reisen als risiko flüchtlingskongress in jena
Gegen Residenz-Pflicht,
Abschiebeknäste und soziale Ausgrenzung: In Jena ging am Wochenende ein zwölftägiger
Marathon-Kongress von Flüchtlingen zu Ende.
von anke schwarzer
(aus: jungle world 19/2000)
Ein weißes Kirmeszelt
steht auf dem neu gepflasterten Vorplatz der Universität Jena. Im großen Zelt
spielt aber keine Big Band auf, auch gebratene Hühnchen und Bierzapf-Anlagen
sind hier nicht zu finden. Die Kochgruppe des Flüchtlingskongresses reicht zum
Mittagessen Linsensuppe, Brot mit Aufschnitt und Mineralwasser. In den Pausen
wird Fußball oder Federball gespielt. Fast fühlt man sich wie in einem Zeltlager,
wären da nicht ringsumher die hohen Bürotürme, die glitzernden Glasfassaden
und die Stiefmütterchen, die in runden Betonfassungen wachsen. Neben dem Freizeitvergnügen
wurde aber auch hart gearbeitet: Auf einer Marathon-Tagung vom 20. April bis
zum 1. Mai diskutierten die rund 500 Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Kongresses
„Gemeinsam gegen Abschiebung und soziale Ausgrenzung“ über Strategien, sich
gegen die Menschenrechtsverletzungen bundesdeutscher Behörden zur Wehr zu setzen.
Unterstützt von dem bundesweiten antirassistischen Netzwerk kein mensch ist
illegal veranstaltete der Zusammenschluss Karawane für die Rechte der Flüchtlinge
und MigrantInnen die zwölftägige Tagung. Es war die erste dieser Art in Deutschland,
die Flüchtlinge selbst initiiert und organisiert haben. Vor allem trafen sich
dort Migranten und Migrantinnen aus Afrika sowie einige aus Lateinamerika, Asien
und dem Nahen Osten. Asylsuchende aus Osteuropa, die eine sehr hohe Zahl der
nach Deutschland Geflüchteten ausmacht, waren dagegen nur schwach vertreten.
Flüchtlinge aus über 40 Ländern tauschten ihre Erfahrungen aus und planten Kampagnen,
um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Wir alle hier repräsentieren verschiedene
Probleme, aber wir fühlen das Gleiche, so einer der Veranstalter. Und so blieben
größere Konflikte und Strategiestreitigkeiten weitgehend aus. Was einem Ziel
der Veranstaltung entgegenkommt: Man will künftig mit einer gemeinsamen, starken
Stimme in der Öffentlichkeit präsent sein.
Unter der inhaltlichen Vorgabe: Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört
referierten Gäste aus Afrika, Asien und Lateinamerika ber die Situation ihrer
Länder und ber wirtschaftliche Interessen des Nordens. Sie kritisierten die
Zusammenarbeit europäischer Staaten mit den Ländern, in denen Menschenrechte
verletzt werden - zum Beispiel mit Sri Lanka, Togo oder der Türkei. Auf eine
kritische Debatte über den westlichen Menschenrechtsdiskurs und die Instrumentalisierung
von Menschenrechtsverletzungen für die Interessen der Nato, die im Krieg für
Menschenrechte Jugoslawien bombardierte, wartete man jedoch vergebens.
Die Themen-Palette zu bewältigen und die Übersetzung in fünf Sprachen erforderte
Geduld. Für die gößrten Probleme aber sorgten die deutschen Behörden. Cornelius
Yufanyi von der Gruppe The Voice, einer der Veranstalter des Kongresses, schätzt,
dass die Hälfte der Asylsuchenden, die nach Jena kommen wollten, an ihrer Reise
gehindert wurden. Der Grund: Das Innenministerium Brandenburg hatte die Ausländerbehörden
im Land aufgefordert, die Reisen nicht zu gestatten. „Die Teilnahme liegt weder
in einem dringenden öffentlichen Interesse noch stellt die Versagung der Erlaubnis
eine unbillige Härte dar“, hieß es dort.
