Wider Wertigkeiten
und Volksfeste feiern
Burschenschaften und deutsche Tradition
Der Marktfrühschoppen in Marburg ist ein Korporiertentreff, der seit 1952 öffentlich auf dem Marktplatz gefeiert wird. Nationalistische Gesänge und Reden, die die deutsche Volksgemeinschaft" in ihrer Einheit bestärken sollen, werden gemeinsam von Korpo-rierten und Bürgerinnen zelebriert. Seit 1995 gibt es Widerstand gegen diese Form von Deutschtümelei
unter Nation wird das bewußt handelnde (...) Volk verstanden. Nation und Volk sind damit in ethnographischer Hinsicht deckungsgleich, Nationalbewußtsein wird für die Verwirklichung eines Volkes als Nation zur unverzichtbaren Voraussetzung."(Björn Clemens, Bursche und REP; Burschenschaftliche Blätter 2/97)
Wenn sich auch dieses Jahr wieder Burschen, die Deutschlands Grenzen im ersten Schritt auf jene von 1937 auszudehnen trachten, Vertreterinnen der faschistischen Freien Kameradschaften, welche in einer Pressemit teilung ihre Unterstützung des Marktfrühschoppens öffentlich ankündigten, mit liberal-konservativen Verbindungsmännern sowie der Marburger Mehrheitsbevölkerung treffen, um gemeinsam in der Öffentlichkeit des Marburger Marktplatzes im vermeintlich unpolitischen Rahmen eines Volksfestes eine reale Einigkeit und Harmonie zu zelebrieren, so bleibt auch die Forderung der KritikerInnen nach der Abschaffung des Marktfrühschoppens bestehen.
Für sich genommen bedeutet Abschaffung das Ende eines alljährlichen feucht-fröhlichen Gelages, bei dem gelegentlich das Horst-Wessel-Lied oder die erste Strophe des Deutschlandliedes erklingt. Bis auf die Szenerie, die durch die Präsenz überdurchschnittlich vieler Uniformierter ins Auge sticht, weist diese sogenannte Großveranstaltung jedoch kaum Unterschiede zur nächsten dummdeutschen Dorfkirmes oder anderen Stadtfesten, welche sich auch aufgrund ihres integrativ-ausgrenzenden Charakters stets grösserer Beliebtheit erfreuen, auf.
Die Forderung nach Abschaffung des Marktfrühschoppens begründet sich folglich nicht durch etwaige Besonderheiten. Sie resultiert im Gegenteil aus einer Ablehnung der durch Ausschlußmechanismen geprägten gesellschaftlichen Realität der Volksgemeinschaft. Diese wird wiederum in Form des Marktfrühschoppens zur Schau gestellt.
So ist die Konstruktion elitärer Gemeinschaften durch Ab- und Ausgrenzung alles vermeintlich ,Fremden' oder ,Schwächeren', welches nach innen als Bedrohung der eigenen halluzinierten Identität verstanden wird, nicht nur dem Korporationswesen immanent, sondern bildet die rassistische und sexistische Basis von deutschem Staat und deutscher Gesellschaft.
Die korporierten Männerbünde, die sich, untermauert durch einen biologistischen Geschlechterdualismus, die strukturelle Ausgrenzung und Benachteiligung von Frauen zum Ziel setzten, heben sich in ihrer wesentlichen Verfaßtheit nicht von dieser Gesellschaft ab. Eine Gesellschaft, die sich über patriarchale Strukturen konstituiert, in der FrauenLesben struktureller Benachteiligung, sexistischen Angriffen und Gewalt ausgesetzt sind, und eine latent antifeministische Stimmung einfach normal ist.
In einem Staat, in dem Aufenthaltsrechte nach völkischen Kriterien vergeben werden, sich Flüchtlinge nach monatelanger Inhaftierung im Frankfurter Transit das Leben nehmen oder bei der Abschiebung ermordet werden, wo Fälle wie diese allein auf informellem Wege bekannt werden, ohne daß die an anderer Stelle sehr wohl Affären-bewußte Öffentlichkeit einen Skandal witterte, in einem Land, in dem regelmäßige neonazistische Aufmärsche zu fest institutionalisierten Einrichtungen geraten, wo zu mörderischen rassistischen Hetzjagden und antisemitischen Gewaltakten in Form von Friedhofsschändung und Brandanschlägen auf Synagogen wahlweise geschwiegen oder Beifall bekundet wird, zählt auch ein Fest wie dieses ,nur' zur deutschen Normalität.
Burschenschaftliche Traditionslinien, angefangen bei bürgerlichem Leistungsdenken und Stärkemythen, Antihumanismus und Antirationalismus bis zu imperialistischen Bestrebungen, Rassismus und Antisemitismus stehen nicht, etwa im Widerspruch zu gesellschaftlichen Enwicklungen in Deutschland, sondern bedingen sich und bilden eine Kontinuität.
Angesichts der erfolgreichen Bemühungen des wiedervereinigten Deutschlands, in einer Zeit, in der auch der Antisemitismus wieder salonfähig geworden ist, mit dem Krieg gegen Jugoslawien die eigene Geschichte neu zu gestalten und gleichzeitig zu entsorgen, normalisieren sich die offen geschichtsrevisionistischen Bestrebungen der deutschen Burschenschaften, ohne sich dabei in Form und Inhalt zu verändern.
