EXPO 2000: Eine Neue Welt entsteht ?!

Mit der EXPO 2000- „der ersten Weltausstellung auf deutschem Boden“- stellen die beteiligten Regierungen und Konzerne ihre Sicht der zukünftigen Welt aus und beanspruchen, die Definitionsmacht und Lösungskompetenz für die „globalen Menschheitsprobleme“ zu besitzen.
Dabei werden die eigentlichen Ursachen der gegenwärtigen Situation, wie z.B. eine kapitalistische Weltwirtschaftsordnung, Sexismus, Rassismus oder die unkritische Technik- und Wachstumsgläubigkeit, systematisch ausgeblendet oder z.T. sogar als Lösungen präsentiert. So werden z.B. Gen- und Atomtechnologie als zukunftsweisende Konzepte propagiert.

Schöne neue EXPO-Welt ?
Neben dem Versuch, mit geballtem Multimediaeinsatz a la Disneyland Werbung für ihre „Neue Welt“ zu machen, liefert die EXPO einen weiteren Impuls zur Stadtumstrukturierung: während für kaufkräftiges Publikum eine ideale Konsumatmosphäre gescharfen wird, werden Menschen, die nicht in dieses Bild passen, ausgegrenzt und vertrieben. Die EXPO steht damit beispielhaft für die Intensivierung einer Politik, die in ähnlicher Weise auch in anderen Städten stattfindet Ebenso verkörpert die EXPO die menschenverachtende „Flüchtlingspolitik“ der BRD: während an den Grenzen der BRD Einladungsschilder für die EXPO („wir feiern auf der Weltausstellung, es könnte etwas lauter werden, kommen sie doch vorbei und feiern mit“) aufgestellt wurden, werden über diese Grenzen täglich Menschen (die weder Deutsche noch Computer-spezialistInnen sind) abgeschoben. Passenderweise wird das für die EXPO gebaute Gefängnis nach der Weltausstellung als Abschiebeknast weitergenutzt.
Darüber hinaus will sich die BRD, während sie zehn Jahre „Wiedervereinigung“ abfeiert, von der Last der NS-Vergangenheit befreien und sich der Welt als eine der Führungsnationen präsentieren oder wie Birgit Breuel (EXPO-Generalkommissarin) es ausdrückte: das „Bild der Deutschen wird mit der EXPO 2000 vielfach neu bestimmt“..] Deutschland kann mit der EXPO [...] beweisen, daß es aus dem Schatten dieses Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen herausgetreten ist“.
In der Summe werden auf der EXPO die gegenwärtig herrschenden Verhältnisse (mit damit einhergehender weitweiter Ausbeutung, Armut, Unterdrückung und Umweltzerstörung) als alternativlos dargestellt. Dabei hat die EXPO eine Werbefunktion für eine neoliberale Modernisierung des bestehenden Systems. Die gravierenden sozialen und ökologischen Folgen einer solchen Modernisierung sind bereits weltweit spürbar. Hierzulande bringt dies beispielsweise die Fortsetzung von Bildungs- und Sozialabbau, in den sogenannten Entwicklungsländern bedeutet diese Entwicklung für viele Menschen schlicht die Entziehung ihrer Existenzgrundlagen.

EXPO demaskieren !
Während also die bestehenden Herrschaftsverhältnisse verschärft werden, soll das Bewußtsein dafür durch modische Modernisierungsfloskeln zum Verschwinden gebracht werden: so wird Krieg jetzt als „humanitäre Mission“ etikettiert, die verstärkte Ausbeutung von Mensch und Natur heißt jetzt „Nachhaltige Entwicklung“, rassistische Ausgrenzung ist „Innere Sicherheit“ und Imperialismus wird „globale Verantwortung“ genannt: Das Patriarchat gilt dann wohl auch als abgeschafft, wenn auch Frauen „ihren Dienst an der Waffe“ versehen dürfen.
Die EXPO mit ihren geplanten 40 Millionen BesucherInnen erfüllt in diesem Zusammenhang eine Funktion zur Akzeptanzbeschaffung für diese „Neue Welt“ in der neue Technik und freier Welthandel alle Probleme lösen sollen, wenn denn nur alle kritiklos mitmachen würden. Um die Allgemeingültigkeitsansprüche des Weltbildes der EXPO zu untermauern, werden bei der EXPO auch KritikerInnen bestehender Verhältnisse angesprochen und sollen über Integrationsangebote von GegnerInnen zu „konstruktiven“ MitarbeiterInnen gewandelt werden. Dadurch sollen die grundlegenden Gegensätze zwischen EXPO-ldeologie und emanzipatorischen Ideen und Bewegungen verwischt werden. Garniert mit einigen „Feigenblatt-Projekten und zahlreichen Showveranstaltungen ergibt das den Versuch, diese Bewegungen verbal zu vereinnahmen - faktisch aber abzuwickeln.
Auch diese Vereinnahmungsversuche stehen beispielhaft für aktuelle gesamtgesellschaftliche Entwicktungen in der immer mehr kritische Gruppierungen in das System eingebunden und gezähmt werden sollen. So dient das Eingeständnis der „Krise“ vor allem der Herstellung von Leistungs-und Anpassungsbereitschaft.
Wir werden aber nicht mitmachen ! Wir lehnen die EXPO mit ihren Zukunftsentwürfen grundsätzlich ab und werden dagegen Widerstand entwickeln.

