Wirtschaftsbeziehungen zwischen
Lateinamerika und den USA


Schon im 19. Jahrhundert versuchten die USA mit einer amerikanischen Zollunion Großbritannien und andere europäische Länder aus der westlichen Hemisphäre zu verdrängen. Schon damals lehnten die lateinamerikanischen Länder dieses Ansinnen ab. Ende des 20. Jahrhunderts sehen sich die USA weltweit von zwei Wirtschaftsmächten herausge­fordert: Europa und Japan, die das neue Kräfteverhältnis im internationalen Regelwerk des Welthandels verankert sehen wollen. Die schwierigen Verhandlungen in der Uruguay-Runde, die Schaf­fung der Europäischen Union als einheitlicher Wirtschafts- und Währungsraum, aber auch die Integrationsbestrebungen in Asien stellen die Hegemonie der USA in den internationalen Handelsbeziehungen in Frage. Dabei bleibt die Siche­rung ihrer Einflusssphäre auf dem Subkontinent ihr Hauptanliegen. Dafür setzen sie wirtschaftspolitisch auf die Themen Handel, Investitionen und Schutz geistigen Eigentums. Die Auslandsverschuldung wäre aus lateinamerikanischer Sicht das weitaus wichtigere Thema. Höchste Priorität für die US-Seite aber genießt das Thema Handel, das in die Schaffung eines Freihandelsvertrags für die ganze Region (ALCA) münden soll.

In der Ausweitung der l994 in Kraft getretenen NAFTA (Freihandelszone zwischen Kanada, Mexico und den USA) auf den Rest des Kontinents sehen die USA die Möglichkeit, ihr Handelsprogramm weltweit durchzusetzen. Da sie weit von einer Kontrolle über die WTO entfernt sind, versuchen sie Koalitionen für einen besseren Ausgang in den nächsten Liberalisierungsrunden einzugehen. Deshalb erscheinen auf der Tagesordnung von ALCA wichtige WTO-Themen: Investitionen, geistiges Eigentum, öffentli­cher Sektor und Dienstleistungen; im NAFTA-Vertrag hatten die USA diese Themen in ihrem Sinne bereits verankert. So ist ALCA eine Art Brückenkopf, um die zweite Generation von Verträgen innerhalb der WTO zu gestalten. Gleichzeitig bleibt ALCA ein Instrument, um den europäischen Hinfluss in der Region einzudämmen. ALCA soll die in Lateinamerika im Vergleich zu den USA höheren Zölle senken bzw. abschaffen. Die USA selbst verfügen aber über ein kompliziertes System von nicht zollgebundenen Handelsbarrieren, das einen stabilen Zugang für Produkte aus Lateinamerika zum US-Markt verhindert. Das größte Hindernis für lateinamerikanische Exporte sind nicht Zölle, sondern Antidumping-Maßnah-men und Schadensersatzrechte. Mehr als 70 Prozent der lateinamerikanischen Waren können in die USA steuerfrei eingeführt werden. Trotz Liberalisierung im Rahmen der WTO betreiben die OECD-Länder eine Ausweitung der Antidumping-Maßnahmen und der Schadensersatzrechte. Zudem sollen langwierige Prüfprozesse lateinamerikanische Exporteure abschrecken, während derer sie höhere Zinsen zahlen müssen, bis eine Entscheidung über ihre Einfuhrrechte getroffen wurde. Allein die Drohung mit der Anwendung der „Trade Remedy Legislation“ reicht oft, um einen potentiellen Exporteur zum „freiwilligen“ Verzicht zu zwingen. Erwähnenswert ist auch der von den USA einseitig definierte Unterschied zwischen „fair trade“ und „free trade“, zwischen „gerechtem“ Preis und effektivem Preis eines Importproduktes: Komplizierte Berechnungen legen auf der Basis von lokalen Produktionskosten fest, welches der „gerechte“ Preis für ausländische Produkte auf dem LIS-Markt sein soll. Infolge dieser administrativen Hürden haben lateinamerikanische Exporteure höhere Kosten, allein 1990 ca. 25 Prozent für Textilien, Eisenwaren, Stahl, Farbfernsehen und Milchprodukte, 30 Prozent für Reis und 40 Prozent für Zucker und Bekleidung.
