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aus: www.woz.ch Serie (Teil 4): Lotta Suter |
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Die Exekution des dreiunddreissigjährigen Massenmörders
Timothy McVeigh habe ich am Autoradio live miterlebt. Der 11. Juni 2001 war
ein ausnehmend strahlender, sonniger Tag. Ich fuhr durch noch frühlingsgrüne
Wälder, vorbei an den traditionellen Einfamilienhäusern, die in Neuengland
«Colonials» heissen, vorbei an weissen Gartenzäunen, die Tom
Sawyer offenbar gerade neu gestrichen hatte, vorbei an den braun glänzenden
Kunststoffbambis, die jahraus, jahrein steifbeinig auf den gepflegten Rasenflächen
äsen.
Es ist jetzt acht Uhr morgens, sieben Uhr in Haute Terre, Indiana, wo Medienleute
eben die letzten Minuten des Todeskandidaten beobachten und simultan rapportieren.
Dasselbe Radio, das vor der Ausstrahlung einer Medizinsendung vor so gewagten
sexuellen Begriffen wie Vagina und Penis warnt, dieselbe öffentlich-rechtliche
Station, welche in einer Hommage an den Bürgerschreck der sechziger Jahre,
Lenny Bruce, seine legendären Kabarettnummern zensuriert und jedes einzelne
«Fuck» und «Shit» mit einem durchdringenden Piepston unterlegt,
protokolliert in der folgenden Viertelstunde fein säuberlich, wie einer
im Namen des Rechts vorsätzlich zu Tode gebracht wird.
Ich fingere unentschlossen an den Knöpfen herum. Die Citoyenne
schämt sich, im 21. Jahrhundert bei einer öffentlichen Hinrichtung
dabei zu sein. Die Journalistin aber will wissen, wie die USA nach 38 Jahren
das Comeback der Todesstrafe auch auf nationaler Ebene inszenierten. Am 15.
März 1963, also noch unter John F. Kennedy, war der schizophreniekranke
Victor Feguer wegen Entführung und Erschiessung eines Arztes in Iowa gehängt
worden; der Präsident hatte ein Begnadigungsgesuch abgelehnt. Es heisst,
der Häftling habe sich eine Olive mit Kern als Henkersmahlzeit gewünscht,
damit auf seinem Grab ein Olivenbaum spriesse, ein Zeichen der Versöhnung.
Feguer und seine Anwälte waren in den sechziger Jahren überzeugt,
dies sei die letzte Hinrichtung in den Vereinigten Staaten von Amerika. Doch
die Zeiten haben sich geändert. Präsident Bush, der als Gouverneur
des Staates Texas eine Rekordzahl von Exekutionen angeordnet hatte (152 innert
fünf Jahren), zögerte auch auf bundesstaatlicher Ebene nicht, alttestamentarische
Zustände wieder einzuführen. Und Timothy McVeigh, der sechs Jahre
zuvor mit seinem vorausgeplanten Bombenanschlag auf ein Bürogebäude
in Oklahoma 168 Menschen umgebracht hatte, war der ideale Poster-Boy für
die Todesstrafe, weitaus publikumswirksamer als die armen Teufel, welche die
Mehrheit in den Todeszellen der US-Gefängnisse ausmachen.
Timothy McVeigh liegt festgebunden auf einer Bahre in der Exekutionskammer.
Kurz bevor in einem mehrstufigen Prozess zuerst anästhesierende und dann
letale Flüssigkeiten durch die gelbgrauen Infusionsschläuche injiziert
werden, gehen die Vorhänge zu den drei voneinander abgetrennten Zuschauerabteilen
auf: vier Zeugen für den Angeklagten im ersten Raum, nebenan zehn Medienleute,
die aus tausenden von BewerberInnen ausgelost wurden, und schliesslich zehn
VertreterInnen von Opfern und Familien-angehörigen. An der Decke direkt
über dem Angeklagten ist eine Kamera montiert, die das Geschehen nach Oklahoma
City überträgt, wo zweihundert Überlebende des Attentats und
Angehörige, die das gewünscht hatten, der Hinrichtung beiwohnen. Die
Radioberichterstatter vermelden, dass McVeigh den Augenkontakt mit allen Anwesenden
sucht, dass seine Lippen nach der ersten Infusion bleicher werden. Sie registrieren
die feinen spasmischen Zuckungen des verendenden Körpers, die offenen Augen
im Tod.
