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Verhungert Caroline Mayer 10.12.2002 Trotz Rekordernten sterben in Argentinien die Kinder der Ärmsten an den Folgen von Unterernährung. |
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In Argentinien gibt es mehr Kühe als Menschen, das Land fährt eine Rekordernte nach der anderen ein und produziert so viele Lebensmittel, dass es damit fast das Zehnfache seiner eigenen Bevölkerung ernähren könnte. Dennoch sind in den letzten Wochen allein in der Provinz Tucuman 13 Kinder verhungert. Landesweit soll jedes fünfte Kind unter fünf Jahren an Unterernährung leiden. Schuld an der Hungersnot sind die aktuelle Finanzkrise und die Vetternwirtschaft in den Provinzverwaltungen. Ein Sofortprogramm der Regierung, genannt Operation Rettung", soll jetzt Abhilfe schaffen. Medienwirksam inszeniert, denn in Argentinien beginnt der Wahlkampf.
Der Medienwirbel begann mit dem Tod der sechsjährigen María Rosa Gómez. Das Mädchen war am 11. November in der Hütte ihrer Eltern in einem Elendsviertel in San Miguel de Tucuman, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Norden Argentiniens, an einer Gehirnlähmung gestorben. Verursacht durch eine kritische Unterernährung. Als die Ärzte das tote Kind untersuchten, wog der ausgemergelte Körper nur noch neun Kilogramm - 21 Kilo weniger als das Normalgewicht einer Sechsjährigen.
Der Tod der kleinen María Rosa schlug hohe Wellen; in den folgenden zwei Wochen meldeten die Zeitungen immer mehr Todesfälle im Kinderkrankenhaus von Tucuman, die auf eine Unterernährung der Kinder zurückgeführt wurden. Auf Titelseiten und in den Fernsehnachrichten waren tagelang Bilder von Jungen und Mädchen mit Streichholzbeinchen und aufgeblähten Bäuchen zu sehen. Inzwischen ist davon die Rede, dass das Problem nicht nur einzelne Provinzen, sondern ganz Argentinien betrifft. Offizielle Statistiken gibt es noch nicht, doch in den Medien werden Experten zitiert, die schätzen, dass im ganzen Land etwa 20 bis 25 Prozent der Kinder unter fünf Jahren unterernährt sind. Die Tageszeitung Pagina12 zitierte unlängst eine noch nicht veröffentlichte Studie des Gesundheitsministeriums. Darin wird Formosa als Provinz mit der höchsten Kindersterblichkeit bezeichnet. Auf 1000 lebend geborene Kinder kommen hier angeblich 29 Todesfälle pro Jahr - eine Rate wie in den ärmsten Ländern Mittelamerikas.
Die Nachrichten schockierten die argentinische Bevölkerung. Dabei konnte
man schon lange wissen, dass im fruchtbaren Pampa-Land, das noch in den 30er
Jahren zu den zehn reichsten Ländern der Welt zählte und das immer
noch als Getreidekammer Südamerikas gilt, Kinder hungern. Bereits im Januar
berichtete Pagina12 von einer statistischen Erhebung im Bezirk Matanza, derzufolge
26,6 Prozent der Babies, die in den dortigen
Krankenhäusern geboren werden, unterernährt sind. Im März meldeten
die Radiosender der Stadt Cordoba, dass an einer städtischen Schule mehrere
Schüler im Unterricht vor Hunger in Ohnmacht gefallen waren. In den Zeitungen
war daraufhin zu lesen, dass Kinder in Schulen, in denen es eine Schulspeisung
gab, plötzlich nicht mehr den Unterricht schwänzten. Sie kämen
pünktlich zur Essensverteilung, meist mit ihren jüngeren Geschwistern
im Schlepptau. Wenn ein Kind doch einmal fehlt, weil es krank ist, kommt
die Mutter mit einer Tupperware-Box und fordert die Tagesration ein", berichtete
damals eine Lehrerin in einem Zeitungsinterview. Im Mai wurden die ersten Fotos
von unterernährten Kindern veröffentlicht.
