Mucken statt Ducken
Aufstehen gegen die niedersächsische Bildungsreform!!
Im Sommer 2004 tritt die von der niedersächsischen CDU/FDP-Regierung in einer Welle wilden Aktionismusses nach dem miserablen Abschneiden deutscher SchülerInnen bei transnationalen Vergleichsstudien (der vielzitierte „PISA-Schock“) beschlossene Bildungsreform in Kraft. Da diese fundamentalen Änderungen von der großen Mehrheit der SchülerInnen mit Desinteresse, Passivität oder bestenfalls verhaltener Empörung hingenommen werden, wollen wir im Folgenden aufzeigen, worum es sich bei der Reform im Einzelnen handelt, und wie sich selbige konkret im Alltag niedersächsischer SchülerInnen manifestieren werden.
1.) Die Kernidee der neoliberalen Bildungsreform:
Konkurrenz + Druck = Leistung
Die Maxime der Bildungsreform ist, den Druck auf SchülerInnen sowie die Konkurrenz zwischen Schülern, Lehrern und Schulen u.A. durch ein landesweit einheitliches und zentral ausgewertetes Abitur und ähnlich konzipierte Zentralprüfungen nach der zehnten (sogenanntes Mini-Abi) und – neu im öffentlichen Diskurs – auch nach der vierten Klasse zu erhöhen. Desweiteren – und logisch aus dem Zentralabi resultierend - soll eine die freie Wahl der Oberstufenfächer beschneidende Profiloberstufe eingeführt werden, d.h. es wird nur noch die Wahl zwischen zwei Mensch-„Profilen“, also naturwissenschaftlich und sprachlich/geisteswissenschaftlich ermöglicht. Die Folge ist, dass nur noch der zentral vorgegebene (und wahrscheinlich streng nach den Interessen der deutschen Wirtschaft ausgerichtete) Lernstoff in verkürzter Zeit (Abi nach 12 statt 13 Jahren, schließlich muss der Bildungsstandort Deutschland international konkurrenzfähig bleiben*) in die Köpfe der Schüler gehämmert werden muss; für scheinbar sekundäre Fähigkeiten wie die zu einem sozialen und solidarischen Miteinander oder die eines kritischen, reflexiven Denkens bleibt keine Zeit mehr. SchülerInnen, die mit dem stetig wachsenden Druck nicht mehr fertig werden, vom Bild des standarisierten Idealschülers abweichen, oder sich auch einfach nur weigern steril und eintönig die vorgegebenen Fakten zu büffeln, wird versucht durch weitere, z.T. bereits etablierte Druckinstrumente (Kopfnoten) beizukommen - für eine individuelle Betreuung bleibt in diesem straffen Zeitplan selbstverständlich keine Zeit, schließlich muss der Stoff bis zum Zentralabi sitzen und - richtig – das deutsche Bildungswesen muss der internationalen Konkurrenz standhalten. Führt der ständige Druck und die ständige Demütigung sogenannter „leistungsschwacher“ SchülerInnen durch die durch Noten erfolgende Einsortierung in „gut“ und „schlecht“ schließlich dazu, dass SchülerInnen vor lauter Stress und Angst der Schule komplett fernbleiben, sollen sie durch erhöhten Druck auf die Eltern (Strafe zahlen), Unterrichtsbeförderung per Polizeiauto (Behandlung wie ein/e Kriminelle/r) oder, so der Vorschlag des brandenburgischen Law&Order Populisten und CDU-Innenministers Jörg Schönbohm - durch eine elektronische Fußfessel (!!) dazu gezwungen werden, sich doch dem gnadenlosen Druck und der Konkurrenz der Schule preiszugeben (denn: Leistung zählt!). Dabei ist die von diversen PolitikerInnen konstatierte „Verrohung“ der „deutschen Jugend“ nur das logische Resultat einer Bildungspolitik, die primär darauf abzielt, SchülerInnen durch ständiges Einsortieren in gut und schlecht (wobei diese Einstufungen ja letztlich nur Indikatoren für die wirtschaftliche Verwertbarkeit des Schülers darstellen) zu mehr Leistung zu animieren; logisch, dass es bei einem solchen Prozess auch zahllose verzweifelte VerliererInnen gibt, zumal die Gelder für Schulpsychologen oder Mittel zur sozialen Integration ständig rückläufig sind. Dazu passt es natürlich, dass bestehende Alternativen zum sozial selektierenden, dreigliedrigen Bildungswesen (z.B. Gesamtschulen) künftig nicht mehr als Regelschule gelten und – obwohl schon jetzt die Zahl