KALENDERPANDEN sind geräumt!
Kriegsberichterstattung
Am Dienstag, den 31.10 wurden in Amsterdam insgesamt sechs Häuser von Spezialeinheiten der niederländischen Polizei geräumt. Der Räuroungstermin zeichnete sich schon seit einigen Wochen ab und die Amsterdamer Besetzerinnen Bewegung organisierte den entschlossensten Widerstand seit etwa zehn Jahren hiergegen.
Zunächst wurde in den Kalenderpanden am Entrepotdok ein vielfältiges kulturelles Soli-Programm, mit so bekannten Bands wie De Kift und The EX u.v.a.m. , geboten, hierzu kamen über 1000 Menschen. Im Anschluss an das Konzert etwa gegen l Uhr früh am Dienstag morgen wurd.e mit dem phant a s ievo11en Bau von Strassenbarrikaden begonnen bei der sich etwa die Hälfte der Besucherinnen beteiligten. Das verbarrikadieren des Hauses (das häufigste Mittel gegen Häuserräumungen in Amsterdam) wurde aufgrund der Grosse nicht versucht. Es konnten viele Maschinen und Baumaterial von den zahlreichen nahegelegenen Baustellen benutzt werden auf der Rückseite des Hauses wurden zwei Brücken geöffnet, bereits vorbereitete zammengeschraubte Gerüststangen, wurden an zwei Stellen auf die einzig verbleibende Zufahrtstrasse aufgetürmt. Mit Presslufthämmern und einem Bagger wurde die Strassendecke aufgerissen und meterhohe Barrikaden errichtet. Elefantenfüsse (Ölfässer mit Beton gefüllt) wurden direkt vor den Kalenderpanden auf Stahlplatten verschweisst . Die Bullen waren sichtlich überrascht von dem starken Widerstand begannen aber trotzdem um fünf Uhr morgens mit der Räumung. Sie wurden hierbei immer wieder mit Steinen eingedeckt und konnten so auf Distanz gehalten werden. Als besonders unangenehm erwies sich das Tränengas der Bullen, da die meisten Leute keine Gasmasken dabei hatten. Das Zeug war so heftig, dass selbst die langsam vorrückende Bullenreihe immer mal wieder ausgetauscht wurde, weil die's nicht mehr ausgehalten haben in Ihrem eigenen Tränengas zu stehen. Nach dreistündiger Strassenschlacht wobei die Bullen alle ihre 200 Tränengasgranaten verschossen hatten waren die Barrikaden von den verbliebenen Leuten nicht mehr zu halten. Eine der Brücken auf der Rückseite des Hauses wurde nun wieder heruntergelassen, ein bei der Brücke wartender Zivibullen- Abgreiftrupp wurde mit Steinen eingedeckt, so dass sie sich verziehen mussten und alle an der Strassenschlacht beteiligten gemeinsam flüchten konnten. Die Bullen stürmen um 9.15 Uhr die Kalenderpanden und treffen dort nicht etwa auf die von erwarteten Besetzerlnenn sondern auf fünf originelle Hängebauchschweinchen.
Nach der Räumung der Kalenderpanden fuhren die Spezialeinheiten in Richtung Stadtzentrum um die Wagenstraat 3 zu räumen, auch hier wehrten sich die Besetzerlnenn massiv. Vom Dach aus wurde der Wasserwerfer beworfen. Nach etwa einer halben Stunde traf dann ein Räumungscontainer am Haus ein. Dieser dient dazu den Bullen den Zugang zum Dach des Hauses zu ermöglichen. Die Bullen kamen jedoch vom Dach aus nicht weiter und mussten die bestens verbarrikadierte Haustür in etwa halbstündiger Arbeit mit einer Motorflex auf sägen. Während die Räumung der Wagenstraat noch lief, vermeldete der lokale Piratensender Radio de Vrije Keyser", der den gesamten Dienstag im Amsterdamer Äther sendete, dass an der Prinsengracht Barrikaden errichtet werden. Da die Wagenstraat von der Polizei weitgehend abgeriegelt war, zogen viele Menschen zur seit dem 30. Juli besetzten Prinsengracht. Die Barrikaden wurden nach wenigen Minuten von der Polizei abgeräumt. Nach einigen Minuten im Haus führten die Beamten vier uniformierten Besetzerinnen aus dem Haus. Von der anderen Grachtseite wurde dies mit Johlen und Pfiffen kommentiert.
