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Erlebnisbericht:

Wir machen eine Frauendemo in Oldenburg

Manche haben es vielleicht gemerkt - am Abend des 30. April 2003 gab es in Oldenburg seit langer Zeit mal wieder eine Frauendemo. Im Folgenden wollen wir versuchen für alle die nicht da waren zu erzählen wie es war und ein paar Einschätzungen und Diskussionen, die es vorher oder nachher gab, wiederzugeben. Vorweg ist es uns wichtig zu sagen, dass dieser Text nicht die Meinung des gesamten Frauenplenums wiedergibt, sondern manchmal ziemlich subjektiv ist. Wir sind zwei vom Frauenplenum, die an der Vorbereitung beteiligt waren und bei der Demo mitgelaufen sind und uns überfordert fühlen eine wirklich wahrheitsgemässe Darstellung aller Positionen rüberzubringen. Das ist aber auch gar nicht unser Anliegen, im Gegenteil hoffen wir, dass dieser Text einige anregt, ihre Sicht der Dinge darzustellen und eine tolle Diskussion ( mindestens über die Demo ) ins Rollen kommt. Aber zu erst einmal die Fakten:
Anfangs hatten wir noch grosse Zweifel, ob wir das Ganze nicht doch noch spontan abbrechen sollten, da viele auf sich warten lie§en und die Aufregung dann doch einsetzte, bei der Vorstellung, was uns in der Stadt erwarten würde. Um circa 22.30 h hatte sich, nach vielen letzen Vorbereitungen und Diskussionen, dann doch ein ziemlich bunter Haufen von 70 Frauen im Alhambra eingefunden. Dabei muss gesagt werden, dass es vor allem Frauen von au§erhalb waren, die hochmotiviert und mit viel Engagement einigen etwas Mut zurück gegeben haben. Genauso laut und bunt ging es dann Richtung Innenstadt. Was dabei sofort aufgefallen ist: Weit und breit waren keine Bullen zu sehen. Das führte auf der Amalienbrücke fast zu Komplikationen, wirkte insgesamt aber durchaus stimmungsaufheiternd. Ein weiterer Motivationsfaktor war aber auf jeden Fall auch der Spaziergang durch die Innenstadt selber. Wie zu erwarten, war alles voll mit betrunkenen, prolligen und andersgeartet ätzenden Männern. Die Demo war noch nicht ganz in der Fußgängerzone, als schon die ersten blöden Sprüche, Anmachen und Beschimpfungen kamen, was sich konsequent fortsetzte. Am heftigsten war wohl die Strecke zwischen Waffenplatz und Mottenstraße. Hier kam es auch zu körperlichen Angriffen auf Frauen in der Demo. Aber das hat eigentlich auch keine wirklich überrascht und im Großen und Ganzen haben wir uns ganz gut durchgeboxt. Auf Gepöbel wurde außerdem mit viel Wasser und Parolen geantwortet und wir waren einfach viel lauter. Inzwischen hatten die Bullen dann auch gemerkt, dass es eine Demo gibt, so dass wir ab dem Lefferseck von zwei sichtlich überforderten und zudem etwas angetrunken wirkenden Streifennasen begleitet wurden. Davor hatten wir allerdings viel Zeit einiges in punkto Stadtverschönerung zu erledigen und auch nach dem Eintreffen der Freunde und Helfer sind wir unsere Route ungehindert weiter gegangen .
Nicht vergessen werden sollte, dass es auch viele positive Reaktionen auf unsere Aktion gegeben hat, es wurden massenweise Flugblätter verteilt und ein paar Frauen haben sich uns spontan angeschlossen. Zurück im Alhambra wurde dann noch ein wenig oder ein wenig mehr gefeiert. Interessanterweise hat sich die Anzahl der Frauen auf der Disko vervielfacht..., aber dazu später.
Und was halten wir nun von dem Ganzen? Wie gesagt, wir sind überhaut nicht objektiv, trotzdem wollen wir versuchen die Meinungen im Frauenplenum darzustellen. Die gingen von „eher scheiße“ bis „super toll“, wobei sich fast alle einig waren, daß es gut war die Aktion überhaupt zu machen. Neben der Kritik an einigem organisatorischen Kleinkram, wurde festgestellt, daß die Demo im hinteren Teil wenig geschlossen war und sich dort einige eher hilflos gefühlt haben, während es im vorderen Teil, wo es feste Reihen und Ketten gab, kein Problem war, mit den teils tätlichen Angriffen einiger Männer fertig zu werden. Wären also auch noch eine Menge Bullen aufgetaucht, hätte dort hinten auch einiges nach hinten losgehen können. Gut war, daß es eine letzte Reihe gab, die alles ein bischen zusammengehalten hat, trotzdem hätten wir mehr Frauen gebraucht, die sich verbindlich um den Schutz der Seiten gekümmert hätten.
Ein anderer Punkt war, daß wir bei der Mobilisierung offensichtlich zu sehr von uns selbst ausgegangen sind, also nicht deutlich genug klargemacht haben, worum es uns geht. Dadurch gab es Missverständnisse über den Charakter der Aktion und damit Unsicherheit unsererseits wieviel Konfrontation oder Militanz von den Teilnehmerinnen mitgetragen werden würde. Für uns war klar, daß wir keine nette Walpurgisnacht-Feier machen wollten, nur um ein bischen Spaß zu haben. Wir hatten diesen Tag und Ort ausgesucht, weil gerade am Abend vor dem 1. Mai die Innenstadt eine No-Go-Area für Frauen ist, die keinen Bock haben sich scheiße anmachen oder begrabschen zu lassen. Wir wollten mit vielen genau da hingehen, wo frau alleine schon gar keinen Bock mehr hat rumzulaufen, mit vielen eine Konfrontation eingehen, die wir uns alleine nicht leisten können oder wollen. Und wir wollten eine Gegenmacht demonstrieren, andere Frauen zum Draufhauen statt Abhauen animieren. Aber das war eben wohl nicht allen klar, was eindeutig unser Fehler war. So beobachteten wir verwundert, daß sich Demonstrantinnen auf merkwürdige Diskussionen mit meist besoffenen, pöbelnden Männern einliessen, und ihnen Flugis in die Hand drückten, die anschliessend zu Papierfliegern verarbeitet wurden, das war nervig und eigentlich nicht unser Ziel. Andere waren entsetzt, ob der Möglichkeit mit den Bullen Stress kriegen zu können und waren überrascht, daß die Demo nicht angemeldet war. Letztlich denken wir, da§ wir es trotzdem ganz gut hingekriegt haben die Aktion so zu machen, da§ sie für alle tragbar war. Diese These basiert allerdings nur darauf, daß hinterher alle ganz zufrieden aussahen, viele begeistert waren und sich bisher niemand beschwert hat. Für eventuelle Kritik wären wir also ganz dankbar...