der Anmeldungen an integrierte Gesamtschulen die tatsächliche Kapazität z.T. bei Weitem übersteigt, d.h. zahlreiche SchülerInnen abgewiesen werden müssen – nicht mehr neu zugelassen werden sollen. Eine Schule, die SchülerInnen mit unterschiedlichen Fähigkeiten frei von Notendruck zu integrieren versucht, scheint sich Deutschland in der internationalen Standortkonkurrenz (die Begründungen diverser wirtschaftsliberaler PolitikerInnen sind doch immer dieselben) nicht mehr leisten zu können. Letztendlich hat wohl die berühmte Standortkonkurrenz die SchulpolitikerInnen auch dazu bewogen, für die Wirtschaft weitesgehend unwichtige, musische Schulfächer (z.B. Kunst, Musik oder Philosophie) künftig mit geringerer Priorität zu behandeln. Überhaupt: dafür, dass diese ganzen Reformen unter dem Primat der PISA-Studie ausgearbeitet sind, ist es doch recht verwunderlich, dass sie nahezu ausnahmslos ein völlig anderes Schulsystem als das in erfolgreichen PISA-Staaten (wie z.B. Finnland), existierende anstreben. Dort haben alle SchülerInnen bis zur neunten Klasse gemeinsamen Unterricht, Noten gibt’s erst ab der siebten. Stattdessen lautet die Lösung der Landesregierung: noch früher selektieren (durch Abschaffung der OS), noch mehr Druck und Inflexibilität (durch Zentralprüfungen).
* dass es sich hierbei einfach nur um einen plumpen Bildungsabbau handelt, wird hierdurch gekonnt retuschiert.
2.) „Der Staat ist pleite“ – Bildungsabbau und soziale
Selektion als Sachzwang?
Nur zu häufig wird als Grund für Bildungs- (gegenwärtig besonders
an Hochschulen) aber auch Sozialabbau („AGENDA 2010“, u.Ä.)
neben Standortkonkurrenzgeschwafel angeführt, der deutsche Staat sei pleite.
Mag sein, doch bei genauerem hinsehen wird deutlich, dass für bestimmte
Zwecke, bzw. für die privaten Taschen bestimmter Leute doch noch mehr als
genug vorhanden ist – im Folgenden nur eine kurze, unvollständige
Liste:
· Der Verzicht auf die Vermögenssteuer und die geplante Senkung
des Spitzensteuersatzes belässt den Reichen zusammen jährlich schätzungsweise
22 Milliarden Euro mehr auf den Konten
· Der geplante Kauf von 60 Militärairbussen schlägt mit weiteren
8,3 Milliarden Euro zu Buche (dies entspricht in etwa den gesamten (!) deutschen
Bildungsausgaben – also für Schule, Hochschule und Forschung - im
Jahr 2003)
· Hinzu kommen bis 2015 weitere 16,7 Milliarden Euro für den Kauf
von 180 „Eurofighter“-Kampfflugzeugen (die rund 40 mio Euro, die
durch eklatante Einschnitte ins niedersächsische Hochschulnetz mehr in
die Staatskasse fließen würden also nicht mal ein vierhunderstel
dieses Wahnsinnsprojekts finanzieren – mensch erkennt die Prioritätensetzung)
Dies sind nur drei Beispiele, die jedoch bereits belegen, dass das durch bildungs-
und sozialpolitische Kürzungen (exemplarisch die Streichung des Blindengeldes
und die radikalen Kürzungen bei Universitäten) zusätzliche eingenommene
Kapital durchaus „sinnvoll“ wieder investiert wird: als Geschenk
für die, die ohnehin genug haben oder für das Militär, das immer
häufiger Schulen besucht, um SchülerInnen in der allgemeinen Perspektivlosigkeit
nach der Schullaufbahn von den Vorteilen eines „sicheren und krisenfesten
Arbeitsplatzes in der Bundeswehr“ zu überzeugen.
Die Konsequenz spürt jedeR von uns Tag für Tag – in Form von
überfüllten Klassen, völlig veralteten und im Verfall begriffenen
Schulbüchern, schlecht ausgestatteten oder komplett fehlenden Computerräumen
u.Ä.
Doch – auch die Lösung des Finanzproblems deutscher Schulen ist am
Nahen... Schoolsponsoring heißt der neueste Import aus den USA, der es
privatwirtschaftlichen Firmen ermöglicht, exklusive Sponsorverträge
(Von Werbung auf und in Schulbüchern, Exklusivverträgen mit dem Schulkiosk,
öffentlicher Werbung in Schulräumen (z.B. in Form von Plakaten) bis
hin zur Errichtung von Privatschulen reicht die kreative Palette) mit einzelnen
Schulen abzuschließen - gegen eine angemessene Bezahlung, versteht sich.
