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Jeder Mensch gehört natürlicherweise dem einen oder dem anderen Geschlecht an (Mann =| Frau). Ausschlaggebend für die Geschlechtszugehörigkeit sind die Genitalien (Schwanz = Mann, Klitoris = Frau). Daraus folgt: Es sind weder Veränderungen noch Zwischenstadien möglich, es sei denn als Maskerade.
Soweit das kleine Einmaleins der heterosexuellen Geschlechterordnung. Gemäß dieser Regeln wird Geschlecht im Alltag wahrgenommen. Man/frau ordnet sich in der Begegnung wechselseitig ein, und auf der Grundlage dieser Zuordnung werden Pässe ausgestellt, Arbeitsplätze vergeben, Sexpraktiken bestimmt und vieles mehr. Nun finden sich im alltäglichen Leben zahlreiche Phänomene, die der Eindeutigkeit von Geschlechtlichkeit und den entsprechenden physiologischen und sozio-kulturellen Zuschreibungen widersprechen. Die Evidenz der Geschlechterordnung ist jedoch so tiefgreifend, daß auch auffindbare Uneindeutigkeiten sie nicht aus der Bahn werfen. Mag die Stimme eines Mannes noch so hoch, der Bartwuchs auf der Oberlippe einer Frau noch so stetig sein, so werden diese lediglich als Abweichungen einer dennoch gültigen Norm gedeutet. Und trotz der Tatsache, daß sich bei allen Kriterien zur Festlegung der Geschlechtlichkeit einer Person auf körperlicher Ebene statt einer binären Struktur ein Spektrum abzeichnet, sei es nun in Bezug auf Genitalien, Chromosomen, Hormone oder sonstige biochemisch zu identifizierenden Einheiten, wird an der Zweigeschlechtlichkeit festgehalten. Dieses zwanghafte Festhalten zeigt sich in besonders gravierender und brutaler Form beim medizinischen Umgang mit Abweichungen, so z.B. bei Intersexen, auch Hermaphroditen genannt, also Menschen mit uneindeutigen Geschlechtskörpern. Die kulturelle Klassifizierung von Menschen in zwei und nur zwei Geschlechter legitimiert sich durch die Natur als Stifterin der Binarität. Wenn nun dennoch Kinder auf die Welt kommen, deren Geschlechtsmerkmale uneindeutig sind, muß dies als Versagen, Ausrutscher, Versehen der Natur gedeutet werden. In diesem Fall erhebt sich die Medizin zur Vollstreckerin der unterstellten Eigentlichkeit einer binären Natur und stellt diese durch chirurgische und hormonelle Eingriffe wieder her.1 Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Heranwachsenden, bei denen geschlechtsrollenuntypische Verhaltensweisen festzustellen sind. Solche Jungs und Mädchen laufen z.B. in den USA Gefahr, als unter einer gender identity disorder in children leidend diagnostiziert zu werden. Solchermaßen identifizierte Kids werden durch Erziehungsmaßnahmen geschleust, in denen Mädchen Begeisterung für und Jungs Abscheu vor rosa und Puppen andressiert wird. Die heterosexuelle Ordnung ist also fintenreich und durchaus brachial, wenn es darum geht, potentielle Störungen ihrer Evidenz durch entsprechende Umdeutungen, Dressuren oder gewaltsame Eingriffe zu korrigieren und so zu wenden, daß ihre Grundannahmen aufrechterhalten und sogar bestätigt werden.2
transsexualität
Wie trotzdem an den Grundregeln von Geschlecht gerüttelt wird, soll im
folgenden an dem sich verändernden Selbstverhältnis und Selbstverständnis
von Geschlechtswechslern gezeigt werden. Körper- und Lebenspraxen von Menschen,
die sich im Übergang von einem ins andere Geschlecht befinden, uneindeutige
körperliche Geschlechtsmerkmale haben oder bei denen Geschlechtsrolle und
körperliches Geschlecht nicht miteinander übereinstimmen - also neben
