Vom Fabrikknast zum befreiten Territorium

 

Argentinien:
Räumung von Zanon verhindert

Der 8. April war ein entscheidendes Datum für die ArbeiterInnen der besetzten Kachelfabrik Zanon in Neuquen (Patagonien). Mitte März hatte das Gericht ein Urteil verfügt das den Konkursverwaltern der Firma das Recht auf Inventur und Inbesitznahme des Betriebes einräumte - der juristische Freibrief für eine gewaltsame Räumung, die jedoch nicht stattfand. Angesichts der Entschlossenheit der Arbeiterinnen in der Fabrik, ihr Projekt mit allen Mitteln zu verteidigen, angesichts von mehr als 3000 Menschen vor der Fabrik und eines Solidaritätsstreiks von Lehrerinnen und Angestellten des Öffentlichen Dienstes erklärte der Provinzgouverneur am 8. April, nach Stunden höchster Anspannung, dass er keinen Polizisten für eine Räumung zur Verfügung stellen würde. Die Konkursverwalter mussten unverrichteter Dinge wieder ins 1200 km entfernte Buenos Aires zurückkehren. Dieser Erfolg ist vor dem Hintergrund zunehmender Räumungen und Räumungsdrohungen in Argentinien nicht nur für sie selbst von Bedeutung.
Mehr als hundert Betriebe sind in Argentinien mittlerweile besetzt und von den Arbeiterinnen zum Laufen gebracht worden - ein Mittel der Selbsthilfe in einem Land, in dem seit l998 jedes Jahr etwa tausend Betriebe geschlossen werden. Die Arbeiterinnen von Xanon haben den Kampf von Anfang an nach außen getragen und den Konflikt politisiert. Sie fordern, dass der Staat die Fabrik endgültig enteignet und sie ihnen überlässt, damit sie dort „unter Arbeiterkontrolle“ Produkte für die Allgemeinheit herstellen und weitere Arbeitsplätze schaffen können. Schon heute spenden sie regelmäßig einen Teil ihrer Produktion an Schulen, Krankenhäuser, Volksküchen und andere soziale Projekte. Mit 270 Arbei terinnen haben sie die Produktion vor gut einem Jahr aufgenommen. Inzwischen konnten sie weitere 40 Arbei terinnen in die Belegschaft integrieren. Gemeinsam mit den ArbeiterInnen der besetzten Textilfabrik Brukman in Buenos Aires versuchen die Zanon-Arbeiterlnnen, die besetzten Betriebe zum Ausgangspunkt einer breiteren Bewegung zu machen.
Zanon ist eine hochmoderne Fabrik, die bekannt war für gute Qualität und guten Verdienst, aber auch für mörderisches Arbeitstempo, zahlreiche Arbeitsunfälle und ein knastähnliches Klima. Wer mit anderen redete, machte sich bei den Chefs oder den mit ihnen verbündeten Gewerkschaftern verdächtig. Wer sich beschwerte, flog raus. Um sich überhaupt organisieren zu können, veranstalteten die Arbeiter Fußballturniere: pro Abteilung eine Mannschaft und pro Mannschaft ein Delegierter, die sich trafen, um die Regeln des Spiels zu diskutieren - und nicht nur das. 1998 gelingt es ihnen mit einer neuen Liste überraschend den Betriebsrat zu übernehmen, später auch die Gewerkschaft.
Zum ersten Streik kommt es im Juli 2000, nachdem der 22-jährige Daniel Ferrás in der Fabrik an einem Herzstillstand gestorben ist, weil es keine Vorkehrungen für Erste Hilfe mehr gab. Nach neun Tagen Streik setzen die ArbeiterInnen durch, dass der medizinische Dienst wieder eingeführt wird. Die Geschäftsleitung antwortet mit der Eröffnung eines Konkursverfahrens. Die Lohnzahlungen werden unregelmäßiger und spärlicher. Nach mehreren kleinen Streiks Anfang 2001 beginnt im März der „34-Tage-Streik“ für die ausstehenden Löhne. Die Arbeiterinnen ziehen durch alle Stadtteile, um den Konflikt bekannt zu machen. Täglich blockieren sie im Zentrum der Provinzhauptstadt Neuquen (200.000 EinwohnerInnen) die Straßen, und schließlich die Brücke, die Neuquen mit der Nachbarprovinz Rio Negro verbindet. Am selben Abend erklären Zanon und die Provinzregierung, dass die ausstehenden Löhne bezahlt werden.
