von Christoph Speer
(Der Autor ist Mitherausgeber der Zeitschrift Alaska)
Den Laden schmeißen
Fragmente für eine radikale Politik des Sozialen
Economy sucks – Solidarität mit den gewerkschaftlichen Kämpfen
für 2,75 Prozent mehr Lohn und gegen die Begrenzung des Arbeitslosengelds
für ältere Arbeitnehmer. Studieren wir die Konzentrationsprozesse
in der euro-päischen Bauindustrie. Machen wir die besseren Sparvorschläge
zur Sanierung der Berliner Stadtfinanzen. Unterstützen wir die Forderung
nach Einführung der Tobinsteuer auf internationale Devisen-geschäfte.
Und so weiter. Das sind typische Forderungen aus der ideologischen Folterkammer.
Irgendwie ist das alles richtig, irgendwie aber auch alles falsch, und es langweilt
entsetzlich. Wenn es wenigstens wilde Streiks in Spanien wären; wenn ein
wenig Verschwörungs-theorie dazu käme. Aber so stehen wir erstmal
im großen Gähnen: Wenn das die Auseinandersetzung mit »dem
Sozialen« sein soll, dann lieber nicht.
Dasselbe gilt aber auch für die andere Variante: die nicht-reformistische,
nicht-integrierte, grundsätzlich-fundamental-istische. Wir stellen hier
doch keine Forderungen, wir klären die Leute auf, dass im Kapitalismus
eh nichts besser werden kann. Beweisen wir, warum die Forderung nach Grundsicherung
oder nach besserer Förderung von Genossenschaften besonders raffinierte
Instrumente kapital-istischer Integration sind. Gehen wir nochmal zurück
auf die Kontroversen zwischen Lenin und Kautsky um den Imperialismus. Hier muss
man doch erst mal eine ökonomische Analyse machen. Fordern wir die sofortige
Aufhebung der Wertvergesellschaftung. Und so weiter. Das ist die andere ideologische
Folter-kammer, die andere Langeweile. Die scheinbaren Extreme berühren
sich in ihrem Desinteresse, so etwas wie eine zumindest in Ansätzen greifbare,
vor-stellbare soziale Utopie hervorbringen zu wollen. Männerdiskussionen
sind es ohnehin.
Dieser Aspekt zieht sich durch: Die Beschäftigung mit Ökonomie und
mit dem Sozialen ist Gegenstand von Claims, von ideologischen Vermessungen,
von Leuten und Haltungen, die diesen Bereich für ihren geistigen und politischen
Besitzstand erklären – Fundis wie Realos, wenn man so will. Das Erzeugen
von Desinteresse hat, bewusst oder unbe-wusst, dabei Methode.
Wozu brauchen wir einen Chef?
Bremen, Uni-Kita. Nach einer mehrjährigen Leidensgeschichte be-schließt
die überwiegende Mehrheit der MitarbeiterInnen, dass sie ihre bisherige
Leitung loswerden wollen; im Laufe ihrer Diskussion stellen sie fest, dass sie
auch nicht bloß eine Person auswechseln wollen, sondern eigentlich ohne
Chef arbeiten: Verantwortungen aufteilen und gemeinsam entscheiden, ohne Hierarchie.
Die Auseinandersetzung um diesen Plan ist hart und dauert fast zwei Jahre. Die
Elternschaft spaltet sich, ein Teil solidarisiert sich mit der Mitarbeiter-Innen-Mehrheit,
ein Teil mit der Heim-leiterin. Eine links-rechts-Frage, sollte man meinen.
Aber so ist es nicht. Den härtesten Brocken stellen die dar, die weiland
Franz Josef Strauß als die »-ogen« bezeichnete: Studis der
Psychologie, Soziologie, die gesellschafts-wissenschaftlich Ambitionierten also.
Qualität gibt es nur durch eine besonders qualifizierte Person an der Spitze,
heißt es hier. Expertentum ist Trumpf. Irgendwie ist das die persönliche
politische Vision: ExpertInnen an die Macht, überall, in Klammern: Ich
auch zum Beispiel! Die MitarbeiterInnen, das sind so normale Leute – denen
traut man nicht als ausgebildeter Intellektueller.