Ein pensionierter Vollzugsbeamter lobt die professionell soldatische Haltung
des Häftlings. Tatsächlich hat der Golfkriegsveteran McVeigh im Kampf
gegen den Staat dessen Methoden und dessen Rhetorik übernommen; die neunzehn
Kinder, die durch seine Bombe umkamen, bezeichnete er als Kollateralschaden.
McVeigh ernannte sich zum Richter über Leben und Tod wie der Staat, der
ihn nun zu Tode richtet.
Ich habe mich hoffnungslos verfahren und versuche gerade, auf einem Waldweg
zu wenden, als McVeighs letzte Worte, die er handschriftlich hinterliess, verlesen
werden. Sie stammen von einem britischen Dichter und Publizisten des 19. Jahrhunderts
namens William Ernest Henley, einem Freund und Bewunderer von Robert Louis Stevenson
(«Die Schatzinsel») und einem vehementen Gegner des dandyhaften Oscar
Wilde. McVeighs Testament heisst «Invictus» («Unbesiegt»)
und endet mit den Zeilen: «Ich bin der Meister meines Schicksals, der Führer
meiner Seele.» Das passt in eine Gesellschaft, die sich durch ihren Überlebenskampf
konstituiert, durch Sieg und Niederlage, Gedeih und Verderb; «Live free
or die» («Freiheit oder Tod»), wie es auf dem offiziellen Nummernschild
meines New-Hampshire-Fahrzeuges heisst. Der Staatsfeind Timothy McVeigh ist
letzten Endes doch ein Patriot.
«Closure», einen definitiven Abschluss, ja Heilung versprechen die
Befürworter der Todesstrafe den Angehörigen der Opfer: eine Beendigung
ihres Leidens durch die Elimination des Täters. Einige haben das im Fall
von Timothy McVeigh so empfunden. Andere wurden gerade durch die eigene Konfrontation
mit Gewalt und Destruktion zu aktiven Gegnern der Todesstrafe. Das war auch
nach den Attentaten vom 11. September so: Präsident Bush präsentierte
sich umgehend als oberster Heiler und Richter, in unsicheren Zeiten eine mehrheitsfähige
Doppelfunktion. Doch gerade unter den Angehörigen der Terroropfer bildete
sich eine sehr aktive Gruppe von Kriegsgegnern und Friedensaktivistinnen. Sie
organisieren Märsche und Mahnwachen. Sie reisen nach Afghanistan, um sich
mit Familien von Opfern des Rachefeldzuges der USA zu treffen. Sie sagen, Leiden
ist universal, Leiden wird überall durch gewaltsame «Lösungen»
verursacht, durch selbstherrliches Richten über Leben und Tod. Sie sagen
es laut und deutlich, aber sie sind nur wenige, sie gehören zur Minderheit.
«Die meisten Amerikaner-Innen glauben, dass Blutvergiessen notwendig ist,
um unseren Lebensstil zu erhalten, und riskieren sogar gelegentliche Irrläufer»,
schreibt die US-amerikanische Schriftstellerin Barbara Kingsolver. «Wir
sind bereit, allenfalls einen Unschuldigen zum Tode zu verurteilen, weil für
jedes Verbrechen bezahlt werden muss, selbst wenn kein Gericht vollkommen ist.»
In der US-Rechtssprechung triumphiert die Sühnung eines Verbrechens über
die Versöhnung, die Vergeltung über die Resozialisierung. Selbst geistig
behinderte Menschen und jugendliche Täter werden vielerorts hingerichtet.