Die deutsche Regierung, Wirtschaft und Bevölkerung empfinden die Forderung der ehemaligen ZwangsarbeiterInnen und Überlebenden der Shoa nach Entschädigungszahlungen als Angriff auf gleichermaßen das nationale Selbstbewußtsein und den ,Standort Deutschland'. Mit der aggressiven Weigerung und Verzögerung der Zahlungen demonstriert das Land der TäterInnen gegenüber den Opfern einmal mehr, wer definiert, wie mit der deutschen Schuld umzugehen ist. Rassismus als legitimes Mittel für Wahlkampagnen bis Talkshowthemen ist längst nicht mehr Ausnahme, sondern offizielles Programm.
Handelt es sich bei den auf dem Marburger Marktplatz anwesenden korporierten Trägern deutsch-konservativer Ideen im Gegensatz zum Rest der Feiernden um die frühere, jetzige und zukünftige Politik- und Wirtschaftselite, so treten auch hier die sozialen Unterschiede hinter einen deutsch-nationalen Standortwahn zurück. Auch unausgesprochen ist bereits deutlich wer sich zur deutschen Solidargemeinschaft zählen darf und wer nicht. Sollten dennoch Mißverständnisse bezüglich der volksgemeinschaftlichen Zugehörigkeit auftreten, wird mit Hilfe autoritärer Maßnahmen nach dem ,Law and Order-Prinzip" gegen ohnehin Marginalisierte, welche Leistungsansprüchen oder ethnischen Kriterien' nicht entsprechen, vorgegangen.
Nicht ungeachtet all dessen, sondern gerade deswegen, feiert sich am 2. Juli 2000 in dem beschaulichen Universitätsstädtchen Marburg die Volksgemeinschaft.
Ihre langen Traditionen sind den Studentenverbindungen heilig. Angeblich bestehen diese Traditionen in der Pflege ,studentischen Brauchtums' und der demokratischen Gesinnung. Um zu sehen, dass die Kontinuitätslinien in der Geschichte der Korporationen ganz woanders liegen, genügt ein kurzer Überblick.
Die wesentlichen Ursprünge des Verbindungswesens liegen in der deutschen Einheitsbewegung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1815 wurde die ,Urburschenschaft' gegründet, 1817 fand das Wartburgfest statt. Dieses Fest, Auftaktsignal zum schwarz-rot-goldenen Nationaltaumel, wurde gekrönt durch die Verbrennung von Büchern jüdischer und/oder liberaler Autorinnen. Einendes Moment war für die studentischen Verbindungen der Hass auf das napoleonische Frankreich und die Unterstützung der Befreiungskriege'. Spätestens ab 1848 schwenkten die Verbindungen endgültig auf die völkisch-nationale Richtung ein. Der Revolutionsbewegung von 1848 entzogen sie ihre Unterstützung, als neben der Einheitsforderung auch soziale Forderungen erhoben wurden.
Im deutschen Kaiserreich sahen die Korporationen zunächst ihre Ideale verwirklicht. Sie vertraten neben dem Lebensbundprinzip, das ihnen einflussreiche Posten im Reich sicherte, einen aggressiven Sozialdarwinismus, Antisemitismus und Nationalismus. Ab 1880 waren die traditionellen Korporationen weitgehend ,judenfrei'. Resultierend aus Tapferkeitsidealen und Nationalchauvinismus wurde der l. Weltkrieg enthusiastisch begrüßt. Von Beginn an agitierte die Mehrheit der Verbindungen gegen die Demokratie der Weimarer Republik und die Einschränkung der aggressiven Außenpolitik. Sie sympathisierten früh mit der NSDAP, wobei sich besonders die Burschenschaften hervortaten, und beteiligten sich am Kapp-Putsch und dem Marsch auf die Feldherrenhalle in München. So wurde auch die Machtübertragung an die Nazis gefeiert. Die Verbindungen gingen schließlich im Zuge der Gleichschaltung' weitgehend freiwillig im NSDSB (Nationalsozialisitischen Deutschen Studentenbund) auf. Die Auseinandersetzungen im Vorfeld beschränkten sich auf organisatorische Fragen.
Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Studentenverbindungen von den Besatzungsmächten wegen ihrer starken Unterstützung des Nationalsozialismus verboten und enteignet. Während sie in der DDR verboten blieben, konnten sie in der BRD kurze Zeit später wieder triumphierend auf ihre Häuser zurückkehren, obwohl das Verbot der Alliierten formell bis 1990 Bestand hatte. Eine Entnazifizierung stand nie zur Debatte. In der restaurativen Adenauerzeit konnten die Verbindungen ihren Einfluß auf die Machtpositionen der Gesellschaft mehr denn je ausbauen. An den Universitäten wurde ihr Einfluß durch die Studentinnenbewegung zunächst zurückgedrängt. Allerdings ebneten sie ihren Mitgliedern nach wie vor den Weg in die Elitepositionen von Wirtschaft und Politik. Der Rechtsruck der Gesellschaft läßt den Widerstand gegen völkische und autoritäre Positionen bröckeln und erhöht deren Akzeptanz. Die alte Forderung vieler Korporationen nach einer aggressiven Expansionspolitik erhält somit größere Zustimmung in- und außerhalb der Verbindungen. Personell und ideologisch stellen Verbindungen Bindeglieder zwischen bürgerlicher Elite und Stiefelfaschos dar, wie sich am Beispiel Marburger Burschenschaften zeigen lässt.