| aus: www.woz.ch Serie (Teil 6): Lotta Suter |
![]() |
Im Überlebenskampf der US-amerikanischen Zivilisation ist die Natur noch heute ein Grenzland: das Wilde, das technologisch gezähmt und wirtschaftlich nutzbar gemacht werden muss.
«Wir sind nicht der Ansicht, dass ein be-rechtigter Anspruch auf einen
so weitläufigen Kontinent besteht, wenn weiter keine Bear-beitung und Verbesserung
der Millionen Morgen Land vorgenommen wird als etwas Zeuselei zum Zeitvertreib»,
sagten die Meinungsführer der europäischen Siedler in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts und brachten die Agrikultur der Indianer, die für
sie bloss Wildnis war, mit Gesetz und Gewehr in ihren Privatbesitz. Sie begannen
eine Landnahme, die bis heute andauert.
«Mittlerweile sind wir in ferne Gegenden und bis auf
den Mond vorgedrungen _ mit immer demselben hochtrabenden Pathos der Eroberer
und mit derselben Mischung aus Schwärmerei und Habgier», schrieb der
Dichter, Ökologe und Bauer Wendell Berry in den _ vergleichsweise _ rot-grünen
siebziger Jahren. Berry hätte auch noch die Furcht als Handlungsmotiv der
alten und neuen Pioniere nennen können: die Angst vor Kontrollverlust,
die neben Profit-maximierung und Technologiegläubigkeit den Umgang mit
der ungezähmten Natur am meisten zu bestimmen scheint.
In den Toiletten des Naturfreundehauses in den White Mountains, in dem ich des
Öfteren übernachte, sind Warnschilder und Ver-haltensregeln für
das «Outdoors» angebracht, als ob einen gleich draussen vor der Tür
der unerbittliche Überlebenskampf gegen die Elemente erwartete. Unterkühlung!
De-hydration!! Erschöpfung!!! Orientierungs-verlust!!!! Eine Tourenverantwortliche
will mich an dem feuchten Herbstmorgen erst gar nicht ins Freie lassen, weil
ich Jeans statt vollsynthetische Trekkinghosen anhabe. Und sind auch bestimmt
zwei Flaschen Wasser eingepackt? _ Meine Expedition ist halb so wild. Ich will
bloss in der nächsten Umgebung spazieren, zwischen eiszeitlichen Granit-brocken
einem Bergbach entlanggehen, der in ein verwunschenes Seelein, den Lost Pond,
mündet. Ich will die tiefroten Ahornbäume und die blassgelben und
goldbraunen Birken sehen, die im grauen Nieselregen intensiv und gleichsam von
innen heraus leuchten. Diese exotisch schöne Landschaft bedeutet mir eher
Heimat denn Gefahr
.
Bei der Ansiedlung in einem neuen Milieu würden migrierende Spezies hauptsächlich
durch drei evolutionäre Kräfte bestimmt, schreibt der Australier Tim
Flannery in seinem Buch «The Eternal Frontier» («Die ewige Grenze»),
einer ökologischen Geschichte Nordamerikas und seiner Völker. Wirksam
seien erstens der Gründerimpetus, dann die ökologische (und soziale)
Freisetzung und schliesslich die Adaption an die neue Heimat. Der Prozess gleiche
der Flugbahn eines Pfeils: Abschuss aus dem Bogen, schneller Aufstieg bis zum
Zenith und ruhiger Fall zurück zur Erde. Im Fall der Einwanderernation
USA erweist sich, gemäss Autor Flannery, die Verfassung als erstaunlich
dauerhaftes Gesellschafts-fundament; die soziale und ökologische Freisetzung,
vermittelt durch die «frontier»-Ideologie, sei die stärkste und
dynamischste Kraft in der neueren Geschichte. Doch weil Nordamerika ein so reiches
und grosses Land sei, hätten sich die europäischen Zuwanderer ihrer
neuen Umwelt noch kaum anpassen müssen. «Wir Amerikaner bewundern
jeden, der aus der Wüste einen Garten machen kann», sagte Präsident
Richard Nixon in den siebziger Jahren. Und heute noch werden im heiss-trockenen
Südwesten der USA neue grosse Siedlungen gebaut, Millionen von Häusern
mit grünen Vorgärten und klimatisierten Räumen. Und: Ihr gigantischer
Wasser- und Energie-bedarf wird noch übertroffen durch die intensive Agrarindustrie
in diesen wüsten-ähnlichen Regionen. Ökologisch gesehen hat die
US-Gesellschaft bis heute keine diverse und an die nordamerikanischen Umweltbe-dingungen
angepasste Lebensweise finden können. «Das ist erst möglich»,
schreibt Flannery, «wenn es kein Grenzland mehr gibt, wenn die Eroberung
abgeschlossen ist.»
