Während der Friedensprozess zwischen kolumbianischer Regierung und Guerillagruppen mit beinahe gesetzmäßiger Regelmäßigkeit ins Stocken gerät, verfolgen die Ultrarechten weiterhin ihre Strategie der Destabilisierung. Erneut fallen Paramilitärs am Vorabend der Verhandlungen in die als "Schutzzone" deklarierten Hochburgen der ELN-Guerilla ein.
Zum zweiten Mal seit Anfang März hat die Armee der Nationalen Befreiung (ELN) am 19. April weitere Verhandlungen mit der kolumbianischen Regierung unter Andres Pastrana auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Gegenüber einem nationalen Radiosender erklärte Pablo Beltran, Sprecher und Nr. 3 der Rebellengruppe, dass sich die Regierung keine Mühe mache, den Friedensprozess ernsthaft anzugehen. Aus diesem Grund sehen wir uns gezwungen, den Dialog auf unbestimmte Zeit auszusetzen", so Beltran. Zudem sehe sich die ELN in der Lage, auf einen neuen Präsidenten zu warten, der 2002 gewählt wird, da man mit Pastrana nicht verhandeln könne. Für den wäre es ein Rückschlag, hatte er sich doch bei seiner Wahl 1998 den Friedensprozess mit der Gue-rilla auf die Fahnen geschrieben. In Momenten des Fortschritts blockieren jedoch jedes Mal wieder militärische und paramilitärische Offensiven eine Weiterent-wicklung der Verhandlungen. Man geht seit geraumer Zeit davon aus, dass sich die guevaristische ELN in einem labilen militärischen Zustand befindet. Bevor man politische Zugeständnisse machen muss, versucht man es also zunächst mit Waffengewalt. Im März startete die Armee mit 3.000 Soldaten ihre Operation Bolivar".
Ziel: Zerstörung von Drogenlabors, Paramilitärcamps sowie Guerillastellungen in der Region Sur de Bolivar. Logisch war dieses Manöver nicht zu erklären, wollte man doch im selben Moment auf politischer Seite zu einer Einigung kommen. Der Kollaps liess nicht lange auf sich warten. Die Guerilla setzte die Ge-spräche aus, da sie eine breit angelegte Antiguerilla-Offensive vermutete. Auf Initiative von ausländischen Diplomaten und Beobachtern konnte der Prozess nach über drei Wochen wieder aufgenommen werden. Da sich ausländische Diplomaten als Mediatoren einschalteten, war eine positive Entwicklung nun absehbar. Dass auch sie auf den harten Boden der kolumbianische Realität geholt würden, eher nicht: Kurz vor der Osterwoche starteten ultrarechte Paramilitärs eine Offensive in der Serrania de San Lucas, dem Stammgebiet der ELN. Eine kleine Ortschaft, die für einen Treffpunkt zwischen Guerilla, Regierung und internationalen Vermittlern eingeplant war, wurde von den Paramilitärs besetzt. Weitere Gespräche mussten daraufhin verschoben werden. Bis Ende Ostern werde ich die Zentralkommandantur der Elenos eingenommen haben", kündigte der Chef der Bäuerlichen Selbstverteidigung (AUC), Carlos Castano, an. Zwei Wochen lieferten sich rund 300 seiner Kämpfer und mindestens ebenso viele Guerilleros der ELN heftige Gefechte. Dass die Paras von der vorangehenden Armeeoperation profitiert haben, entspricht den gegenseitigen Verbindungen. Auch während der Kämpfe war weit und breit kein Soldat zu sehen, der gegen die Paras hätte vorgehen können.
Para-Staat in Sur de Bolivar?
Wie stark die ELN,
der etwa 5.000 Bewaffnete zugerechnet werden, in den letzten Wochen tatsächlich
geschwächt wurde, lässt sich schwer sagen. Der Sitz der Kommandantur
wurde zwar nicht eingenommen, Kritiker des Friedensprozesses behaupten jedoch,
die Guerilla würde eine entmilitarisierte Zone nur dazu nutzen wollen,
sich wieder militärisch zu verstärken. Eine These, die auch bei Teilen
der in dem Gebiet ansässigen Zivilbevölkerung auf fruchtbaren Boden
fällt. Die Meinung der Menschen gegenüber einer Guerilla-Zone ist
gespalten. Teils jedoch nur deshalb, weil die Paramilitärs zivile Organisationen
lenken und nicht zuletzt Bauern zum Protest gegen die ELN gezwungen haben sollen.
