"Wilder Streik" bei Ford 1973
aus: Antifaschistisches InfoBlatt Nr.61-4/2003
In diesen Monaten jährte sich zum dreißigsten Mal die Arbeitsniederlegung türkischer ArbeitsmigrantInnen im Ford-Werk in Köln-Niehl. Dieser inzwischen zur Legende gewordene Arbeitskampf bildete in den letzten 30 Jahren immer wieder Beispiel und Bezugsrahmen für die Austragung sozialer Konflikte im Betrieb unter möglichst weitreichender Beteiligung der »ausländischen KollegInnen«. Außerdem wurde dieser Arbeitskampf zum Beispiel eines »wilden Streiks«, auch gegen den Willen von DGB und Einzelgewerkschaften, in diesem Fall der IG-Metall.
Der politische Umgang mit dem Streik heute –
ein knapper Abriss
Hinter all dieser – natürlich sehr verkürzt dargestellten –
Bezugnahme auf den Kölner Streik, scheint das Wissen um die konkreten Ereignisse
und die beteiligten AkteurInnen langsam zu verschwinden. Dass die Erinnerung
an den Arbeitskampf bei Ford bei den von staatlicher und gewerkschaftlicher
Seite zu verantwortenden Feierlichkeiten zum 40-jährigen Jubiläum
des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens im Jahr 2001 keinen Raum fand,
ist nicht verwunderlich.
Auch die radikale Linke hat sich allerdings der Auseinandersetzung um diese
beiden symbolträchtigen Erinnerungsdaten bundesrepublikanischer Ge-schichte
nicht offensiv gestellt. Hervorzuheben ist hier »kanak attack«,
die sich im Kontext von 40 Jahren deutsch-türkischem Anwerbeabkommen darum
bemühten, die historischen Ereignisse um den Ford-Streik zu vermitteln
und zwar gerade auch als ein Beispiel eines selbstbewussten Kampfes türkischer
ArbeitsmigrantInnen um Würde – ein Begriff, der ja sehr viel mehr
einschließt, als »nur« die Durchsetzung sozialer Veränderungen
im Betrieb. Außerdem stellte »kanak attack« im Zusammenhang
mit dem Ford-Streik die wichtige Frage nach den Bedingungen des Zugangs und
der Nutzung der Ressourcen »Geschichte, Erinnerung und Gedächtnis«
für MigrantInnen in der BRD.
Das Datum des Ford-Streiks hätte für die radikale Linke
im übrigen aber auch deshalb beachtenswerter sein sollen, weil es über
das konkrete historische Ereignis hinausweist. 1973 war eben auch das Jahr des
von der Bundesregierung verhängten Anwerbestopps. Damit wurde eine neue
Dimension rassistischer Politik eingeleitet, die MigrantInnen verstärkt
als »Problem« ansah. Diese Sichtweise wird in der zeitnahen medialen
Berichterstattung über den Ford-Streik bereits deutlich.
Der Streik
– was war eigentlich passiert?
Der Kölner Ford-Streik reiht sich ein in eine bundesweite Bewegung von
wilden Streiks, an denen sich zwischen Februar und Oktober 1973 mehrere tausend
ArbeiterInnen – mehrheitlich aus der Auto- und Stahlindustrie beteiligten.
In einigen Betrieben wurden die Streiks im Zusammenspiel zwischen Polizei und
Werkschutz zum Teil brutal beendet.
Worum ging es bei dem Streik, der sich zwischen dem 24. und dem 30. August 1973 auf dem Ford-Werksgelände in Köln-Niehl abspielte? Der Kölner Automobilhersteller beschäftigte seit 1961 türkische ArbeitsmigrantInnen. 1973 bildeten die türkischen ArbeiterInnen mit 12.000 Beschäftigten bereits etwa ein Drittel der Gesamtbelegschaft. Die Arbeits- und Lohnbedingungen der türkischen ArbeiterInnen waren schlecht und standen hinter denen der deutschen KollegInnen zurück. Sie wurden zu 90 Prozent in der Fließbandarbeit eingesetzt, viele von ihnen in der äußerst arbeitsintensiven Endfertigung. Den eigentlichen Anlass für den Streik bildete dann die Entlassung von ca. 300 türkischen ArbeiterInnen im August 1973. Der Grund ihrer Entlassung war die verspätete Heimkehr aus dem Urlaub. Auf einer Betriebsversammlung eine Woche vor dem Streik erklärten sich die türkischen KollegInnen solidarisch mit den Entlassenen, während die meisten deutschen ArbeiterInnen die Entlassungen zum Teil demonstrativ be-grüßten. Ihnen fehlte das Verständnis für die Situation der türkischen ArbeiterInnen, die von den vier Wochen Werksurlaub schon etwa 10 Tage für Hin- und Rückreise in und aus der Türkei verbrauchten und deshalb ihre Familien nur etwa drei Wochen sahen. Trotzdem beteiligten sich zunächst – wenn auch zögerlich – deutsche ArbeiterInnen am Streik. Nachdem türkische KollegInnen sich bereit erklärten, die liegengebliebene Arbeit der verspätet Heimgekehrten mit zu übernehmen, falls die Kündigungen zurückgenommen würden, die Leitung des Ford- Werks diese Zusage aber letztlich nicht einhielt, kam es am Freitag, den 24. August 1973, zu spontanen Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen auf dem Werksgelände.
