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kiutoie--woinowo
aus: „die reisenach petuschki“ von wenedikt jerofejew

Morgens, noch vor Öffnung der Geschäfte, fand ein Plenum statt. Es war ein erweitertes, revolutionäres Plenum. Doch da unsere ganzen vier Plenums erweitert und revolutionär waren, entschlossen wir uns, sie zu numerieren, damit sie nicht verwechselt werden konnten: Erstes Plenum, Zweites Plenum, Drittes Plenum und Viertes Plenum. Das Erste Plenum diente einzig und allein der Wahl des Präsidenten, das heißt, meiner Wahl zum Präsidenten. Dazu brauchten wir anderthalb bis zwei Minuten, nicht mehr. Die ganze restliche Zeit verschlang eine rein spekulative Frage: Wer würde das Geschäft früher öffnen, Tante Mascha in Andrejewskoje oder Tante Schura in Polomy?
Ich saß in meinem Präsidium, hörte zu, wie sie diskutierten, und dachte: Diskussionen sind auf jeden Fall not-wendig, aber viel notwendiger sind Dekrete. Warum vergessen wir das, was jede Revolution krönt, nämlich das »Dekret«? Zum Beispiel ein Dekret, das Tante Schura in Polomy vorschreibt, das Geschäft morgens um sechs zu öffnen. Was könnte einfacher sein? Schließlich haben wir die Macht und können Tante Schura befehlen, das Geschäft morgens um sechs zu öffnen, statt um neun Uhr dreißig.
Wieso bin ich nicht schon längst auf diese Idee gekommen! . . .
Oder zum Beispiel ein Dekret, demzufolge alles Land im Bezirk von Petuschki in den Besitz des Volkes überzugehen hat, einschließlich aller Nutzflächen und beweglichen Güter, einschließlich aller alkoholischen Getränke, und zwar ohne jede Entschädigung. Oder so ein Dekret: die Zeiger der Uhren sind zu verstellen, zwei Stunden vor oder anderthalb zurück, ganz egal, jedenfalls zu ver-stellen. Dann müßte noch der Beschluß gefaßt werden, wonach das Wort »Teufel« wieder mit »D« geschrieben und irgendein Buchstabe des Alphabets vereinfacht werden muß. Es wäre nur noch zu überlegen, welcher. Und zu guter Letzt müßte man Tante Mascha in Andrejewskoje befehlen, das Geschäft um fünf Uhr dreißig zu öffnen, statt um neun.
So viele Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, daß ich ganz konfus und traurig davon wurde. Ich ließ Tichonow in die Couloirs rufen, trank mit ihm ein Glas Kümmelschnaps und sagte: »Hör mal, Kanzler!« »Was willst du?«
»Ach, nichts. Ein Scheißkanzler bist du, das ist es.« »Such dir einen besseren«, erwiderte Tichonow beleidigt. »Darum geht es nicht, Wadja. Es geht darum, daß du, wenn du ein guter Kanzler sein willst, dich hinsetzen und Dekrete schreiben mußt. Trink noch einen Schluck, und dann setz dich hin und schreib. Ich habe übrigens gehört, daß du dich nicht beherrschen konntest und Anatolij Iwanytsch in den Schenkel gezwickt hast. Was soll das? Willst du den Terror einführen?« »Naja . . . nur ein bißchen.«
»Welche Art Terror willst du denn einführen? den Weißen?«
»Ja, den Weißen.«
»Das bringt nichts, Wadja. Aber lassen wir das jetzt, wir haben andere Sorgen. Zuerst müssen wir ein Dekret schreiben, wenigstens ein einziges, wenigstens ein ganz langweiliges . . . Haben wir Papier und Tinte? Setz dich hin und schreib. Danach trinken wir was und geben die Erklärung der Rechte ab. Und erst dann können wir mit dem Terror anfangen. Anschließend trinken wir noch was und dann heißt es lernen, lernen und wieder lernen . . .«
Tichonow schrieb zwei Worte, trank sein Glas leer und seufzte:
»Tja-a-a . . . mit dem Terror habe ich mich vergaloppiert . . . Doch Fehler sind in unserer Sache unvermeidlich, weil das alles unerhört neu ist, und Präzcdenzfälle hat es nie gegeben, kann man sagen . . . Naja, es hat schon Präzedenzfälle gegeben, aber
»Von wegen Präzedenzfälle! Das war doch nur Humbug. Ein >Hummelflug<, Spielereien erwachsener Kindsköpfe und keine Präzedenzfälle! Was meinst du, sollen wir die Zeitrechnung ändern oder so lassen wie sie ist?« »Laß sie lieber in Ruhe. Solange man in der Kacke nicht rührt, stinkt sie nicht.«
»Da hast du recht. Lassen wir das. Du bist ein brillanter Theoretiker, Wadja, das ist sehr gut. Am besten, wir schließen jetzt das Plenum, oder? Tante Schura in Polomy hat das Geschäft schon aufgemacht. Angeblich hat sie Rossijskaja.«
»Klar, mach Schluß. Morgen früh findet sowieso das Zweite Plenum statt... Laß uns nach Polomy gehen.« Bei Tante Schura in Polomy gab es tatsächlich Rossijskaja. Aus diesem Grunde und auch deshalb, weil mit Vergeltungsschlägen aus der Kreisstadt gerechnet werden müßte, wurde beschlossen, die Hauptstadt vorübergehend von Tscherkassowo nach Polomy zu verlegen, das heißt um zwölf Werst tiefer ins Innere der Republik. Dort fand am nächsten Morgen auch das Zweite Plenum statt, das ausschließlich meinem Rücktritt vom Amt des Präsidenten gewidmet war.
»Ich stehe vom Präsidentcnstuhl auf«, sagte ich in meiner Rede, »und spucke darauf. Ich meine, daß das Amt des Präsidenten einem Mann zusteht, der sich die versoffene Fresse in drei Tagen nicht einschlagen läßt. Haben wir etwa solche unter uns?«
»Nein, solche haben wir nicht«, antworteten die Abgeordneten im Chor.
»Könnte man mir vielleicht die versoffene Fresse in drei Tagen nicht einschlagen?«
Ein, zwei Sekunden musterten mich die Abgeordneten prüfend und antworteten wieder im Chor: »Doch, könnte man.«
»Na also«, fuhr ich fort, »wir kommen auch ohne Präsident aus. Laßt uns lieber auf die Felder hinausgehen, Punsch kochen. Und Borja schließen wir hier ein. Er ist ein Mensch von hoher Moral, deshalb soll er hierbleiben und inzwischen das Kabinett bilden . . .« Meine Rede wurde von Ovationen unterbrochen, und das Plenum löste sich auf. Im Nu waren die umliegenden Felder und Wiesen von blauen Feuern erhellt. Nur ich allein konnte die allgemeine Begeisterung und den Glauben an den Erfolg nicht teilen. Ich ging zwischen den Feuern umher und stellte mir immer wieder eine bange Frage: Warum ist da keiner auf der ganzen Welt, der auf uns aufmerksam wird? Warum ist so ein Schweigen in der Welt? Der ganze Bezirk steht in Flammen, und die Welt hält den Atem an und schweigt. Gut, doch warum reicht uns keiner die Hand, weder im Osten noch im Westen? Wohin sieht König Olaf? Wie kommt’s, daß uns keine der regulären Truppen aus dem Süden angreift? Ich nahm den Kanzler leise beiseite. Er stank aus allen Poren nach Punsch.
»Gefällt dir unsere Revolution, Wadja?« »Ja«, antwortete Wadja, »sie ist schauerlich, aber wunderschön.«
»Und was ist mit Norwegen, Wadja, was hört man von dort?«
»Vorläufig nichts . . . Was willst du denn mit Norwegen?«
»Du bist gut! Sind wir mit Norwegen im Kriegszustand oder in welchem Zustand? Eine ganz dumme Sache ist das. Wir kämpfen mit Norwegen, aber die nicht mit uns . . . Wenn sie bis spätestens morgen nicht anfangen, uns zu bombardieren, übernehme ich wieder das Amt des Präsidenten — und dann wirst du sehen, was passiert!« „Übernimm es ruhig«, antwortete Wadja, »wer hindert dich daran, Jcrofejtschik? Wenn es dir Spaß macht, übernimm es . ..«