Über die EXPO hinaus: Perspektiven entwickeln !
Neben konkreten Aktionen gegen die EXPO gilt es für die Anti-Expo-Bewegung, die EXPO zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung über Funktionsweise und Modernisierungsstrategien des gesellschaftlichen Systems zu nutzen. Darüber wollen wir erreichen, daß sich wieder mehr Leute solchen Zukunftsentwürfen, wie denen der EXPO, verweigern und diesen eigene Vorstellungen entgegensetzen. Dementsprechend verstehen wir die Anti-Expo-Aktivitäten weder thematisch noch zeitlich als „Ein-Punkt-Bewegung“. Auf der einen Seite geht es also thematisch darum, verschiedene Politikfelder zusammenzubringen und gemeinsame Anknüpfungspunkte zu verdeutlichen.
Auf der anderen Seite sehen wir die Möglichkeit, daß unsere Aktivitäten über den Zeitraum der EXPO hinaus Bestand haben und einen Beitrag zur Entwicklung von Perspektiven leisten. Dies beinhaltet Schritte zur Weiterentwicklung von eigenen Vorstellungen zu gesellschaftlichen Alternativen, Strategien zur Verwirklichung dieser Vorstellungen sowie die Bildung von organisatorischen Zusammenhängen und Vernetzungsmöglichkeiten. Insgesamt bedeutet dies, die EXPO dafür zu nutzen grundlegende Kritik an den herrschenden Verhältnissen und radikale Gegenpositionen in breiteren gesellschaftlichen Diskussionsprozessen wieder wahrnehmbarer zu machen, und diese Positionen auch noch nach der EXPO in die alltäglichen Kämpfe um unsere realen Lebensverhältnisse einbringen zu können.

Für einen vielfältigen Widerstand: EXPO angreifen !
Die EXPO bietet thematisch wie praktisch eine große Angriffsfläche, die wir nutzen sollten, um zu zeigen, daß wir auch noch da sind. Wir dürfen diese Propagandashow nicht „unkommentiert“ lassen. Dabei befürworten wir vielfältige Aktionsformen, die nebeneinander stehen können. In diesem Sinne wollen wir uns am Castorwiderstand orientieren. So rufen wir zu einer Aktionswoche vom 27.5 bis zum 4.6. in Hannover auf.
Dabei ist uns klar, daß die EXPO trotz unseres Widerstandes stattfinden wird (auch wenn sie am 1.6. wohl auf ganz andere Weise eröffnet wird als sich das die EXPO-MacherInnen vorgestellt haben...). Auch unser eigentliches Ziel - die Überwindung der globalen Macht- und Herrschaftsverhältnisse- würde durch die Verhinderung der EXPO ja nicht erreicht werden können. Aber auch der Widerstand gegen die Castor-Transporte konnte die Einlagerung von Atommüll nicht verhindern, trotzdem war der Widerstand gegen diese Transporte ein wichtiges Signal auf dem weiteren Weg zur Stillegung aller Atomanlagen und vor allem auch dafür, das wir uns unsere Ziele selbst erkämpfen müssen, statt irgend etwas „Gutes von oben“ zu erwarten.
Nutzen wir die Chancen, die uns das Großprojekt EXPO bietet, um mit unseren Aktionen ein nicht übersehbares Signal für die „Stillegung des herrschenden Systems“ setzen. Ein Signal einer Gegenmacht von unten, das zeigt, daß wir nicht bereit sind die Gestaltung der Zukunft den Entwürfen von Regierungen und Konzernen zu überlassen.

Erklärung des Abschlußplenums des 8. bundesweiten Anti-Expo-Treffens (Hannover, den 7.5.2000):