Wir wussten von Anfang an, dass unser Kampf lang und schwierig sein würde."
- Silvester im Aufstandsgebiet der Zapatistas -
(Oventic, Chiapas/Mexiko)
Als wir am 28.12.2001 im Kleinbus in Oventic ankommen, winkt uns die mit einem roten Halstuch vermummte Frau zügig von der Hauptstrasse herunter. Nachdem wir uns mit Papieren einer Organisation, die mit den Zapatistas zusammenarbeitet, als MenschenrechtsbeobachterInnen ausgewiesen haben, wird uns nach einigen prüfenden Blicken in unser Gepäck unsere leicht abseits liegende Unterkunft für die kommende Woche zugewiesen. Oventic ist das zweite der insgesamt fünf Aguascalientes" in der ostchiapanekischen Aufstandsregion. Diese Gemeinden verfügen über deutlich mehr Infrastruktur und dienen als Kultur-, Bildungs- und Kommunikationszentren, als interne Versammlungsknoten und als Orte für überregionale, mexikoweite und internationale Treffen. Während der Tage um Silvester finden im riesigen, mit zahlreichen Transparenten geschmückten Auditorium, das mehreren hundert Personen Raum bietet, Versammlungen der Responsables", der jeweiligen Verantwortlichen der autonomen Gemeinden, statt. Diese stets sehr langen, nur für die Angehörigen der Bewegung zugänglichen Plena vermitteln uns einen Eindruck, wie die Basisorganisierung der widerständigen Regionen funktioniert. Neben dem Auditorium gibt es in Oventic noch eine weiterführende Schule, eine große Bibliothek, eine Klinik, eine Kirche, ein Schuhmanufaktur-Kollektiv, eine Laden-Kooperative, ein Geschäft mit Kunsthandwerk der Frauen der Umgebung, eine riesige überdachte Bühne für große Treffen sowie ein mit Flutlicht ausgestattetes Basketballfeld, das auch als Versammlungsplatz genutzt wird - alles in Selbstverwaltung.
Darüber hinaus existiert eine Sprachschule mit Lehrern von ausserhalb, in der solidarische Reisende für das Äquivalent des Mindestlohnes ihres Staates Spanischunterricht nehmen und gleichzeitig einen Eindruck vom Leben im Widerstand bekommen können. Sämtliche Gewinne fliessen an die Gemeinde, auch der gut sortierte Laden befindet sich nicht in privater Hand. All dies wurde seit 1994 mühevoll in Eigenregie, ohne Hilfe von öffentlicher Seite und unter permanenter Belästigung und Bedrohung durch Bundesarmee und Paramilitärs aufgebaut. Hilfe wird nur von solidarischen Menschen der sociedad civil" (Zivilgesellschaft") angenommen, so arbeitet in diesen Tagen beispielsweise eine Karawane aus Mexiko-Stadt am Neubau eines weiteren Schulgebäudes. Unsere Aufgabe als MenschenrechtsbeobachterInnen ist es, den Gemeinden, aber auch dem Repressionsapparat unsere Präsenz zu zeigen, eventuelle Militärpatroullien oder Aktivitäten anderer Gruppen zu dokumentieren und über die Situation allgemein zu informieren. Zur Zeit ist die Lage in Oventic selbst eher ruhig. Entscheidendes Kriterium für uns ist, dass wir auf ausdrücklichen Wunsch der Leute dort sind. Die Menschen sind verständlicherweise zunächst zurückhaltend, denn es gibt relativ häufig einen Wechsel der BeobachterInnen, sie lassen uns jedoch wissen, dass sie die Friedenscamps für wichtig erachten und nach einigen Tagen des Aneinandergewöhnens kommt es hier und da zu netten Gesprächen.
Die Silvesterfeier
Nachdem am 31.12. morgens das Basketballturnier mit über 50 Teams beendet wurde, beginnen die Feierlichkeiten des 8. Jahrestages der Erhebung der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee EZLN, die Anfang 1994 mehrere chiapanekische Städte bewaffnet eingenommen hat, sich aber unter dem Druck der mexikanischen Armee in die Berge zurückzog und seitdem einen rein politischen Kampf führt, dabei aber noch im Besitz ihrer Waffen ist. In der auf Spanisch und Tzotzil (bedeutende regionale Ind'gena-Sprache) vorgetragenen Mitteilung der zapatistischen Unterstützungsbasen wird der bewaffnete Aufstand legitimiert, da die Regierung jegliche legale Proteste stets überhört hat, und das Festhalten an den zentralen Forderungen manifestiert: Arbeit, Land, lebendige Würde, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Unbhängigkeit, Gleichheit der Rechte zwischen Männern und Frauen, Respekt für die indigene Bevölkerung, Frieden mit Gerechtigkeit und Würde"*. Der Regierung wird vorgeworfen, die bereits unterzeichneten Abkommen von San Andres über Rechte und Kultur der Indigenas, die für ganz Mexiko von integraler Bedeutung sind, nicht einlösen zu wollen und am Krieg niederer Intensität gegen die Zapatistas festzuhalten. Der maskierte EZLN-Sprecher betont jedoch: Wir werden Widerstand leisten, bis unsere Rechte umgesetzt sind"*. Zudem werden die Menschen der Zivilgesellschaft aufgefordert, sich nicht durch die Politik der Regierung täuschen zu lassen.