Generell ist festzuhalten, dass die Streikwilligen während des
gesamten Streiks auf dem Werksgelände präsent waren und gerade nicht,
wie es sonst in bundesdeutschen Arbeitskämpfen die Regel war, von daheim
aus streikten. Die der Arbeitsniederlegung folgenden Streikforderungen der türkischen
ArbeiterInnen machten deutlich, dass die nicht zurückgenommenen Entlassungen
nur den Endpunkt einer Entwicklung bildeten, die von einer kontinuierlichen
Verschlechterung der Arbeits- und Lohnbedingungen des türkischen Teils
der Belegschaft geprägt gewesen war. So wurde neben der Rücknahme
der Entlassungen u.a. eine D-Mark mehr Stundenlohn, sechs Wochen bezahlter Urlaub,
eine Reduzierung der Bandgeschwindigkeit sowie der Wegfall der Billiglohngruppen
gefordert. Die Reaktion der Werksleitung sprach für sich: Sie versprach
zunächst lediglich, die Entlassungen zu überprüfen und stellte
eine einmalige Teuerungszulage von 280,- D-Mark in Aussicht, die jedoch der
gesamten Belegschaft zu Gute gekommen wäre. Der Betriebsrat verhielt sich
indifferent. Er verhandelte bis zum Montag, den 27. August, direkt mit der Geschäftsleitung,
musste dann jedoch erkennen, dass er bei den Streikenden über keine Legitimation
mehr verfügte. Die türkischen ArbeiterInnen nahmen den Streik schnell
selbst in die Hand und ernannten eigene StreiksprecherInnen. Als dem Betriebsrat
und der IGMetall klar wurden, dass sie den Streik nicht mehr kanalisieren konnten,
versuchten sie, die deutschen KollegInnen durch eigene Demonstrationen auf ihre
Seite zu ziehen, was auch gelang. Am Mittwoch, den 29. August, streikten nur
noch deutsche Lehrlinge und AushilfsarbeiterInnen mit ihren türkischen
KollegInnen.
Parallel dazu wandelte sich auch die Presseberichterstattung. War der Streik
zunächst in Teilen der Presse zwar als illegal, aber doch verständlich
apostrophiert worden, gewannen vermehrt Medienstimmen an Boden,die den sozialen
Protest ethnisierten. Plötzlich ging es nicht mehr um Bandgeschwindigkeiten,
sondern um das »Türkenproblem « bei Ford. Die SPD-geführte
Landesregierung tat ein übriges, um zur Kriminalisierung der Streikenden
beizutragen: Innenminister Weyer teilte am 29. August mit, dass die Streikenden
bei Ford von Kriminalpolizei und Verfassungsschutz beobachtet würden. SPD-Bundeskanzler
Willy Brandt hatte die Streikenden bereits einen Tag zuvor aufgefordert, in
»die Arme der Gewerkschaft« zurückzukehren. Bestärkt durch
das Gefühl, die öffentliche Meinung auf ihrer Seite zu haben, beendete
die Werksleitung den Streik nach einer Woche gewaltsam. Gedeckt durch eine Gegendemonstration
von sogenannten Arbeitswilligen gelangten Polizeikräfte auf das Werksgelände,
die sofort be-gannen die AktivistInnen aus der Streikleitung festzunehmen. Flankiert
wurde diese Aktion von folgender Schlagzeile der Bild- Zeitung: »Deutsche
Arbeiter erkämpfen ihre Fabrik zurück«. In Folge der brutalen
Zerschlagung des Streiks wurden über 100 türkische ArbeiterInnen fristlos
entlassen, etwa 600 nahmen das »Angebot« an, die fristlose in eine
»freiwillige Kündigung« umzuwandeln. Der Betriebsrat legte
gegen keine der Entlassungen Einspruch ein.
