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Ein Portrait der Roten Zora entnommen aus dem Artikel "Frauen in Kurdistan - Rote Zora. Ein Beitrag von Frauen", radikal Nr. 154, Juni 1996 (...) Wer ist die Rote Zora? Für alle LeserInnen, die die Geschichte der Gruppe nicht kennen: Die Rote Zora geht aus den, in den 70er Jahren entstandenen bewaffnet/militant kämpfenden Revolutionären Zellen hervor, in denen Männer sowie Frauen sich organisiert hatten. Das neueste, umfangreiche Konzeptpapier der Zoras wurde im Dezember 1993 unter dem Namen ”Mili’s Tanz auf dem Eis” veröffentlicht. Die Zoras gehen darin auf ihre bisherige Geschichte, auf ihre Aktionen und auf die Veränderung ihrer Standpunkte im Laufe der letzten 20 Jahre ein. Wir zitieren hier einige Passagen aus ihrem Selbstverständnis und ihrer eigenen Geschichtsaufarbeitung. ”Unsere Konstituierung als autonome Frauengruppe innerhalb der revolutionären Zellen (RZ) fiel mit der Entsolidarisierungswelle mit bewaffneter/militanter Politik in der BRD 1977 und einer Polarisierung innerhalb der FrauenLesbenbewegung zusammen. (...) Wir sahen in dieser Situation unseren Beitrag u.a. darin, die Idee und Praxis radikalen, militanten Widerstands entgegen allen Integrations- und Repressionsmaßnahmen des Staates wachzuhalten. In dieser Zeit wurde die Fähigkeit des Systems deutlich, Proteste zu integrieren und fundamentale Opposition zu Innovationsschüben zu nutzen, außerparlamentarische Politik als Kreativspender auszunutzen, andererseits Widerstandsstrukturen mit aller Härte zu zerschlagen. Das bestätigte uns, daß die Gegnerinnenschaft zum System sich grundlegender zeigen muß, weniger kontrollierbar sein sollte und nicht ihr Ende finden an staatlich gesetzten Grenzen. Die Aufrechterhaltung klandestiner Zusammenhänge war eine Konsequenz für uns, um in dieser politischen Eiszeit ‘im Herzen der Bestie’ die Ruhe zu stören und den Gedanken an die Angreifbarkeit der Herrschenden lebendig zu halten. Zugleich hofften wir, damit den militanten, klandestin organisierten FrauenLesbenwiderstand zu verbreitern und zu verankern. (...) ‘Bildet eure eigenen Banden’ war die Parole der Anfangszeit. (...) Wir machten unter diesem Aspekt Aktionen mit einfachen nachahmbaren Mitteln und griffen Themen aus der FrauenLesbenbewegung auf (218 und Gewalt gegen Frauen). Wichtig war es uns zu zeigen, daß das Unrecht, die Gewalt nicht nur strukturell sind, sondern die Täter greifbar, angreifbar sind: ‘Die Schweine haben Namen, Frauen sucht euch die Adressen!’ Wir sahen keine Hierarchie in verschiedenen Aktionsformen: Flugblatt verteilen, Besetzungen, Sprühaktionen, Schlösser verkleben, Steine schmeißen, Spreng- und Brandsätze legen - alles war wichtig, wenn es zusammengriff. So ist es auch heute noch für uns richtig. Dabei haben wir allerdings die besonderen Bedingungen und Konsequenzen unserer Art der Organisierung unter den Tisch fallen lassen. Im Wunsch, zur Nachahmung und damit Verbreiterung unserer Aktionsformen zu ermuntern, stellten wir zeitweise unsere Organisierung so locker dar (Interview Emma 1984), als könne jede mal eben so mit ihrer Freundin losziehen und das gleiche machen wie wir. Auch wenn wir teilweise mit militantem Kleingruppengefühl agierten, verleugneten wir damit den anderen Teil unserer Geschichte und Praxis. Die dargestellte Lockerheit verschleierte die konkreten Barrieren/Unterschiede. Wir unterschieden uns von Kleingruppen durch die auf Langfristigkeit, Kontinuität und Verbindlichkeit ausgerichtete Organisierung. Dies ermöglicht(e) es nicht nur, einen anderen Hintergrund von Logistik aufzubauen, d.h. Kenntnisse, Fertigkeiten, Beschaffung materieller Mittel, die über einen Kleingruppenrahmen hinausgehen, sondern auch, kontinuierliche Gruppen- und Städteübergreifende Diskussionen zu führen und Befreiungsideen