Die Besetzerinnen der Heerengracht 243a bewarfen aus dem Haus heraus vorbeifahrende Motoradpolizisten mit Farbeiern. Nach einiger Zeit fuhr auch der Wasserwerfer auf - er wurde unigehend mit vielen Farbeiern bewerten - die Besetzerinnen hatten anscheinend hunderte Farbeier hergestellt. Auch die Stimmung schien nicht wirklich schlecht zu sein - Die Besetzerinnen waren auch vortrefflich gekleidet und bekamen von dem mobilen Reporter von „Radio de Vrije Keyser" eine glatte eins für Ästhetik bei der Räumung.
Leider wurden die
Sympathisantinnen von weiteren Beamten - die allesamt Gasmasken trugen - schnell
die Gracht hinabgedrängt. Dabei waren auch durchweg mehrere (etwa 15) Zivibullen
anwesend. Diese griffen nach einiger Zeit einen der Sympathisanten ab und nahmen
ihn aus unbekannten Gründen fest. Insgesamt wurden am Dienstag in Amsterdam
18 Menschen von den Bullen festgenommen, die aber mittlerweile wieder aus dem
Knast sind.
Geschichtsuntericht:
Dieser Text ist vor der Räumung
geschrieben, wir haben ihn aber trotzdem unverändert übernommen
Kraaken oder gehen von ilja gerhardt, amsterdam (aus: jungle world, 27. September 2000)
In den meisten westeuropäischen Städten gelten sie als Symbol ehemals bewegter Zeiten. Besetzte Häuser sind heute selbst in Berlin oder Zürich äußerst selten. Nicht so in Amsterdam. Hier gibt es nach wie vor rund 30 Gebäude dieser Art. Und wenn man einen Amsterdamer nach dem »wichtigsten« Haus der Stadt fragt, ist die Antwort klar: Das Entrepotdok, ein ehemaliges Lagerhaus im Osten Amsterdams, würde die Wahl haushoch gewinnen.
Das Areal, das auch als »Kalenderpanden« (Kalenderhaus) bezeichnet wird, ist seit Ende 1996 besetzt und wird von rund 15 Menschen bewohnt. Das Haus ist weit über die Landesgrenzen bekannt und mehr als ein einfaches Wohnhaus.
Dabei ist sicherlich die Größe des gesamten Komplexes entscheidend - auf 7 000 Quadratmetern sind die unterschiedlichsten Projekte integriert. So befinden sich im Haus unter anderem ein Kino, ein Konzertraum und eine Kneipe. Seit etwa zwei Monaten existiert ein Infocafé sowie ein Tauschladen im Erdgeschoss. Die zweite Etage wird als Veranstaltungsort für Gothik-, Queer- und andere Parties genutzt.
Aber nicht nur die Subkultur hat in den Kalenderpanden ihren Platz. So strahlt auch der Piratensender »Radio Patapoe« vom Entrepotdok auf 97,2 Mhz in den Amsterdamer Äther. Jeden Montag findet die Besetzer-Sprechstunde »Oost« im Entrepotdok statt. Dort können Besetzer und solche die es werden wollen, Informationen über leere Häuser und Wohnungen im Stadtteil Oost erhalten.
Und davon gibt
es viele. Zwar werden heute nicht mehr so viele leer stehende Gebäude besetzt
wie noch vor zehn oder 20 Jahren. In den besten Zeiten der Kraker-Bewegung gab
es selbst in Kleinstädten oft mehrere besetzte Häuser. Seit Ende der
achtziger Jahre hat die Bewegung jedoch, wie überall in Euro
pa, deutlich an Dynamik verloren.
