Hauptsache sicher
Polizeiliche Todesschüsse
von oliver tolmein aus Jungle World Nr. 27
Wer die tödlichen Schüsse in Bad Kleinen auf Wolfgang Grams abgegeben
hat, ob es Mord war oder Suizid, weiß bis heute niemand – außer
den namentlich nie genannten Beamten, die sich bei ihm befanden, als er zu Boden
ging. Wer aber Friedhelm Beate erschossen hat, steht fest, ebenso, wer Zdravko
Nikolov Dimitrov getötet hat. Der pensionierte Bundeswehrsoldat, der versehentlich
für einen flüchtigen Gefangenen gehalten wurde, und der Flüchtling,
der sich gegen seine Abschiebung mit einem Messer wehren wollte, wurden beide
1999 von Polizisten erschossen.
Jedes Jahr sterben in Deutschland zehn bis 20 Menschen durch Polizeikugeln,
nur wenige von ihnen haben zuvor selbst eine Waffe eingesetzt. Bemerkenswert
ist, dass die deutsche Öffentlichkeit die Gewissheit über diese Tötungen
durch die Polizei noch gelassener hinnimmt als das Nichtwissen über das,
was in Bad Kleinen tatsächlich geschah. Während nach dem Einsatz gegen
die RAF immerhin einige Wochen lang dringlich Aufklärung gefordert wurde
und der Bundesinnenminister, der Generalbundesanwalt sowie hochrangige BKA-Beamte
ihren Hut nehmen mussten, werden polizeiliche Todesschüsse, über die
keinerlei Zweifel bestehen können, einfach registriert, bisweilen sind
sie nicht mal eine Meldung wert.
Dass Polizisten den Tod von zehn bis 20 Menschen jährlich verschulden,
hat das Vertrauen der Bundesbürger in die Institution Polizei offensichtlich
ebenso wenig erschüttert, wie die Bekenntnisse eines Vize-Polizeipräsidenten,
der Folter als Mittel der Gefahrenabwehr für diskutabel hält. Die
Sehnsucht nach dem Gefühl der Sicherheit, das die Anwesenheit der grün
uniformierten Beamten vermittelt, ist größer als das Misstrauen gegenüber
dem »Apparat«.
Dass kaum einer dieser Todesschützen von einem Gericht zur Verantwortung
gezogen wird, die Verfahren in der Regel eingestellt werden oder mit einem Freispruch
enden, zeigt, welche Akzente die professionellen Kontrollinstitutionen setzen.
Und die unterscheiden sich im übrigen auffallend vom Zorn des Rechtsstaates,
mit dem hierzulande die uniformierten Todesschützen auf der östlichen
Seite der deutsch-deutschen Grenze die Befehlskette hinauf bis ins SED-Politbüro
hinein strafrechtlich verfolgt wurden.
Weder die Serie polizeilicher Todesschüsse noch die gelangweilten Reaktionen
darauf machen Deutschland allerdings zum Polizeistaat. Es ist derzeit lediglich
eine Zivilgesellschaft, die – in scharfem Kontrast zum gern bekannten
Stolz auf ihre Läuterung in den vergangenen 58 Jahren – sich auffallend
wenig dafür engagiert, dass auch ihre staatlichen Organe zuverlässig
zivile Umgangsformen pflegen.
Dabei könnten schon etwas restriktivere polizeiliche Dienstvorschriften
und ein besseres Einsatz- und Krisenmanagement vielen Menschen das Leben retten.
Eine Einrichtung wie die britische Police Complaint Authority würde immerhin
signalisieren, dass die Gesellschaft Handlungsbedarf sieht, und könnte
zum Beispiel so etwas Banales garantieren wie die Veröffentlichung der
Statistik über den tödlich endenden polizeilichen Schusswaffengebrauch.
Der Fall des Wolfgang Grams zeigt überdies, dass selbst wenn etwas geschieht,
das die Routine des desinteressierten Wegsehens durchbricht, eine wirkliche
Aufklärung nicht möglich ist. Wahrheitsliebe ist in Deutschland eben
nicht einmal eine Sekundärtugend, die Sicherheit dagegen, wenn es nicht
gerade um den Straßenverkehr geht, ein Totschlagargument.
Infos zum Tod von Wolfgang Grams, Genosse aus der RAF, erschossen in Bad Kleinen am 27.6.93 unter: www.badkleinen.tk