Schwedenurlaub

Festung Europa live

Auf der VA zum EU-Gipfel vor zwei Monaten im Alhambra fand sich eine kleine Gruppe Unerschrockener, die per Fahrrad nach Göteborg fahren wollten. Als es jedoch soweit war, zehrten diverse Wehwehchen an unserer Kondition und wir zogen es vor, die bikes ins Auto zu stellen und uns auf bequemere Art durch Schweden zu schaukeln...

Donnerstag abend

„Things are getting a little bit out of our hands" meint der erste schwedische Cop, dem wir in Göteborg begegnen. Er steht mit 2 Kollegen am Lieferanteneingang des ersten Schutzwalls der Festung Europa, ein imposantes Bauwerk aus Containern und Bauzäunen. Unter dieser Info kann mensch sich so einiges vorstellen, vor allem mit dem Wissen, dass während des Gipfels nur 3000 von insgesamt 8000(!) schwedischen Cops zum Einsatz kommen dürfen. Noch vor einer Stunde hatten sie eine Anti-Bush-Demo mit 15000 TeilnehmerInnen „in their hands" (oder wohl auch nicht...).

Weiter geht unsere „Göteborg bei Nacht"-Tour. Ein paar Straßen weiter stoßen wir unverhofft auf einen Haufen Bullen, die damit beschäftigt sind, eine einsame Barri zu löschen, wiederum vor einem Containerwall. Dieses Mal handelt es sich jedoch nicht um einen Tagungsort von EU-VIPs oder gar um Bush´s Hotel, wie wir zunächst vermuten, sondern um eine frisch gerazzt- und geräumte Schule, die als Unterkunft für EU-GegnerInnen diente.

Der Weg ins Schlafgemach führt uns über die Kungsportavenyn, die Promenade von Göteborg. Hier treffen sich Hindströmm und Kunsson auf ein oder zwei Bier und unterhalten sich über Vor- und Nachteile des neuesten Ericsson-Handys. 12 Stunden später sollten die Gespräche unter den Passanten schon von existenziellerer Natur sein...

Freitag

Nach einer Kundgebung auf dem Götaplatsen formiert sich eine Demo in Richtung EU-Kongresszentrum, die jedoch nach ca. 100 m zum halten kommt. Dort steht eine Schild-Helm-Knüppel-Garde, welche die Teleskopknüppel jede und jeden spüren lassen, die ihnen zu nahe kommen. Die Show geht weiter mit den Nummern Hundestaffel und den Tieren, die das Arschloch auf dem Rücken haben. Sie sorgen dafür, dass die Manege frei wird und ernten dafür tosenden Applaus in Form von fetten Pflastersteinen und Straßenabsperrgattern. Schon meine Mutti wusste, dass im Zirkus nicht gut vorne Sitzen ist (wg. der Sägespäne, die einem/einer bei den Pferdenummern ins Gesicht fliegen). So verlassen wir die Vorstellung mit dem Wissen, dass die Bullen zwar fast die ganze Stadt im Griff haben, jedoch allzuleicht die eigene Kontrolle verlieren.

Außer dem EU-Gipfel und den Gegendemonstrationen gab es in Göteborg noch eine Meile am Hafen, wo ein Gegenkongress stattfand und alle im Göteborg-2001-Netzwerk involvierten Gruppen, Vereine, Gewerkschaften etc. ihre Stände, Fressbuden, Discozelte u.ä. aufgestellt haben. Dort wollen wir hin, Infos checken. Stattdessen geraten wir in lustiges Bullentreiben. Zunächst stehen wir auf der sicheren Seite und schauen uns das Schauspiel über einen Kanal hinweg an, bald ist aber auch unsere Straße an der Reihe und wir werden durch die Stadt getrieben, um an besagter Hafenmeile zu landen, allerdings in einem Bullenkessel. Nach 2 Stunden geht es per Bus - freundlicherweise von den Göteborger Verkehrsbetrieben zur Verfügung gestellt - in ein Knastprovisorium, wieder mal aus Containern im Lego-Prinzip konzipiert. Grundlage für die insgesamt 6 stündige Gefangennahme war § 13 schwed. Polizeigesetz (Ingewahrsamnahme zur Verhinderung von Ruhe- und Ordnungsdelikten). So waren wir zum Abendbrot wieder raus, fuhren per Tram zu unserer Schlaf-Schule, um uns vor der Reclaim the City-Party zu stärken. Doch schon beim Gemüseschnippeln war die Reclaim-Party, oder was von ihr übrig war, vor unserem Schulzaun angekommen, nicht tanzend, sondern mal wieder von pigs und dogs getrieben. Auch in Göteborg nehmen nicht alle hin, dass mensch fragen muss, ob er und sie öffentlich tanzen oder sich versammeln dürfen, und es wehrten sich nicht wenige mit Steinen und Knüppeln, als die Schlägertrupps mit dem Befehl kamen, die Party aufzulösen. Für solch eine Situation besitzt der schwedische Bulle eine scharf geladene Waffe... und sämtlich Ironie bleibt im Hals stecken, wenn ich von ca. acht Schüssen schreibe, von denen zwei in Beine und einer einen Bauch trafen.