Mit einem Einsatzkommando zur Operation Rettung"
Reagiert haben die Politiker erst jetzt. Als hätten sie von alledem nichts gewußt. Die Präsidentengattin Hilda Duhalde, genannt Chiche", die sich seit dem Amtsantritt ihres Mannes gerne als Argentiniens soziales Gewissen und als neue Evita" in Szene setzt, ist ganz vorne an der Front. Mit einem Einsatzkommando bestehend aus 1500 Ärzten, Sozialarbeitern Krankenschwestern, freiwilligen Helfern, 400 Mitgliedern des Heeres, sechs Krankenwägen, 72 Militärfahrzeugen, einem Transportflugzeug und zwei Helikoptern reist sie von Provinz zu Provinz, um den hungernden Kindern Soforthilfe zu bringen.
Operation Rettung" heißt das medienwirksame Projekt, das das Ansehen der Regierung im Land wieder heben soll. Im April wird einer neuer Präsident gewählt. Und die Schreckensmeldungen passen nicht ins Bild der peronistischen Partei des Justicialismo" - der Partei der sozialen Gerechtigkeit", die derzeit den Präsidenten stellt. Mit dem Sofortprogramm, das gar nicht erst auf den Aufbau einer dauerhaften Hungerhilfe ausgerichtet ist, möchten die Politiker vor allem sich selbst helfen. Eine Diskussion über die Ursachen der Not findet nicht statt. Die liegen zuallererst in der aktuellen Wirtschaftskrise. Zwar werden in Argentinien massenweise Lebensmittel produziert - im Jahr 2001 exportierte das Land 2,45 Millionen Tonnen Fleisch und 70 Millionen Tonnen Getreide - die Armen können sich die heimischen Produkte aber nicht leisten. Denn jeder vierte Argentinier ist arbeitslos, über die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Schuld an dieser Misere sind die verfehlte Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte, die hohe Staatsverschuldung und die Korruption.
Schon seit den 50er Jahren pleite
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte das Land geblüht. Argentinien, die Kornkammer der Welt", profitierte als Lebensmittellieferant von den beiden Weltkriegen und den darauffolgenden Hungersnöten. Noch in den 40er Jahren stapelten sich im Keller der Nationalbank die Goldreserven. Doch der Wohlstand war nicht gerecht verteilt. Die Errichtung eines Sozialsystem, die der Präsident Juan Domingo Peron seit 1946 zusammen mit seiner Frau Eva, besser bekannt als Evita", in Angriff nahm, fraß einen Großteil der Staatsrücklagen. Peron führte einerseits Berufsschulen, Arbeitsgerichte und Unfallversicherungen ein, andererseits steckte er über die Hälfte des Haushalts in Rüstungsausgaben und kaufte im Zuge einer Repatriierung" Betriebe, die ans Ausland verkauft worden waren, für horrende Summen von US-Amerikanern, Franzosen und Engländern zurück; darunter auch das marode Eisenbahnsystem. Der spendable Regierungsstil des Präsidenten, Mißernten und sinkende Exporte führten dazu, dass Argentinien bereits 1949 dem Ausland gegenüber zahlungsunfähig wurde. In diesem Jahr unterzeichnete Peron heimlich den ersten Auslandskreditvertrag Argentiniens im 20. Jahrhundert. Als der Präsident 1955 nach einem Militärputsch ins Exil floh, war das Land pleite.
Die nachfolgenden Regierungen, die zumeist kraft des Militärs an die Macht geputscht worden waren, hatten dem wirtschaftlichen Abstieg nichts entgegenzusetzen. In der letzten Militärdiktatur (1976 - 1983) verfünffachte sich die Auslandsschuld von acht auf 43 Milliarden Dollar. Auch der demokratisch gewählte Präsident Raúl Alfonsín konnte das Ruder in der zweiten Hälfte der 80er Jahre nicht herumreißen. Eine Hyperinflation von fast 5000 Prozent zwang den Präsidenten im Jahr 1989 zum vorzeitigen Rücktritt.
