) und Antenne (die Streifen, die rechteckig um die Karte herumlaufen) zu erkennen.
Deutlich: „Die deutschen Kundinnen und Kunden sind Versuchskaninchen für die ganze Welt.“ Mit diesem Satz überrascht die Amerikanerin Katherine Albrecht die Besucher der FoeBuD-Veranstaltung im voll besetzten Bunker Ulmenwall am Sonntag, 1.2.2004. Der Metro Future Store in Rheinberg bei Duisburg war das Beispiel für ein „erfolgreiches Test-Projekt“ zur globalen Einführung der Schnüffelchips (RFIDs - Radio Frequency IDentification Tags) bei einer Fachtagung Mitte Januar 2004 in New York. „Die Deutschen sind technisch interessiert und aufgeschlossen und haben deshalb keine Berührungsängste mit RFIDs,“ hieß es dort.
Überraschend: Als Katherine Albrecht auf Einladung des FoeBuD am Samstag vor dem Vortrag den Metro Future Store besucht, bietet sich ihr ein anderes Bild: „Die deutschen Kundinnen und Kunden wissen gar nicht, was dort im Future Store wirklich passiert“, ist ihr Fazit. „Die Hinweise auf RFID-Etiketten im Future-Store sind nicht ausreichend - und über die Risiken für die Privatsphäre wird nirgendwo ein Wort verloren.“
Unmöglich: Am Ende der Führung zeigen die Metro-Vertreter ihr und den anderen FoeBuD-Mitgliedern den sogenannten „Deaktivator“, ein Gerät, das angeblich die Schnüffelchips in den Preisetiketten außer Kraft setzen soll. Als sie den Apparat betätigt, wird nur ein Teil der Informationen gelöscht - der eigentlich „gefährliche“ Teil, die eindeutig nur für diesen einen Schnüffelchip individuell vergebene Nummer, ist nicht gelöscht worden. „Das geht technisch auch gar nicht“ erklärt ihr ein Metro-Vertreter, „diese Nummer können wir nicht überschreiben, sie ist vom Hersteller vergeben. Aber diese Nummer ist auch mit keiner unserer Datenbanken vernetzt.“ Ein FoeBuD Mitglied fragt, wann denn diese Nummer vernetzt werde - die Metro-Vertreter geben keine Antwort. „Wir haben hier ein echtes Problem. Diese Chips werden nicht zerstört, sie werden nur schlafen geschickt. Und man kann sie jederzeit wieder aufwecken“, ist Katherine Albrecht überzeugt.
Wo Daten anfallen und gesammelt werden,
werden Begehrlichkeiten geweckt
Interview mit Cyberrights-Aktivist padeluun über RFID-Funkchips im Handel
Internationale Verbraucherschutz-undBürgerrechtsorganisationen wiesen jüngst in einem gemeinsamen Positionspapier auf die Gefahren für Privatsphäre und Bürgerrechte hin, die durch RFID-Etiketten entstehen können. Für Telepolis sprach Christiane Schulzki-Haddouti mit padeluun vom Bielefelder Verein Foebud e.V., dem Unterzeichner des Positionspapiers sowie Organisator des deutschen Big-Brother-Preises. Erst vor kurzem erhielt der Foebud-Verein von der Stiftung "Bürgerrechte in der digitalen Gesellschaft" 15.000 Euro zur Realisierung eines RFID-Lesegeräts für Bürger zugesprochen.
RFID-Chips ermöglichen den Einkauf in einem Supermarkt ohne Kassen. Was
ist bedenklich daran, wenn Diebstähle so verhindert werden?
padeluun: Damit werden Diebstähle doch überhaupt erst ermöglicht:
Datendiebstähle. Das Unternehmen spart Personal. Ich werde im Gegenzug
meiner Privatsphäre beraubt. Unternehmen verwenden die geraubten Daten,
um mir noch effektiver, mit immer weniger Gegenleistung und Vielfalt mein Geld
aus der Tasche zu ziehen. Das geht bis hin zur Preisdiskriminierung.
