1.Mai - schon vorbei

In diesem Jahr war der ehemalige unabhängige Block, der fünf Jahre lang in gebührendem Abstand hinter dem DGB herdemonstriert hatte, erstmals ganz alleine unterwegs. Denn der DGB hat sich verabschiedet und begnügte sich mit Kundgebung und Saufen auf dem Marktplatz.

Zur Demo „Für ein Leben ohne Streß und Existenzangst, für Freiheit und Revolution" des Bündnis „Reiche Streichen" kamen etwa 300 Leute, die unterwegs Besuche bei Ausländerbehörde, Sozialamt, NWZ und EWE abstatteten.

Dort gab es passende Redebeiträge zu den Themen SchülerInnenrechte, Uranabbau und staatlicher Rassismus, sowie die beiden weiter unten dokumentierten.

Wegen der Demonstrationen gegen die Fascho-Aufmärsche in Berlin und Frankfurt belief sich die Bullenanzahl auf etwa 5, ergänzt von den üblichen Polit-Zivis. So konnten ganz ungestört ein paar Gebäude mit Farbeiern beschmissen, plakatiert und einige Deutschland-Lappen heruntergeholt werden.

Da die Demo nicht angemeldet wurde, konnten die Bullen bisher keine „Verantwortlichen" dafür ausmachen. Die Entscheidung zur Nicht-Anmeldung begründete sich vor allem darin, daß die Bullen in letzter Zeit auch bei angemeldeten Demos Stress gemacht haben, in die Demo reingegangen sind oder hinterher den AnmelderInnen absurde Verfahren angehängt haben. Der Zweck des Anmeldens, also der Schutz für Menschen, die gesucht werden, keine Papiere haben oder ihre Residenzpflicht verletzen, wird nicht mehr erfüllt, wenn es trotzdem zu Kontrollen
oder Festnahmen kommt.

Parallel zur Demo fand noch eine Aktion einiger anderer Gruppen bei einer Zeitarbeitsfirma statt, deren Eingang zeitweise zugemauert wurde. Auch diese Aktion verlief stressfrei.

Anschließend gab es ein Straßenfest beim Alhambra mit Musik, Tombola, Info-Ständen, Essen, Kinderprogramm und Neueröffnung des Infoladens Metropole.

Im Folgenden dokumentieren wir die Auftaktrede und einen weiteren Redebeitrag:


Hallo!

Erstmal schön, daß Ihr alle gekommen seid. Das ist jetzt der sechste unabhängige 1. Mai in Oldenburg, zumindest seit den Neunzigern. Und trotzdem ist diese 1. Mai-Demo eine Premiere. Wie unschwer zu erkennen ist, hat der DGB sich entschlossen, das Demonstrieren zu lassen und gleich die Bier- und Bratwurstbuden in der City anzusteuern. Da unsere Vorstellungen von Veränderungen und Widerstand in diesem Land mit denen dieses sozialdemokratischen Gewerkschaftsvereins nicht viel gemein haben, soll uns das nicht weiter stören. Wir freuen uns natürlich über alle GewerkschafterInnen, die das demonstrieren nicht sein lassen wollen und heute hier sind.

Und noch was ist neu. Diese Demo ist nicht angemeldet. Dieser Hinweis sorgt meist für besorgte Gesichter. Wir sehen dafür keinen Grund. In der Oldenburger Linken ist es seit bestimmt 20 Jahren gang und gäbe gewesen, ganz souverän vom Versammlungsrecht Gebrauch zu machen. Wie es uns passt und immer dann, wenn wir es für wichtig gehalten haben. Seit ein paar Jahren ist das anders. Angefangen mit der Demo gegen die NPD-Parteizentrale 1997 hat es immer wieder massive Störungen durch die Bullen gegeben. Leute wurden festgenommen und verletzt. Demos wurden aufgelöst. Vor allem für Menschen ohne deutschen Pass bedeutete dies eine erhebliche Bedrohung, da die Festnahme auf einer Demo zur sofortigen Abschiebung führen kann. Seitdem wurden sämtliche linken und internationalistichen Demos beim Ordnungsamt angemeldet. Auch das hat die Bullen aber nicht abgehalten, Demos zu behindern und am Rand zu provozieren. DemonstrantInnen und AnmelderInnen wurden im Nachhinein mit Anzeigen und Schikanen bedacht. Anmeldungen sind also eine sehr zweifelhafte Sicherheit vor der Staatsmacht.