Dass es in Amsterdam heute immer noch verhältnismäßig viele besetzte Häuser gibt, liegt auch an einer Eigenheit der niederländischen Gesetzgebung. Danach ist eine Besetzung kein Hausfriedensbruch, wenn ein Gebäude vom Eigentümer länger als ein Jahr nicht genutzt wurde. Der Besitzer muss dann vor Gericht nachweisen, dass er den Leerstand aufheben will. Um eine »legale« Besetzung leer stehender Häuser oder Fabriketagen zu vermeiden, lassen viele Eigentümer so genannte »kraakwachten« mietfrei in den Spekulationsobjekten wohnen.
Diesen Nachweis für eine weitere Nutzung hat der Besitzer des Entrepotdok erfüllt. Insgesamt 47 Luxusapartements werden auf der Webseite des Immobilienmaklers Boer Hartog Hooft (BAM) zum Verkauf angeboten. Die seit Monaten steigenden Mindestpreise für die einzelnen Appartements haben mittlerweile 500 000 Euro erreicht. Bei einer jährlichen Preissteigerungsrate von etwa acht bis neun Prozent wird der Preis die Millionengrenze voraussichtlich noch vor der Fertigstellung im Jahre 2002 überschreiten.
Dem etwa 14 000 Quadratmeter großen Lagerhaus, von dem etwa die Hälfte besetzt ist, droht nun die Räumung. Ende August wurde vom Gerichtsvollzieher das Schreiben mit der Räumungsaufforderung an die Bewohner übergeben. Der Beschluss steht am Ende einer langen Kette von Gerichtsverfahren, die Besetzer und Denkmal-Initiativen um das Haus geführt haben.
Nach dem 2. Oktober ist die Polizei befugt, die Kalenderpanden zu räumen. Ab Freitag dieser Woche werden daher vom Entrepotdok ein Besetzerkongress und weitere Aktionen organisiert, die am Sonntag mit einer landesweiten Demonstration vorläufig abgeschlossen werden sollen.
In den letzten
anderthalb Jahren wurden etwa 20 Prozesse um den Erhalt des Mitte des letzten
Jahrhunderts erbauten Gebäudes geführt. Den Bewohnern des Entrepotdoks
geht es dabei weniger um die juristische Klärung der Eigentumsfrage, sondern
vielmehr um die künftige Stadtentwicklung Amsterdams. So ist auch »nit
wijken vor den rijken« (nicht weichen vor den Reichen) der zentrale
Slogan gegen die Räumung.
Inzwischen ist auch der Stadt Amsterdam aufgefallen, dass eine Räumung des Entrepotdoks eine unangenehme Lücke in die Subkultur Amsterdams schlagen könnte. Aus diesem Grund wurden rund 50 Millionen Euro dem Projekt »Broedplaatsen« (Brutstätten) zur Verfügung gestellt, um Künstler und subkulturelle Einrichtungen zu unterstützen. »Broedplaatsen« ist für die Bewohner des Entrepotdoks jedoch eine Augenwischerei. Einerseits verkauft die Stadt das Entrepotdok an die Immobilienfirma BAM, andererseits will sie die Subkultur finanzieren.
Dem Entrepotdok wurde im Rahmen des Broedplaatsen-Projekts eine Baracke außerhalb der Stadt angeboten, die erst in anderthalb Jahren fertiggestellt wird. Für die Bewohner ein indiskutables Angebot, da keine der Aktivitäten weitergeführt werden könnte und es ihnen grundsätzlich untersagt wurde, in der Ersatzimmobilie auch zu wohnen.
Der Kampf um den Erhalt des gemeinsamen Wohn- und Arbeitsraums hinterlässt auch bei den Bewohnern des Hauses Spuren: Schon jetzt ist sicher, dass die Gruppe in dieser Konstellation nicht wieder aktiv wird. Bei den seit Jahren steigenden Mieten, besonders im Stadtgebiet von Amsterdam, wird jedoch ein großer Teil der Bewohner weiterbesetzen müssen. Bei Monatsmieten von 800 Euro und mehr für ein einfaches Appartment auf dem freien Wohnungsmarkt und Wartezeiten von über acht Jahren für eine Sozialwohnung gibt es nur zwei Alternativen: Wegziehen oder Besetzen.
Weitere Informationen unter:
www.kalenderpanden.nl und squat.net