Somit kann die Schule ihre ökonomischen Probleme einfach lösen und
gewinnt gleichzeitig neue Punkte in der von den neoliberalen ReformerInnen des
Bildungssystem propagierten „Konkurrenz der Bildungsstandorte“.
Von der Illusion einer von Privatwirschaft autonomen Bildung sollte sich jedeR
von uns langsam verabschieden, denn das Schoolsponsoring, das in Amerika bereits
flächendeckend praktiziert wird, droht durch transnationale, wirtschaftsliberale
Protokolle wie dem GATS (General Agreement on Trade in Services / allgemeines
Abkommen über Handel mit Dienstleistungen) , das die reelle Gefahr einer
Zweiklassenbildung (öffentliche vs. Private Bildungseinrichtungen) in sich
birgt auch nach Europa rüberzuschwappen. Eine derartige Diskrepanz zwischen
relativ schlecht ausgestatteten öffentlichen und überfinanzierten
privaten Schulen ist heute z.B. schon in Großbritannien zu beobachten.
3.) Solidarität statt Konkurrenz – Alternativen zur reaktionär-wirtschaftsliberalen Bildungspolitik
Dass das gegenwärtige deutsche Bildungssystem im hohen Maße sozial
selektierend ist, d.h. die Kinder aus sogenannten „sozial stärkeren“
Familien deutlich bessere Bildungschancen haben bzw. deutlich stärker an
Gymnasien und Hochschule präsent sind als diejenigen aus sozial schwächeren
Familien attestiert sogar die vielzitierte PISA-Studie, die letztendlich auch
den ideologischen Vorwand der bildungspolitischen Reformbestreb-ungen darstellt.
Anstatt dieser Dynamik entgegenzuwirken, wird die Tendenz durch zahlreiche Neuerungen
der Landes- und Bundesregierung noch forciert. Hier sind exemplarisch die Einführung
von 500 Euro / Semester Studiengebühren (ärmeren Kinder wird ein Studium
bis zur Unmöglichkeit erschwert), die Abschaffung der Lehrmittelfreiheit
sowie die komplette Streichung der kostenlosen staatlichen Hausaufgabenhilfe
(als geringfügigen Ausgleich privater Nachhilfe) zu nennen. Statt den sozial
Schwächeren soll künftig eine „Elite deutscher Führungskräfte“
gefördert und etabliert werden, im internationalen Wettbewerb werden qualifizierte
FacharbeiterInnen benötigt. Nicht ohne Grund nennt das Bundesministerium
für Bildung und Forschung auf ihrer Homepage nicht die Erziehung eines
Menschen zu einem kritischen, solidarischen und politisch mündigen Bürger
als Prämisse sondern: „Wichtiges Ziel der Forschungsförderung
ist die Sicherung der wirtschaftlichen Zukunft unseres Landes und Schaffung
konkurrenzfähiger Arbeitsplätze.“ So weit so schlecht - doch
wie könnten nun konkrete Alternativen zum gegenwärtigen Bildungssystem
und den eine Forcierung sämtlicher oben genannter Problematiken implizierenden
Reformen aussehen? Als vorläufige konkrete Forderungen wären zu nennen:
· Gemeinsamer und notenfreier Unterricht mindestens bis zur achten Klasse
(finnisches Modell)
· Förderung sozial- oder „leistungsschwacher“ SchülerInnen
statt einer ohnehin privilegierten Elite
· Mehr Partizipation an Schulen à Stärkung der Position der
Schülerräte; basisdemokratische, selbstverwaltete Strukturen an Schulen
schaffen
· Mehr Geld für Bildung statt für Bomben, Verzicht auf finanzielle
Wahnsinnsprojekte wie den Eurofighter - Militär raus aus Schulen!
Langfristig sollte unser Ziel jedoch die Schaffung einer solidarischen und konkurrenzlosen,
humanen statt wirtschaftsorientierten Bildung, als Bildung und nicht als Ausbildung
und Erziehung für den wirtschaftlichen Verwertungskreislauf sein. Eine
Bildung, die dann auch mit einer anderen, einer humaneren und emanzipierten
Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung einhergehen würde.
Soli-Konzert: Donnerstag, 19 Uhr Alhambra mit Quake, Skambulé, Presence of Mind und A.U.F
Demonstration: Freitag, 30.1.04 11.30 Uhr Schlossplatz
Infos: www.mucken-statt-ducken.tk