Denge Penaber - Gemeinsame Stimme

Denge Penaber ist die neuerscheinende Zeitschrift kurdischer Flüchtlinge aus dem Heim Bellin bei Ueckermünde im Nordosten Meck-Pomms. Sie erscheint in der ersten Ausgabe auf türkisch und kurmanci und soll in den Folgenummern um die Sprache Zaza erweitert werden.

Die Zeitschrift richtet sich vor allem an kurdische Flüchtlinge:

„Liebe Freunde und Freundinnen,
Wir wissen, es mag relative Unterschiede zwischen den deutschen Bundesländern geben. In manchen Gebieten können unsere FreundInnen unter verhältnismässig menschlicheren Bedingungen leben. Wir, die wir in den Heimen der Ex-DDR leben, bilden die unterste Klasse der AsylbewerberInnen. Wir sind von einer furchtbaren Fremdenfeindlichkeit umgeben. Es gibt keinen Tag, an dem wir nicht mit Beschimpfungen, Schlägen und Beleidigungen konfrontiert werden.

Unsere Heime sind normalerweise in alten russischen oder DDR-Militärgarnisonen untergebracht. Diese befinden sich sehr abgelegen in Wäldern. Mit Deutschland und den Deutschen gibt es so gut wie keinen Dialog. Wir sind gezwungen, bei Einbruch der Dunkelheit in unseren Zimmern zu bleiben. Denn nachts auszugehen, bedeutet den Tod ins Auge zu fassen." (aus dem Vorwort von Ibrahim Ince)

Sie rufen dazu auf, sich gemeinsam für ihre Rechte einzusetzen: „Wir bemühen uns, eine Lösung zu finden, eine Lösung zu sein. (...) Wir können nicht gleichgültig bleiben. Wir gewöhnen uns nicht an ein würdeloses, versklavtes Dasein. Eigentlich ist das, was wir gemacht haben, auch nichts anderes, als die Rechte, die uns durch die deutsche Verfassung gegeben sind, zu nutzen. Es ist undenkbar, dass wir, die wir aus politischen Gründen hierher gekommen sind, uns anders verhalten könnten. Der Grund für den Asylantrag ist bei uns allen der gleiche. Unser Schicksal ist das gleiche. Falls Ihr es bemerkt habt, unsere Rechte werden von Jahr zu Jahr, sogar von Monat zu Monat vermindert. Das ist so, weil wir keine Politik machen, die die Realität des Flüchtlingsdaseins, also uns selbst, unser eigenes Leben behandelt.

Wir sprechen aus dem äussersten Nordosten Deutschlands zu Euch. Aus dem Bellin Heim. Wir haben nicht mal eine Schreibmaschine. Aber wir bringen eine Zeitschrift heraus. Das ist ein Aufruf. Die Sonne geht im Osten auf. Fügt unserem Atem den Euren dazu.
Diese Zeitschrift soll unser aller Stimme sein. (...) Auch lange Wege fangen mit einem Schritt an. Schickt eure Texte. Helft mit, dass unsere Zeitschrift gelesen und verteilt wird." (s.o.)

Im Vorwort werden auch die kurdischen Organisationen in Deutschland für ihre fehlende Flüchtlingspolitik kritisiert: "Bis heute hat es keine Politik der kurdischen Institutionen gegeben, die sich mit uns beschäftigt. Für sie sind wir nichts weiter als ein verkauftes Busticket für die Fahrt zu den Festivals."

Dass sie von deutscher Seite keinerlei Hilfe erwarten, wird in den folgenden Sätzen deutlich: „Europas demokratische, humanistische Einrichtungen haben uns jedoch schon vor langer Zeit vergessen. Die europäischen Völker sehen uns als schmarotzende, kriminelle Typen. Lasst uns von unserer wirklichen Situation erzählen. Was wollen wir? Welche Probleme haben wir? Welche mit Bundesamt, Ausländerbehörde, Sozialamt, Heimleitung? Was wollen wir von ihnen? Lasst uns als ersten Anfang uns selbst finden. Das Thema ist unser eigenes Leben, unser eigenes Schicksal. Bestimmen wir unser Schicksal selbst."

Die darauffolgenden Texte sind ausnahmslos von den HeimbewohnerInnen selbst geschrieben und thematisieren verschiedene Bereiche des Flüchtlingsdaseins, die sich auch in ihrem Vorschlag für eine „Deklaration kurdischer AsylbewerberInnen" wiederfinden.