den Intersexen diejenigen, die landläufig als Transsexuelle und Transvestiten
bezeichnet werden - beginnen mancherorts, die zweigeschlechtliche Ordnung nicht
nur leise zu unterwandern, sondern laut und deutlich in Frage zu stellen. Transsexuelle
Menschen bedrohen potentiell zwei der fundamentalen Regeln von Zweigeschlechtlichkeit:
Zum einen das Kongruenzgebot, nach dem Körpergeschlecht und Geschlechtsidentität
deckungsgleich sein müssen, zum anderen die Regel, daß Geschlecht
nicht veränderbar ist - die einmal vorgenommene Geschlechtszuweisung gilt
lebenslänglich. Transsexuelle stellen beide Gebote massiv in Frage. Ihre
Geschlechtsidentität weicht von ihrem Körpergeschlecht ab, und im
Verlauf des Geschlechtswechsels findet ein Übergang von einem Geschlecht
ins andere statt. Mit dieser Irritation der zweigeschlechtlichen Ordnung wird
auf verschiedene Arten umgegangen. In der BRD unterwerfen juristische Reglementierungen
und eine medzinisch-therapeutische Praxis die Betroffenen Verfahren, die darauf
ausgerichtet sind, einen Geschlechtswechsel ungeschehen zu machen und der Transsexualität
damit ihre potentiell subversive Wirkung zu nehmen. Wo Transsexualität
nicht unterdrückt werden kann, wird sie in die zweigeschlechtliche Ordnung
"reintegriert". Wie dies genau funktioniert, soll im folgenden gezeigt
werden. Juristisch ist der Umgang mit Transsexualität in Deutschland seit
1981 durch das "Transsexuellengesetz" geregelt. Das Gesetz sieht dabei
zwei Varianten für einen angestrebten Geschlechtswechsel vor: Die Vornamensänderung,
die sogenannte "kleine Lösung", ist möglich, wenn zwei GutachterInnen
unabhängig voneinander bescheinigen, daß es sich bei der Antragstellerin
bzw. dem Antragsteller um eine transsexuelle Person handelt, die seit mindestens
drei Jahren unter dem "Zwang" steht, ihren Vorstellungen entsprechend
zu leben und bei der sich mit hoher Wahrscheinlichkeit das Geschlechtszugehörigkeitsempfinden
nicht mehr ändern wird. Die sogenannte "große Lösung",
die Änderung des Personenstandes, kann erfolgen, wenn die betreffende Person
zusätzlich nicht verheiratet und dauernd fortpflanzungsunfähig ist,
wodurch verhindert wird, daß der zum Mann gewordene Transsexuelle Kinder
bekommen kann. Zusätzlich muß sie sich "einem die äußeren
Geschlechtsmerkmale verändernden operativen Eingriff unterzogen" haben,
"durch den eine deutliche Annäherung an das Erscheinungsbild des anderen
Geschlechts erreicht worden ist" (§8). Indem der Gesetzgeber die Angleichung
des Körpers an die gewünschte Geschlechtsrolle verbindlich festschreibt,
erzwingt er die Gültigkeit der Übereinstimmung von Körpergeschlecht
und Geschlechtsidentität.3 Dieser gesetzliche Rahmen wird in seiner Funktion,
die zweigeschlechtliche Ordnung aufrecht zu erhalten, durch die Medizin ergänzt.
Diese ist nicht nur durch die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Begutachtung an
der Regulierung des Geschlechtswechsels beteiligt. Viele Transsexuelle wenden
sich an Ärzte, weil diese in Form von Hormonen und operativen Veränderungen
des Körpers über Mittel verfügen, die den Geschlechtswechsel
erheblich erleichtern. Der medizinische Umgang mit Transsexualität ist
seit 1997 durch die "Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen
der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der Akademie für Sexualmedizin
und der Gesellschaft für Sexualwissenschaft" geregelt, die zwar nicht
verpflichtend sind, aber die vorherrschende medizinische Meinung ausdrücken.