Die ArbeiterInnen kehren in die Fabrik zurück und beschließen, beim nächsten ausbleibenden Lohn sofort wieder in den Streik zu treten. Das passiert am 1. Oktober 2001. Als Zanon daraufhin die Öfen abstellt, besetzen die ArbeiterInnen die Fabrik. Zanon schickt allen 380 ArbeiterInnen Entlassungsschreiben. Bei ihrer folgenden Demonstration geht der Sitz der Provinzregierung fast in Flammen auf. Mehrere Zanon-Arbeiter werden festgenommen. Aber sie haben die Unterstützung der Bevölkerung bereits gewonnen. Am Nachmittag gehen fast 3000 DemonstrantInnen auf die Straße. Die Arbeiter werden noch am selben Tag freigelassen.
Wieder ziehen sie durch die Stadtteile, um Lebensmittel zu sammeln, und gleichzeitig reichen sie Klage wegen der ausstehenden Lohne ein. Sie erreichen ein außergewöhnliches Urteil: Das Gericht verurteilt die Aussperrung und spricht den ArbeiterInnen 40 Prozent der Lagerbestände als Ersatz für die nicht gezahlten Lohne zu. Im Januar 2002 legt Zanon einen Vorschlag vor, die Fabrik mit nur 62 Arbeitern zu betreiben. Die ArbeiterInnen lehnen ab und beschließen, die Produktion selbst aufzunehmen. Die besetzte Fabrik wird zu einem Experimentierfeld für Basisdemokratie und selbstbestimmte Arbeitsorganisation. Die ProduktionsarbeiterInnen übernehmen sämtliche Aufgaben, auch in Bereichen, die sie früher nicht einmal betreten durften. Sie machen sich mit Einkauf, Computern und Buchführung vertraut, organisieren den Verkauf neu, bilden eine Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, nehmen die Siebdruckwerkstatt und das Labor in Betrieb. Es gibt keine Geschäftsführer, Meister und Vorarbeiter mehr. Stattdessen wählen die ArbeiterInnen in den Abteilungen KoordinatorInnen, die jederzeit absetzbar sind. An den wöchentlichen Treffen der KoordinatorInnen nehmen auch die Gewerkschaftsdelegierten teil. Besprochen werden sämtliche Fragen von Arbeitsorganisation und politischem Vorgehen. Produktion und Politik sind nicht mehr zu trennen. Sämtliche Entscheidungen werden auf Versammlungen getroffen. Je nach Thema werden Abteilungs-, Schicht- oder Vollversammlungen abgehalten, oder auch Diskussionstage, bei denen die ganze Belegschaft in Arbeitsgruppen diskutiert. Politik war früher kein Thema im Betrieb. Da wurde schweigend malocht, und das Mate-Trinken war strengstens verboten. Heute haben sich die ArbeiterInnen Sitzecken eingerichtet, wo sie Pause machen, Mate-Runden zelebrieren und über alles Mögliche diskutieren. Hier geht es längst um mehr als um die Rettung der Arbeitsplätze. Die ArbeiterInnen von Zanon sind entschlossen, ihre Fabrik zu verteidigen -„mit unserem Leben“, wie sie angesichts der letzten Räumungsdrohung erklärt haben.