 

Allerspätestens jetzt wurde uns klar, dass die Bullen massivste Eskalation provozieren. Nach dieser effektiven Art von Partyräumung wurde die Straße komplett abgesperrt und für uns wurde es Zeit, in bullenfreiere Gefilde umzuziehen. Wieder am Boulevard angekommen, müssen wir unsere Bikes anschließen, da wir sie nicht durch die Lücken der neuerbauten Containerwälle bekommen. Kungsportavenyn - ein Bild des Grauens! Anstelle von Schaufenstern müssen wir auf triste Sperrholzplatten bei Banken und Fast Food Läden schauen, auch der Türsteher des gestern noch so glamourösen Hotels steht heute vor einer Sperrholzfassade, Schaukästen wurden zu Mülleimersockeln.... Auf die Straße traut sich heute Nacht keineR mehr, jedoch gibt es noch zwei nette Partys in den Göteborger Parks.

Sonnabend

Endlich mal unter sich! Auf dem Linnéplatsen ein Meer aus Fahnen aller Couleur und Kombinationen, 20000-30000 Menschen brauchen schon einen halben Tag, um sich zu einer richtigen Demo zu formieren, wir kommen an der 1. Reihe vorbei, eine Sambagruppe mit einem Transpi auf dem „GBG 2001" steht, na ja... dahinter folgen die orangen Luftballons der Attac-Leute, die haben sich Prozentsymbole (%) auf die Fahnen geschrieben, danach kommen skandinavische Gewerkschaften, deren aufwendig gearbeitete Fahnen und Standarten so alt sind, dass sie bald als Trachtengruppen durchgehen. Weiter geht's mit lauter weiß gekleideten Menschen, die sich Gaffa-tape auf den Mund geklebt haben, als Zeichen ihrer Friedfertigkeit, ein älteres Ehepaar folgt mit einem Transparent, welches da lautet „CE-Marking of Dental Amalgan is a Big Joke!"... wir landen vorerst bei den Syndikalisternas, so viele schwarz-rote Fahnen gabs in Deutschland noch nie auf einen Haufen, uns werden Sloganheftchen in die Hand gedrückt, und wenn wir sie auf schwedisch rufen, finden sich auch gleich Leute, die sie uns ins deutsche übersetzen...Mit der Zeit schmerzt der Hals und die Stimmbän
der versagen, so verlassen wir diesen stimmgewaltigen Block und schauen uns weiter in dieser wirren fröhlichen Vielfalt um. Heute haben wir noch nicht einen Cop gesehen. Das finden wir schon ein wenig seltsam, doch des Rätsels Lösung lässt nicht auf sich warten: Sie ruhen sich aus vor dem großen Sturm.

Als ein paar Stunden später das Gerücht vom Tod des angeschossenen 18jährigen die Runde macht, schlägt unsere Stimmung um. Wir gehen zum Hafen, um rauszufinden, ob das wahr ist. Auf dem Järntorget (ein Platz) sind ungefähr 1000 Leute um ein Mega versammelt, aus dem die Info kommt, dass der Mensch zwar auf der Intensivstation, aber am Leben ist. Und während wir unentschlossen beraten, ob wir jetzt oder gleich die Heimreise antreten, wird der gesamte Platz zu einem fetten Bullenkessel...wir werden auseinander- und wieder zu kleinen Grüppchen zusammengetrieben und aufgefordert, uns auf den Boden zu setzen. Widerstand war kaum mehr vorhanden, zumal die JournalistInnen und andere ZeugInnen auf 200m Abstand gehalten werden. Vier Stunden Blick auf eine Bullenkette, und doch die bessere Wahl. Als sich der Kessel ebenso seltsam auflöste (ohne Erklärung usw.), und wir zurück zu unserer Schule kommen, steht unser Auto zwischen lauter Bullenwagen: In der Zwischenzeit wurde die Schule mit MPi-Kommandos gestürmt und geräumt, angeblich auf der Suche nach einer Schusswaffe...na ja die sitzen den Cops zu locker. Gefunden haben sie keine.

Unser Schlafplatz ist so unerreichbar geworden, wir kommen im Büro der Göteborger Friends of the Earth für die Nacht unter.

Sonntag

yo, das war göteborg 2001, wir haben gelernt, gelacht, gekämpft, geliebt...thanx otto, kvid, ole, roland, aurel, lasse & värrtina, see ya in genova, la lotta continua,

inhabitants of the earth unite !