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Diesen Text aus der Interim Nr 457 (9.7.98,
S. 14a ff.) haben wir in einer kleinen Arbeitsgruppe diskutiert. Wir haben
den Text für die A-Zeitung layoutet und ihn zum besseren Verständnis
mit Fußnoten und dieser einführenden Anmerkung versehen.
über politik und subjektivitätDer folgende Text ist eine Art „Offener Brief an die “Radikale Linke“. Geschrieben habe ich ihn erstens weil es mich danach verlangte, einige seit langem sich entwickelnde Gedanken endlich offensiv zu formulieren, zweitens in der Hoffnung, daß einige der Inhalte im Prozeß der Neuorientierung der Restlinken wirksam und nützlich sein könnten.Kontext Linksradikale Kritik an den herrschenden
Verhältnissen bleibt unvollständig, wenn sie nicht die realen
Verflechtungen zwischen ausbeuterisch herrschaftlichem Naturverhältnis,
hierarchisch dichotomem (1) Geschlechterverhältnis, autoritärer
Zurichtung der Körper (2) und repressiver Formierung der Emotionalität
(3) erkennt. Ohne Verständnis dieser Zusammenhänge wird es kein
adäquates Verständnis des Rassismus und keine kritisch-marxistische
Reflexion auf der Höhe der Zeit geben. Subjektivität (6) und
Subjektivität heißt in diesem Zusammenhang: Emotionalität und Leiblichkeit (8). Die gesellschaftliche Tendenz zur medialen Inszenierung von Gefühl, Authentizität, Erfahrung entspringt gerade der zunehmenden realen Erfahrungsarmut und emotionalen Leere im „späten“ Kapitalismus. Selbstverständlich ist es nötig, sich des Subjektivitätskults zu erwehren, sich der falschen Unmittelbarkeit zu verweigern. Genau das tut die Mehrheit der Linken in Deutschland jedoch nicht, sondern pendelt zwischen schwülstigem Subjektivismus und knochentrockenem Rationalismus hin und her. Solange die Linke sich nicht mit ihrem eigenen Unbewußten beschäftigt, wird sie Opfer ihrer Projektionen (9) bleiben Die Geschichte der Suche nach dem revolutionären Subjekt seit 1968 ist die Geschichte einer sich als revolutionär selbstmißverstehenden Linken, die sich durch unreflektierte Projektionen eigener Wünsche auf die Folie des Politischen den Zugang zur ganz und gar unrevolutionären sozialen Realität verbaut hat. Die quasi-halluzinatorische Verkennung der metropolitanen Arbeiterklasse als potentiell revolutionär, die völlige Fehleinschätzung der Realität der nominalsozialistischen Gesellschaften, die Unfähigkeit der deutschen Linken, ihren eigenen Antisemitismus als solchen zu erkennen - all dies sind systematische Wahrnehmungsstörungen einer Linken, die sich weigert nach innen zu schauen und so ihr Inneres als wahnhafte Projektion im politischen „Außen“ wiederfindet. Eine Linke, die sich nicht mit den eigenen rassistischen Anteilen auseinandersetzt, die nicht in der Lage ist zu verstehen, daß die Machtverhältnisse uns durchkreuzen, daß der „Feind“ immer auch in uns ist, wird von der Wirksamkeit rassistischer und antisemitischer Stereotype immer wieder überrascht werden. Stereotype der westlichen Kultur über Weiblichkeit sind eng mit denen über Rasse, Sexualität, Krankheit/Gesundheit verwoben. Es kann kein adäquates Verständnis des Rassismus getrennnt von einem Verständnis des Sexismus geben. Ein Antirassismus ohne Antisexismus ist ein geschwächter Antirassismus. Wenn Männer der linken Szene Antirassismus als Mittel verwenden, Auseinandersetzungen um das Geschlechterverhältnis zurückzudrängen - und genau das ist in den letzten 10 Jahren geschehen - ist das auch eine Katastrophe für die Linke und für den Antirassismus. Subjektivität und die Linke Die Linke reproduziert die reale Körper- und Gefühlsfeindlichkeit der herrschenden Kultur. Dies ist m.E. die wahre Ursache für die rigide (10) Abwehr vieler Linker gegen lebensreformerische Praktiken, gegen z.B. die „Psycho- oder die „Tanz/Theater“szene. Eine kritische Auseinandersetzung findet fast nicht statt, stattdessen angstvoll-ignorante, stigmatisierende Abgrenzung. Die