Eine weiterer Diskussionspunkt war die EA-Frage. Wir hatten zuerst einen Mann engagiert, der sich ans Telefon setzt, falls wir alle im Knast landen. Daran gab es massive Kritik. Im Nachhinein sind wir uns einig gewesen, daß es eine Scheiß-Idee war, daß sich am Telefon ein Mann meldet, auch wenn das alle vorher wissen. Den Vorwurf, daß eine Aktion, an der, egal wie, ein Mann eine unterstützende Funktion einnimmt keine FrauenLesben-Aktion mehr sein kann und frau es dann lieber ganz sein lassen soll fanden wir aber eher anmaßend, denn das ist unserer Meinung nach Ansichtssache, kann frau also so oder so sehen. Die EA-Entscheidung ist dadurch entstanden, daß wir sowieso gerade mal genug waren, um selbst alle Jobs abzudecken, die unserer Ansicht nach nötig sind, um eine Demo so durchzuführen, daß alles erfolgreich läuft und das Risiko für alle Beteiligten möglichst gering gehalten wird. Zudem war uns wichtig, daß möglichst viele auf der Straße sind und nicht zuletzt hat sich natürlich keine der Organisatorinnen darum gerissen zu Hause zu sitzen, während die anderen auf der Straße sind. Es gab zwei öffentliche (z.B. in der Alhambra-Zeitung) angekündigte Vorbereitungstreffen, zu denen aber keine Frauen aus anderen Zusammenhängen erschienen sind, so daß wir leider auch keine Aufgaben weiter umverteilen konnten. Auch hier hätten wir mehr Frauen gebraucht, die sich verbindlich...
Fest steht, daß es bei Aktionen die vom Frauenplenum des Alhambras organisiert werden, immer eine indirekte Unterstützung von Männern geben wird, denn das Alhambra ist ein gemischter Laden, in dem wir uns alle bewegen und politisch arbeiten. Es kann immer sein, daß ein Computer auf dem das Aufrufflugblatt verfasst wurde von einem Mann gewartet wird, daß ein Mann ein Transi gemalt hat, was wir auch mitnehmen, daß ein Mann das Bier für die anschließende Party rangeschafft hat, wir benutzen gemischte Zeitungen für Aufrufe. Auch hier haben wir wieder zuviel von uns auf andere geschlossen und das irgendwie vorrausgesetzt. Letztlich fänden wir es eine spannende Diskussion, wo da die Grenze gezogen werden sollte, und auch mit welcher Zielsetzung. Ist es egal, wenn ein Mann das Flugi kopiert hat, wenn das niemand mitkriegt in der Öffentllichkeit, die ich vielleicht erreichen will? Reicht es, wenn keine der teilnehmenden Frauen einem Mann begegnen muß und können die, für die das egal ist sich an einzelnen Punkten Unterstützung holen? Oder geht es ums Prinzip? Vielleicht mag sich ja mal eine dazu äußern...
Zumindest wir Verfasserinnen waren trotz alldem ziemlich begeistert von der Demo. Endlich mal wieder eine gelungene Frauenaktion in Oldenburg. Zusammenfassend: Wir waren laut, bunt, hatten wahtscheinlich genauso viel Spass wie auch Stress. Ausserdem hat alles an Reaktionen gezeigt, wie wichtig es nach wie vor ist auf die Strasse zu gehen ( und den Mackern dieser Welt ein wenig Angst zu machen ).
Enttäuschend war allerdings die recht geringe Beteiligung aus der Oldenburger „Szene“. Viele, die wir erwartet hätten dort zu sehen, weil frau sie doch auch sonst auf den meisten aus dem Alhambra-Umfeld organisierten Demos und auch Parties trifft, waren nicht da. Klar, wir wollen keiner absprechen gute Gründe zu haben nicht zu kommen, doch wäre es zumindest interessant zu wissen, warum gerade bei dieser Aktion überproportional viele es zuviel fanden zwei Stunden Zeit zu opfern. Irgendwie hätten wir gerade hier das Gegenteil erwartet, wo klar war, da§ sowieso nicht so viele kommen und jede einzelne zählt und es zudem keine Aktion war, die frau jede Woche besuchen kann. Gibt es vielleicht gar kein Interesse an sowas, fanden die nicht-Anwesenden die Demo scheiße oder war es nur nicht so wichtig, um dafür die Abendplanung sausen zu lassen? Für uns wäre es wichtig Klarheit darüber zu kriegen, ob mensch sich den Arsch aufreisst für etwas, was keine (provokative Übertreibung) interessiert oder ob alles nur Zufall war - auch so für`s nächste Mal...
Spannend war in dem Zusammenhang auch, daß kurz nachdem die Demo wieder ins Alhambra zurückgekehrt war die Massen zu strömen begannen und von uns Party-bespaßt werden wollten. Viele von uns haben lange keine so volle FrauenLesbendisco in diesem Laden mehr besucht und sich gewundert, ob all diese Frauen keinen Bock auf politische Aktionen haben und nur hier Party machen wollen oder es nicht mitgekriegt haben. Hm, ein weiteres Rätsel...
Super an der Party (die sowieso schon ziemlich toll war) war, daß hier plötzlich viele Helferinnen bereit waren Sachen zu schleppen, Theke zu machen, spontan aufzulegen,... und uns, die alle schon ziemlich hinüber waren, unterstützt haben. Nochmal Danke dafür!
Also dann, schreibt eifrig Leserinnenbriefe!

