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aus: www.woz.ch Serie (Teil 5): Lotta Suter |
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Wer siegt, wird überleben. VerliererInnen haben keine
Chance.
Im Ausnahmezustand erst recht nicht. Wettbewerb fördert die Leistung.
Das Leben ist kein Kinderspiel.
Wie viele «Helden der Arbeit» die regierungstreue Zeitschrift «Sowjetunion heute» von 1956 bis1991 ganzseitig im damals noch teuren Vierfarbendruck vorstellte, weiss ich nicht. Ich erinnere mich aber gut an eine ganz bestimmte Frau mittleren Alters mit gepflegter Kurzhaarfrisur, hochgeschlossener weisser Bluse und blauem Jackett, die ernst und gefasst in die Kamera blickte und dem sozialistischen Menschenideal eine etwas steife und jedenfalls nicht in die punkigen achtziger Jahre passende Würde verlieh. Wir reichten das Bild auf der WoZ-Redaktion herum, alle lachten. Schliesslich heftete jemand das dröge Porträt an die Wand, neben den glamour-öseren Comandante Che Guevara. Mich erinnerte die Frau, die selber nicht besonders glücklich und gelöst aussah, trotz allem an die Möglichkeiten, die der Marxismus den Menschen zutraute. An den unverwüstlichen Optimismus und Fortschrittsglauben nicht bloss der offiziellen Propaganda, sondern auch vieler real existierender SozialistInnen, denen ich in Ost und West begegnet war. Die Sowjetunion vor allem liebte massenhafte Auszeichnungen, glänzende Medaillen, prunkvolle Siegerehrungen über alles, applaudierte der Leistung, feierte den Erfolg. Mit einer Inbrunst wie sonst bloss noch ihr Erzfeind, das real-kapitalistische Amerika.
In den Vereinigten Staaten ist der «Arbeiter des Monats»
in der Regel ein «Makler der Woche». Aber die je nach ihrer Bedeutung
im Lokalblatt oder in der «New York Times» porträtierten SiegerInnen
der jeweiligen Kategorie _ Wirtschaft, Sport, Showbusiness oder Politik _ sind
meistens ebenso adrette Damen und Herren mittleren Alters wie damals die GenossInnen
in der sowjetischen Presse. Auch sie haben sorgfältig frisierte Haare und
förmliche Kleidung, bloss sind sie etwas extravertierter, denn kapitalistische
Persönlichkeiten sind an Werbung und Selbstdarstellung gewöhnt. In
der DDR und in Moskau hatte ich, die nüchterne Schweizerin, mich jeweils
heimlich über die gestelzt überschwänglichen und so absolut seriösen
Preisverleihungen und Ehrengaben amüsiert und nach 1989 gespottet, der
Zusammenbruch des Ostblocks bedeute zum Glück auch das Ende solcher Geschichten.
Weit gefehlt! Jetzt langweile ich mich in der Schulaula meines amerikanischen
Wohnortes abendelang durch Lobpreisungsrituale, deren Format dem russischen
Gegenpart zum Verwechseln ähnlich ist. Bis hin zu den kostengünstigen
symmetrischen Nelkenarrangements links und rechts vom Rednerpult. Und wieder
realisiere ich mitten im Gähnen über die endlose «Awards-Night»,
dass hier die Möglichkeiten der jungen Menschen gefeiert werden und Hoffnungen
gehegt. Dass man stolz und mit einer mir Kleinbürgerin immer noch ungewohnten
Zuversicht in die Zukunft blickt.
«Amerika als soziale und politische Organisation vertritt eine optimistische
Perspektive. Es kann nicht anders», schreibt der Film- und Buchkritiker
Robert Warshow in einem Essay aus dem Jahr 1948. «Der Sinn für das
Tragische ist ein Luxus von aristokratischen Gesellschaften, in denen dem Schicksal
des Individuums keine direkte und legitime politische Bedeutung zugemessen wird,
weil es eine unabänderliche und überpolitische Kategorie darstellt.
Moderne egalitäre Gesellschaften hingegen, ob sie nun demokratisch oder
autoritär regiert werden, erheben Anspruch auf ein besseres Leben.»