Artikel 301 der US-Handelsgesetze erlaubt die Anwendung von Maßnahmen gegenüber Handelspartnern aus der Region. Der US-Außenhandelsminister kann Verträge ablehnen, wenn diese nicht in Übereinstimmung mit den US-Vorschriften stehen bzw. Nachteile für das Land bedeuten könnten. Mit der Anwendung von Artikel 301 verlieren die Mandelspartner der USA auch den Zugang zum Allgemeinen Präferenzsystem, wie dies im Falle Kanadas im Bereich Fischerei, Bier- und Holzexport der Fall war. Auch Mexico hat mit der Anwendung von Artikel 301 Schwierigkeiten. Brasilien stellt vor allem bei Mikroelektronik, Pharma und Papierprodukten unter starkem Druck. l997 hat die Ankündigung von Artikel 30l gegen die argentinische Pharmaindustrie zu einem Verlust von 50 Prozent der Einnahmen durch den Ausschluss aus dem Allgemeinen Präferenzsystem gesorgt.
Für lateinamerikanische Importeure bleibt es schwierig, in die USA zu exportieren, Grund ist ein kompliziertes Netz von Normen auf Bundes-, Landes und lokaler Ebene. Nach Schätzungen wenden mehr als 44 000 Behörden ca. 89 000 Normen für Produkte innerhalb ihrer Hoheitsbe-reiche an. Weitere Antidumping-Maßnahmen sind die Exportsubventionen vor allem im Agrarbereich, die infolge der neuen Agrargesetzgebung gestiegen sind. Die USA haben unzweideutig erklärt, dass sie nicht bereit sind, Verhandlungen über Artikel 301 innerhalb der ALCA zu führen. Sie sehen darin eine innenpolitische Angelegenheit, die nicht Gegenstand von internationalen Verhandlungen sein kann. Die lateinamerikanischen Länder haben kaum Möglichkeiten, dem etwas entgegenzusetzen, falls sie weiterhin ein Interesse an der Ratifizierung eines Freihandelsabkommens mit den USA haben. Lateinamerika hat bislang innerhalb der WTO ähnlich wie die anderen Mitgliedstaaten Verhandlungen über Verträge in drei Hauptbereichen geführt: Güter, Dienstleistungen und geistiges Eigentum (GATT, GATS und TRIPs). Dabei haben die Multinationalen Konzerne, die USA, Europa und Japan mehr gewonnen als die lateinamerikanischen Länder. Die Ministerkonferenz muss sich alle zwei Jahre immer wieder mit der Tatsache abfinden, dass unterschiedliche Sektoren eklatant unterschiedlich behandelt werden: Während im Bereich Güter und Dienstleistungen die Liberalisierung mit Höchstgeschwindigkeit vorangetrieben wird, bleibt der Agrarsektor ein Tabuthema der Deregulierung. Die Ministerkonferenz ist zwar das höchste Organ, die wichtigsten Entscheidungen werden jedoch im „Grünen Salon“ des WTO-Direktors getroffen. Hier haben der Handelsbeauftragte der USA, Mister Zoellick, und der Handelskommissar der EU, Monsieur Lamy, die besseren Karten: Sie laden ausgewählte Vertreter zu Verhandlungen über ausgewählte Themen ein und setzen auf diese Weise ihre Agenda und ihre Interessen durch. Die von den USA und Europa angestrebte Liberalisierung von Investitionen wird zu einer erheblichen Einschränkung der Souveränität von Entwicklungsländern führen. Brasilien versucht als Verhandlungsführer in Genf, Erleichterungen beim Kreditzugang und insbesondere bei der Beibehaltung einer nationalen Investitionspolitik im Interesse der eigenen Entwicklungsziele zu erzielen. Die Erfolge sind mehr als bescheiden.