Bis dahin gilt in den USA die ideologische Aufteilung der Umwelt in das Unberührte
und das Gemachte. Natur pur versus Traum von der Technik. Seit dem 19. Jahrhundert
wird das Land _ die Erde, die Bäume und das Wasser _ zum umfassenden Warenangebot
modifiziert, wie ein weiteres aktuelles Buch über die Rolle der Natur in
der Geschichte der USA darlegt: «Down to Earth» hat der Umwelthistoriker
Ted Steinberg seine Bestandesaufnahme genannt. Die Pioniere mögen in der
Neuen Welt nach Gold und anderen Bodenschätzen gesucht haben, schreibt
er, gefunden haben sie in erster Linie eine biologische Schatzkammer. Sie sicherten
sich und ihrer Wirtschaft einen aus-serordentlich grossen Anteil am Naturkapital
der Erde _ auf Kosten des Landes und der einheimischen Bevölkerung von
Nordamerika sowie der in- und ausländischen Arbeitskräfte. «Zuerst
haben wir Menschen zu Niggern gemacht, und jetzt versklaven wir die ganze Welt»,
kommentiert der oben bereits zitierte Wendell Berry.
Es ist in der Tat eindrücklich, wie symbiotisch die verschiedenen
Ausbeutungsextreme von Mensch und Natur _ die Sklavenhaltung und die bodenfressenden
Baumwollplantagen des Südens sowie die Textilmonokultur des Nordens _ vor
gut zweihundert Jahren zusammenspielten. Das entstehende Agro-business, die
zunehmende Separation von Produktion und Konsumation, verbarg die enormen sozialen
und ökologischen Kosten dieser Wirtschaftsweise vor den Endver-braucherInnen.
Und heute, im 21. Jahrhundert, ist die Ignoranz der Durchschnitts-amerikanerInnen,
was die Herkunft ihrer Nahrungsmittel anbelangt, fast komplett. Die farbenfrohen
Cereals und TV-Dinners, die Chips und Snacks haben so viele Stationen der Verarbeitung
hinter sich, dass sich ihre Bestandteile kulinarisch beim besten Willen nicht
mehr ausmachen lassen. Die Zutaten-angabe liest sich wie Chemie-Rap. Und die
meisten KonsumentInnen nehmen das hin. Sie fürchten sich eher vor der «Natur»
im Essen. Denn jedes Jahr erkrankt etwa ein Viertel aller AmerikanerInnen an
Lebensmittelvergift-ungen, vor allem durch verdorbenes Fleisch, für über
5000 Menschen pro Jahr endet die Erkrankung tödlich. Schuld daran ist natürlich
nicht die Natur an sich, sondern menschliche Misswirtschaft: An vorderster Stelle
stehen die seit Upton Sinclairs berühmter Reportage aus Chicagos Schlachthäusern
(«Der Dschungel», 1906) unverändert katastrophalen Verhältnisse
bei der Fleischproduktion und Verarbeitung.
Die Expansion der Baumwollplantagen im 19. Jahrhundert vertrieb die Indianer
westwärts, über den Mississippi in die Grossen Ebenen, wo das Klima
für ihre Lebensweise weitaus ungünstiger war. Aber auch von dort mussten
sie wieder weichen, weil weisse Siedler, ermutigt durch die Fertigstellung der
trans-kontinentalen Eisenbahn 1883, dort gross-flächig Weizen anbauten
oder Rinder wei-deten. «Brotkorb der Welt» wird der Mittlere Westen
oft genannt, und der in alle Welt exportierende Farmer aus Kansas oder Iowa
versteht sich bis heute als prototypischen Einzelgänger und Naturburschen.
