Massenstreiks bringen Peru zum Stillstand
von Elizabeth Schulte
TAUSENDE PeruanerInnen trotzten dem Notstand indem sie in den letzten Wochen
auf die Straßen gezogen sind und sich die Proteste im ganzen Land wie
ein Lauffeuer verbreitet haben. Lehrer und Lehrerinnen begannen den Streik am
12. Mai und forderten höhere Löhne.
Am 26. Mai stießen die Bauern - mit ihren Forderung nach niedrigeren Steuern
auf die Ernteerträge und nach Importbeschränkungen - dazu, die durch
Straßenblockaden Warentransporte zum Erliegen brachten. In der Zentralen
Andenregion, in der Nähe der Stadt Jauja, wurden sieben Polizeioffiziere
verletzt, als sie bei dem Versuch, eine Straßensperre zu räumen,
von 2.000 Bauern mit Steinen beworfen worden sind.
Am 27. Mai verließen 35.000 Ärzte und Krankenschwestern acht von
der Regierung geführte Krankenhäuser und 3.000 Gesundheitszentren.
Justizangestellte und StudentInnen beteiligten sich ebenfalls an dem Streik.
An jenem Tag rief Präsident Alejando Toledo einen 30tägigen Notstand
aus, um die „Ordnung wieder herzustellen“, Streiks und Demonstrationen
zu verbieten und um der Polizei und dem Militär die Erlaubnis zugeben,
Gewalt einzusetzen und mit einem Durchsuchungsbefehl in die Häuser der
Streikenden einzudringen.
Die Polizei geriet daraufhin im ganzen Land mit den Streikenden aneinander.
Im Norden, in der Stadt Chiclayo, feuerten gewalttätige PolizistInnen Tränengas
auf 5.000 streikende LehrerInnen. Und im Süden, in der Stadt Puno, schossen
SoldatInnen auf protestierende StudentInnen. Dabei wurde ein Student getötet
und mindestens 16 verletzt. Trotzdem sind die Protestaktionen bis Ende Mai fortgeführt
worden.
Die Bauern und die im Gesundheitssystem Beschäftigten beendeten ihre Streiks an diesem Wochenende, aber die LehrerInnen und die Justizangestellten machen weiter. „Wir Lehrer und Lehrerinnen werden diese Art der Einschüchterungen und Aggressionen nicht erlauben“, teilte Nilver Lopez, ein führender Kopf der Unico Union de Trabajadores in the Education of Peru (SUTEP), die 280.000 LehrerInnen in ganz Peru repräsentiert, der Nachrichtenagentur Reuters mit.
Eine Umfrage vom Freitag zeigte, dass 71% der PeruanerInnen die Proteste unterstützen, die den weit verbreiteten Zorn über die Unfähigkeit der Regierung Toledo, ihren Versprechen gerecht zu werden, Ausdruck verleihen. Toledo, der von vielen als ein Aktivist und Reformer eingeschätzt wird, wurde 2001 Präsident und verdrängte damit die zehn Jahre andauernde, korrupte Herrschaft Alberto Fujimoris. Eines seiner Versprechen war die Schaffung einer Million Arbeitsplätze pro Jahr. Dennoch verharrt die Arbeitslosenquote bei 10 Prozent seitdem er sein Amt antrat.
Während Peru als eine ökonomische Erfolgsgeschichte gepriesen wurde - die peruanische Wachstumsrate von 5,2 Prozent im letzten Jahr war die höchste in ganz Lateinamerika - spürten die einfachen PeruanerInnen nichts von diesem Erfolg. Mehr als die Hälfte der 27 Millionen zählenden Bevölkerung lebt von 1,25$ oder weniger am Tag. 45 Prozent der Bevölkerung leben in Armut und 24% erhalten ein „Einkommen“, das sich auf die Hälfte der offiziellen Armutsgrenze und weniger beläuft.
Dadurch dass der Internationale Währungsfonds (IWF) der Regierung strenge
Auflagen für ihre Ausgaben auferlegt und Toledo - ein früherer Berater
der Weltbank, der in den Vereinigten Staaten ausgebildet wurde - sie entsprechend
umgesetzt hat, haben sich die Verhältnisse weiter verschlechtert. Die Zustimmungswerte
für Toledo befinden sich folglich auch bei miserablen 14 Prozent.
Im vergangenen Juni rief Toledo schon einmal den Notstand als Antwort auf massive
Demonstrationen aus, die sich im Süden, in Arequipa, gegen die vom IWF
vorgeschriebenen Privatisierungen zweier Stromversorgungsunternehmen richteten.
Als das Kriegsrecht die Proteste nicht aufhalten konnte, verschob die Regierung
die Privatisierungen auf unbestimmte Zeit.
Während sich unter ArbeiterInnen, Bauern und den Armen großer Unmut
über Toledos Politik breit gemacht hat, sind einige Menschen mit der Leistung
des Präsidenten zufrieden. Der peruanische Unternehmerführer Samuel
Gleiser beschrieb die Ausrufung des Kriegsrechts in der letzten Woche als „das
Beste, was Toledo bislang gezeigt hat“. „Er nimmt den Bullen bei
den Hörnern.“
Dabei sind Toledos Schwierigkeiten noch lange nicht vorüber. Perus größte
Dachorganisation der Gewerkschaften, die CGTP, gab bekannt, dass sie es in Betracht
ziehe, einen Generalstreik gegen die Politik des Freien Marktes im Juli auszurufen.
Ganz Lateinamerika kann im Moment einen steigenden Pegel der Kampfeslust beobachten. Im Februar organisierten bolivianische ArbeiterInnen eine riesige Demonstration gegen die Einschränkungsmaßnahmen der Regierung. Und im Dezember 2001 wurde der frühere argentinische Präsident Fernando de la Rua im Angesicht militanter Proteste zum Rücktritt gezwungen, nachdem er das Kriegsrecht ausrief.
Dementsprechend äußerte sich auch der Highschool Lehrer Jorge Vargas inmitten der Proteste in der Hauptstadt: „Wenn die Regierung ihre Politik des Niederkniens vor dem IWF nicht ändert... wenn sie dem peruanischen Volk nicht in die Augen sieht... dann wird sie gehen müssen.“