Von TRIPs ist in Lateinamerika insbesondere Brasilien betroffen. Es ist deswegen das einzige lateinamerikanische Land, das bislang eine aktive Rolle bei den Verhandlungen neben Südafrika und Indien gespielt hat. Jedoch widersprechen die TRIPs der Umsetzung einer vernünftigen Gesundheitspolitik in den Ländern, die Pharmaprodukte importieren müssen und nicht in der Lage sind, Forschung und Entwicklung ausreichend zu finanzieren. Die OECD-Länder besitzen ca. 97 Prozent der weltweit eingetragenen Patente; 90 Prozent sind im Besitz von multinationalen Konzernen. Die Pharmaindustrie hat mit durchschnittlich 13 Prozent im Jahr die höchste Profitrate weltweit. Ihre größten Konzerne erreichen Profite bis zu 30 Prozent jährlich. Hier ist auch die Kapitalkonzentration sehr groß: Die zehn größten Pharmamultis kontrollieren ca. 58 Prozent des Weltmarktes. Schon jetzt kann man den Einfluss dieser mächtigen Akteure bei den WTO Verhandlungen spüren: Im Vorfeld von Cancún wurden in Nachverhandlungen die in der Doha-Deklaration erkämpften Konzessionen für Entwicklungsländer in Bezug auf die Nutzung von Medikamenten aus dem Norden weitgehend verwässert: Weniger Länder werden weniger Medikamente als in der Erklärung vorgesehen zu günstigen Preisen erwerben können
Bislang haben die USA ihre Doppelstrategie gegenüber Lateinamerika sehr geschickt umgesetzt: Durchsetzung der eigenen Agenda innerhalb von ALCA und geringe Konzessionen für einzelne lateinamerikanische Länder in bestimmten Bereichen innerhalb der WTO. Grund für den Erfolg dieser Strategie ist die fehlende Koordination der Länder Lateinamerikas innerhalb der WTO. Mehr noch: In bestimmten Bereichen wie Agrarliberalisierung treten die Länder des MERCOSUR gemeinsam mit denen der Cairns Group (agrarexportierende Länder) auf. Lediglich drei kleine Länder Mittelamerikas haben versucht, koordiniert eine Sonderbehandlung zu verlangen. Eine solche Koordination wäre erstrebenswert, denn die Gemeinsamkeiten sind größer als auf den ersten Blick zu erkennen: landwirtschaftliche Ausrichtung der Produktion, niedrige Einkommen, Reichtum an strategischen Rohstoffen, starke wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA usw. So hat beispielsweise kein lateinamerikanisches Land hohe Subventionen für die einheimische Landwirtschaft. Die lateinamerikanischen Regierungen haben sich nicht ausreichend bemüht, den Abbau von Asymmetrien innerhalb der WTO als Bedingung für weitere Verhandlungen aufrechtzuerhalten. Mit den Versprechungen von ALCA als Fata Morgana haben sie sich von den USA weitere Zugeständnisse an die Aufnahme wichtiger Interessen der Industrieländer in das WTO-Regelwerk abringen lassen. Die in der Doha-Erklärung benannten wichtigen Themen der Entwicklungsländer werden deswegen in Sondersitzungen behandelt, ganz in Sinne der USA und nicht wie geplant als zentrales Thema: „Das wichtigste Entwicklungsinstrument ist die Liberalisierung des Weltmarktes“, allerdings nicht der Abbau von Subventionen im Agrarbereich, erklärt die US-Delegation. Insbesondere für Afrika und Indien, die eine noch stärkere Abhängigkeit von der Agrarprodukt­ion haben als Lateinamerika, ist dies ein Zeichen mangelnder Beachtung ihrer Interessen seitens der Industrieländer. Für den brasilianischen Verhandlungsführer Hugueney war Doha bislang nichts mehr als eine „leere Versprechung“.

Pedro Morazán

Artikel aus der "ILA" Mai 2003