Die Sache gelingt letztlich – ein-schließlich eines Nachspiels beim
Arbeits-gericht, weil man leitendes Personal so einfach gar nicht kündigen
kann. Aber das hier Interessante ist wieder, wie leicht sich die vermeintlichen
Extreme berühren: Die linke Überzeugung, eine intellektuelle Minderheit
in einer feindlichen sozialen Welt zu sein, mit einer grundsätzlich kritischen
Analyse dieser Gesellschaft im Gegensatz zu den »Bevölkerungen«;
und das Einnehmen einer rechten Position in sozialen Kämpfen, die letztlich
Autoritarismus und Expertentum ver-teidigt. Wer sich lange genug darin geschult
hat, dass soziale Tages-forderungen die raffinierteste Waffe des Kapitalismus
sind, muss häufig nur noch ein kleines bisschen Leistungsrassismus und
Klassenarroganz dazutun, um in konkreten sozialen Auseinandersetzungen zuverlässig
auf der falschen Seite zu stehen.
Tarek, egoisier’ nicht!
Es gibt einen bestimmten Ekel vor den gesellschaftlichen Verhältnissen,
dem man nicht trauen darf. Er verbindet sich mit der Idee, es könnte alles
ganz anders, ganz einfach, ganz super sein, wenn nur »X« nicht mehr
da wäre. »X« ist dann wahl-weise das Kapital, der Staat, das
Patriarchat, der Imperialismus, der Genosse Schorsch, das Denken in Zwei-geschlechtlichkeiten,
Egoismus, die kapitalistische Persönlichkeit. Leben wir einfach ohne Hierarchien,
ohne Besitz, ohne Zwang! Ich glaube, dass in vielen sozialen Experimenten –
Kommunen, Wohngemeinschaften, Arbeits- und Lebensgemeinschaften, selbstverwalteten
Betrieben, freien Projekten etc. – eine Menge soziales Wissen erarbeitet
wird, wie wir anders miteinander kooperieren können. Ich glaube aber auch,
dass dieses soziale Wissen erheblich komplizierter ist als eine Formel »hier
gehört allen alles«. Ich glaube ganz im Gegenteil, dass die oben
beschriebene Haltung – alles super hier, kein Besitz, kein Zwang, kein
Staat, kein Kapital, jeder wie er will – sehr, sehr häufig Ausdruck
von patriarchalen Hierarchien und verdeckten Dominanz-strukturen sind.
In Ursula LeGuins »Planet der Habe-nichtse«(1) gibt es die schöne
Szene, wo der junge Tarek im Kindergarten auf einem Fleck Sonne sitzt, der durch
das Fenster auf den Boden fällt. Ein fetter Junge schiebt seinen Hintern
mitten drauf. Tarek flippt aus: »Sonne-meins!« Er wird belehrt,
dass er hier falsch liegt. Natürlich gehört die Sonne allen, natürlich
kann er diesen Fleck Sonne am Boden nicht bean-spruchen, natürlich gehört
allen alles. »Tarek, egoisier’ nicht!« Was bedeutet das? Zur
Qualität des Sozialen gehört für uns, dass uns etwas überlassen
wird; dass wir verfügen dürfen; dass wir die soziale Macht haben,
zu verhindern, dass sich dicke Jungs auf das Bodenquadrat schieben, wo wir grade
spielen. Da fangen die Probleme an.
Dieser Junge tut seine Pflicht in Vietnam.
Du machst den Abwasch.
Ein schöner Beitrag zur linken Utopie des Sozialen findet sich auch in
Helke Sanders Film »Der subjektive Faktor«. Die revolutionäre
WG sieht eine Dokument-ation über den Vietnam-Krieg. Der revolutionäre
WG-Genosse sagt zu einem der Jungen: »Schau, dieser Junge da tut seine
Pflicht in Vietnam, mit dem Gewehr in der Hand. Und du musst hier deine Pflicht
tun. Und deine Pflicht ist es, den Abwasch zu machen.« In der Realität
ist das gar kein Witz. In der Diskussion um »Gleicher als andere«
und das Modell der freien Kooperation entzündeten sich lange Debatten am
Beispiel des »Putzfrauen-Problems«. Die traditionelle linke Heran-gehensweise
hierzu ist immer noch: Eine komplexe, funktional ausdifferenzierte Gesellschaft
hat sehr verschiedene Aufgaben. Alle müssen ihre machen, damit das Ganze
klappt. Auch Putzfrauen. Auch Intellektuelle. Die putzen natürlich nicht,
die haben andere Pflichten. Typische Rechte verteidigen hierarchische soziale
Arbeitsteilungen und Strukturen damit, dass die Menschen eben verschieden sind
und Verschiedenes leisten und ver-schieden viel mitreden können dement-sprechend.