zu entwickeln. Das Primat der Praxis half uns dabei, Unterschiedlichkeiten und Differenzen teilweise stehen lassen zu können und uns einem weltweiten Befreiungsprozeß und den Frauen darin, verbunden zu fühlen, aus dem wir einen großen Teil unserer Stärke bezogen. (...) Unsere Identität beziehen wir zwar auch aus gelungenen Aktionen, vor allem aber aus der langfristigen Perspektive, eine militante Frauenorganisierung aufzubauen. Nach wie vor finden wir die verschiedenen Organisierungsformen für subversiven Widerstand wichtig - also auch Kleingruppen aus der Frauenöffentlichkeit heraus, die durch Einbindung in soziale Zusammenhänge, durch spontanere Handlungsmöglichkeiten usw. oft ausgesprochen lebendig sind, meist aber durch die Bullen einkreisbar, weshalb sie äußerst flexibel sein müssen und oft nur kurzlebig sein können. Darin alle Möglichkeiten auszuprobieren und auszureizen, ist nicht nur für die Stärkung der FrauenLesbenbewegung notwendig, es ist auch für unseren Lernprozeß wichtig. Wir wollen aber ebenso, daß Frauen, die unsere Politik als Rote Zora richtig und wichtig finden, sich der Frage einer entsprechenden Organisierung stellen und nicht diese Art militanter Politik an unseren Zusammenhang deligieren. Wir tragen Verantwortung, mit unserer Geschichte genau umzugehen, aber nicht die alleinige Verantwortung, diese Politik fortzuführen” (2). Wieso kam es zur Trennung der Zoras den RZ? ”Als selbständige Frauengruppe in der RZ lebten wir von Anfang an mit dem Widerspruch, daß wir im öffentlichen Rahmen die Autonomie von Frauen für unverzichtbar hielten, uns innerhalb unserer klandestinen Organisierung aber mit Männern arrangierten - zwar als selbständige Gruppe, aber mit der Verbindlichkeit einer gemeinsamen Organisation. Dafür gab es verschiedene Hintergründe: Wir konnten in diesem Zusammenhang auf bereits entwickelte Strukturen und Erfahrungen zurückgreifen, wir trauten uns keine eigene tragfähige Struktur zu, da wir so wenige militante Feministinnen waren. Außerdem waren die militanten Kräfte (Ende 70er/Anfang der 80er Jahre) innerhalb der Linken insgesamt so gering, daß wir meinten, Frauen und Männer müßten sich gegenseitig stärken. Wir waren eng verbunden mit der linken Geschichte und den entsprechenden Denkstrukturen und Handlungsmustern. In den Anfängen unserer militanten Frauenorganisierung gelang es uns noch sehr wenig, uns von diesen zu lösen und unsere Befreiungsvorstellungen und -wege auf feministisch-revolutionäre Füße zu stellen. Dafür gab und gibt es bis heute kein umfassendes Konzept. An diesem mitzustricken, haben wir uns seitdem vorgenommen. Einige von uns hatten zudem die Illusion, daß in der existentiellen Verbundenheit des gemeinsamen Kampfes die Geschlechtergegensätze nicht so krass seien, die Radikalität ‘unserer’ Genossen sich auch in einer radikalen Infragestellung ihrer patriarchalen Identität ausdrücken müsse/könne, daß die Männer ihre Chance zur Erweiterung ihres Horizontes und Handlungsrahmens erkennen würden, indem sie sich an unserem feministischen Kampf orientierten. (...) Die zermürbenden, nie enden wollenden Streitereien, in denen wir begreiflich zu machen und durchzusetzen versuchten, daß Frauenkampf kein Teilbereichskampf sein kann, sondern daß die Befreiung vom Patriarchat grundlegend für jede Befreiung ist und das Hinzukommen neuer FrauenLesben, die sich ganz bewußt in Frauenzusammenhängen organisieren wollten und nicht einsahen, warum wir irgendwelche Energien in Diskussionen mit Männern steckten, führten endgültig zur organisatorischen Trennung. Erst in der Trennungsphase begriffen wir, daß nicht nur ‘unsere’ patriarchal denkenden und handelnden Männer in ihrer Unfähigkeit und Borniertheit eine fruchtbare Zusammenarbeit verhinderten, sondern daß autonome FrauenLesbenorganisierung für uns hier und