Nennen Sie ein Beispiel für eine solche Preisdiskriminierung.
padeluun: Die alleinerziehende und berufstätige Mutter mit drei Kindern
bezahlt im Supermarkt in der Nähe einen höheren Preis, als der Single
mit Auto und hohem Einkommen. Der Grund ist klar: Wenn ich meine Kunden kenne,
dann weiß ich auch, dass jene Mutter einfach nicht genügend Zeit
hat, den Laden am anderen Ende der Stadt aufzusuchen und dort einzukaufen. Also
kann ich ihr mehr Geld für den selben Artikel abnehmen.
Wie könnten Supermärkte den Informationsfluss transparenter gestalten?
padeluun: Sie müssen ihre Karten auf den Tisch legen. Wenn RFID-Tags auf
dem Weg vom Lager zum Warenregal zum Beispiel schon zerstört werden, gibt's
kein Problem mit dem Datenschutz. Möchte ich sie gerne noch am Kassensystem
zur Preisermittlung oder zum Diebstahlschutz auswerten, dann muss ich dafür
sorgen, dass meine Kunden wissen, dass sie im Laden nicht "getrackt"
werden. Dies wäre am besten mit Gesetzen zu regeln, die nicht durch seichte
"Einverständniserklärungen" gleich wieder ausgehebelt werden
können.
Wie könnten Kunden den Informationsfluss selbst kontrollieren?
padeluun: Ich könnte mir die Pflicht für Unternehmen vorstellen, ihre
Datenbanken zu öffnen, so dass bei jedem RFID-Tag nachgeschaut werden kann,
zu welchem Artikel es gehört. Wir selber arbeiten zur Zeit an einem kleinen
Gerät, das den Menschen die Möglichkeit gibt, versteckte Tags und
Lesegeräte aufzuspüren. Ein Unternehmen, das solche Techniken einsetzt,
müsste sich verpflichtet fühlen oder verpflichtet werden, solche Geräte
seinen Kunden kostenlos zur Verfügung zustellen.
In welchen Fällen sollte der Staat den Einsatz von RFID-Funkchips regeln?
padeluun: Überall da, wo einem Unternehmen, das ethische Prinzipien achtet,
Nachteile dadurch entstehen, wenn andere Unternehmen diese Prinzipien außer
acht lassen. Ich halte verpflichtende und bei Verstößen mit Strafen
bewehrte Regulierungen für wichtig. (die idee, dass es reicht, wenn der
staat uns mit ein paar gesetzen vor den allerbösesten konzernen schützt,
halte ich für ziemlich naiv. der säzzer)
Wie stellen Sie sich das Einkaufen im Jahr 2010 vor?
padeluun: Der BigBrotherAward 2003, den wir jährlich verleihen, ging dieses
Jahr an die Metro AG für ihr "future store project". Wir haben
für die Verleihung eine Laudatio zum Thema verfasst, die diese Visionen
genau beschreibt. Ein Beispiel: "Marion Z. bekommt einen Bußgeldbescheid
der Stadt Duisburg. Das Papier eines von ihr gekauften Mars-Riegels wurde im
Ententeich des Stadtparks gefunden. Marion Z. grübelt und kommt darauf,
dass sie den Riegel einem Kind beim Martinssingen geschenkt hat. Zähneknirschend
zahlt sie 10 Euro Bußgeld."
Dies würde eine umfassende Zusammenarbeit privater und öffentlicher
Institutionen sowie eine Massendatenhaltung voraussetzen. Können Sie das
erläutern?
padeluun: Wo Daten anfallen und gesammelt werden, werden Begehrlichkeiten geweckt.
Im Zuge des "Kampfes gegen den Internationalen Terrorismus" werden
dann nicht nur Gesetze gemacht, die das präventive Speichern aller Kommunikationsdaten
erzwingen, sondern dann wird es noch das "RFID-Durchleite-, Speicher- und
Auswertegesetz" geben. Das mag absurd erscheinen. Bei den Big-Brother-Awards
haben wir jedoch die Länder Bayern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und
Thüringen auszeichnen müssen, unter anderem, weil sie die Vorratsdatenspeicherung
beschlossen und verabschiedet haben (Thüringen), oder sie, soweit es absehbar
ist, unaufhaltsam verabschieden werden. Das sind Armeen von Nachtigallen, die
da trapsen.
Wie könnte denn die RFID-Technik im Sinne der Bürger beherrscht werden?
padeluun: Was den Leserinnen und Lesern hier jetzt vielleicht ein Lächeln
abringt, ist nur ein kleiner Teil des drohenden internationalen Konsumterrors.