Eine psychisch kranke Mutter, die ihre fünf Kinder ertränkte, weil
sie entsprechende Stimmen aus dem Jenseits vernahm, wird durch einen Juristenkniff
als im Moment der Tat zurechnungsfähig definiert und lebenslänglich
ins Gefängnis gesteckt. Zwei Brüder, zur Tatzeit zwölf- und dreizehnjährig,
angeklagt, ihren Vater getötet und daraufhin das Haus angezündet zu
haben, werden als Erwachsene abgeurteilt. Politisch motivierte Taten wie die
der radikalen Gruppe «Weathermen» in den sechziger Jahren, aber auch
individuelle Vergehen wie die sexuellen Missbräuche von katholischen Priestern,
können noch Jahrzehnte nach dem Geschehen wieder hervorgeholt und geahndet
werden. Die Haftdauer in den USA ist extrem lang, lebenslänglich heisst
wirklich lebenslänglich, ohne Begnadigungs-möglichkeit; und es werden
auch fantastische Strafen ausgesprochen, die die Lebenserwartung des Täters
um ein Mehrfaches übersteigen. Dieses gnadenlose Recht macht die Gesellschaft
nicht sicherer, aber offenbar bringt es individuelle Genugtuung und politischen
Gewinn. Denn es verspricht wie das biblische Weltgericht den Endsieg des absolut
Guten, eine Welt, in der es keine Nacht mehr gibt: «Und nicht wird irgendetwas
Unreines in sie eingehen, noch wer Gräuel und Lüge übt»
(Offenbarung 21,27).
«Beziehen Sie sich auf eine ideale Gerechtigkeit? Kritisieren Sie die besteh-ende Rechtssprechung im Namen einer reineren Justiz?», fragte der Franzose Michel Foucault den US-Amerikaner Noam Chomsky 1971 in einer holländischen Fernsehdiskussion über «Justiz und Macht». Ja, sagte der noch jugendliche Chomsky, neben der Kritik der bestehenden Klassenjustiz gebe es eine zweite intellektuelle Aufgabe: «Die Vision einer zukünftigen gerechten Gesellschaft, also der Entwurf einer humanistischen Gesellschaft, welche wenn möglich auf einem festen und umfassenden Ver-ständnis des menschlichen Wesens oder der menschlichen Natur basiert.» Foucault war entsetzt, Recht oder Unrecht waren für ihn allein Ausdruck sozialer Ver-hältnisse: «Wenn die Justiz zur Debatte steht, dann als Instrument der Macht; nicht in der Hoffnung, dass schliesslich eines Tages, in dieser oder jener Zukunft, die Leute nach ihren Verdiensten belohnt oder für ihre Fehler bestraft werden.» Er habe noch nie einen derart amoralischen Menschen getroffen, soll Noam Chomsky nach der Begegnung mit Michel Foucault gesagt haben.
Dreissig Jahre danach ist der Streit der Väter der neuen Linken
um Normativität versus Geschichtlichkeit immer noch aktuell, zum Teil unter
neuen Namen. Etwa im Konflikt zwischen kulturellem Relativismus und allgemein
gültigen Menschenrechten. Wenn die US-Philosophin und Feministin Martha
Nussbaum auf Konferenzen dezidiert universale Grundrechte fordert, wird sie,
bisweilen unter Berufung auf Foucault, als westliche Kulturimperialistin beschimpft.
Der Alltagsberichterstatterin kommen beide Extrempositionen sehr akademisch
vor. Wer denkt nicht spontan, dass universale oder ideale Rechtsgrundsätze
verletzt werden, wenn in Nigeria eine Frau wegen ausserehelichen Sexes gesteinigt
werden soll? Andererseits kann jede Feministin genau diesen Fall mit der Geschichte
des Patriarchats erklären. Oder: Die Anwendung der Todesstrafe _ weltweit
noch in 72 Staaten, darunter acht der zehn bevölkerungsreichsten _ kann
in jedem Land historisch analysiert werden. Aber ihr Fortbestehen in der grössten
westlichen Demokratie ist unbegreiflich, wenn man das in den USA der puritanischen
weissen Siedler kulturell tief verankerte Ideal der absoluten Gerechtigkeit
ausser Acht lässt: die Dichotomie zwischen unschuldigem Opfer und teuflischem,
ausserhalb der Gesellschaft stehendem Täter, der aus-gemerzt werden muss.