Warshow, der in derselben linksliberalen Gruppe von New Yorker Intellektuellen
verkehrte wie etwa die Philosophin Hannah Arendt, der Schriftsteller Norman
Mailer oder der Soziologe Daniel Bell, bestimmt, kurz nach Ende des Zweiten
Weltkrieges, das Streben nach Glück als letztes Fundament aufgeklärter
Staaten _ das ist eine nicht unproblematische Überschreitung der klassischen
Grenze zwischen politisch und privat. Robert Warshow: «Wenn ein Amerikaner
oder eine Russe unglücklich ist, impliziert das eine grundsätzliche
Missbilligung seiner Gesellschaft, und deshalb wird Optimismus zur Bürgerpflicht.
Wenn es die Behörden als notwendig erachten, können die BürgerInnen
bei wichtigen Gelegenheiten sogar dazu genötigt werden, ihr Glück
öffentlich zu demonstrieren, so wie man sie zu Kriegszeiten ins Militär
einberufen kann.»
Diese Bürgerpflicht zum Frohsinn, fügt der Autor hinzu,
laste vor allem auf den Schultern der Massenkultur. Und jedes Mal, wenn Angst
und Unsicherheit in der Gesellschaft zunähmen, lege sich eine Euphorie
über die US-amerikanische Kultur «wie das breite Lächeln eines
Idioten». So wurden beim berüchtigten House Committee on Un-American
Activities, dem Komitee gegen «unamerikanische Umtriebe», ab 1947
nicht bloss kommunismusverdächtige, sondern auch zu pessimistische Filme
und Bücher angeschwärzt. Mrs. Leila Rogers etwa, die Mutter der Fred-Astaire-Partnerin
Ginger Rodgers, denunzierte den Film «None But the Lonely Heart» (Musik
Hanns Eisler) als unamerikanisch, da «gloomy», zu trübsinnig
für ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Heute hat der «Krieg gegen den Terror» erwartungsgemäss eine
neue Welle der patriotischen Glückseligkeit ausgelöst, es sind vorab
Filme über epische Kämpfe mit grandiosem Happyend. In einer Kinovorschau
begegnete mir kürzlich gleich eine ganze Reihe von muskulösen Helden,
die gegen Kopfgeburten kämpften: Ungeheuer aus fiktiven Welten, fernen
Zeiten oder aus der vorweggenommenen Zukunft. «Reign of Fire», Herrschaft
des Feuers, heisst ein solcher Streifen; der Hauptdarsteller, langhaarig und
tätowiert, ist noch eine Spur männlicher und wilder und heroischer
als alle andern. Da steht er, allein mitten in der Flammenhölle, schmuddelig,
verschwitzt, russverschmiert, keuchend. Bloss eine kleine Stelle über seinem
Herzen bleibt rein und unberührt: die amerikanische Flagge, die jemand
auf sein sexy Ledergilet appliziert hat. Er wird siegen. Die Welt ist sein.
Unter den Bedingungen des «survival mode» verengt sich das Streben nach Glück zum Gewinnen um jeden Preis. Gemäss den Regeln des Über-lebenskampfes, nach denen sich auch die neoliberale Marktwirtschaft organisiert, ist das Versagen unvermeidliches Komplement des Erfolgs. Was der Filmkritiker Warshow über die klassische Figur des Kino-Gangsters sagt, gilt auch für die Durchschnittsamerikanerin: «Man muss sich von der Masse abheben, oder man ist ein Nichts.» Und im Film wie im Leben sind sich alle der rasanten, unerbittlichen Dynamik bewusst: «Sobald einer auf seinem Gewinn ausruhen will, ist er auf dem Weg zum Untergang.» Der ständige Wettbewerb, oft nicht mehr als eine fiebrige Triage, ist ein Organisationsprinzip der Erfolgsgesellschaft.
Dass der Sieger alles gewinnt und der Unterlegene alles verliert,
wird in den USA alle vier Jahre anlässlich der Präsidentschaftswahlen
eindrücklich vordemonstriert. Und jedes Mal wenn ein Republikaner an die
Spitze kommt, wird die Gesellschaft besonders unbarmherzig in Erfolgreiche und
Erfolglose aufgeteilt: Steuerpakete für die Reichen und Sozialabbau für
die Armen etc. Friss oder stirb. Bereits der quasirepublikanische Präsident
Bill Clinton hatte vorgeschlagen, diejenigen öffentlichen Schulen mit den
schlechtesten SchülerInnenleistungen, etwa Inner-City-Schulen in New York
und anderen Grossstädten, kurzerhand zu schliessen. Unter George W. Bush
wird diese Massnahme nun durch Bonuszahlungen für die erfolgreichsten Schuldirektoren
ergänzt; 600 000 Dollar haben Wirtschaftskreise in New York zu diesem Zweck
bereitgestellt. Kein Wort davon, dass die reicheren Schulen New Yorks gegenwärtig
bereits 2000 Dollar mehr pro Schüler und Jahr aufwenden können als
die ärmeren Filialen, die abgesehen davon in einem sehr schwierigen sozialen
Bildungsumfeld arbeiten müssen.
