
Chiapas: Frieden
wieder in weiter Ferne
Schwierige Zeiten für die Zapatistas
Von
Jan Klein, San Christobal de las Casas, Chiapas, 17.5.01
Noch vor Kurzem schien es, als sei eine friedliche Lösung des Konfliktes in Chiapas in greifbare Nähe gerückt. Die Verabschiedung der "Reforma Indigena" jedoch bedeutet einen schweren Rückschlag für den Friedensprozess.
Mit dem bewaffneten Aufstand zehntausender Indigenas machte die EZLN am 1. Januar 1994 den mexikanischen Bundesstaat Chiapas weltbekannt und rückte die katastrophale Lebenssituation der indigenen Bevölkerung ins Rampenlicht der Aufmerksamkeit. Nicht nur ihre Forderungen nach "Demokratie, Gerechtigkeit, Freiheit" waren es, die ihnen eine Welle der Sympathie und Solidarität im In- und Ausland einbrachte, sondern auch ihr Selbstverständnis, das sie deutlich von den orthodoxen Guerillagruppen Lateinamerikas unterscheidet. So ist ihr Ziel nicht die Machtübernahme im Staat, so ziehen die Zapatisten seit Jahren die Worte den Waffen vor, setzen auf die Organisation und Mobilisation ziviler Gruppen anstelle eines Kleinkrieges mit der mexikanischen Armee, die seit Jahren weite Teile von Chiapas faktisch besetzt hält. Seit Jahren widerstehen die Zapatisten einem "Krieg niederer Intensität", ausgeübt von Militär, Polizei und paramilitärischen Gruppen, der sich besonders gegen die BewohnerInnen der 42 "autonomen Landkreise" richtet und seit 1997 mehrere hundert Tote gefordert hat. Eine generelle Unsicherheit der Bevölkerung und über 10000 Flüchtlinge in der Region waren die Folge.
3 Signale
Den neuen Präsidenten Mexikos, Vincente Fox Quesadilla, begrüsste
die EZLN am Tage seines Amtsantritts mit einem Kommunique, in dem sie von der
Regierung drei Signale forderte, um die Friedensverhandlungen, die 1996 ausgesetzt
wurden, wieder aufzunehmen. Diese bestehen in der Freilassung der zapatistischen
politischen Gefangenen, dem Abzug des Militärs von sieben Positionen und
der Umsetzung der Vereinbarungen von San Andrés. Diese Vereinbarungen
über die Rechte, Kultur und Autonomie der indigenen Gemeinden waren das
Ergebnis der ersten Runde der Verhandlungen. Sie wurden im Januar 1996 von beiden
Seiten unterzeichnet, von der Regierung aber nie umgesetzt.
Zwei der drei Signale scheinen inzwischen weitgehend erfüllt: Die sieben
Militärlager sind geräumt, wenn auch die Einheiten den Bundesstaat
nicht verlassen haben, sondern sich, oft nur wenige Kilometer entfernt, in der
nächstgelegenen Position eingerichtet haben. Von den einst 112 Gefangenen
befinden sich höchstens noch vier in den Gefängnissen und Regierungsvertreter
versichern, an deren Freilassung werde gearbeitet.

"Der Marsch
der indigenen Würde"
Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen und sie vor einer breiten Öffentlichkeit
zu begründen, startete die
Kommandatur der EZLN am 24. Februar 2001 ihre Karawane nach Mexico-Stadt. Innerhalb
von zwei Wochen reisten die 24 Männer und Frauen durch 12 Bundesstaaten
Mexikos, begleitet von tausenden VertreterInnen der mexikanischen und internationalen
Zivilgesellschaft. Dieser Marsch entwickelte sich zum größten Propagandaerfolg
der zapatistischen Bewegung seit 1994. Abgesehen vom gewaltigen Medienecho,
das diese Aktion hervorrief, nahmen hunderttausende Menschen an den Versammlungen
in unzähligen Städten teil. Es heisst, daß der Auftritt der
Commandancia an jedem einzelnen Punkt zu der einer der größten Ansammlungen
von Menschen in der Geschichte der jeweiligen Stadt geführt habe.