Auch in anderen Bundesländern wurde Asylsuchenden die Teilnahme verweigert.
Grundlage für das Verbot ist die Aufenthaltsbeschränkung, der Asylsuchende nach
dem Asylverfahrensgesetz unterliegen. Demnach dürfen sie den Landkreis, in dem
sie gemeldet sind, nicht verlassen. Nur in Ausnahmefällen erhalten sie eine
Genehmigung, um den Landkreis zu verlassen. Erst kürzlich hatte das UN-Flüchtlingskommissariat
(UNHCR) diese Residenz-Pflicht verurteilt: Die Praxis sei mit internationalem
Recht unvereinbar. Den Asylsuchenden, die ihren Landkreis ohne Genehmigung verlassen,
drohen Geldstrafen und Abschiebung. Dies bekam etwa Josemaria Jones, Asylbewerber
aus Sierra Leone, zu spüren. Weil Jones dreimal ohne Erlaubnis vom thüringischen
Wartburgkreis aus in andere deutsche Stdte reiste, um dort über das Karawane-Projekt
zu informieren, hat er nun einen Ausweisungsbescheid erhalten. Nach Meinung
der Behörde im Wartburgkreis beeinträchtigen die Reisen die öffentliche Sicherheit
und Ordnung maßgeblich. Die Ausweisung aus generalpräventiven Gründen, also
zur Abschreckung anderer Ausländer, ist nach Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
dann gerechtfertigt, wenn andere Ausländer zur Vermeidung der ihnen drohenden
Ausweisung veranlaßt werden, sich in der Bundesrepublik Deutschland ordnungsgemäß
zu verhalten.
Die Karawanen-Initiative sieht in dem Bescheid eine Drohung gegenber allen Flüchtlingen,
die sich in der Karawane organisieren und sich gegen die Bedingungen, denen
sie hier ausgesetzt sind, wehren. Die rasche Abschaffung der Reisebeschränkung
ist ein zentrales Ziel des Kongresses, da im Rahmen der Harmonisierung des Asylrechtes
in der Europäischen Union eine Ausbreitung dieser Regelung auf andere europäische
Staaten droht.
Die KongressteilnehmerInnen erwarten von einem zivilisierten, entwickelten Land
zumindest die Gewährleistung der grund-legendsten Rechte, wie das Recht auf
Bewegungsfreiheit, heißt es in einer Erklärung. Während der Tagung hat sich
ein Ad-hoc-Komitee gebildet, das Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen die
Residenzpflicht, die die Flüchtlinge als Apartheid begreifen, vorbereitet. Das
Komitee plant auch einen Marsch der Flüchtlinge nach Berlin und überlegt, juristisch
gegen die Beschränkung der Freizügigkeit vorzugehen. Die Flüchtlinge wollen
die Residenz-Pflicht vor den Europäischen Gerichtshof bringen.
In einem Abschlussmanifest haben die Beteiligten ihre Anliegen zusammengestellt:
Neben der grundsätzlichen Forderung nach offenen Grenzen kämpfen sie für einen
sofortigen Abschiebestopp und die Abschaffung aller Abschie-begefängnisse. Auch
ein generelles Recht auf Asyl und die freie Wahl des Wohnortes steht im Forderungskatalog.
Vielfältige Aktionen und Kampagnen sind zudem ins Auge gefasst worden: Die Verstärkung
der Kampagne gegen die Lufthansa, Aktionen auf der Expo in Hannover und ein
weiteres Grenzcamp, das Ende August stattfinden soll.
Für Cornelius Yufanyi war der Kongress ein großer Erfolg, aber auch eine große
Herausforderung. Über 1000 Flüchtlinge hätten von dem Kongress gehört oder seien
selbst angereist. Auch Osaren Igbinoba, ebenfalls von The Voice, ist überzeugt:
Mit dem Kongress ist die Selbstorganisation von Flüchtlingen einen großen Schritt
vorangekommen.