Oder: New York hat wunderbare psychiatrische Einrichtungen, unter anderem das
Albert Einstein College of Medicine, wo Oliver Sacks arbeitet, der Schriftsteller-Neurologe,
der immer wieder einfühlsam über Menschen schreibt, die aus der kompetitiven
Normalität herausgefallen sind. Seine Texte sind voll von Bewunderung für
die Anpassungsfähigkeit und den Erfindungs-reichtum seiner PatientInnen.
Doch der Staat New York ist auch Schauplatz eines Psychiatrienotstandes von
unvorstellbaren Ausmassen. Im Frühling hatte die «New York Times»
enthüllt, dass in den letzten dreissig Jahren tausende von unheilbaren
PatientInnen aus der Psychiatrie ins Ungewisse entlassen worden waren. Viele
landeten in Obdachlosenunterkünften und erhöhten den ohnehin alarmierenden
Anteil der psychisch Kranken in dieser Bevölkerungsgruppe. Vor kurzem wurde
bekannt, dass der republikanische Gouverneur des Staates New York, George Pataki,
der diesen Herbst zum dritten Mal gewählt werden will, in seiner Amtszeit
die Zahl der teuren Psychiatriebetten von 9000 auf 4300 reduzierte und die hoffnungslosen
Fälle kurzerhand in billigeren Pflegeheimen ohne psychiatrische Betreuung
unterbrachte beziehungsweise einschloss. Die psychisch Kranken verloren so ihr
letztes bisschen Bewegungsfreiheit, der Staat sparte 100 000 Dollar pro abgeschobene
Person.
Im Frühling wurde bekannt, dass ein Angestellter des angesehenen Multimilliardenunternehmens
Princeton University die Computer der Konkurrenz, Yale University, angezapft
hatte. Der Hacker versuchte deren StudentInnenpool auszuspionieren. In den Institutionen
der höheren Bildung, dem gesellschaftlichen Tor zum Erfolg, ist der Wettbewerb
besonders hart, die Auswahl der mutmasslichen Sieger besonders stressig. Seit
dem Zweiten Weltkrieg rekrutieren auch die führenden Colleges und Universitäten
in den USA ihre StudentInnen nicht mehr bloss aus einer Hand voll auserwählter
Privatschulen, sondern gehen nationenweit auf Talentsuche. Ein Schritt zur Chancengleichheit?
Vielleicht. Doch Bildungsfachleute beobachten ein «amerikanisches Paradox»:
Mit der zunehmenden Demokratisierung geht die zunehmende Nachfrage nach Zeugnissen
einher, welche die Inhaber als Mitglieder einer unverwechselbaren Elite ausweisen.
Dieser doppelbödige Selektionsprozess beginnt schon im Kindergarten und
kulminiert in einem absurd aufwendigen und komplizierten Übertritt ans
College _ wenn eineR nicht schon vor Beendigung der zwölfjährigen
Schulpflicht aus-scheidet. Über dreissig Prozent der AmerikanerInnen schaffen
zurzeit den Highschool-Abschluss nicht; die wirtschaftliche Prognose für
diese Drop-outs, meist als ungelernte Arbeitskräfte, ist nicht rosig. In
der Hochleistungs-gesellschaft gehören sie zu den designierten VerliererInnen.
Die wenigsten TellerwäscherInnen werden zu Millionären.
Vor den letzten Fussballweltmeisterschaften erklärte ein Sportreporter in einem Interview, weshalb Soccer, der europäische Fussball, in den USA vor allem als Frauen- und Kindersport geschätzt und betrieben wird: Dieser Sport fördert den Teamgeist, das harmonische Zusammen-spiel und das taktische Denken. Doch richtige Männer spielten nach wie vor amerikanischen Football, Baseball oder Basketball. In diesen Disziplinen, führte der Journalist aus, gebe es viel mehr Tore und Körbe oder aber triumphale Momente wie den Homerun eines Baseballspielers. Das US-Publikum verlange nach solchen Sensationen, nach Siegen und Siegern. AmerikanerInnen hätten bedauerlicher-weise kein sehr geübtes Auge für die blosse Schönheit des Spiels.