Auch diese norm-ative Position ist natürlich geschichtlich zu situieren.
Der Gegenbegriff zu Outlaw (der Gesetzlose, Vogelfreie) heisst Inlaw und bezeichnet
nicht zufällig die angeheirateten Verwandten, das heisst Stammesangehörige.
Was passiert nun eigentlich, wenn man eine solch archaische Gesellschaftssicht
in die Moderne überführt? Wenn sie historisch erstarrt und zur menschlichen
Natur schlechthin verdinglicht wird?
Kann man andererseits gegen die Todesstrafe argumentieren, ganz ohne Rückgriff
auf ein aufgeklärtes humanistisches Ideal?
Oder: Die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten in
den USA nach dem 11. September lässt sich erklären durch die Terroranschläge
selbst und dadurch, dass die rechtskonservative Regierung diese ausgebeutet
hat. Doch wie argumentiert man für die Rückkehr zur «Normalität»,
wenn nicht im Namen einer idealen oder jedenfalls idealeren Gerechtigkeit?
Ein Historiker, mit dem ich über die «USA im Ausnahmezustand»
sprach, hat mir ein Buch über die rassistischen Lynchmorde im Süden
der Vereinigten Staaten in die Hand gedrückt; «Without Sanctuary»
(«Schutzlos») heisst es. Ein älterer schwarzer Mann aus Mississippi
erinnert sich dort: «Jede andere Jagd war geregelt und hatte ihre Schonzeiten,
bloss uns Nigger gab man das ganze Jahr über zum Abschuss frei.» 4700
AfroamerikanerInnen sind zwischen 1890 und 1986 in aller Öffentlichkeit
umgebracht worden. Ende des 19. Jahrhunderts waren es zwei bis drei Fälle
pro Woche.
Ich bin viel zu feige, um mir die hundert dokumentarischen Fotos
der weissen Selbstjustiz genau anzuschauen. Menschen, die gehängt und mit
Kugeln durchlöchert wurden. Männer und auch ein paar Frauen, die man
lebendigen Leibes verbrannte, ihnen die Haut abzog, Herz und Leber herausschnitt,
Knochen zermalmte. Opfer, denen man Ohren, Finger und Genitalien entfernte und
diese als Souvenirs handelte oder als Attraktion im lokalen Lebensmittelgeschäft
ausstellte. Viele der Fotos sind als Postkarten gedruckt und verschickt worden,
mit lieben Grüssen und einem Kreuz, das die eigene Position im Publikum
markiert. Wie vor Jahren, anlässlich eines Besuches im ehemaligen KZ von
Buchenwald, schreckt mich auch hier die Kombination von unvorstellbar gründlicher
Grausamkeit und Biederkeit beziehungsweise Respektabilität.
Die Täter, oft die prominentesten Bürger im Ort und zuweilen sogar
Angehörige der regulären Gerichtsbarkeit, trugen keine Masken, sondern
liessen sich stolz mit ihren Opfern ablichten. Der Mob schlich sich nicht herbei,
sondern fuhr mit Pauken und Trompeten in Extrazügen zum Schauplatz, «Negro
Barbecue» («Neger-Grill») genannt. Kinder wurden für den
Anlass vom Schulbesuch dispensiert. Der Bildband beginnt und endet mit einem
doppelseitigen Foto des Lynchmordes an Jesse Washington am 16. Mai 1916 in Waco,
Texas. Einer spritzt Wasser auf den nackten versengten Körper. Hunderte
stehen dicht gedrängt um den zum Galgen umfunktionierten dürren Baum;
sie schauen fasziniert, einige lächeln, alle haben sie ihre Hüte auf,
wie das bei ihnen Brauch und Sitte ist.
