Der CSD 2000 - Normal gibt's!
Und Hauptsache wir als Schwule und Lesben gehören dazu!

Aus Gründen der Lesbarkeit schreiben wir in dem Text nur „schwul-lesbisch". Transsexuelle, Bisexuelle und Intersexuelle sind jedoch mitgemeint.

Die CSD - Paraden haben sich in den 90er Jahren erheblich verändert. Die frühen Demonstrationen einiger hundert widerständischer Schwulen und Lesben haben sich in den 90ern zu sektspritzenden Paraden Zehntausender gewandelt, auf denen PolizistInnen und Soldaten mitmarschieren sowie rechte PolitikerInnen Grußworte verlesen. Der CSD verdeutlicht, da er Ausdruck der Politik eines Großteils der schwul-lesbischen Bewegung ist, wie sich deren Ziele verschoben haben. Heutzutage sind gesellschaftskritische Ansätze, die über den schwul-lesbischen Tellerrand reichten, zugunsten der eigenen Anerkennung und Integration aufgegeben worden. Es wird um die Anerkennung bei noch so rechtsgerichteten PolitikerInnen gelechzt (wie z.B. in Berlin um den Innensenator Schönbohm) und eine möglichst breite Beflaggung mit Regenbogenfahnen als Erfolg gewertet, egal welche repressiven gesellschaftlichen Institutionen (z.B. das Rathaus) und Geschäfte (je größer, desto besser) dahinter stehen. Gehörte es einst zum schwul-lesbischen Lebensstil, nicht heiraten zu wollen, so fordern jetzt entpolitisierte Lesben, die sich längst von feministischen Ideen verabschiedet haben, zusammen mit schwulen Biedermännern die „Homo-Ehe". Damit wird nicht nur das Heteromodell kopiert, auch werden die ausgegrenzt, die nicht heiraten wollen oder können. Ebenso war es einmal eine Selbstverständlichkeit, gegen Diskriminierung und Abschiebung von Flüchtlingen und MigrantInnen einzutreten. Heute fordert die schwul-lesbische Bewegung lediglich die Anerkennung binationaler Paare.

Der Großteil der schwul-lesbischen Bewegung drängt heute unter der Losung „gleiches Recht" massiv in die Institutionen: Bundeswehr, Polizei, Parteien, Kirchen - und die Ehe. Doch dies geschieht nicht mehr mit dem subversiven Anspruch der 70er und teils noch der 80er, repressive Teilsysteme zu unterlaufen. Es geht um die Teilhabe an der Macht, nicht um die Aufhebung von Herrschaftsstrukturen. Auch in Oldenburg wird unter dem Schein des unpolitischen CSD eine Politik betrieben, die gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen stabilisiert. Wäre der CSD eine völlig unpolitische Party, wäre er ja noch ertragbar, aber dem ist nicht so. Auf der CSD Parade kommt eine Politik zum Ausdruck, die gekennzeichnet ist von einer Akzeptanz gegenüber der militärischen Außenpolitik der BRD, sowie der Diskriminierung von MigrantInnen, Flüchtlingen, Wohnungslosen und DrogenkonsumentInnen. Dieses läßt sich an zahlreichen Beispielen verdeutlichen.

ZUSAMMENARBEIT MIT DEM CITY-MANAGEMENT-OLDENBURG e.V. (CMO)

Das City-Management-Oldenbug (Zusammenschluß von Oldenburger GeschäftsinhaberInnen und Einzelpersonen) betreibt in Zusammenarbeit mit der Polizei und PolitikerInnen seit einigen Jahren eine gezielte Vertreibungspolitik von DrogennutzerInnen, Wohnungslosen, BettlerInnen und MigrantInnen aus der Innenstadt. Mit dem Motto: „Oldenburg - bildschön und sauber" wird das Ziel verfolgt, daß KonsumentInnen nicht durch den Anblick jener Personen beim Einkaufen gestört werden.Von Seiten der OrganisatorInnen des CSD gibt es weder eine Distanzierung von solch einer Politik, noch ein Wort der Kritik daran. Geschweige denn die Idee, sich mit den Vertriebenen zu solidarisieren und mit dem Ziel: „Die Stadt gehört allen", gegen die Ausgrenzungspolitik des CMO zu kämpfen.