Die bereits existente Vernetzung links-oppositioneller und indigener Gruppen wird an diesem Abend noch durch Angehörige nordamerikanischer indianischer Gruppen erweitert, die sich in bewegenden Worten und Gesängen solidarisch mit dem zapatistischen Kampf erklären und sich für die Inspiration und den Mut bedanken. Uns persönlich beeinruckt der ruhige, aber gleichzeitig sehr bewusste Charakter der Veranstaltung, an der etwa 2.000 Personen teilnehmen. Der Widerstand erscheint uns authentisch und sehr lebendig. Nach dem Absingen der zapatistischen Hymne" werden eine Stunde vor dem offiziellen Silvester, begleitet von Feuerwerkskörpern, diejenigen hochleben gelassen, die nach Einschätzung der linken Tageszeitung La Jornada" die ProtagonistInnen des zapatistischen Kampfes sind: Die zapatistischen Gemeinden, die kämpfenden Aufständischen, die MilizionärInnen, die autonomen Landkreise, der Nationale Indigena-Kongress CNI, die nationale und internationale Zivilgesellschaft"*. Viele Menschen verbringen daraufhin ausgeglichen die kommenden Stunden tanzend zur Musik der beiden anwesenden Gruppen, die hauptsächlich traditionelle Lieder aber auch einige Radio-Hits spielen.
Die Verteidigung der Autonomie
Am Neujahrsmorgen gibt es dann eine große Mobilisierung der Zapatistas zumHauptsitz des autonomen Landkreises von San Andres. Drohungen und Gerüchten zufolge wollen Anhänger der PRI, die Mexiko 71 Jahre regierte und in verschiedenen Bundesstaaten - auch in Chiapas - noch immer sehr hohen Einfluss hat, das Gebäude des autonomen Rates einnehmen. Auch wir, als internationale BebachterInnen, werden eingeladen und fahren mit mehreren hundert Companeros und Companeras, die der Besetzung zuvorkommen wollen, nach San Andres. Alle werden aufgefordert, jegliche gewalttätige Provokationen zu ignorieren. In San Andres angekommen, erklären sich beeindruckend viele autonome Landreise solidarisch und warnen die Regierungstreuen, dass sie eine Zerstörung der eigenen Strukturen nicht zulassen werden. Gleichzeitig werden die AdressatInnen aber dazu eingeladen, sich innerhalb des Widerstandes zu organisieren und für Selbstverwaltung und Gerechtigkeit zu kämpfen. Die PRIistas und PANistas (PAN: aktuelle konservativ-neoliberale Regierungspartei) tauchen jedoch nicht auf, so dass diese Demonstration als klarer Erfolg für die ausserparlamentarische Bewegung gewertet werden kann.
Die unsichere Zukunft
Während die Lage in der Region Oventic z.Zt.
eher ruhig ist, gibt es besorgniserregende Meldungen aus anderen Gebieten mit
zapatistischer Präsenz. So meldet z.B. der Landkreis Ricardo Flores Magn
(benannt nach dem bekannten mexikanischen Anarchisten) intensive Militärpatroullien
und rasante Tiefflüge über Dörfer durch Flugzeuge und Helikopter,
die dabei häufig Dächer beschädigen und die Menschen von ihrer
dringend notwendigen Arbeit abhalten. Die Lage in diesem Landkreis ist momentan
so gespannt, dass aus Sicherheitsgründen keine ausländischen MenschenrechtsbeobachterInnen
dorthin geschickt werden. Auch aus anderen Gemeinden kommen negative Meldungen
dieser Art und noch immer sterben viele
Menschen an heilbaren Krankheiten und an den Folgen des Terrors.
Besonders im Rahmen des so genannten Puebla-Panama-Plans - einem ultraneoliberalen Mega-Projekt, welches die Arbeitsrechts- und Umweltgesetzgebung völlig aushöhlt und auf die Ländereien der Indigenas angewiesen ist - ist mit einer Verschärfung der Situation in Chiapas, aber auch in anderen Bundesstaaten des Südostens, wie z.B. in Oaxaca zu rechnen. Aber, so die Mitteilung der autonomen Gemeinden, es werde keine Entmutigung geben und der Widerstand werde fortgesetzt. Die großen Chefs der Macht vergessen uns, die Armen und Indigenas. (...) Wir verfolgen niemanden. Wir suchen den wahren Pfad der Befreiung.(...) Für uns ist die Autonomie unsere Rettung, und es gibt einen großen Unterschied zu den Parteien, die uns dominieren wollen."**
*: aus dem Silvester-Kommunique der Unterstützungsbasen der EZLN, La Jornada 2.1.2002.
** La Jornada 4.1.2001.
Surftipps zum Thema: www.chiapas.ch, www.epo.de/carea