Typische Linke machen genau dasselbe. Oder sie sagen: Jeder wie er denkt, jeder
wie er Lust hat. Komischer-weise führt das auch dazu, dass in der WG nur
die Frauen das Klo putzen. Egal, welche ideologische Position hier davor-geschaltet
wird: Am Ende putzen immer die Frauen das Klo; oder es wird gar nicht geputzt
und die Frauen ziehen aus.
Begriffe sind T-Shirts.
Große Fortschritte machen wir, wenn wir den Glauben aufgeben, das sich-an-Begriffe-Klammern
wie an flatternde Segel könne uns auf dem wilden Meer der sozialen Bewegung
und Veränderung vor dem ideologischen Untergang bewahren. Viele unserer
Begriffe dienen einzig der Selbstvergewisserung, dem Erzeugen einer scheinbar
sicheren Position. Gegen den »Staat«, gegen das »Kapital«.
Wir überspielen damit die Unsicherheit. Gegen eine bestimmte staatliche
Politik, ja. Gegen die Tendenz, immer größere Bereiche gesellschaftlicher
und sozialer Entscheidung in staatliche Expertokratie und Bürokratie zu
überantworten, ja. Aber gegen den Staat? Was heißt das genau, was
meint das? Gegen konkrete Kapitalisten, sicher. Gegen die Struktur, große
Teile des gesellschaftlichen Kapitals gegen den Einfluss derer abzuschotten,
die es produzieren, klar. Aber gegen das Kapital? Was bedeutet das? Wenn Kapital
zu materieller Macht geronnene historische Arbeit ist, konzentriertes gesellschaftliches
Vermögen (im Sinne von Tun-Können), wollen wir es dann nicht haben?
Aber bilden wir uns denn ein, es würde seinen Charakter dadurch bereits
vollständig ändern, dass es dem Staat gehört? Aber wenn wir wissen,
dass das nicht reicht, und wenn wir trotzdem nicht jedes gesellschaftliche Kapital
zerstören wollen, wie verhindern wir, dass es soziale Ungleichheit zementiert?
Wie kann es laufen? Man sollte meinen, dies wäre die in der Linken am häufigsten
gestellte Frage. Es ist eine der am seltensten gestellten.
Was tun,
wenn die Bullen sich verpisst haben?
Unter diesem Titel berichtete eine Gruppe von Frauen auf einem Flugblatt aus
englischen Riots der achtziger Jahre davon, wie in den städtischen Aufständen
tatsächlich für einige Tage sich die staatliche Polizeigewalt zurückzog
aus einigen Vierteln. In diesen Vierteln stieg die Häufigkeit von Vergewaltigungen
deutlich. Es gibt tatsächlich eine linke Haltung, in der so etwas als Kollateral-schaden
wahrgenommen wird, als Neben-widerspruch. Diese Haltung wird in der Regel von
Männern eingenommen. Sie schlägt einen umstandslosen Bogen von Erich
Mühsams Spötteln über den »deutschen Revoluzzer«,
der nicht akzept-ieren kann, dass bei der Revolution auch mal Lampen kaputt
gehen (er ist nämlich von Beruf Lampenputzer und erträgt das nicht),
bis zu allen, die völlig berechtigte Fragen stellen, wo morgen das Brot
herkommt, wer auf die Sachen aufpasst, wo man sein Kind am andern Tag in der
Kita abgeben kann, wie es sicher dorthin kommt, wer jetzt entscheidet wann die
Frühschicht anfängt, ob es noch eine Frühschicht gibt usw.
