Eine unbelastete Kolonialmacht?

Am 12. Januar 1904 - vor 100 Jahren - begann der Krieg deutscher Kolonialtruppen gegen Herero und Nama, den afrikanischen Bewohnern des damaligen Deutsch-Südwestafrika, des heutigen Namibia. Mit direkter Zustimmung des deutschen Kaisers setzte General v. Trotha seine Ankündigung um, die Herero und wenig später die Nama zu vernichten. Herero und Nama leisteten vier Jahre entschiedenen Widerstand gegen die mit überlegenen Waffen ausgerüsteten Deutschen.

Namibia 1905
Im Jahr 2004 jährt sich zum 100. Mal der Völkermord deutscher Kolonialtruppen an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Zum 120. Mal jährt sich die Afrika-Konferenz, zu der der deutsche Reichskanzler Bismarck am 15.11.1884 nach Berlin eingeladen hatte. Auf der Konferenz teilten die europäischen Staaten den afrikanischen Kontinent untereinander auf. Zwei Anlässe, an die 2004 mit der Anti-colonial- Africa- Conference Berlin im November 2004 erinnert werden soll. Im Vorfeld der Konferenz finden mehrere Veranstaltungen statt.
In Europa bestimmt koloniales Bewußtsein immer noch den Alltag und das politische Handeln. Unter dem Vorwand „Frieden zu bringen“, wird gerade der erste gemeinsame europäische Krieg im Kongo geführt. Der Krieg wird die kolonialen Strukturen in Wirtschaft und Politik, Kultur und Alltagsleben auf neuem Niveau festigen und die afrikanischen Länder weiter ausplündern und zerstören. Die Kriege in Afrika haben Millionen Menschenleben gekostet und die Menschen gezwungen, für Billigstlöhne für den Weltmarkt zu arbeiten. Die kolonialen Strukturen wirken auch in die weißen Gesellschaften zurück. Sie reproduzieren und konstruieren - neues - koloniales Bewußtsein, Herrenmenschen-tum, Kriegslogiken, Frauenunterdrück-ung, technischen Machbarkeitswahn. Wir wollen diese Gewaltverhältnisse bekämpfen.

Wir, das sind Menschen aus verschiedenen afrikanischen und europäischen Ländern. Uns verbindet das Ziel, die gewalt-förmigen Konzepte als patriarchale, als koloniale Herrschaft anzugreifen und zu verändern. Wir wollen Herrschafts- und Gewaltverhältnisse, Dominanz-und Ausgrenzungs-mechanismen aufspüren, delegitimieren und abschaffen. Diesen Prozeß möchten wir mit Vielen vorantreiben, in unterschiedlichen Formen, mit Respekt und Solidarität. Die Erfahrungen des antikolonialen Widerstandes sind dabei bestimmend.

Mit Kolonialverbrechen in Afrika werden England, Frankreich, Belgien und Holland in Verbindung gebracht - Deutschland nicht. Dass Deutschland überhaupt Kolonialmacht war, ist aus dem öffentlichen Bewusstsein nahezu vollständig verdrängt, so dass auch der erste europäische Kriegseinsatz (in der Demokratischen Republik Kongo im Sommer 2003) mit deutscher Beteiligung kaum auf Widerspruch stieß. Deutschland wird als »neutrale« Macht zwischen den anderen Kolonial-staaten bezeichnet, das seine Interessen in Afrika besonders gut durchsetzen kann, denn es habe eine einmalige Position: »bei allem wirtschaftlichen Interesse bringt niemand auf dem Kontinent die Bundesrepublik mit einer langen Kolonialgeschichte in Verbindung«. Mit solchen Sätzen will die Staatssekretärin im Entwicklungshilfe-ministerium Uschi Eid, die Öffentlichkeit in Deutschland auf einen stärker militärisch unterstützten wirtschaftlichen Einsatz in Afrika vorbereiten, der wiederum mit Floskeln der Friedenssicherung begründet wird. Am 12. Januar 1904 - vor 100 Jahren - begann der Krieg deutscher Kolonialtruppen gegen Herero und Nama, den afrikanischen Bewohnern des damaligen Deutsch-Südwestafrika, des heutigen Namibia. Mit direkter Zustimmung des deutschen Kaisers setzte General v. Trotha seine Ankündigung um, die Herero und wenig später die Nama telbaren Kriegshandlungen überlebt hatte, wurde in - so wörtlich - »Konzentrazu vernichten. Herero und Nama leisteten vier Jahre entschiedenen Widerstand gegen die mit überlegenen Waffen ausgerüsteten Deutschen. Wer die unmittionslager« gesperrt, wo Zwangsarbeit geleistet werden musste. Allein beim Bau der Eisenbahnlinie von Lüderitzbucht nach Keetmanshoop starben in 18 Monaten 1.359 von 2.014 Häftlingen. Viele Tausend starben infolge der katastrophalen Unterbringung und fehlender Ernährung. Nach Beendigung des Krieges 1908 waren 80% des Hererovolkes und mehr als die Hälfte der Nama ermordet. Die Überlebenden wurden »verschont«, weil sie zur Arbeit herangezogen werden sollten.
Der Krieg gegen die Herero und Nama unterscheidet sich von den Massenmorden, die Siedler oder lokale Milizen in anderen Ländern zu dieser Zeit verübten, denn er wurde mit Billigung des Staatsoberhauptes (des Kaisers) ausdrücklich als Vernichtungskrieg geführt und mit den todbringenden Bedingungen in den »Konzentrationslagern« als Völkermord fortgesetzt.
Bis heute hat sich die Regierung der Bundesrepublik geweigert, die Überlebenden und ihre Nachkommen um Entschuldigung für diese Verbrechen zu bitten und sie zu entschädigen. Eine in den USA erhobene Klage der Herero versucht sie mit juristischen Tricks zu Fall zu bringen.