Doch ohne massive staatliche Subventionen hat die monokulturelle Landwirtschaft
in dem zu extremen Schwankungen neigenden Klima nie überleben können.
Je spezialisierter die Nutzung der Natur, desto verletzlicher ist sie bei plötzlichen
Änderungen in der Umwelt wie Trockenheit, Wärme, Kälte. Der Boden
wird schneller ausgelaugt und anfälliger für Seuchen aller Art. Um
den Ertrag zu halten, braucht es immer mehr Düngemittel. Und unglaubliche
Mengen Pestizide: Zwischen 1949 und 1968 ist deren Verbrauch in den USA jährlich
um 168 Prozent gestiegen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Umweltverschmutzung aus Industrie, Agro-business
und dem autozentrierten American Way of Life so dramatisch an, dass sich einzelne
besonders verseuchte Flüsse in den USA spontan entzündeten. 1969 brannte
der Cuyahoga River in Ohio ein spektakuläres zweites Mal; jetzt endlich
war die Zeit reif für einen «Clean Water Act», ein Paket von
langfristig ziemlich wirksamen Umwelt-gesetzen, die erst dreissig Jahre später
durch den Ölbaron George W. Bush wieder infrage gestellt werden sollten.
In Washington zanken sich heute eine Hand voll Grossunternehmen, voran die französische Firma Vivendi, um den Wassermarkt der USA. Denn erstaunliche 85 Prozent der Wasser-versorgung, die _ abgesehen vom geschmacklich penetranten und möglicherweise karzinogenen Chlorzusatz _ zufriedenstellend und vor allem kostengünstig funktioniert, sind unter staatlicher Kontrolle. Doch Interes-senkonflikte um die kostbare Naturressource sind so alt wie das Kolonisierungsprojekt selber.
Als die Europäer 1860 im Owens River Valley in Nordkalifornien
ankamen, betrieben die Paiute-Indianer dort bereits erfolgreich ein von den
Spaniern übernommenes Bewässer-ungssystem. Doch die weissen Siedler
bean-spruchten die Wasserrechte für sich selbst. Mindestens 150 indigene
Männer, Frauen und Kinder wurden in diesem ersten Kampf ums Wasser getötet.
Die Eindringlinge machten sich auf dem Land breit und nutzten die Bewässer-ungssysteme
der Indianer für die eigenen Felder. Noch in der gleichen Generation allerdings
begann die schnell wachsende Wüstenstadt Los Angeles, die Owens-Pioniere
quasilegal zu enteignen und das dringend benötigte Wasser für sich
umzuleiten. Eine lange Auseinandersetzung begann, Aquädukte wurden gesprengt,
Wasserwerke zerstört
Um 1970 war das Tal so heruntergekommen, dass
alkalische Erde, die der Wind vom aus-getrockneten Boden aufwirbelte, die Gesund-heit
der BewohnerInnen gefährdete. Die Zerstörungen gingen weiter, aber
der öko-logische Kampf um das Wasser war im Owens Valley, wie andernorts
auch, verloren.
In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts folgten in den USA bloss noch zwei
Prozent aller Bäche und Flüsse ihrem natürlichen Verlauf. 2,5
Millionen Dämme im ganzen Land dienten hauptsächlich der Produktion
von Elektrizität. Und das reichte immer noch nicht. Doch Männer wie
Steve Reynolds, ein Ingen-ieur aus New Mexico, der sein Leben damit verbracht
hatte, den dürren Südwesten der USA in ein grünes Suburb zu verwandeln,
geben nicht so schnell auf: Wie wäre es mit Mikrowellen-Satelliten, die
Energie aus dem Weltraum zurück zur Erde beamen? «Wir sollten das
All im Auge behalten», sagt dieser ewig junge Pionier, «es ist unser
letztes Grenzland, und wir brauchen eine `frontier'.»