Festzuhalten ist dabei, daß diese Standards ohne Beteiligung von Selbsthilfegruppen
oder sonstigen Transsexuellenorganisationen entstanden sind. Die Standards beinhalten
die traditionelle Definition, nach der von Transsexualität nur dann zu
sprechen ist, wenn dabei auch eine Geschlechtsumwandlung stattfindet. Diese
Definition ist insofern folgenschwer, da sie die operative Veränderung
des Körpers als klares Ziel der Geschlechtsumwandlung vorschreibt. Sie
tut dies, obgleich es in der Geschichte von Transsexualität eine Reihe
von Belegen dafür gibt, daß es durchaus möglich ist, überzeugend
in der gewünschten Geschlechtsrolle zu leben, ohne den Körper entsprechend
anzupassen (zum Beispiel zeigte sich 1989 erst nach dem Tod des Jazzmusiker
Bill Tiptons, daß er einen weiblichen Körper hatte). Das Operationsgebot
errichtet nicht nur eine enorme Hürde, sondern schafft auch immanente Zwänge:
Da es sich bei geschlechtsumwandelnden Operationen um nicht rückgängig
zu machende körperliche Eingriffe handelt, wird große Sorgfalt auf
die "richtige" Diagnostizierung von Transsexualität gelegt. Hierbei
ist es nicht etwa Sache der Selbsteinschätzung der Betroffenen - eine Selbstdiagnose
wird explizit abgelehnt -, sondern es bleibt dem medizinisch- therapeutischen
Sachverstand überlassen, die "Ernsthaftigkeit" und "Stimmigkeit"
des transsexuellen Begehrens zu überprüfen. Die Diagnose muß
zweifach bestätigt werden: Zum einen in einem therapeutischen Gutachten,
zum anderen durch den sogenannten Alltagstest. Bei diesem muß die betroffene
Person in der Öffentlichkeit, auf der Arbeit, im Freundeskreis etc. die
angeblich gewünschte Geschlechtsrolle einnehmen. In dieser "Testphase"
soll sich nach der Logik der Standards herausstellen, wie ernst der Wunsch nach
einer Geschlechtsveränderung ist. Therapie und Alltagstest sind nicht nur
Voraussetzung für die Zulassung zur Operation, sondern sie sind auch allen
somatischen Therapiemaßnahmen, d.h. etwa der Vergabe von Hormonen, vorangestellt.
Bevor mit der Hormonvergabe begonnen werden kann, muß eine einjährige
Therapie nachgewiesen werden. Die Therapie hat nicht nur die Ausgangsdiagnose
zu bestätigen, sondern sie hat ebenfalls den Nachweis zu erbringen, daß
die betroffene Person sich eigentlich "schon immer", spätestens
jedoch seit dem Abschluß ihrer psycho-sexuellen Entwicklung dem anderen
Geschlecht zugehörig gefühlt hat. Statt eines Wechsels im Sinne der
Entwicklung von und Entscheidung zu etwas Neuem liegt den Standards also die
Vorstellung einer "inneren Stimmigkeit und Konstanz des Identitätsgeschlechts"
(Becker et al. 1997: 150, u.H.) zugrunde. Durch diese Definition wird die Tatsache
eines Geschlechtswechsels geleugnet. Statt dessen wird unterstellt, Mann oder
Frau seien zuvor irgendwie in den falschen Körper geraten, weswegen die
Medizin durch eine Anpassung an eine bereits zuvor vorliegende Identität
eine nachträgliche Richtigstellung vornimmt. Und schwupps behauptet sich
selbst bei einer Geschlechtsumwandlung das Diktum, wonach Geschlecht nicht manipulierbar
oder Ergebnis gelebter Erfahrungen ist, sondern unverrückbares Schicksal.
Die Standards widersprechen damit einer Vorstellung von Geschlechtsidentität,
die sich erst durch das Leben in einem bestimmten Geschlecht langsam herausbildet
und konsolidiert. Statt dessen machen sie mit dem geforderten Nachweis der Konstanz
des Identitätsgeschlechts etwas zur Voraussetzung, was eigentlich Ergebnis
eines erfolgreichen Geschlechtswechsels und eines Lebens in der neuen Geschlechtsrolle
ist.4
transgender
Die deutschen Standards sind insgesamt so gestaltet, daß sowohl Kongruenz-
als auch Unveränderlichkeitsgebot durch den Geschlechtswechsel Transsexueller
nicht in Frage gestellt werden. Zwangstherapie und Zwangsoperation schließen
ein auf Lebenssituation, Biographie und Phantasie der betroffenen Person aufbauendes
Auffinden individueller Lösungen aus. Daß es aber genau um das Auffinden
solcher individueller Lösungen geht, wird durch die Transgenderbewegung
deutlich, die in den USA seit Beginn der 90er Jahre Unruhe in die zweigeschlechtliche
Ordnung bringt. Der Begriff "Transgender" steht dabei für verschiedene
Arten des unkonventionellen Umgangs mit Körper und Geschlechtsidentität.