Nach Bekanntwerden des neuen Gerichtsurteils haben die ArbeiterInnen von Zanon sofort begonnen, dagegen zu mobilisieren. Zu einem Aktionstag in der Fabrik am 29. März kommen drei Busse mit Unterstützerinnen aus Buenos Aires, angeführt von den „Müttern“ (Madres de Plaza de Mayo) und ihrer Vorsitzenden Hebe Bonafini. Die CTA, einer der drei „bürokratischen“ Gewerkschafts-dachverbände, gibt bekannt, dass sie in der gesamten Provinz zum Streik aufrufen würde, wenn Zanon geräumt werde. Nach Führungen durch die Fabrik, einer Pressekonferenz und einer offenen Debatte demonstrieren 1500 Leute im Zentrum von Neuquen. Trotz der breiten Unterstützung, die von Arbeitslosenorganisationen bis hin zu Prominenten, Abgeordneten und dem Bischof von Neuquen reicht, wird die Räumung für den 8. April anberaumt.Die Nacht davor verbringen sämtliche ArbeiterInnen von Zanon in der Fabrik. Das Tor ist mit Paletten von Kacheln verbarrikadiert. Auf dem Dach halten Arbeiter Wache. Gruppen mit Zwillen machen Rundgänge auf dem Fabrikgelände. Die weißen Steinkugeln für die Zwillen stehen bereit: Sie sind ein Abfallprodukt des Produktionsprozesses und schon in früheren Auseinandersetzungen zum Symbol für die Verteidigungsbereitschaft der Zanon-ArbeiterInnen geworden. Trotz der Kälte sind auch vor der Fabrik schon nachts zahlreiche UnterstützerInnen anwesend. Im Laufe des Vormittags wächst die Menge vor der Fabrik auf mehr als 3000 Menschen an. Als um 13 Uhr bekannt gegeben wird, dass die Konkursverwalter sich auf den Weg zur Fabrik gemacht haben, verstummen die Trommeln und Gesänge. Aber die Vertreter des Unternehmers kommen ohne Polizei und müssen nach einer kurzen Diskussion mit den ArbeiterInnen wieder abziehen. Nachdem schließlich klar wird, dass der Räumungsversuch gescheitert ist, endet der Tag mit einem großen Fest. „Zanon schreibt Geschichte“ titeln die Lokalzeitungen am nächsten Tag, und so sehen es auch die ArbeiterInnen: „Ich glaube, wir schreiben hier gerade eine Seite im Geschichtsbuch, und ich hoffe, dass dort beim Umblättern ein gutes Ende steht“, meint ein Arbeiter von Zanon. Die besetzten Betriebe Zanon und Brukman sind zu Symbolen für die verschiedensten Bewegungen geworden. Dass diese Räumung verhindert werden konnte, hat angesichts der zunehmenden Räumungen in Argentinien enorme Bedeutung. Ende Februar wird in Buenos Aires das seit Jahren besetzte Gebäude „Padelai“, in dem 500 Menschen wohnten, gewaltsam geräumt, mit vielen Festnahmen und Verletzungen. Räumungen von kleineren Gebäuden, die für Wohnzwecke besetzt sind, finden ständig statt. Arn 23. März wird ebenfalls in der Hauptstadt ein Gebäude geräumt, das die Arbeitslosenorganisation des Stadtteils San Telmo besetzt hatte, zwei Tage später die Lebensmittelfabrik Sasetru im Industrievorort Avellaneda, die nach jahrelangem Leerstand von Arbeitslosen besetzt worden war, die dort die Produktion wieder in Gang bringen wollten. Und auch nach dem gescheiterten Angriff auf Zanon gehen die Räumungen weiter. Am 14. April wird ein Bankgebäude in Buenos Aires geräumt, das die Stadtteilversammlung Lezama Sur letztes Jahr besetzt und in der Indymedia sein Büro eingerichtet hatte. In der Nacht zum Karfreitag, am 18. April, wird unerwartet Brukman geräumt. 250 Polizisten holen die vier anwesenden ArbeiterInnen aus der Fabrik, sperren die Straße ab und halten sie besetzt. Seitdem finden sich täglich Tausende von Personen vor den Absperrgittern ein. Ein Versuch der ArbeiterInnen, sich am Ostermontag mit der Unterstützung von mehr als 7000 DemonstrantInnen über die Gitter weg in Richtung Fabrik zu bewegen, endet mit einer Straßenschlacht, vielen Festnahmen und Verletzungen. Die ArbeiterInnen campieren in einem Zelt vor den Absperrungen. Sie sind entschlossen, dort bis zur Rückgabe ihrer Fabrik zu bleiben. Wir hoffen, dass auch diese Geschichte gut endet.

Alix Arnold

Artikel aus der „ILA“ Mai 2003