Kurz nach dem 11. September 2001 prophe-zeite der Ökobauer Wendell Berry,
dass an diesem Tag auch der bedingungslose techno-logische und ökonomische
Optimismus der USA zusammengebrochen sei. Falsch. In Bedrängnis reagiert
die US-amerikanische Gesellschaft in der Regel nicht mit Paradig-menwechsel,
sondern mit noch mehr vom Gleichen. Vor ein paar Jahren, als die bewegungsfaulen
AmerikanerInnen immer dicker wurden, erfanden US-Nahrungs-wissenschaftler Olestra,
ein Fett, das nicht fett macht; Olestra durchlief den Verdau-ungsprozess ohne
Absorption _ und tröpfelte hinten unaufhaltsam so wieder heraus, wie es
vorne eingenommen worden war. Das war kein grosser Markterfolg. Doch die Suche
nach Hightech-Lösungen für Hightech-Probleme geht weiter. Angesichts
des weltweit wachsenden Widerstandes gegen Genfood etwa hat sich ein US-Genetiker
die Methode «Exorzist» ausgedacht: Mit einem gentechnischen Verfahren
sollen bei gentechnisch veränderten Pflanzen kurz vor der Ernte alle «fremden»
Gene wieder weggeschnippelt werden _ auf dass der Konsument, die Konsumentin
ein natürliches beziehungsweise renaturalisiertes Produkt kaufen können.
Früh schon wurde in den USA ein Teil des Landes unter Naturschutz gestellt.
Yellowstone war der erste Nationalpark der Welt. Als 1872 die Erhaltung der
dortigen Naturwunder «in ihrem Urzustand» ausgerufen wurde, musste
die wichtigste ökologische Spezies des Parks, die ansässigen Indianer,
verzweifelt um ihren Verbleib in der Region kämpfen, weil die Europäer
unbedingt eine von Menschenhand unberührte Wildnis konservieren wollten.
Drei Jahrzehnte später erkannte die Northern-Pacific-Eisenbahngesellschaft,
dass die Büffel und Indianer, zu deren Niedergang sie massgeblich beigetragen
hatte, eine aus-gezeichnete Touristenattraktion darstellten, und unternahm lange
und verzweifelte Versuche der Wiederansiedlung von Mensch und Tier.
In Yellowstone ist die ökologische Balance bis heute ein Problem:
Der geschützte Elch vermehrt sich ungehindert und eliminiert die an sich
ebenfalls geschützte Espe etc. In dieser Situation wollen die einen der
Natur einfach ihren freien Lauf lassen und hoffen auf ein künftiges Gleichgewicht.
Andere wollen den Zustand vor Ankunft der europäischen Siedler konservieren
und also eine Art Indianer-Ballenberg betreiben. Und dann ist da noch die kühne
Idee, das Aussterben der Megafauna in Nordamerika vor 13 000 Jahren als Ausgangspunkt
einer ökologischen Korrektur zu nehmen und grosse Säugetiere wie Kamele,
Panther und Löwen auf dem nordamerika-nischen Kontinent einzuführen.
Als Mammut-Ersatz besonders wichtig sind in diesem Konzept die indischen Elefanten;
sie würden als Pioniere einer neuen, nachhaltigen Ökonomie über
die Grossen Ebenen stampfen.
Konservativere Geister, und die machen im US-amerikanischen Naturschutz die
grosse Mehrheit aus, klammern sich an Ursprünglichkeit als rigiden, sozusagen
ahistorischen Grundwert. Auf besagten Toiletten in den White Mountains wird
denn auch jeder Wanderer _ und jeder Wanderhund _ angewiesen, seine Notdurft
weit weg von Pfaden und Wasserläufen zu verrichten und mindestens 30 cm
tief zu vergraben sowie das WC-Papier unbedingt aus der Wildnis hinauszutragen
in die Un-Natur, wo es auf etwas Verschmutzung mehr oder weniger nicht ankommt.