Wirtschaftskrise und Korruption
Erst durch die Einführung der Dollar-Parität unter Präsident Carlos Menem und seinem Wirtschaftsminister Domingo Cavallo wurde die Inflation im Jahr 1991 gestoppt. Die argentinische Wirtschaft verzeichnete plötzlich Wachstumsraten von fünf Prozent. Gleichzeitig stieg allerdings die Arbeitslosigkeit durch eine harte Rationalisierungspolitik und den Verkauf von Staatsbetrieben an das Ausland in den 90er Jahren von sieben auf 17 Prozent. Der Durchschnittslohn ging um drei Prozent zurück, die Steuerpolitik der Regierung begünstigte einseitig die hohen Einkommen und die Schere zwischen arm und reich klaffte immer weiter auseinander. Gleichzeitig stiegen die Auslandsschulden in den dreistelligen Milliardenbereich. Ende 2001 kollabierte das System und hinterließ die jetzige Krise.
Verschärft wird die schwierige Situation noch durch die Rücksichtslosigkeit
der immer noch reichen Oberschicht. Das Ausmaß der Krise erklärt
sich aus dem Verhalten der Elite: Steuerbefreiung, Kapitalflucht und natürlich
Korruption," schrieb der französische Wirtschaftswissenschaftler Michel
Husson am 15. Februar dieses Jahres in der Monatszeitschrift Le Monde diplomatique.
Und von Korruption ist dieser Tage auch in Tucaman die Rede. Nach Angaben von
Hilda Duhalde fließen monatlich 1,7 Millionen Dollar Staatszuschüsse
für Lebensmittel in die
Provinz, Gouverneur Julio Miranda weiß indes nur von 1,4 Millionen. Wieviel
Geld tatsächlich bei den Bedürftigen ankommt, kann niemand genau sagen.
Esteban Galván, der Antikorruptionsbeauftragte der Staatsanwaltschaft von Tucuman, versucht, es herauszufinden. Nach seinen Recherchen ist es nicht schwer, Gelder aus dem Unterstützungsfond abzuzweigen. Man erfindet einfach Genossenschaften von Mini-Betrieben, die subventionsberechtigt sind", sagte der Korruptionsexperte kürzlich der Zeitung Pagina12. Auf der Subventionsliste war ihm eine Gruppe von bedürftigen Frauen aufgefallen, die angeblich Süßigkeiten herstellten. Als Galván die Adresse überprüfte, fand er nicht den angegebenen Familienbetrieb, sondern einen Parteifreund des Gouverneurs. Dieser kassierte gleich dreimal aus dem Unterstützungstopf: als Süßigkeitenfabrikant, als Street-Worker und als Lehrer; seine Phantom-Nebenjobs brachten ihm insgesamt 1200 Peso (ca. 350 Euro) im Monat. Galván berichtete außerdem, dass Lebensmittelpakete für Bedürftige nicht an Armenküchen verteilt, sondern an Teilnehmer auf politischen Massenveranstaltungen der Peronisten weitergegeben worden waren.
Das Vertrauen in die Politiker ist geschwunden. Deshalb wird Hilda Duhalde und ihr Rettungstrupp auch nicht überall mit offenen Armen empfangen. 80 Angestellte des Kinderkrankenhauses in Tucuman haben einen Brief unterzeichnet, in dem sie fordern, das Geld, das jetzt für die kurzfristige Operation Rettung" ausgegeben werde, solle besser dazu verwendet werden, eine dauerhafte Hilfsstruktur in der Provinz zu schaffen. In dem Brief heißt es wörtlich: Señora Duhalde, mit den gleichen Mitteln, mit denen man jetzt das große Gefolge bezahlt, das Sie dabeihaben, könnte man ebensogut Ärzte, Krankenschwestern, Sanitäter und Sozialarbeiter bezahlen, die in Tucuman leben, die das Gebiet kennen und von denen viele im Gesundheitssystem arbeiten ohne Geld zu verdienen. Ärzte und Krankenschwestern, die diese Aufgabe ebenso effizient oder sogar effizienter ausführen könnten, mit dem Vorteil, dass nur ein einziges Mal eine Struktur geschaffen werden müßte, die der Gemeinschaft dauerhaft zugute kommt."
Eigentlich eine gute Idee. Aber in Argentinien ist Wahlkampf.