Sollte Pastrana diesen Kampf um die ELN-Zone aufgeben, gibt er Castano
das Signal, dass er gewonnen hat.
Dann gibt
es einen Para-Staat und einzige Autorität und Regierung wäre dann
Castano", betonte Gewerkschaftspräsident Eduarde Garzon unlängst.
Ähnlich äusserte sich der Kongressabgeord-nete und Ex-Guerillero der
M-19, Antonio Navarro Wolf: Wegen ein paar Quadratkilometern Land setzen wir
den Friedensprozess auf's Spiel", beklagte er. Ganz offensichtlich. Bei
einem Treffen der Präsidenten der Andenstaaten machte Präsident Pastrana
Mitte April den Vorschlag, dass man auch in Venezuela oder Europa verhandeln
könne. Venezuelas Präsident Hugo Chavez fuhr auf gleicher Schiene
und lud die ELN zu Verhandlungen in seinem Land ein. Die ELN selber steht solchen
Verhandlungen im Ausland aber kritisch gegenüber. Schließlich gilt
weiterhin die Idee, einen Nationalkonvent abzuhalten, an dem Vertreter der gesamten
Zivilbevölkerung beteiligt sein würden. Die aber lassen sich kaum
alle nach Caracas oder Madrid verschiffen. Wahrscheinlicher ist zudem, dass
Pastrana zwar Verhandlungen mit der ELN sucht, die aber früher oder später
auf eine Entwaffnung der Gruppe hinauslaufen sollen. Um so überraschender
war eine Aktion, die von der ELN in der zweiten Aprilwoche im Nordosten des
Landes lanciert wurde. Sie nahmen auf einen Schlag 101 Arbeiter der US-amerikanischen
Erdölfirma OXY als Geiseln. Gleichzeitig mit ihrer Ankündigung, der
Friedensprozess sei suspendiert, ließen sie aber selbige wieder frei.
Ein Zeichen der Schwäche?
Blutige Ostern in Kolumbien
Auch außerhalb der Diskussion um eine ELN-Zone deutet alles darauf hin, dass sich die Fronten verhärten werden. Besonders im Umgang mit den Paramilitärs, die in den letzten drei Jahren um 83 Prozent auf etwa 10.000 Kämpfer angewachsen sind. Nach der wohl blutigsten Osterwoche seit Jahren in dem lateinamerikanischen Land kündigte die ELN an, mit den revolutionären Streitkräften Kolumbiens, der FARC-Guerilla eine gemeinsame Strategie gegen die Paramilitärs zu entwickeln. Über 70 Bauern wurden über die Feiertage von den Paramilitärs ermordet. Am l l. April drangen AUC-Einmheiten in den kleinen Ort La Naya in der südwestlichen Provinz Cauca ein und brachten 29 Menschen um. Man benutzte nicht Feuerwaffen, sondern Motorsägen. Einem 18-jährigen, indigenen Mädchen trennten sie in äußerster Brutalität zuerst die Hände und dann den Kopf ab. Noch eine Woche zuvor forderte die Interamerikanische Kommission der Organisation Amerikanischer Staaten von der kolumbianischen Regierung, die Mitglieder von indigenen und afroamerikanischen Kommunen umgehend einem besseren Schutz vor solchen Übergriffen zu unterstellen. Eine sinnlose Forderung. Die Aktionen derAUC reihen sich somit in die 145 Massaker ein, die allein in diesem Jahr in Kolumbien von den Paras verübt wurden. 769 Menschen wurden ermordet, was eine Verdopplung zum Vorjahreszeitraum bedeutet. Diese Entwicklung ist dem von beiden Seiten zwar angestrebten, aber zunehmend schwindenden Vertrauen nicht förderlich. Daher setzt man zunehmend auf internationale Unterstützung. Nicht nur bei verstärkt stockenden Verhandlungen mit der ELN-Guerilla, auch bei den FARC konnten auf diese Weise Erfolge erzielt werden. Als Mitte Februar die Friedensgespräche mit dieser zweiten Gruppe nach mehrmonatiger Pause wiederaufgenommen wurden, war auch eine Delegation europäischer Diplomaten zugegen. In der Hauptstadt" der von den FARC kontrollierten entmilitarisierten Zone gipfelte dieses Engagement in einem Treffen einer internationalen Delegation mit dem Oberkommando der FARC am 7. März. Erstmals war nach Angaben der alternativen Nachrichtenagentur AANCOL auch ein Vertreter der Deutschen Botschaft zugegen. In der Abschlusserklärung zeigten sich die Diplomaten in Übereinstimmung mit der FARC zu mehr Engagement im kolumbianischen Friedensprozess" bereit.