heute - auch im militanten Kampf - eine grundsätzliche politische Notwendigkeit ist. Gemeinsame Organisierung mit Männern bindet nicht nur unsere Energien in der ständigen Auseinandersetzung und Behauptung von FrauenLesbenpositionen, sondern bindet uns auch in von Männern gesetzte Diskussionsprozesse ein, bringt uns immer wieder auf das Gleis der Orientierung an männlichen Normen, die wir selbst oft tief verinnerlicht haben. Sie blockiert uns damit in unserem Denken und unserer Entwicklung und steht der Herausbildung einer revolutionär-feministischen Perspektive ständig im Wege. Mit dieser klaren politischen und organisatorischen Trennung der Roten Zora von den RZ brachen wir mit der sonst von uns Frauen - um den Preis unserer Selbstverleugnung - wie selbstverständlich erwarteten Solidarität. Damit verweigerten wir uns der Vereinnahmung, die in der Behauptung liegt, Feminismus sei in ein linkes Konzept einzuordnen, was immer darauf hinausläuft, Frauenkampf einer ‘umfassenderen linken Zielsetzung’ unterzuordnen. Mit dieser völlig veränderten Vorraussetzung und politischen Klarheit, die erstmal nicht von gemeinsamen Zielsetzungen ausgeht, sind punktuelle Bündnisse oder solidarische Verhältnisse mit Männern oder gemischten Gruppen nicht ausgeschlossen, werden so aber von uns bestimmt” (S.6). Die Praxis der Roten Zora Die Zoras machten Aktionen gegen Sexshops (1978), Angriffe auf Frauenhändler und in dem Zusammenhang auch auf die Philipinische Botschaft (1982). Nach der Trennung von den RZ (1984) führten sie Aktionen gegen Bevölkerungspolitik, Gen- und Reproduktionstechnologien durch (Angiffsziele waren u.a. Schering, das Max-Planck-Institut in Köln und das Humangenetische Institut der Uni Münster). Es folgten Angriffe gegen den Textilmulti Adler, um Frauenkämpfe der Flair-Fashion-Arbeiterinnen in Südkorea zu unterstützen (Flair-Fashion ist eine Tochterfirma von Adler). Diese Aufzählung ist nicht vollständig, macht aber deutlich, worauf sich die Zoras praktisch konzentriert haben. Repression Im Dezember 1987 fanden Hausdurchsuchungen und die Verhaftung von Ulla Penselin und Ingrid Strobl mit dem Vorwurf der Unterstützung der Roten Zora/RZ statt. Weitere 4 Haftbefehle wurden ausgeschrieben, aber die entsprechenden Personen konnten abtauchen und wurden nach unserem Kenntnisstand auch nie gefaßt. Eine Frau ist inzwischen wieder zurück, so wie wir die aktuellen Zeitungsmeldungen interpretieren wird weiter gegen sie ermittelt. Leider wurden die Umstände des Abtauchens und der weitere Verlauf ihrer Geschichte auch niemals öffentlich thematisiert. Die Zoras schreiben zu dem Repressionsfall: ”Einfallstor für die Bullen war unser Fehler, zu lange den gleichen Wecker als Zeitzünder zu besorgen, was ihnen (den Bullen) die Gelegenheit bot, mit einem aufwendigen Programm Käuferinnen dieser Weckersorte zu identifizieren.” (S.30) Ingrid Strobl, der unterstellt wurde einen entsprechenden Wecker für den Bau eines Zeitzünders gekauft zu haben, wurde trotz großer öffentlich bekundeter Solidarität zu 5 Jahren Haft verurteilt, dann aber auf 2/3 tel entlassen. Seit dieser Zeit meldete die Rote Zora sich bis zum Dezember 1993 nicht mehr zu Wort und Tat. Viele glaubten, sie habe sich längst stillschweigend aufgelöst und vermißten ein entsprechendes Schreiben, eine Art Ausstiegserklärung. Die Jahre des Schweigens Mit ”Mili’s Tanz”
meldeten sich die Zoras erstmals wieder zu Wort und versuchten aufzuarbeiten,
was inzwischen bei ihnen an Entwicklungen und Veränderungen stattgefunden
hat, und was ein Weitermachen (neben der Repression) vorerst verhindert
hatte. ”Dieses veränderte politische Klima (Mauerfall, Golfkrieg, Zerfall
des Ost-Imperiums, Anm. der Autorinnen) - zusammen mit den Verunsicherungen
durch die Repression - stoppte erstmal all unsere praktischen Pläne. (...)