Eine soziale Revolution, die solche Fragen markig zu marginalem Kram erklärt,
ist nicht mehr als eine patriarchal-intellektuelle Phantasie. Sie verkennt,
dass in gewissem Sinne »Staat« und »Kapital« immer entstehen,
die Frage ist nur, in welcher Art und Form und in wessen Kontrolle. Es geht
nicht darum, vor jeder Veränderung die Blaupause für alles und jedes
zu haben. Es geht um normale Antworten auf normale Fragen, um ehrliche Antworten
auf ehrliche Fragen. Es geht um die Prüfung, wessen Fragen in die Gestaltung
dieser sozialen Veränderung eingehen.
Freie Kooperation.
Die Theorie der freien Kooperation, der ich anhänge, versucht eine Antwort
auf die Frage zu geben: Wenn wir uns die Welt des Sozialen nicht »von
oben« ordnen lassen wollen – wenn wir ablehnen, dass irgendwer ihre
Strukturen aufgrund »wissenschaftlicher Erkenntnisse« definiert
– wenn wir auch ablehnen, dass die freie und gleiche Gesellschaft die
ist, in der jeder macht, was er lustig ist – wie sieht es dann aus? Was
ist die soziale Utopie? Die Antwort heißt: Die Menschen machen ihre Regeln
selbst, nach denen sie leben; und der Gegenstand der sozialen Utopie sind nicht
diese Regeln, sondern die soziale Machtstruktur, in der sie zustandekommen.
Eine freie Kooperation liegt vor, wenn:
1. Alle Regeln der Kooperation von allen in Frage gestellt werden können.
Es gibt keine »heiligen Kühe«;
2. alle an der Kooperation Beteiligten frei sind, Einfluss auf die Regeln zu
nehmen – und zwar nicht nur Teilnahme an irgendwelchen formalen Entscheidungs-systemen,
sondern mit der materiellen Gewalt, die ihnen eigen ist, nämlich: die Kooperation
zu verlassen, ihre Leistung in der Kooperation einzuschränken, zurück-zuhalten,
herunterzufahren, unter Beding-ungen zu stellen;
3. der »Preis«, den eine solche Einschränk-ung oder Aufkündigung
hat – die Aus-wirkungen, die dadurch entstehen, dass die Kooperation aufhört
oder weniger gut läuft –, für alle an der Kooperation Beteiligten
vergleichbar und vertretbar sind.
Der wesentliche Gegenstand linker Politik ist der dritte Punkt: den ungleichen
»Preis« der Kooperationseinschränkung zu korrigieren.
Am Beispiel Streik.
Eigentlich liegt das der Arbeiterbewegung gar nicht fern. Streik ist ein Beispiel
dieser Kooperationsverweigerung, um Einfluss auf die Regeln zu nehmen. Mit gutem
Recht will man die Gestaltung dieser Regeln nicht irgendeiner höheren Instanz
überlassen, auch nicht zugunsten formaler Strukturen auf die Möglichkeit
verzichten, die eigene materielle Gewalt – die der Kooperationsverweigerung
– einzusetzen. Für das abhängig beschäftigte Individuum
ist der Preis jedoch sehr ungleich: Wer seinem Chef erklärt, er höre
auf zu arbeiten, wenn nicht ... wird wenig in Bewegung setzen. Der Preis wird
korrigiert durch Solidarität. Alles in Butter also? Natürlich nicht.
In einer Struktur freier Kooperation wäre dieses Mittel einsetzbar, um
alle Regeln zu beeinflussen – auch die, wer Chef ist, ob es Chefs gibt,
was die dürfen und was nicht, usw. Der Betrieb als kommandowirtschaftliche
Struktur wird im Kapitalismus trotz Streikrecht ja nicht zur Disposition gestellt.
Der Sektor der Regeln, auf die Einfluss genommen werden kann, ist denkbar schmal.
Eine radikale Politik des Sozialen denkt ihn so weit wie möglich.
Verkaufen wir die BRD!
Das kooperationstheoretische Argument gegen Hartz und Agenda 2010 lässt
sich am einfachsten mit dem Gedanken-experiment zeigen: Verkaufen wir die BRD.