Lieselotte & Trude

Verteiltes Flugi:

Women reclaim the street

Wir sind hier auf der Straße, um gegen sexualisierte Gewalt zu demonstrieren. Ebenso müßten wir jedoch durch mindestens jedes 3. Kinderzimmer von Mädchen, durch unzählige heilige Eheschlafzimmer und viele andere private Räume gehen, in denen Vergewaltigungen und andere sexualisierte Übergriffe stattfinden. Die ständige Angst vor Übergriffen und als Sexobjekt angesehen zu werden, kommt nicht von ungefähr, weil viele Frauen und Mädchen sexualisierte Gewalt immer wieder real erfahren, was sich in ganz unterschiedlicher Form ausdrückt: Anpöbeleien, als Frau nicht unbehelligt alleine in der Kneipe sitzen können, Begrapschungen, lästige Blicke, Nachpfeifen, zweideutige Angebote und Anspielungen, Sprüche bis hin zu tätlichen Angriffen...
Gewalt beginnt dort,
wo die Opfer gedemütigt, erniedrigt und verletzt werden.
Gewalt ist das, was Frauen und Kinder als Gewalt empfinden.
Nur sie wissen, was Anmache, Beleidigung, Prügel oder Vergewaltigung bei ihnen auslöst und anrichtet.
Diese Realität ist bitter. Diese Realität macht wütend.
Wehrt Euch, greift an!
Frauen bildet viele Banden - Ziele sind genug vorhanden
Frauen, wenn Ihr Lust habt, mit uns die Straße zu erobern:
Schließt Euch uns an!
Und feiert anschließend mit uns auf der FrauenLesbenparty im Alhambra