In der 24 Punkte umfassenden Deklaration kritisieren sie u.a., dass die Asylpolitik einzig darauf angelegt ist, Aufenthaltsberechtigungen zu verhindern, die Länge der Asylverfahren, die Form der Anhörungen, die Residenzpflicht, die eingeschränkte Gesundheitsversorgung, das Verhalten von Polizei, Heimleitung und Sozialamt ihnen gegenüber, die allgemeine Fremdenfeindlichkeit. Sie berichten von Beispielen organisierter, gewalttätiger Angriffe auf sie und den Folgen für die Betroffenen, die von der spät eintreffenden Polizei anstatt der angreifenden Faschisten festgenommen wurden. Im letzten Punkt wenden sie sich an die „glatzköpfigen Nazis":

„Wir wünschen uns mindestens genauso
sehr wie Ihr, dass wir von hier weggehen. Uns hat der spezielle Eifer der Deutschen Regierung hierher gebracht. Weil Eure Regierung mit dem Feind unseres Volkes Hand in Hand arbeitet. In unserem Krieg stellt Eure Regierung eine Partei dar. Aus diesem Krieg entspringen grosse Gewinne. Ihr habt Euch jahrhundertelang an den Reichtümern des Nahen Ostens, Kurdistans bereichert. Wir Kurden würden es niemals vorziehen, als Parasiten zu leben.Was Ihr von uns genommen habt, ist ein Nichts im Vergleich dazu, dass wir hier leben. Ihr strengt euch umsonst an. Ihr seid die Milizen der Deutschen Regierung. Auch wo wir herkommen, gibt es die MHP. Sie benutzen Euch als ein Element des Gleichgewichts in der Innenpolitik. Wenn Ihr in der Zukunft nicht wollt, dass wir kommen, müht Euch mit Eurer Regierung ab und nicht mit uns. Ihr richtet Euch an das falsche Ziel. Ihr versucht, uns das Leben zum Gefängnis zu machen, uns fertig zu machen. Vergesst nicht, wir haben jahrhundertelang in einer Atmosphäre von Krieg und Massaker gelebt. Wir haben nichts zu verlieren. Wenn Ihr nicht jeden Tag einem Schwarzkopf begegnen wollt, wendet Euch an Eure Regierung."

Der Deklaration folgt die in jedem Text wiederkehrende Aufforderung, den Inhalt mit eigenen Ansichten und Vorschlägen zu bereichern.


Aus aktuellem Anlass - Widerstand gegen die Einführung der Isoknäste in der Türkei - haben wir einen Ausschnitt aus dem Artikel „Öfkeyle kalkan zararla oturur" von Ilhan Erginci ("Denge Penaber“ Nr. 1) übersetzt.

 

Özel Tipi (Spezial-Typ)
F-Tipi
(F-Typ, Isolationsknast)

Kapali cezaevi
(Geschlossenes Gefängnis)

E-Tipi
(E-Typ)

Schon in den Anfangsbuchstaben ("ÖFKE"=Wut) steckt Wut. Es ist die Wut der Herrschenden. Die Bedingungen stimmen. Neue Weltordnung, NATO, IWF drohen. Europa hatte ohnehin eine Hausaufgabenliste. „Zerlegt die Gefängnisse", sagen sie. Würdevolle Menschen sollen nicht übrigbleiben. Jeder soll Coca-Cola trinken und Hamburger essen. (...)