Nein, ganz das Gegenteil ist der Fall. In der Presse ist zu lesen, daß der LUST e.V. (Lesben- Und SchwulenTag e. V.) sich für die gute Zusammenarbeit mit dem CMO bedankt.

Unnötig zu erwähnen, daß es auch schwule und lesbische BettlerInnen, Wohnungslose, DrogennutzerInnen und MigrantInnen gibt, die vielleicht auch gerne an der CSD-Parade teilgenommen hätten, wären sie nicht „Opfer" der Vertreibungspolitik vom CMO, Polizei sowie PolitikerInnen geworden und dürften aufgrund eines Platzverweises die Innenstadt nicht betreten.

Dies macht nicht nur deutlich, daß die OrganisatorInnen des CSD eine Politik betreiben, die auf einer Entsolidarisierung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen basiert, sondern auch, daß diese Politik eine schwul-lesbische Normalität konstruiert, zu der nur jene gehören, die nicht arm, nicht obdachlos und nicht drogenabhängig sind.

DER SCHWUL-LESBISCHE POLIZISTiNNENBLOCK

Erstmalig in diesem Jahr werden schwul-lesbische PolizistInnen als Gruppe auf dem CSD teilnehmen. Vergessen scheint der Hintergrund, weshalb der CSD einst entstand. Daß sich nämlich Schwule und Lesben gegen die von der New Yorker Polizei durchgeführten Razzien wehrten, daß sie sich wehrten gegen die diskriminierende und ungerechte Behandlung.

(Razzien waren damals an der Tagesordnung. Nicht jedoch in den reichen Künstlervierteln Greenvillage. Die dort lebenden gut situierten, weißen, bürgerlichen Mittelsstandsschwulen und -lesben hatten nichts zu befürchten. Im eher „bescheidenen" Stonewall trafen sich dagegen die Außgestoßenen der Gesellschaft: die Schwarzen, die Latinos, die Stricher, die Transsexuellen... Und es waren die lesbischen Frauen, die sich - als ebenfalls massiver körperlicher Repression seitens der Polizei unterliegende Minderheit - schlagkräftig solidarisierten.)

Heutzutage laufen PolizistInnen auf dem CSD mit, um aufzuzeigen, daß es auch schwul-lesbische PolizistInnen gibt. Die sexuelle Orientierung reicht aus, damit der Polizeiblock von Seiten der CSD-OrganisatorInnen akzeptiert wird.

Daß jedoch PolizistInnen als Exekutive die rassistische, kapitalistische und sexistische Politik des Staates durchsetzen;

daß sie Razzien bei MigrantInnen und in der linken Szene durchführen;

daß sie Abschiebungen von Flüchtlingen vollziehen;

daß sie Platzverweise gegenüber Obdachlosen, Punks, DrogennutzerInnen und MigrantInnen erteilen;

daß sie Ladendiebstahl verfolgen, die organisierte Ausbeutung von ArbeiterInnen jedoch schützen,;

daß sie systematisch rechte Gewalt ignorieren;

daß sie letztes Jahr auf dem CSD unter Gewaltanwendung einen Schwulen abführten und ihn dabei verletzten.

All das sind für die CSD-OrganisatorInnen keine Gründe einen PolizistInnenblock zu thematisieren, sich davon zu distanzieren und ihn auf der CSD-Parade nicht zuzulassen. Durch diese Kritiklosigkeit findet eine Akzeptanz der herrschaftsstabilisierenden Funktion der Polizei statt.