Im Gegensatz zu Begriffen wie Transsexualität, Transvestismus, Hermaphroditismus
oder Geschlechtsidentitätsstörung stammt er nicht aus der Medizin,
sondern aus der politischen Bewegung und verspricht, frei von pathologisierenden
Konnotationen zu sein. Die Tatsache, daß sich bislang noch keine eindeutige
Bedeutung des Begriffs Transgender durchgesetzt hat, wird von den Transgenderisten
als positiv bewertet. Durch seine Offenheit ermöglicht er eine Identitätspolitik,
die ohne feste Zuschreibungen auskommt. Im weitesten Sinne geht es um alle,
die nicht eindeutig in die Kategorien von Mann oder Frau einzuordnen sind: prä-,
post- und überhaupt nicht operierte Transsexuelle - und zwar sowohl von
Frau-zu- Mann als auch umgekehrt -, Transvestiten, Cross- dresser, Personen
mit uneindeutigen Genitalien, auch Intersexen genannt, und jene, die uneindeutige
Geschlechtsdarstellungen im Alltag leben. Insgesamt wird mit dem Ausdruck Transgender
die Eindeutigkeit geschlechtlicher Identifikation aufgegeben und anstelle eines
zweigeschlechtlichen Systems mit klar zuzuordnenden Geschlechtskörpern
und -rollen eine Bandbreite von Möglichkeiten, Geschlecht und Körper
zu leben, eröffnet. Als kleinster gemeinsamen Nenner der verschiedenen
Verwendungen kann der mit dem Begriff verbundene politische Anspruch bezeichnet
werden. Immer geht es darum, das Recht auf abweichende und damit potentiell
subversive Arten, Geschlecht und Körper zu leben, durchzusetzen. Dieses
neue Verständnis von Geschlecht wird an verschiedenen Orten sichtbar. Mitte
der 90er Jahre entstand die International Bill of Gender Rights5, die das Recht
auf die Selbstbestimmung körperlicher Veränderungen und auf eine Geschlechtsidentität
unabhängig von Chromosomen, Genitalien, Geschlechtszu-weisung bei der Geburt
oder ursprünglicher Ge- schlechtsrolle einklagt. Zur selben Zeit wurden
die sogenannten "Health Law Standards of Care for Transsexualism"
entworfen, die ebenfalls von einem Selbstbestimmungsrecht der geschlechtlichen
Identität und der körperlichen Veränderungen ausgehen. Im Zuge
dessen ist eine Fülle an Organisationen, politischen Zusammenschlüssen,
Selbsthilfeorganisationen entstanden (so zum Beispiel der American Educational
Gender Information Service AEGIS, die Inter- national Foundation of Gender Education,
die Intersex Society of North America oder Press for Change aus England, um
nur einige zu nennen), und an den Universitäten verbreiten sich transgender-studies.
Auffällig ist, daß unter dem Label Transgender ein veränderter
Umgang mit der eigenen (Transgender-) Biographie stattfindet. Bislang dominierte
zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung die Praxis von Transsexuellen,
den eigenen Geschlechtswechsel möglichst unsichtbar zu machen und damit
umso natürlicher in der neuen Geschlechtsrolle aufzugehen. Transsexualität
verschwand mit neuem Gewand und neuem Körper. Neben die bislang öffentlich
vorherrschenden Geschichten von den Männern, die schon als kleine Jungs
am liebsten mit Puppen spielten, sich heimlich die Kleider ihrer Mütter
anzogen und in der Operation das Erreichen all ihrer sehnlichsten Wünsche
sahen, treten nicht nur Darstellungen des Übergangs in die andere Richtung6,
sondern auch solche, die geschlechtliche Ambiguität gegenüber Eigentlichkeit
im Sinne eines "eigentlich war ich schon immer ..." stark machen.7
Das trans bleibt nicht länger auf die Phase des Übergangs von einem
zum anderen Geschlecht beschränkt, es wird zu einer eigenen (Identitäts-)Kategorie,
in die Differenz und Diskontinuität von Anfang an eingeschrieben sind.
