Minis über Kabul
von Connie Uschtrin aus KONKRET 12/01Entgegen dem Eindruck, den Medien und Politik erwecken möchten, ist der Krieg gegen den Terror keiner zur Befreiung der Frauen
Wie gut, daß die Taliban so grausam waren zu den Frauen, dachte sich
der Bundeskanzler, als er vor dem Bundestag anhob, den Kriegseinsatz gegen Afghanistan
zu loben: Wer die Fernsehbilder von den feiernden Menschen in Kabul nach
dem Abzug der Taliban gesehen hat ich denke hier vor allen Dingen an die Bilder
der Frauen, die sich endlich wieder frei auf den Straßen begegnen dürfen,
dem sollte es nicht schwer fallen, das Ergebnis der Militärschläge
im Sinne der Menschheit dort zu bewerten. Daß man Frauen befreien
kann, wird auch noch den dumpfesten Grünen ermöglichen, mit gutem
Gewissen wieder mal einem humanitären Einsatz deutscher Soldaten
zuzustimmen. Schröder war sich nicht zu blöde, Fernsehbilder von sich
frei bewegenden Frauen zu erfinden, auch wenn jeder aufmerksame Beobachter merken
mußte, daß sich in den Tagen der Befreiung Kabuls überhaupt
keine Frauen auf den Straßen befanden.
Die Notwendigkeit, möglichst rasch Bilder von entschleierten
Frauen zu präsentieren, war groß, man kann sich vorstellen, wie Journalisten
vor Ort unter Druck gesetzt wurden, das Foto von einer Frau ohne Schleier zu
besorgen, so daß dann auch kurz hintereinander zwei Bilder auftauchten.
Jedes dieser beiden Fotos wurde bis zum Abwinken in allen großen Tageszeitungen
abgedruckt: Man sieht auf ihnen angeblich je eine Afghanin, die für den
Fotografen ihren Schleier lüftet beide sind auffallend schön und selbstverständlich
wert, befreit zu werden. Man braucht keine Übung, um den Bildern
sofort ihre Künstlichkeit und ihren Inszenierungscharakter anzusehen. Und
doch hätte man sie tatsächlich noch sehen können: ein kleines
Grüppchen von Frauen in Kabul, die unverschleiert für ihr Recht auf
Arbeit und Bildung demonstrierten. Sie wurden von den neuen Herren in einen
Hinterhof verbannt - Kanuni, der für die Nordallianz kurz darauf zur Konferenz
in Bonn Königswinter fuhr, hatte den Demonstrationszug durch die Stadt
verboten. Im Übrigen freuten die Journalisten sich, verschleierte Frauen
beim Kauf von Lippenstiften und Schmuck zu beobachten, es schien, als hätten
sie nichts mehr entbehrt als Kosmetik.
War bis dato westlicher Politik und Öffentlichkeit kaum etwas so wurscht
wie die Rechte der Frauen in Afghanistan, konnte man sie nun bequem reklamieren.
Sexisten aller Länder entdeckten bei dieser Gelegenheit die Frauenrechte:
Frank A. Meyer vom Schweizer Schmierenblatt SonntagsBlick, das durch
immer neue Busenwunder glänzt, glaubte die Frauen sogar aus einem Konzentrationslager
befreit. In das Kriegsgeschrei zum Wohle der Frauen schaltete sich neben
allerlei kriegsgeborenen Frauenrechtlern auch die Frau des US Präsidenten
ein: Laura Bush widmete die in der amerikanischen Geschichte erstmals von einer
Präsidentengattin gehaltene Rede an die Nation komplett der Lage der Frauen
in Afghanistan. Da fügte sich plötzlich eins zum anderen: Der
Kampf gegen den Terrorismus ist auch ein Kampf für die Rechte von Frauen.