Unnötig zu erwähnen, daß es z.B. auch schwul-lesbische Flüchtlinge und MigrantInnen gibt, die vielleicht auch gerne an der CSD-Parade teilgenommen hätten, aber mit Hilfe (auch schwul-lesbischer) PolizistInnen in Abschiebeknästen sitzen, oder schon abgeschoben wurden.

Dies zeigt auf, daß die CSD-OrganisatorInnen eine Politik betreiben, die auf eine Integration in die herrschende Normalität abzielt, welche auf einer Ausgrenzung anderer basiert.

GRÜNE KRIEGSBETREIBERiNNEN UND GREEN BERETS

Auch diese Gruppen demonstrieren auf den CSD-Paraden in Oldenburg ungehindert mit. Daß die Grünen einem NATO-Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien zustimmten, welcher nicht geführt worden ist, um eine „humanitäre Katastrophe" abzuwenden, sondern um sich in der neuen Weltordnung eine Rolle als Weltpolizist zu sichern, um Flüchtlinge nicht in die BRD kommen zu lassen, um sich endlich der deutschen Vergangenheit zu entledigen und um deutsche Wirtschaftsinteressen durchzusetzen, wird von Seiten der CSD-OrganisatorInnen und TeilnehmerInnen kommentarlos hingenommen. Den Grünen wird damit weiterhin kritiklos ein Forum geboten, wo sie sich mit ihrer toleranten Schwulen-Lesbenpolitik profilieren können.

Auch eine militärverherrlichende Gruppe wie die Green Berets nimmt wieder ungehindert am CSD `00 teil. Daß dies eine Gruppe ist, die sich an Uniformen aufgeilt, scheint für die CSD-OrganisatorInnen und TeilnehmerInnen nicht weiter bedenkenswert. Uniformen jedoch symbolisieren Nationalismus, Macht, Gewalt und Tod. Fehlt bloß noch, daß nächstes Jahr die BASS (Vereinigung schwuler Soldaten), wie schon in anderen Städten, auch in Oldenburg bei dem CSD „mitmarschiert". Unnötig zu erwähnen, daß es auch schwul-lesbische Menschen in der Bundesrepublik Jugoslawien gab, die vielleicht auch gerne an CSD-Paraden teilgenommen hätten, wären sie nicht durch Grüne Kriegspolitik und (schwule, bald auch lesbische) SoldatInnen umgebracht worden.

Diese Beispiele zeigen auf, daß die CSD-OrganisatorInnen eine Politik betreiben, die zwar dem Unterdrückungs-verhältnis Heterosexismus etwas entgegensetzt, andere gesellschaftliche Unterdrückungsverhältnisse aber stabilisiert. Mit Hilfe der Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners (wir sind schwul oder lesbisch - sonst nix), kommt es zu einer indirekten Ausgrenzung anderer (auch schwul-lesbischer) Gruppen. Und die CSD-Parade macht deutlich, wo die OrganisatorInnen und TeilnehmerInnen sich positionieren: bei Polizei, Soldaten, Grünen, CMO etc. Die eigene Unterdrückungserfahrung wird nur genutzt, um für die eigene Integration zu kämpfen, nicht aber zur Sensibilisierung für andere Herrschaftsverhältnisse, um so gemeinsam gegen Ausgrenzung zu kämpfen.

Unter dem Deckmantel der Toleranz wird mitgeholfen eine Normalität zu konstruieren, die zwar nicht mehr heterosexuell ist (sein soll), aber deutsch, weiß, nicht arm, nicht obdachlos, nicht drogenabhängig ist. Das Motto des diesjährigen CSD „Normal gibt es nicht" müßte also eine Veränderung erfahren, um die Ziele der CSD´lerInnen adäquat wiederzugeben. So müßte es lauten: „Normal gibt`s! Und Hauptsache wir als Schwule und Lesben gehören dazu!"

Gegen den sexistischen, rassistischen, kapitalistischen und heterosexistischen Normalzustand!

Für eine revolutionäre SchwulenLesbenbewegung!

Fantifa und andere FrauenLesben