Gegen eine naturalistische Fundierung von Geschlecht wird versucht, sich der
eindeutigen und dauerhaften Zuordnung nach dem Raster der Hetero- bzw. Homosexualität
zu entziehen. Das politische coming out der Transgenderisten in den USA hat
zu einer Reihe von Veränderungen geführt, die mitunter gar als gender
revolution bezeichnet werden. Als ein erster Erfolg der politischen Transgenderbewegung
kann die erfolgreiche Einmischung in die Überarbeitung der US- amerikanischen
Behand- lungsstandards von Transsexualität, den sogenannten "Standards
of Care" von 1998 gewertet werden. In der reformulierten Fassung sind Zwangstherapie
und Zwangsoperation abgeschafft, wodurch die zwei zentralen Säulen der
zweigeschlechtlichen Ordnung - Kongruenz und Unveränderlichkeit - untergraben
werden. Die Standards tragen der Tatsache Rechnung, daß es ein Kontinuum
von Geschlechtern gibt, in dem es auch zu ungewohnten Kombinationen von Genitalien
und Geschlechtsidentität kommt.
trans camp
Welches Durcheinander Trans in gängige Identitätsmuster zu bringen
vermag, läßt sich am Beispiel des Michigan Womyn's Music Festival,
dem größten vorwiegend lesbischen Frauenfestival der USA, zeigen.
Seit 1991 Transsexuellen der Zugang zu diesem Festival verweigert wurde, gab
es beständige Auseinandersetzungen um die Frage, wer wann wie "eine
richtige Frau" ist und damit Zugang zum Festival hat. Aus Protest gegen
ihren Ausschluß organisierten Transgenderisten 1995 ein Camp Trans vor
den Eingangstoren des Festivals, auf dem sich vehement gegen eine "womyn-born-womyn-only"-Türpolitik
ausgesprochen wurde. Sehr schnell verliefen die Konfrontationslinien nicht mehr
nur zwischen Festivalteilnehmerinnen und Camp-Aktivistinnen, sondern brachten
auch die Spannungen zwischen verschiedenen Varianten des Frau-Seins zu Tage.
So solidarisierten sich beispielsweise stone butches mit den transgenderists,
da ihre Geschlechtsdarstellungen ebenfalls mit einer auf "Weiblichkeit"
basierenden Türpolitik kollidierte. Auch mit der modifizierten offiziellen
Grenzdefinition von "no penises on the land" waren die Auseinandersetzungen
nicht beigelegt. So fragte ein Transsexueller, der sowohl mit männlichen
als auch weiblichen Genitalien geboren worden war, ob denn zumindest die Hälfte
von ihm/ihr herein dürfe. In der Geschichtsschreibung der Transgenderbewegung
ist das Trans Camp längst als "stonewall for the rest of us"
gedeutet worden. Das Paradigma der zweigeschlechtlichen Ordnung wird durch Lebenspraxen
und po- litische Forderungen von Transgenderisten in Frage gestellt. Andere
Möglichkeiten der Geschlechtsidentität werden somit denkbar: als Frau
mit Penis zu leben, das Geschlecht mehrere Male zu wechseln oder auch, die Fruchtbarkeit
im Ausgangsgeschlecht nicht aufzugeben und so vielleicht als Mann mit Gebärmutter
und Eierstöcken gebährfähig zu sein. Im Zentrum der Forderungen
und Lebenspraxen steht der Wunsch, die eigene Geschlechtsidentität nicht
länger dem "normalen" Verständnis von Mann- und/oder Frausein
unterordnen zu müssen. In Deutschland sieht es in puncto Transgenderbewegung
dagegen mau aus. Hier gibt es nur wenige Zusammenhänge, in denen Transgenderisten
ihre Kritik an der Zweigeschlechtlichkeit artikulieren. Auch die Eigenwahrnehmung
vieler Transsexueller ist nach wie vor von der Idee des "falschen Körpers"
dominiert, den es auf jeden Fall zu korrigieren gilt. Das zeigt sich u.a. auch
daran, daß die Reaktion der Betroffenen auf die in den deutschen Standards
festgeschriebene Operation und Therapie bestenfalls verhaltene Kritik, schlechtestenfalls
offene Zustimmung war.8 Die Zwangsoperation wird kaum in Frage gestellt, und
auch gegen eine Pathologisierung durch die Zwangstherapie sprechen sich bislang
nur wenige Betroffene aus. Die deutschsprachigen Webpages zum Thema Transsexualität
sind dominiert von Tips und Tricks für einen erfolgreichen Geschlechtswechsel
