Mein 1.Mai in Istanbul ...
Ich war genau um halb 10 am ausgemachten Treffpunkt. Ausser Atem, aufgeregt, unausgeschlafen. Doch nichts deutete auf Aufbruch hin. Im Saal des MKM (Mesopotamisches Kulturzentrum) war die KünstlerInnenfraktion noch dabei, die letzten Feinheiten an dem mindestens 10x5 Meter grossen Transparent auszubessern. Ungefähr 2 Stunden und 5 Tee später kamen die Kinder der Folkloregruppe des MKM in kurdischen Trachten, geschmückt mit Haarbändern in der in der Türkei verbotenen Farbkombination rot-gelb-grün. Wenigstens die schienen genauso aufgeregt zu sein wie ich. Als wir nach endlosen Kilometern und Polizeikontrollen endlich die Demo erreicht und uns bis zum Hadep-Block durchgekämpft hatten, war das Transi weg. Grosse Aufregung, wildes Gefuchtel mit den Handys. Nach dem Motto „Künstler an die Front“ bahnen wir uns den Weg an die Spitze. Die Kinder schreien „1000 Grüsse nach „Imralà“ und „Es lebe der Friede!“ und erhalten Applaus von allen Seiten. Nur die Freundin neben mir murmelt was von Reformismus. Bei jeder Polizeikontrolle gerate ich mehr ins Schwitzen und bete zu irgendwelchen Göttern, mich vor der Abschiebung zu bewahren. Aber wir werden nur durchsucht, die Kinder müssen jeweils 2 ihrer 3 farbigen Bänder zurücklassen. Dafür taucht unser Transparent plötzlich auf. Es herrscht Chaos. Alle tanzen. Während wir an kleineren linken türkischen Organisationen vorbeigehen, stimmen diese Parolen über die Geschwisterlichkeit der Völker und ein freies Kurdistan an. Wir schreien „Es lebe der 1.Mai!“ auf kurdisch und türkisch und schicken 1000 Grüsse nach Imralà. Den Anfang des kurdischen Blocks bilden die Friedensmütter. Von 7-70 ist jede Altersklasse vertreten. Die …DP (Freiheits- und Solidaritätspartei) fordert Unterstützung für die Erdbebenopfer statt Geld für Waffen, die AtomkraftgegenerInnen sind gegen Atomkraft, irgendwie alle sind gegen IWF und Privatisierungen und für Frieden, wir sind gegen Todesstrafe und schicken 1000 Grüsse nach Imralà, und den radikalsten Eindruck machen die jungen Menschen hinter dem Transparent mit der alten Männerriege Lenin, Mao, Stalin usw. Die Sonne brennt, ich schwitze, alle haben gute Laune. Irgendwann ist plötzlich alles vorbei, ich habe Sonnenbrand, wir sind totmüde. Am nächsten Tag lese ich in der Zeitung, dass es landesweit im Vorfeld 366 Festnahmen gab, davon 238 in Istanbul. In Istanbul sollen 25000 Menschen und 27000 PolizistInnen an der revolutionären Feierei beteiligt gewesen sein, in Ankara kamen auf 10000 TeilnehmerInnen 5000 PolizistInnen. Besondere Erwähnung findet in dem Zeitungsartikel eine Gruppe AnarchistInnen mit ihrer Forderung „Kein Gott, kein Staat, es lebe Anarchie!“ In Diyarbakàr mußte wegen Verbot und massiver Sicherheitskräftepräsenz auf jegliche öffentliche Aktion verzichtet werden. Bemerkenswert an den recht hohen Teil-nehmerInnenzahlen ist, dass der 1.Mai seit dem Militäputsch von 1980 kein offizieller Feiertag mehr ist und die arbeitende Bevölkerung somit gar nicht teilnehmen kann. Bei der 1.Mai-Feier von 1977, bei der 34 Menschen getötet wurden, sollen sich noch ca. 500 000 Menschen beteiligt haben.