Im Jahr 1991 war ich im geschlossenen Gefängnis Ankara-Zentrum gefangen. Ich war noch keinem Gericht vorgeführt worden. In der Nacht des 2. November gab es einen Überfall auf die 5. Grosszellen. Wir wurden aus den Betten gerissen und auf den Hof gebracht. Seit langer Zeit sah ich erstmals wieder die Dunkelheit und die Sterne. Überall waren Kommandos, Militärs, Zivilpolizei und Wärter. Einer der Dienstränge lud mit einem Zettel in der Hand zum Angriff. Die meisten von uns waren nur verhaftet und noch nicht verurteilt. Stundenlang leisteten wir mit unseren blossen Körpern Widerstand. „Die Menschenwürde wird die Folter besiegen", hatten wir gesagt. Die Freunde, die sich in der Zelle der schon Verurteilten aufhielten, schlugen gegen die Türen, sie konnten die Grausamkeit, die sie hörten, nicht ertragen. (...) Die Sterne sind Zeugen, dass wir in unserem Blut und in unserer Ohnmacht den unvergleichlichen Geschmack des Widerstands erlebt haben. Als wir wieder zu uns kamen, waren wir mit Ketten aneinander gebunden, und als ob das nicht ausreichte, befanden wir uns auf dem Weg an einen uns unbekannten Ort. Dieser Ort waren die Isolationszellen von Eskisehir, also dieser berüchtigte Knast. Wir wurden einzeln vom Wagen geholt und voneinander getrennt. Es wurde die „Willkommensfolter" durchgeführt. Einer der Folterer war der uns angeblich behandelnde Arzt. Dieser Arzt der türkischen Regierung war nicht derjenige, der unsere Wunden verband. Am
meisten wurde auf unsere Wunden geschlagen. Einer der Verhafteten aus dem DKP-Prozess wurde in der Folter verrückt. Gut, wenn man ohnmächtig wurde. Als ich wieder zu mir kam, schütteten sie Wasser über mich. An meinen Füssen war nur noch ein Hausschuh. Ich trug das Oberteil eines Trainingsanzuges, untenrum hatte ich nur eine Unterhose an, weil wir direkt aus den Betten geholt worden waren. Es waren die Sachen, die ich anzog, als sie den Befehl dazu gaben. Ich war mit verbundenen Augen an einen Ort geworfen worden. Die schweren Türen waren verschlossen. Ein Bett, ein Toilettenloch. Der sogenannte „Ein-Mann-Hof" hatte die Grösse der Toilette. Die fünf Meter hohe Mauer war mit Eisen gespickt. Nachts brannte ein starkes Licht, damit ich den Himmel und die Sterne nicht sehen konnte. Die Tür hatte unten eine Schiessscharte. Nicht mal die Gesichter der Wärter konnten wir sehen. Das Licht wurde von draussen reguliert. Es war sehr kalt und feucht. Ich befand mich in der 7. Zelle auf dem Korridor C. Sabri Ok war im gleichen Korridor. Jede Nacht brachten sie die „Berühmtheiten" zur Folter. Riza Altun wurde Tag und Nacht gefoltert. Unser Geheimcode war das Klopfen an die Türen. Damit benachrichtigten wir uns über die Folter. Die Türen schwiegen nie. Es war nicht der 22-tägige Hungerstreik, der uns von dort rettete, es war das Volk draussen. Wir waren zum Todesfasten entschlossen. Wir besiegten sie. Ich war immer noch ein Gefangener, der nicht
mal einem Gericht vorgeführt worden war. Sie verbrachten mich nach Cankiri. Monate später wurde ich vom Gericht freigelassen. Sie sagten mir „du bist unschuldig", und sprachen mich frei.

Heute wollen sie mich beim Militär. Die türkische Regierung hat nach dem Gesetz bei mir Schulden. Zuerst sollen sie meine Schulden bezahlen. Sie haben die Schönheit meiner Jugend gestohlen. Ich will dafür die Rechnung. Ich will die Rechnung für meine 17tägigen Leiden in der berühmten Folterkammer DAL.

Die deutsche Regierung hat meinen Asylantrag abgelehnt. Ich weiss, dass ich heute oder morgen abgeschoben und der türkischen Regierung ausgeliefert werde, und dass ich dann im F-Typ-Knast lande. Bis heute habe ich drei Knasttypen kennengelernt. F-Typ wird der vierte sein. Soweit ich mitzählen konnte, bin ich wohl zwölf Mal festgenommen worden. Ich bin auf Polizeiwachen gefoltert worden, bei der politischen Polizei, beim dem zur Spezialkriegsbehörde gehörenden DAL, in den Wäldern von Aydos, noch im Kindesalter am 12. September (1980, Militärputsch, Anm.d.Übers.) im Dorf, ich habe in der Schule und an der Universität Schläge gekriegt, zuhause, auf der Strasse ... Kurz gesagt, habe ich alles gesehen, denn ich bin Kurde.

Eine Sache habe ich aus meinen Erlebnissen gelernt: Die türkische Regierung wird mit gleichgültig welchem Gefängnistyp nicht erfolgreich sein. Das barbarische System wird überwunden werden. (...)


Denge Penaber

Adres: K-S Wohnheim, Dorfstr. 57, 17373 Ueckermünde - Tel: 0174-166 86 56 / 0174-486 64 20 / 0174-617 80 47