Der Ford-Streik
– was bleibt?
Wie wird nun in der Rückschau an den Streik von 1973 erinnert? Bereits
in einem Film über den Streik von Thomas Giefer und Klaus Baumgarten aus
dem Jahr 1982 (»Diese Arbeitsniederlegung war nicht geplant«, WDR-Fernsehfilm)
wird die unterschiedliche Bewertung des Streiks deutlich. So wird der Streik
aus der Sicht der ehemaligen Streikenden u.a. als »lange Niederlage«
bezeichnet. Der ehemalige Betriebsratssprecher Kuckelkorn hingegen räumt
im Film zwar ein, dass der Betriebsrat die Streikenden nur mangelhaft betreut
hätte, führt als Folge dieser mangelhaften Betreuung dann aber lediglich
an, dass dadurch die als Streikführer apostrophierten »Agitatoren«
freie Bahn gehabt hätten. Kein Wort über die verräterische Rolle
des Betriebsrats gegenüber den türkischen KollegInnen. Dass gerade
ZeitzeugInnen aus dem gewerkschaftlichen Kontext bis heute bei der Bewertung
der Ereignisse von 1973 massiv von der Institution »Gewerkschaft«
geprägt sind, zeigte auch eine vom »Netzwerk Migration in Europa«
in Zusammenarbeit mit der IG-Metall Köln organisierte Tagung zum Ford-Streik
vom November 2001. Auch hier wurde die unrühmliche Rolle von Betriebsrat
und IG-Metall in erster Linie ausgeblendet. Die Erinnerungsbilder an den Streik
werden also in erster Linie von gewerkschaftlicher Seite geprägt und formiert.
Dass türkische ArbeiterInnen, die am Streik beteiligt waren, auch bei dieser
Tagung nur am Rande zu Wort kamen, führt beispielhaft zurück zu der
eingangs formulierten Frage nach den schwierigen Bedingungen für die Etablierung
einer Erinnerung an politische Kämpfe von MigrantInnen in der BRD. Hierzu
ein Beispiel: Im Sommer 2001 wurde mit großem Bahnhof in Berlin der erste
Band der insgesamt dreibändigen »Deutschen Erinnerungskultur«
vorgelegt. In dieser umfassenden Sammlung von »Erinnerungsorten«
stößt man zwar auf das Kapitel »Flucht und Vertreibung«,
nicht jedoch auf ein Kapitel zur Arbeitsmigration in die BRD. Das Buch präsentiert
eine ethnisch homogene Erinnerungskultur, in der die Geschichte von MigrantInnen
keinen Platz findet und nicht einmal im Ansatz davon ausgegangen wird, dass
die Arbeitsmigration in die BRD in irgendeiner Form Spuren bei der sogenannten
»Mehrheitsgesellschaft« hinterlassen hätte. Das Buch fügt
sich ein in die Versuche der gegenwärtigen Bundesregierung, eine »nationale
Erinnerungskultur « zu etablieren. Das geplante »Zentrum gegen Vertreibungen«
in Berlin gibt diesen Versuchen stellvertretend manifest Ausdruck.
Was dagegen tun?
»Erinnerung« als wichtige Ressource zu fassen, als Teil einer Gegenkultur
gegen staatlichen und alltäglichen Rassismus zu verstehen und gegen erhebliche
politische Widerstände in den öffentlichen Raum zu tragen und handlungsleitend
für aktuelle Kämpfe zu machen, ist eben auch von der radikalen Linken
in den letzten Jahren nur unzureichend versucht worden. Um die Etablierung einer
Erinnerung an soziale und politische Kämpfe von MigrantInnen in der BRD
voranzubringen und handlungsleitend für das Agieren in aktuellen politischen
Kämpfen gegen soziale Ausbeutung und Rassismus zu machen, ist es aber notwendig
zu wissen, was beispielsweise beim Ford- Streik passiert ist. Außerdem
sollten ähnliche Ereignisse dem Vergessen entrissen werden. Erinnert sei
hier stellvertretend an Aktionen der »plakat«- Gruppe um Mario d´Andrea
und Willi Hoss in den 1970er Jahren bei der Daimler-Benz AG. Auch im politischen
Umgang mit ihnen spielte die IG-Metall im übrigen eine sehr unrühmliche
Rolle.