Die Autoren der Dokumentation halten fest, dass die Lynchjustiz nicht aus Einzeltaten von Verrückten bestand, sondern als Reaktion der weissen Herren auf die Emanzipation der schwarzen Sklaven zu verstehen ist. Je näher die Afroamerikaner der politischen Mündigkeit und der wirtschaftlichen Selbständigkeit kamen, desto heftiger wurden sie _ oft unter Zuhilfenahme wissenschaftlicher Rassentheorien _ als Vergewaltiger, als Schänder der (weissen) Unschuld dargestellt und vernichtet. Walter White (1893_1955), ein afro-amerikanischer Bürgerrechtsaktivist, der selber so hellhäutig war, dass er die Lynchjustiz aus der Nähe studieren konnte, schreibt: «Lynchmorde geschehen nicht, wie oft behauptet, aus Angst vor der Kriminalität der Schwarzen. Sie sind vielmehr Ausdruck der Angst der Südstaaten vor dem gesellschaftlichen Aufstieg der Neger.» Was die weissen Südstaatler als Kampf ums Überleben darstellen, ist ein Kampf um Über-legenheit, um die Erhaltung der Herr-schaftsverhältnisse, an denen erst die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre nachhaltige Änderungen erzwingen konnten. «Without Sanctuary» streift auch das «legale Lynchen», das heisst die extrem rassistische reguläre Gerichtsbarkeit jener Zeit, doch nirgends findet eine grundsätzliche Ausein-andersetzung mit der Todesstrafe statt. Die Todesstrafe als Institution ist für die US-amerikanischen Autoren, ob schwarz oder weiss, offenbar so selbstverständlich, dass deren normativer oder korrump-ierender Charakter _ Recht geht vor Leben _ verborgen bleibt. Doch zumindest indirekt wird die Lynchjustiz, die das Recht in die eigenen Hände nimmt, durch die Todesstrafe legitimiert.
Abschreckung war das Hauptziel der Lynchjustiz, die Abklärung der Schuldfrage war absolut zweitrangig. «Zur Disziplinierung der schwarzen Bevölkerung erfüllte ein baumelnder Neger den Zweck ebenso gut wie ein anderer», berichten Zeitzeugen aus dem Süden des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Heute produziert die US-Gesellschaft andere Outlaws, mit anderen Methoden. Doch das Grundmuster der Abschreckung bleibt erstaunlich konstant. An einem einzigen Wochenende Ende September habe ich folgende Horrorgeschichten gelesen:
«Der zwanzigste Mann»: Wie sich der juristisch inkompetente und ziemlich paranoide muslimische Eiferer Zacarias Moussaoui im US-amerikanischen Rechtssystem verfängt, das sich weniger für die Schuld des Angeklagten interessiert als für sein Abschreckungs- und Sühne-potenzial. Moussaoui sass am 11. September zwar alibisicher in einer US-Gefängniszelle, doch als mutmasslich vorgesehener zwanzigster Flugzeug-entführer _ und in Abwesenheit von Osama Bin Laden _ ist er der einzige Terrorist, der für die Anschläge in New York, Washington D. C. und Pennsylvanien direkt bestraft werden kann. Justiz-minister John Ashcroft selber hat dem FBI jeglichen Deal mit Zacarias Moussaoui verboten, namentlich die Aussetzung der Todesstrafe gegen Information über al-Kaida. Ein hoher Justizangestellter vermutet, man lasse den sich ohne Anwälte selbst verteidigenden, fanatischen Amerikahasser in die Todes-falle laufen, «um unser Gefühl von Verletzlichkeit zu besänftigen».