Machte der Burkazwang für die Taliban ihre Herrschaft und Kontrolle über
die Frauen sichtbar, sind mit derselben Logik die freigelegten Gesichter der
Frauen dem Westen Beweis genug für ihre Befreiung. Keiner der Kriegstreiber
möchte sie nun auch noch zu Wort kommen lassen: Warnungen vor den Schlächtern
der Nordallianz etwa, die von der Frauenorganisation Rawa in den Tagen der Befreiung
zu lesen sind, werden ignoriert. Dazwischen meldet sich die Miss Afghanistan
von 1972 in New York zu Wort, einst hätten in Afghanistan Frauen Ärztin,
Politikerin und sogar(!) Schönheitskönigin werden können. Der
Eindruck drängt sich auf, der Grad der Befreiung afghanischer Frauen bemesse
sich momentan am Grad ihrer Enthüllung. Dazu paßt die Forderung des
französischen Sensationsautors Houellebecq, über Afghanistan statt
Bomben besser Miniröcke abzuwerfen.
Tatsache scheint zu sein, daß die Frauen sich auch nach der Niederlage
der Taliban keineswegs trauen, den Schleier abzulegen. Schließlich sind
mit der Nordallianz auch ihre ehemaligen Vergewaltiger in Kabul eingefallen,
mit diesen Herren des Krieges von 1992 bis 1996 verbindet keine Frau Befreiung.
Diese Jahre des Mordens, der Folter und der Plünderungen sind auf ähnliche
Weise in grauenvoller Erinnerung geblieben wie die beendete Taliban Herrschaft.
Zudem sitzen die Strukturen der Frauenunterdrückung tief, sie werden bekanntlich
am effektivsten durch soziale Kontrolle und im Privaten aufrechterhalten. Wer
nicht umhin kam zu bemerken, daß die Frauen die Burka nun keineswegs ablegten,
sprach schnell von ihr als dem traditionellen Kleidungsstück
der Afghaninnen, obwohl vor der Taliban-Herrschaft die allermeisten Frauen damit
überhaupt nichts verbanden.
Die merkwürdige Berichterstattung über die Frauen Afghanistans wurde
während der Petersberger UN Konferenz fortgesetzt. Man war bemüht,
die beiden Frauen, die an den Verhandlungen beteiligt waren, möglichst
oft ins Bild zu setzen; ihre Fotos schafften es dann auch prompt auf die Titelblätter.
Der beruhigende Eindruck sollte erweckt werden, Frauen würden mitbestimmen
über Afghanistans Zukunft, konnte aber letztlich nicht darüber hinwegtäuschen,
daß die beiden Frauen lediglich eine Alibifunktion hatten. Daß keine
Vertreterin der seit mehr als 20 Jahren agierenden politischen Frauenorganisation
Rawa auf den Petersberg geladen wurde, ist ein Zeichen für die Ausgrenzung
des von ihr verkörperten politischen Engagements. Frauen sind allenfalls
zur Erledigung humanitärer und sozialer Aufgaben vorgesehen. In einem Statement
zum Ergebnis der Bonner Konferenz bedauerte Rawa, daß die UN es nicht
geschafft haben, die afghanische Bevölkerung von den ranzigen Über-bleibseln
der höllenhündischen Nordallianz zu befreien.
Das aufgeregte Herbeireden von vermeintlich befreiten Frauen greift ein altes
Muster auf, das sich für erobernde Mächte bewährt hat: Die Frauenfrage
wurde bereits von den Kolonialmächten alten Stils zur Legitimation der
Unterwerfung instrumentalisiert heute soll die Befreiung der Frau
die Flächenbombardements Afghanistans im nachhinein als Erfolg ausweisen.
Dieser schon von den Kolonialmächten angewandte Trick der Politisierung
der Schleierfrage bezweckte die Zerstörung gesellschaftlicher, das heißt
familiärer Strukturen. Er bewirkte das Gegenteil: Als Reaktion auf die
Abwertung des Schleiers durch den Westen machte die islamische Bewegung aus
dem Schleier geradezu ein Symbol des antikolonialen Widerstands.
Natürlich wird die Beendigung der Taliban Herrschaft in Afghanistan von
den Frauen mit Erleichterung aufgenommen. Ihren Schleier aber hat noch kaum
eine von ihnen zerrissen. Und Osamas Erben werden sie dazu auch kaum ermuntern.