- erfolgreich im Sinne von im Nachhinein unsichtbar.9 Auch hier wäre es
an der Zeit, daß es zu einem Brüchigwerden der binären Ordnung
kommt. Und dies nicht nur in Subkultur und medizinischem Diskurs, wie in den
USA, sondern auch im alltäglichen Leben von jederman, -frau oder was auch
immer. Daß all das nicht nur eine Frage eines kleinen Kreises "Betroffener"
ist, wird spätestens dann klar, wenn frau/man sich fragt: Wer wäre
ich, wenn nicht immer schon an mir in die eine oder andere Richtung rumgefrickelt
worden wäre, wenn ich niemals in Geschlechtsrollen hineingezerrt oder gelockt
worden wäre; wenn ich nie gesehen hätte, wie andere für entsprechendes
Danebenbenehmen gestraft wurden; wenn ich selber nie an all dem beteiligt gewesen
wäre?10
Ulle Jäger/ Christian Sälzer
x 1 x Bei diesen Eingriffen, die je nach zugewiesenem Geschlecht Penisaufbauplastiken,
Harnröhrenverlegungen, Einpflanzungen von Hoden aus Silikon oder Konstruktion
einer Scheide, Verkürzung oder Amputation des Penis/der Klitoris beinhalten,
wird in 90% der Fälle aus einem uneindeutigen Geschlecht ein weibliches
gemacht. Dies hat damit zu tun, daß es nach wie vor schwieriger ist, einen
"funktionstüchtigen" Penis herzustellen als eine Vagina und Klitoris,
die zumindest visuell überzeugend ist, mag dabei auch das sexuelle Lustempfinden
beeinträchtigt werden. Laut Birgit Michel Reiter erfährt in Deutschland
etwa jedes 2000ste Neugeborene medikalisierte Zuweisungen. ("it's easier
to build a hole than to build a pole" in 17°, Nr. 17, 1999).
x 2 x Der Zusammenhang zwischen zweigeschlechtlicher und hetero- sexueller Ordnung
wird besonders beim sogenannten "sissi boy syndrom" deutlich. Die
therapeutische Behandlung der sissy boys soll vor allem verhindern, daß
aus femininen Jungs homosexuelle Männer werden. Siehe Gordene Olga MacKenzie:
Transgender Nation, Bowling Green, Ohio: Bowling Green University Popular Press
1994.
x 3 x Auch wird die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern ausgeschlossen
- Transsexuelle müssen sich für die Änderung ihres Personenstandes
auch dann scheiden lassen, wenn ihre PartnerInnen nach dem Geschlechtswechsel
weiterhin mit ihnen zusammenleben möchten.
x 4 x Diese Regelung diskriminiert zudem diejenigen, deren körperliches
Erscheinungsbild relativ weit von den gängigen Vorstellungen von ihrem
Identitätsgeschlecht entfernt ist, da Hormone das Erscheinungsbild weitaus
tiefgreifender verändern als die Operation. Indem sie Stimme, Haut, Körperfettverteilung
und Muskeln verändern und für ein stimmiges Gefühl im Identitätsgeschlecht
sorgen, erleichtern sie den Geschlechtswechsel erheblich.
x 5 x [www.altsex.org] Die IBGR wurde auf der International Conference on Transgender
Law and Employment Policy im Juni 1995 verabschiedet. Sie hat nicht den Status
eines Gesetzes, sondern drückt die politische Position dieser Organisation
aus.
x 6 x Leslie Feinberg, Stone Butch Blues, New York: Firebrand Books 1993.
x 7 x Kate Bornstein, Gender Outlaw: On Men, Women And The Rest Of Us, London:
Routledge 1994.
x 8 x Siehe Zeitschrift für Sexualforschung Jg.10, Heft 4.
x 9 x Eine Ausnahme bildet die Seite [www.transsexuell.de].
x 10 x Vgl.: Pat Califia: Sex Changes. The Politics of Transgenderism, San Francisco:
Cleis Press 1997.
txt:
-Becker, Sophinette et al. 1997: "Standards der Behandlung und Begutachtung
von Transsexuellen der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der
Akademie für Sozialmedizin und der Gesellschaft für Sexualwissenschaft"
in Zeitschrift für Sexualforschung 10/97: 147- 156.
- Denny, Dallas (Hg.) 1998: Current Concepts in Transgender Identity, New York,
London: Garland Publishing.
- Feinberg, Leslie 1992: Transgender Liberation. A Movement Whose Time has Come.
New York: World View Forum.
- GLQ - A Journal of Lesbian and Gay Studies: The Transgender Issue. Vol. 4,
Nr. 2, 1998.