«Video-Mom ergibt sich». Auf dem Parkplatz eines Shoppingcenters im Staat Indiana filmt eine private Überwachungskamera, wie eine zornige junge Mutter ihre vierjährige Tochter auf dem Hintersitz ihres Autos ohrfeigt und schüttelt. Die Aufnahmen werden landesweit am Fernsehen ausgestrahlt. Die so geächtete Mutter meldet sich bei der Polizei. Das Kind, das nach Aussagen der untersuchenden Ärzte keine bleibenden Spuren von dieser oder anderen Misshandlungen aufweist, wird ihr umgehend weggenommen und in Pflege gegeben. Die Mutter sieht ihren Fehler ein und wäre zu einer Therapie oder einem Elternweiterbildungskurs bereit. Davon redet niemand. Bloss vom wahrscheinlichen Strafmass: drei Jahre unbedingt für Körperverletzung an einem Kind.
«Schulen debattieren Drogentests». Im letzten Frühling
hat der Oberste Gerichtshof der USA Drogentests an öffentlichen Schulen
gutgeheissen. Regelmässige Urinproben von SchülerInnen, die nach der
Schule unter LehrerInnenaufsicht Sport treiben, Theater machen oder Schach spielen,
sind nun gesetzlich zulässig. Kleinere Orte im Süden und Mittleren
Westen der USA liegen sich seit dem Entscheid in den Haaren. Die Hälfte
der Bevölkerung will die Drogentests unbedingt; die andere Hälfte
findet es eine Zumutung, dass die Jugendlichen ihre Unschuld beweisen müssen.
Viele befürchten, die StudentInnen würden durch solche Tests von den
Freizeitaktivitäten abgehalten, die doch in sich eines der besten Mittel
gegen Drogenmissbrauch darstellten. Einige Gemeinden offerieren freiwilligen
Testpersonen Einkaufsgutscheine bei McDonald's. Eltern möchten nach dem
ersten Verstoss gegen das Drogenverbot tendenziell eine Therapie, Sheriffs fordern
unverzügliche Strafen. Das Weisse Haus hat nun dem Bundesgerichtsentscheid
eine klärende Broschüre nachgeliefert: «Zur Abschreckung gibt
es kaum bessere Methoden als Drogentests.»
Dieselben Schulen, die Drogen konsumierende SchülerInnen straf-rechtlich
verfolgen, dispensieren via Schulkrankenschwestern selber Un-mengen an bewusstseinsverändernden
Drogen: Ritalin für zu aufgeweckte Kinder, Prozak für zu depressive
etc. Das ist eine der ironischeren Seiten des Drogenkriegs, der von Bush mit
moralischer Verve weitergeführt wird. An der Schnittstelle von Justiz und
Medizin, wo Heilen und Richten sich überschneiden, gibt es die absurdesten
Widersprüche, aber auch die härtesten Konfrontationen. Denn beide
Systeme haben gleichermassen absolute Vorstellungen von Gut und Böse, Gesund
und Krank. In den medizingläubigen USA, wo die Finanzierung rezeptpflichtiger
Arzneimittel ein innenpolitischer Dauer-brenner ist, sitzen wegen Besitz und
Konsum von illegalen Drogen ebenso viele Menschen im Gefängnis wie in Europa
für alle Gesetzesverstösse zusammenge-nommen; etwa 500 000 der zwei
Millionen Häftlinge in den USA verbüssen derzeit Strafen wegen Vergehen
gegen das Betäubungsmittelgesetz (vierzig Prozent der Urteile betreffen
Marihuana), Tendenz weiterhin steigend.
Noch eine Abschreckungsgeschichte gefällig?
«Drogenrazzia im Hospiz». Ende September stürmt die US-Drogenpolizei ein Sterbehospiz in Santa Cruz, Kalifornien, und legt alle, auch gelähmte paraplegische PatientInnen, in Hand-schellen. Das privat geführte Hospiz hatte im Einklang mit kalifornischem Gesetz und mit Unterstützung der kalifornischen Behörden Marihuana angepflanzt und an die unheilbar kranken Heimbewohner-Innen abgegeben. Doch das Bundesgesetz will es anders _ obwohl zwei Drittel der AmerikanerInnen die medizinische Abgabe von Marihuana befürworten und in acht Staaten bereits dafür gestimmt haben. Ein Aktivist aus Kalifornien schimpft: «Wie die südlichen Rassisten, welche in den fünfziger und sechziger Jahren die Bürgerrechtsreform blockiert haben, so bewegen sich die Drogenkrieger heute abseits der öffentlichen Meinung. Doch das ist ihnen egal. Sie führen ihren eigenen Kreuzzug, in dem Marihuana ebenso sündhaft ist, wie es gemischte Ehen für südliche Rassisten waren oder die Homosexualität für heutige Fundamentalisten.»