Gerade seid den aktuellen Debatten um die Änderung des Versammlungsrechts wird die angebliche Versammlungsfreiheit zum Witz in Tüten. Das beste Beispiel dafür wird gerade jetzt durchgespielt. Die revolutionäre 1. Mai-Demo in Berlin ist dieses Jahr verboten worden. Gleichzeitig werden Nazis durch Berlin und Frankfurt/Main marschieren. Beide Städte sind von riesigen Bullenaufgeboten belagert, die gegen linke DemonstrantInnen vorgehen sollen und werden. Und spätestens der letzte Castor-Transport hat gezeigt, daß wir uns solche Belagerungszustände gewöhnen müssen.

Wir können uns daran aber nicht gewöhnen und wollen es hier am besten gar nicht so weit kommen lassen. Wir werden weiter auf die Straße gehen! Wie, wann und wo wir wollen!

Heute gehen auf der ganzen Welt Menschen gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung auf die Straße. An vielen Orten wird Polizei die Demontrationen angreifen. Jedes Jahr gibt es Verletzte und Tote. Liebe und Kraft allen, die sich die Sehnsucht nach einem anderen Leben nicht verbieten lassen!

Und weil wir ja eigentlich für was nettes und gemütliches kämpfen, gibt´s nach der Demo ein ebensolches Straßenfest vorm Alhambra.

Es lebe die Revolution!

Es lebe das gute Wetter!



Und noch einer...

Daß die Welt schlecht ist, wurde oft genug gesagt. Daß daran nichts zu ändern ist, leider auch.

Klar. Gründe dafür, pessimistisch zu sein, gibt es genug. Es scheint, daß jeder Funke widerstand, Freude, Leben von einem Riesenhaufen Macht und Ignoranz gelöscht wird.

Schlimm genug, daß wir uns kaputt arbeiten müssen, daß es scheinbar mehr Verbotsschilder als Menschen gibt. Schlimm genug, daß tagtäglich Menschen abgeschoben werden, daß Menschen in Lagern und Heimen weggesperrt werden. Schlimm genug, daß die Städte voll sind mit Bullen und Kameras, die jeden unserer Schritte überwachen. Schlimm genug, daß wir alle verschleißbare Zahnrädchen der Maschine werden sollen.

Doch wirklich deprimierend ist, wie viele sich scheinbar schon damit abgefunden haben, Zahnrädchen zu sein. Die vielen, die auf die Frage „Wie geht´s?" nur noch mit „Muß´ ja!" antworten. Hauptsache, es läuft irgendwie.

Und manche versuchen, sich als besonders gute Zahnrädchen hervorzutun. Sie verpetzen Dich, wenn Du dich bei der Arbeit mal ausruhst. Wenn sie Dich beim Klauen sehen, halten sie dich fest, bis die Bullen da sind. Lachen ist in ihren Augen ein Verbrechen. Der Stolz ihrer stillgelegten Köpfe macht sie wütend, wenn sie Widerstand sehen. Denn das ist wie eine Kiwi in ihrem Apfelbaum.

Wir wollen aber einen Baum, an dem alle Früchte selbstbestimmt und gleichberechtigt abhängen können. Das hört sich vielleicht utopisch an - aber klingt doch eigentlich ganz gut!

Im Moment scheint das alles zwar noch meilenweit entfernt, aber dennoch und gerade deshalb dürfen wir unsere Träume nicht aufgeben, sonst werden sie immer Träume bleiben.

Wir dürfen nicht aufhören, den HERRschenden Zuständen etwas entgegenzusetzen. Versuche gab und gibt es auch hier immer wieder.

Jetzt werden sich natürlich einige fragen, was das denn gebracht hat. Ham wir uns auch schon gefragt. Ist aber ´ne blöde Frage.

Denn Ungerechtigkeit wird schließlich nicht bekämpft, weil das dann auch was bringt, sondern vor allem, weil wir sie nicht ertragen können und wollen. Und es würde hier ganz anders aussehen, wenn alle, die sich immer wieder fragen, was es denn noch bringt, für eine bessere Welt zu kämpfen, es einfach tun würden!

Deshalb: Lebt! Liebt! Lacht! Kämpft!