 

Daten deutscher Kolonialpolitik in Deutsch-Südwestafrika:

1871 Gründung des (zweiten) deutschen Kaiserreiches.

1879 Gründung des »Westdeutschen Vereins für Kolonisation und Export«

1884/85 Die Gebiete Südwestafrika, Kamerun, Togo und Ostafrika werden zu deutschen »Schutzgebieten« erklärt. (Kaiser Wilhelm I. beteiligt sich privat mit 500 000 Mark an einer Kolonialgesellschaft.)

15.11.1884-26.2.1885 »Afrika-Konferenz« in Berlin, Aufteilung des schwarz-afrikanischen Kontinents unter die europäischen Staaten; Bodenschätze
und Arbeitskräfte in Afrika werden systematisch für Europäer nutzbar gemacht.

1885-1903 Vielfältige Widerstandsaktionen in Südwestafrika, Kamerun und Ostafrika gegen die deutsche Kolonisatoren.

Ende 1903 Um einen bewaffneten Widerstand von Bondelzwarts im Süden von Deutsch-Südwestafrika niederzuschlagen, werden große Teile der Kolonialtruppen dorthin verlegt. Im Herero-Land werden die Forderungen deutscher Siedler nach Land immer aggressiver. Die Morddrohung eines deutschen Kolonialoffiziers gegen einen Herero- Chief ist Auslöser des am 12.1.1904 ausbrechenden bewaffneten Widerstands der Herero unter ihrem Chief Samuel Maharero.

11.8.1904 In einer Kesselschlacht am Waterberg werden die Herero (die sich dorthin mit ihren Familien zurückgezogen hatten) von den deutschen Kolonialtruppen unter General Lothar v. Trotha geschlagen, die Überlebenden planmäßig in die Trockenwüste Omaheke getrieben. Der deutsche Generalstab: »Die wasserlose Omaheke soll vollenden, was die deutschen Waffen begonnen haben: Die Vernichtung des Hererovolkes«.

Oktober 1904 Die Nama unter ihrem Chief Hendrik Wittboi nehmen den Kampf gegen die Kolonialtruppen auf; in einem Guerilla-Krieg leisten sie u.a. mit Jacob Morenga als Anführer bis 1907 erbitterten Widerstand.

November 1904: 112 Nama werden nach Togo und später nach Kamerun deportiert, von ihnen kehrten lediglich 46 nach Südwestafrika zurück.

11.12.1904 Reichskanzler v. Bülow ordnet an, für die »Reste des Hererovolkes Konzentrationslager« einzurichten.
1905-1908 Die Haftbedingungen in den Konzentrationslagern, in die Herero und Nama verbracht werden, sind verheerend. Die Gefangenen müssen Zwangsarbeit verrichten, die Ernährung und Unterbringung ist katastrophal, von den ca. 15.000 Inhaftierten sterben 7.700.

Januar 1906 Bei einer spektakulären Ausbruchsaktion gelingt 120 Menschen
die Flucht.

1907 Verordnung, dass alle Schwarzen eine »Passmarke« tragen müssen, die auf Verlangen jedem (!) Weißen gezeigt werden muss. Allen am Krieg beteiligten
»Stämmen« wird ihr gesamtes Eigentum weggenommen und zum deutschen Staatseigentum erklärt, selbst das Halten von Pferden und Rindern ist ihnen
verboten. Dies ist Teil des Programms der »Erziehung« zur abhängigen Arbeit.

1908 Die »Konzentrationslager« werden aufgelöst. Nur ein Fünftel der gesamten Herero Bevölkerung und etwa die Hälfte der Nama überlebten den Krieg, Vertreibung und Lager.

1915 Im Verlauf des 1. Weltkrieges ergeben sich die deutschen Kolonialtruppen in Südwestafrika den südafrikanischen Unionstruppen.

1919 Im Versailler Vertrag tritt Deutschland alle Kolonien ab, sie werden dem Völkerbund unterstellt.

 

Initiative „Anticolonial Africa Conference“