Wir unterlagen unserem eigenen Mythos, was sich ebenfalls in unserem hohen
Anspruch an eine mögliche Praxis ausdrückte. Wir konnten uns als Rote
Zora keine Aktion vorstellen, die hinter der Entwicklung unserer bisherigen
Praxis zurückfiel. Das lag aber in der speziellen Situation jenseits unserer
Fähigkeiten und Möglichkeiten. Je länger der Zeitraum ohne praktische
Politik, desto unmöglicher die praktische Umsetzung. So schloß sich der
Kreislauf zunächst einmal. Die Kontakte untereinander hatten wir zum Schutz
der Struktur auf ein Minimum eingeschränkt, von unserem politischen Frauenumfeld
fühlten wir uns nicht getragen. Auch das schlug sich negativ auf unsere
Lust und Kraft zum Weitermachen aus. Die aufwendige Form der politischen
Organisierung ohne konkrete Umsetzung in Aktionen und eine komplizierte
Kommunikationsstruktur (nicht selten landeten Papiere im Ofen, bevor sie
die letzte erreicht hatten, was eine kontinuierliche Diskussion nicht
gerade beflügelt), verstärkten bei vielen von uns Unzufriedenheit und
massive Zweifel, ob wir als illegale militante Organisation in der Lage
seien, in die politischen Prozesse einzugreifen. Aus verschiedensten Gründen
- andere Schwerpunkte setzen, militanten Widerstand nicht mehr angemessen
finden, Festgefahrenheit in der Organisationsstruktur und damit einhergehender
Schwerfälligkeit und Verlust von Lebendigkeit - trennten sich die meisten
Zoras von unserem Zusammenhang, und somit stehen wir quasi am Neuanfang.
Die grundsätzlichen Fragen nach Wirksamkeit, Legitimation, Ziel, Basis
und persönlicher Umsetzbarkeit unserer Politik haben sich uns verschärft
gestellt. Das sind zwar Fragen, die uns ständig begleiten, aber in Zeiten
geringer politischer Gewißheit und in Phasen der notwendigen Klärung von
Perspektiven werfen wir immer wieder die politischen Erfolgsaussichten
und persönliche Gefährdung und Einschränkung neu in die Waagschale. Zudem
mußten wir uns gegen den mainstream dieser Zeit behaupten, der v.a. von
gemischten Gruppierungen ausging (unserer Meinung nach teilweise auch
von Gruppen der RZ, Anm. der Autorinnen), daß militanter Widerstand in
dieser Situation nichts mehr bringe. Die offene Frage ist nicht eine der
Form, sondern wie den Zersplitterungen und Individualisierungen unserer
Metropolenrealität die Gemeinsamkeit einer Strategie entgegengesetzt werden
kann, welche zur Entwicklung einer Frauenbefreiungsbewegung auch in der
Metropole beiträgt, die damit anfängt, die heutigen weltpolitischen Umbrüche
auch in der Metropole in eine radikal-feministische Kraft umzusetzen.
In einer Phase von Perspektivlosigkeit, nachlassendem und zersplittertem
Widerstand und geballt erscheinender Übermacht des Systems, greift Resignation
desto mehr um sich, je mehr wir glauben, die vielen Zuspitzungen sexistischer
und rassistischer Gewalt und Ausbeutung ohne sichtbare Gegenwehr hinnehmen
zu müssen. Quellenangaben: |