"Während dieser zwei Wochen entwickelte sich der Marsch der ZapatistInnen
zu einem grossartigen Schmelztiegel, in welchem die verschiedensten Stimmen
und Farben, Sprachen und Rassen zusammenflossen, zusammengerufen und bestimmt
durch den Aufschrei der am meisten aus der mexikanischen Gesellschaft ausgegrenzten:
der indigenen Bevölkerung. Die Menschen begaben sich zu den Versammlungen
der ZapatistInnen, um die KommandantInnen zu hören, aber auch, um ihnen
ihre eigenen Sorgen und Hoffnungen mitzuteilen und sie darum zu bitten, ihre
Forderungen ins Zentrum der mexikanischen politischen Macht zu tragen."(zitiert
nach SIPAZ, Servicio International para la Paz)
Eine wichtige Station des Marsches war die Teilnahme der ZapatistInnen am 3.
Nationalen Kongress der Indigenas (CNI), in dem 42 indigene Völker aus
27 Staaten Mexikos vertreten sind. Mit überwältigender Einmütigkeit
schlossen sich die über 3000 Delegierten den Forderungen der EZLN an und
beschlossen, den Marsch nach Mexiko-Stadt zu begleiten.
Der Marsch gipfelte im Empfang der ZapatistInnen auf dem Hauptplatz von Mexiko-Stadt
durch über 200.000 Menschen, und zwei Wochen später, nach hartem politischen
Ringen, im Auftritt mehrerer KommandantInnen und anderer VertreterInnen indigener
Gruppen vor dem Kongress, über Stunden live übertragen von Radio und
Fernsehen.
Nach der Rückkehr nach Chiapas resümierte Subcommandante Marcos, als
Sprecher der EZLN: "Heute ist der Dialog näher und die Konfrontation
weiter entfernt."

Die Reforma
Indigena: der große Rückschritt
Ende April verabschiedeten Kongreß und Senat der mexikanischen Republik
im Eildurchgang eine Gesetzesreform über die indigenen Rechte und Kultur.
In wichtigen Punkten allerdings ist dieses Gesetz weit entfernt von den Vereinbarungen
von San Andrés. Noch am Tag der Verabschiedung erfolgte die Antwort des
CNI, in der der Nationale Kongreß der Indigenas diese Reform zurückwies
und klarstellte, daß das Gesetz in substantielle Teile der ursprünglichen
Vereinbarungen eliminiere: "...Die Anerkennung der indigenen Gemeinschaften
als juristische Personen, die Anerkennung der indigenen Territorien, die kollektive
Nutzung ... der natürlichen Ressourcen, die sich in ihren Territorien befinden
und die Möglichkeit des Zusammenschlusses von indigenen Gemeinden und Landkreisen."
Während Präsident Fox das Gesetz als "historischen Beschluss"
und "Ende des bewaffneten Konfliktes" lobte, erklärte die EZLN,
mit diesem "Gesetz der Großgrundbesitzer und Rassisten" habe
die Regierung selbst den Dialog abgebrochen. Sie suspendierte die bestehenden
Kontakte und betonte, sie werde weiter im Widerstand bleiben. Auch sonst fehlt
es nicht an harschen Worten für diese Reform. Der Governeur des Bundesstaates
Oaxaca, obwohl selbst Mitglied der ehemaligen Staatspartei PRI, die nicht gerade
auf der Seite der Zapatisten steht und im Kongreß für das Gesetz
gestimmt hat, erklärte, das Gesetz sei "ausschließend, rassistisch,
paternalistisch, klassistisch und diskriminierend." Er sei sich sicher,
daß die Reform in Oaxaca nicht angenommen werde. Die Friedensnobelpreisträgerin
Rigoberta Menchú Tum sagte, es sei "lau, schwach und entferne die
Essenz des ursprünglichen Entwurfs". In verschiedenen Kommentaren
wird das Gesetz als "Verrat" oder "Witz" bezeichnet. Ein
Sprecher des CNI: "Der Frieden ist jetzt weiter entfernt als jemals zuvor."
BeobachterInnen, die aus den indigenen Gemeinden zurückkommen, berichten
daß dort die Hoffnung, die während des Marsches der Kommandatur nach
Mexiko-Stadt vorgeherrscht hat, nun einer tiefen Enttäuschung und Wut gewichen
ist. Die Stimmung dort wird als sehr angespannt beschrieben.
Um entgültig Gesetzesrang zu erlangen, muss die Reform noch von den Parlamenten
der einzelnen Bundesstaaten abgesegnet werden. Der CNI und ein breites Bündnis
von Organisationen haben daher eine Reihe von Aktionen angekündigt, um
die regionalen Paramente zur Ablehnung des Gesetzes zu bringen.
Chiapas: Zu
reich für indigene Rechte?