Angenommen, wir würden die BRD mit all ihren Produktionsanlagen, Flächen,
dem darin versammelten Kapital etc. an eine Investorengruppe in Singapur verkaufen,
würde der Erlös mit Sicherheit reichen, dass wir uns alle ein angenehmes
Leben davon machen können. Dass dieses Kapital da ist, ist aber das Ergebnis
kollektiver historischer Arbeit und sozialer Leistung (nicht nur in der »Produktion«),
nicht das Ergebnis einiger Leute, denen zufällig ein Teil dieses Kapitals
»gehört«. Jedwede Struktur dieser Gesellschaft – ob kapitalistisch,
staatssozialistisch oder im Sinne einer neuen, radikalen sozialen Utopie –
sollte daher für alle Beteiligten der Kooperation zumindest ein an-nehmliches
Auskommen gewährleisten. Sonst sollten wir dem Verkauf den Vorzug geben.
Die Forderung nach einer all-gemeinen Grundsicherung auf hohem qualitativem
Niveau ist daher keine »staatsfixierte« Forderung. Sie hält
nur fest, dass es unterhalb einer gewissen sozialen Garantie keinen Sinn macht,
sich den Stress zu machen.
Lemmy hear the dirty word.
Das Wort Sozialismus hat in der all-gemeinen Öffentlichkeit inzwischen
einen so miesen Stellenwert, dass es allmählich wieder anfängt Spass
zu machen. Wie dem auch sei: Der Inhalt muss in drei Grund-sätzen liegen,
die in allen sozialen Verhältnissen, in allen Formen sozialer Kooperation
von einer radikalen Politik des Sozialen angestrebt werden müssen.
1. Wer kooperiert, soll auch bestimmen.
2. Eine linke Politik sorgt dafür, ins-besondere derjenigen Arbeit, die
üblicher-weise verunsichtbart und als »automatisch vorhanden«
erzwungen wird, zu sozialer Macht zu verhelfen, d.h. zu aktiver Verhandlungsmacht
in der Kooperation.
3. Alle funktionalen Differenzierungen und Arbeitsteilungen sind als Strukturen
von Ermöglichung zu interpretieren: die einen überlassen den anderen
die Ver-fügung über gesellschaftliches Kapital (und das kann alles
mögliche heißen), geben ihnen dadurch einen Gestalt-ungsspielraum.
Entsprechend sind alle diese Strukturen rückholbar, müssen von unten
kontrolliert werden, ohne Schaden aufgekündigt, verändert werden können.
Nur so entstehen Strukturen, in denen allen alles gemeinsam gehört, ohne
dass allen nichts gehört. Nur so entstehen Strukturen, in denen Menschen
mit-einander aushandeln, wie sie leben und arbeiten wollen – ohne Chef,
aber auch ohne die faktische Macht patriarchaler Wurstigkeit.
Was wollen wir also?
Den Laden schmeißen. Im mehrfachen Sinne von: Nicht stillhalten, sondern
bisherige Haltungen aufgeben, die nichts verändern. Den Laden über
den Haufen werfen. Den Laden übernehmen. Welchen Laden? Jeden Laden. Jede
Kooperation. Was ist dabei eine radikale Politik des Sozialen? Eine, die versucht,
immer größere Stücke gesellschaftlichen Kapitals, gesellschaftlicher
Kooperation von unten zu übernehmen, in Strukturen gemeinsamer, freierer
Kooperation zu überführen, durch praktische Experimente. Ist das innerhalb
»des Systems« denn möglich? Es ergeben sich Widersprüche.
Die Frage ist immer, welche Konsequenzen aus diesen Widersprüchen wir jeweils
durchsetzen können.
Müssen wir uns dafür auch mit konventionellen Strukturen ausein-andersetzen,
mit Ausschüssen, Eingaben, Initiativen, konkreten Gegenvorschlägen?
Ja, müssen wir. Kostet uns das nicht die soziale Utopie? Das Risiko besteht.
Ganz ausweichen können wir ihm jedoch nicht. Müssen wir uns womöglich
mit Gewerk- schaften und gar mit Parteien auseinandersetzen?
Ja, auch das.
Aber das ist schon wieder
eine andere Geschichte.
Fußnote:
(1) Ursual LeGuin, Planet der Habenichtse,
Hamburg/Berlin 2002.