Mehr Engagement aus Europa
Das kann nun Alles
oder Nichts bedeuten. Nach Meinung von Alberto Martinez, dem Europavertreter
der Guerilla will man den Einfluss der internationalen Gemeinschaft auf jeden
Fall. Doch die Souveränität und Selbstbestimmung" Kolumbiens
muss dabei gewahrt bleiben. Das zeugt von einer Vorsicht, die auch in der deutschsprachigen
Ausgabe der Zeitschrift der FARC, Resistencia, bestätigt wird. Die
illegalen Anpflanzungen, die Auslandsschulden und das Landproblem haben bei
den Verhandlungen absolute Priorität, jedoch werden wir uns der Frage
nach in
ternationalen Garanten des Friedensprozesses erst dann zuwenden, wenn Einigkeit
über diese zentralen Punkte herrscht". Damit wird der zunehmend isolierte
Andres Pastrana einmal mehr unter Druck gesetzt. Der 46-Jährige hadert
nicht mit seinem Schicksal und machte sich zuletzt nach Europa auf. In Begleitung
einer hochrangigen Regierungsdelegation traf er am 27. und 28. April in Berlin
auch mit der Bundesregierung zusammen. Gerhard Schröder ließ sich
nicht lumpen und nahm den Amtskollegen mit militärischen Ehren in Empfang.Bei
Menschenrechtsorganisa-tionen, wie der FIAN, stieß das übel auf.
Armin Paasch, Leiter der Agrarreformkampagne bei FIAN, beklagte eine mangelnde
Initiative der Regierung Pastranas auf dem Gebiet der Menschenrechte. Wer sich
in Kolumbien für sie einsetze steht schon mit einem Bein im Grab",
ln Anbetracht der ständig wachsenden Zahl von Opfern
paramilitärischer Gewalt wäre Halbmast statt militärischer
Ehren" angebracht gewesen. Doch auch wenn man vermuten mag, dass sich Pastrana
in An-betracht deutscher Soldaten Hoffnung auf Gelder mit ähnlichen Zielvorgaben
gemacht haben könnte: In Berlin hatte man andere Pläne. Bis Ende kommenden
Jahres werden dem südamerikanischen Land zwar
40 Millionen Mark zur Verfügung gestellt werden - zehn Millionen mehr als
in den vergangenen zwei Jahren-, die Gelder aber sollen ausschließlich
zivilen Zwecken dienen: Krisenprävention, Schutz der Menschenrechte und
Umweltschutz sollen im Zentrum der bilateralen Kooperation stehen. Bei Arbeitsessen
zwischen Schröder und Pastrana seien Lage und Perspektiven Kolumbiens"
erörtert wor-den, hieß es aus dem Außenministerium lapidar.
Ähnlich, nur stand hier die Menschenrechtslage
im Mittelpunkt, war das bei Bundesaußenminister Joseph Fischer und seinem
Amtskollegen Guillermo Fernandez de Soto. Auch danach hüllte man sich auf
deutscher Seite auf die Bitte nach anders gewichteter Unterstützung hin
weitgehend in Schweigen. Da half auch Pastranas Bemühen nicht, den in der
Europäischen Union zunehmend kritisierten Plan Colombia als zu 80
Prozent aus zivilen Projekten" bestehend anzupreisen.
Tommy Ramm /Harald Neuber