Wir haben uns zusammen mit unseren amerikanischen Schwesterorganisationen intensive
Gedanken gemacht, wie wir dem undurchdachten Aktionismus der Beratungsunternehmen
und den von ihnen abhängigen Großhändlern eine positive Vision
entgegensetzen können. RFIDs - das möchte ich betonen - können
wie viele Errungenschaften der EDV und Vernetzung ein Segen sein. Wir sollten
deswegen aber vermeiden, dass wir uns eine weitere Hölle auf Erden schaffen.
Christiane Schulzki-Haddouti
03.12.2003
www.heise.de/tp
Sicher und überwacht
Schüler, Lehrer und Laptops werden in einer US-Schule mit RFID-Chips kontrolliert
Letztes Jahr hatte die private Enterprise Charter School in Buffalo ihre Türen geöffnet. Den 450 Schülern wird nicht nur das "innovative" projektbasierte Unterrichtskonzept, Ausbildung in nicht-gewalttätiger Konfliktlösung und ein längeres Schuljahr mit längeren täglichen Unterrichtszeiten angeboten. Gary Stillman, der Direktor, ist auch technisch innovativ und nutzt RFID-Chips, um Lehrer, Schüler und bestimmte Gegenstände zu überwachen.
Seit letztem Monat sind die RFID-Chips in Gebrauch. Ausgestattet mit einer winzigen Antenne wird die im Chip gespeicherte ID-Nummer von einem Scanner, der sich in der Nähe befindet, abgelesen. Der Chip benötigt selbst keine Energie.
Mit den Chips wurden nicht nur Gegenstände wie Bibliotheksbücher oder Laptops ausgestattet, sondern auch alle Schulangestellten und Schüler. Die müssen sowieso schon eine Plastikkarte um ihren Hals mit Foto, Name und Klasse umgehängt haben, auf der sich nun auch noch der RFID-Chip befindet. Es ist dasselbe Modell, den auch das Pima County Gefängnis in Arizona für die 1.600 Gefangenen benutzt. Auch US-Soldaten haben diese Chips von Texas Instruments, ebenso wie Besucher des Themenparks Magic Waters in Illinois. So nähern sich Schüler, Lehrer, Soldaten, Touristen und Strafegefangene im Panoptikum an ( Wunderwaffe gegen Diebstahl: Das Ende vom Anfang oder der Anfang vom Ende?).
Wenn Schüler und Lehrer zur Schule kommen, müssen sie sich schon am Eingang über den RFID-Chip identifizieren. Aus Privacy-Gründen hat die Firma Intuitek, die das Sicherheits- und Kontrollsystem installiert hat, die Reichweite der Chips angeblich auf 50 Zentimeter beschränkt, um ein heimliches Ablesen aus der Distanz zu verhindern. Damit die Chips abgelesen werden können, müssen die Betroffenen jetzt noch einen Touchscreen-Computer am Eingang bedienen. Wenn der Chip abgelesen wird, erscheint auf dem Bildschirm ein Foto des Schülers, der dann den Eintritt in die Schule noch bestätigen muss. Die Chips der Mitarbeiter gewähren zudem den Zutritt zu verschlossenen Räumen.
Das sei nicht anders, so Intuitek-Direktor Straitiff gegenüber Wired, als wenn die Schüler einen Ausweis vorzeigen oder eine Karte einlesen lassen müssten. Zudem würde man für die mit den ID-Nummern verbundene Datenbank verschiedene Kennworte benötigen, um Daten des Schülers über Bibliotheks- oder Cafeteria-Benutzung, über seinen Gesundheitszustand, seine Anwesenheit oder seine Leistungen abrufen zu können.
Stillman beabsichtigt, das RFID-Überwachungsprogramm noch zu erweitern. Man könne vielleicht auch kontrollieren, ob die Schüler (oder Lehrer) pünktlich zu jeder Stunde kommen und feststellen, wann sie den Schulbus verlassen oder ihn besteigen. Möglichkeiten gibt es noch viele, Bedenken aber auch. So bereitet das Buffalo-System für den Sicherheitsexperten Richard Smith die Kinder für die "Schöne neue Welt" vor, "in der sie sieben Tage die Woche 24 Stunden am Tag im Namen der Sicherheit überwacht werden."
Florian Rötzer 24.10.2003
www.heise.de/tp