Mag sein, dass Präsident Bush als langjähriger Alkoholiker und Onkel mindestens einer wegen Medikamentenmissbrauch verurteilten jungen Nichte eine ungewöhnlich harte Antidrogenposition vertritt. Was in diesem Fall schwerer wiegt, ist die gesellschaftliche Funktion des Drogenkrieges in den USA: der systematische Einsatz des Strafrechts zur Lösung von sozialen Problemen. 75 Prozent der verurteilten Drogentäter sind Latinos und Afroamerikaner, obwohl fünfmal mehr Weisse als Schwarze in den USA Drogen konsumieren. Zehn Prozent aller afroamerikanischen Männer zwischen 25 und 29 sassen im letzten Jahr im Knast. Zwischen 1980 und 2000 wurden dreimal mehr junge schwarze Männer ins Gefängnis gesteckt als an ein College aufgenommen; passierte so etwas im Herzen der amerikanischen Stammesgemeinschaft, würde unver-züglich der nationale Notstand ausgerufen. Doch hier geht es gerade um die Erhaltung der weissen Überlegenheit: Der Drogenkrieg ist ein anderes Wort für Rassismus und Sozialdarwinismus. Das sagt heute eine breite Koalition von politischen Gruppierungen, Drogen-rechtsreformern und Menschen-rechtsorganisationen. Andy Ko von ACLU Washington, der grössten amerikanischen Bürgerrechtsorganisation: «Die Drogen-krieger wissen genau, auf wen sie es abgesehen haben: Afroamerikaner, Latinos, asiatische `Gangs' und zu-nehmend auch arme Weisse.» Rezession und Krieg verstärken zurzeit den Survival-Mode der USA. Es gibt immer mehr Outlaws. Denn die Führer der Seelen wittern Meuterei.
Bloss noch eine letzte kleine Geschichte:
«Die Suche nach Hoffnung». Im kleinen Ort Pembroke, Illinois,
etwa eine Autostunde südlich von Chicago, leben die zu neunzig Prozent
afroamerikanischen BewohnerInnen mit einem Pro-Kopf-Einkommen von unter 10 000
Dollar. Das ist nicht einmal die Hälfte des ebenfalls tiefen US-Mittels
von 22 000 Dollar. 98 Prozent der Kinder in Pembroke sind so arm, dass sie in
der Schule ein Gratisessen bekommen. Zuhause leiden sie oft Hunger. Der Ort
ist geografisch und wirtschaftlich isoliert. Es gibt kaum Jobs, keinen öffentlichen
Verkehr, keine Aussicht auf Veränderung. Seit Jahrzehnten wirken ein Doktor
und ein Pfarrer als aufopfernde Missionare im eigenen Land: Sie haben die dramatische
Kindersterblichkeit gesenkt und die Wohnbaracken notdürftig isoliert. Doch
jetzt hat sich der republikanische Gouverneur von Illinois, George Ryan, in
den Überlebenskampf des Dorfes eingeschaltet; strahlend tat er Mitte September
im verarmten schwarzen Pembroke den ersten Spatenstich für ein 100-Millionen-Dollar-Frauengefängnis,
in dem zur Hauptsache verarmte schwarze Gefangene einsitzen werden. 750 Arbeitsplätze
im Strafvollzug verspricht der Gouverneur. Doch zum Erstaunen des Reporters
sehen die BewohnerInnen von Pembroke das neue Gefängnis weder als Lösung
ihrer Probleme noch als Hoffnung für ihre Kinder.