In der Tat sieht sich die zapatistische Bewegung einer Verflechtung von Interessen
gegenüber, die einem wirklichen Frieden im Wege stehen. Da sind auf der
einen Seite die Interessen der grossen Landbesitzer, die bis heute von den kolonialen
Strukturen profitieren, und die sich bis zum Aufstand der Zapatistas als unumschränkte
und unhinterfragte Herren von Land und Leuten fühlen konnten. Sie haben
in der erzkonservativen Regierungspartei PAN (Partei Nationale Aktion) einen
starken Verbündeten. Zum anderen sind es multinationale Konzerne, die an
der Ausbeutung der reichhaltigen Ressourcen Chiapas' interessiert sind, und
mit Vincente Fox als Verfechter des Neoliberalismus einen starken Fürsprecher
haben. Durch ein gigantisches Investitionsprogramm unter dem Namen "Puebla-Panama"
soll der Süden Mexikos für den internationalen Markt erschlossen werden,
um Öl, Mineralien, Wasser, Elektrizität, landwirtschaftliche Exportprodukte,
billige Arbeitskraft und genetisches Material für die Biotechnologie zu
liefern.
Beide Interessensgruppen sind daher "natürliche" Gegner einer
Stärkung der Rechte der indigenen Bevölkerung, und es wird sich noch
zeigen müssen, ob der öffentliche Druck ausreichend sein wird, um
die grundlegenden Rechte der indigenen Gemeinschaften gegenüber der Macht
des großen Geldes und der traditionellen Herren durchzusetzen.
Fox und der
Frieden
Es ist mehr als zweifelhaft, ob die Regierung ein wirkliches Interesse an einer
Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen hat. Denn bei einer Fortführung
des Dialoges von San Andrés käme viel mehr auf den Tisch als nur
die lokalen Ursachen des Konfliktes. Gemäß ihrem Motto: "Für
Alle Alles, Nichts für uns" hat die EZLN schon damals über Fragen
von Demokratie, Gerechtigkeit, Gesundheit, Bildung, Landrechte und Rechte der
Frauen im nationalen Rahmen dikutiert und dabei hunderte von Guppen und Persönlichkeiten
der Zivilgesellschaft eingebunden. Daß Vincente Fox dies fortsetzen will,
ist kaum vorstellbar. Seine Vorstellungen vom Frieden dürften mit "Ruhe
und ein gutes Investitionsklima" passend umschrieben sein, seine Vorstellung
von Politik beschränkt sich anscheinend weitgehend auf Fragen des Marketings.
Es ist allerdings unübersehbar, daß dieses Marketing einigen Erfolg
zeigt. Die Aufforderung der Europäischen Union an die EZLN, das "konstruktive
Angebot" des Präsidenten anzunehmen, und den Dialog wiederaufzunehmen,
ist das jüngste Beispiel dafür, und von Vertretern der Regierung enthusiastisch
aufgenommen worden.
Das Militär
macht Druck
Im Gegensatz zu den allgemeinen Friedensbeteuerungen sind in den letzten Wochen
starke Militärbewegungen in mehreren Regionen des Konfliktgebietes zu beobachten
gewesen. In der Nähe von La Realidad, besetzte die mexikanische Armee die
Ortschaft Amparo Aguatintas, andernorts wurden Artilleriegeschütze in einen
Militärstützpunkt gebracht und insgesamt ist eine Zunahme der Patroullien
zu beobachten, die seit Anfang des Jahres fast komplett ausgesetzt waren. In
einer zapatistischen Gemeinde an der Laguna Miramar, einem Gebiet des Ökotourismus,
wurden zwei Ausländerinnen überfallen, vermutlich von Paramilitärs,
zwei Stunden lang mißhandelt und vergewaltigt. Ihre Peiniger kommentierten
dies mit den Worten: "Wir haben Krieg. Wir wollen keine Fremden hier."
Die Entwicklung
der letzten Wochen zeigt, daß der Konflikt in Chiapas noch weit von einer
Lösung entfernt ist.
In den kommenden Wochen und Monaten wird sich zeigen müssen, ob der CNI
und die zapatistische Bewegung genügend Stärke entwickeln, um die
Regierung zu einem Einlenken zu bringen. Eine wichtige Rolle wird dabei auch
die internationale Öffentlichkeit spielen, je nachdem, ob sie der Propaganda
der mexikanischen Regierung Glauben schenkt, oder ob genügend Menschen
bereit sind, genauer hinzusehen und im Sinne der indigenen Bevölkerung
ihre Stimme zu erheben.
Für weitere
Informationen bzw. die Teilnahme an internationalen Kampagnen:
www.chiapas.indymedia.org
www.sipaz.org