eigene Körper- und Gefühlsfeindlichkeit sind Stützen der politischen Identität, die politische Aktivität bezieht ihre Energie oft aus der eigenen Neurose. Dies ahnend, wehrt sich der/die durchschnittliche Linke gegen allzu weitgehende Beschäftigung mit seinem/ihrem „Innenleben“, aus Angst der eigenen Motivation und Identität verlustig zu gehen. Diese Angst ist durchaus berechtigt, denn die Entdeckung der eigenen Subjektivität hat dann tatsächlich oft die rapide Entpolitisierung zur Folge. Das liegt aber nicht in der Natur der Sache sondern daran, daß „Politik“ und „Subjektivität“ gesellschaftlich als getrennt konstruiert sind. Dies schlägt sich zum Beispiel in der Konstitution einer verkopften, coolen, verbissenen Politszene und einer politisch weitgehend verblödeten Tanz/Theaterszene nieder. Schluß damit. Die radikale Linke muß endlich Subjektivität als zentrales politisches Terrain begreifen und Praktiken persönlicher Veränderung in ihrer Kultur verankern. Die Ressourcen sind vorhanden, was fehlt ist die kritische Durchdringung und Aneignung der in den diversen apolitischen Szenen kursierenden Praktiken und Ideen. Konkret... ... schlage ich vor Therapie und Politik Obwohl ich für die Politisierung des Emotionalen plädiere, ist mir klar, daß persönliche Veränderung anders funktioniert als politische Arbeit. Politisches Bewußtsein bringt uns die Einsicht, daß, je mehr privilegierten Gruppen wir angehören, desto weniger Aspekte unserer hergebrachten Identität etwas sind, worauf wir unser Selbstbewußtsein stützen oder stolz sein können.(Es ist eben einfach nicht 0K ein Mann zu sein). Dieses Bewußtsein kann sich sehr leicht an den Selbsthaß koppeln, der in allen Menschen in dieser Gesellschaft aus ganz anderen, verschiedensten Gründen steckt. Und Selbsthaß bringt keinen therapeutischen Prozeß weiter, im Gegenteil. Wohl kann es auch für einen Prozeß der persönlichen Veränderung wichtig sein, Verantwortung zu übernehmen für das was man ist und was man tut oder getan hat; den Schmerz derer, die man willentlich oder unwillentlich verletzt hat, an sich heranzulassen. Aber es ist unmöglich, sich tiefgreifend zu verändern, Unbewußtes aufsteigen zu lassen, wenn man nicht aufhört damit, sich ständig zu verurteilen, zu zensieren, zu hassen. Es geht also um eine Balance zwischen politischem Bewußtsein und persönlicher Veränderung; eine Balance, die in den meisten Therapien nicht gefunden wird, weswegen ich auch sehr skeptisch bin bezüglich der emanzipatorischen Wirkung vieler Therapien (12). Identität Die symbolische Abwertung von Weiblichkeit muß bekämpft werden. Erst in diesem Zusammenhang macht es politischen Sinn, die Konstruktion Weiblichkeit und Geschlecht „an sich“ kritisieren bzw. abschaffen (oder dekonstruieren, wie es modisch heißt) zu wollen. Das Positive an Identitäten ist ihre Funktion als Schutzvorrichtungen und Kampfinstrumente. Die Forderung, sie mitten im Kampf auseinanderzubauen, zeugt entweder von politischer Naivität oder von bösen Absichten den emanzipatorischen Bewegungen gegenüber, die diese Identitäten benutzen. (Deshalb auch ist ja die Dekonstruktion (13) des Geschlechts in letzter Zeit bei Männern so beliebt, die radikalfeministischen, noch dazu separatistischen (14) Positionen noch nie so recht etwas abgewinnen konnten.) Die Frage einer positiven Identität stellt sich völlig unterschiedlich, je nachdem ob es sich um die Identität einer privilegierten oder unterdrückten Gruppe handelt. Außerdem finde ich es zweifelhaft, nationale, rassische, geschlechtliche Differenz alle mit demselben Oberbegriff Identität zu traktieren. Da geht das identifizierende Denken zu weit. Was das Geschlecht betrifft, akzeptiere ich die Identität Frau solange sie Mittel im Geschlechterkampf ist und nicht als Ewig-Natürliches gesetzt wird (15). Die Notwendigkeit einer positiven männlichen Identität sehe ich nicht. Macht und Glück Ohnmacht macht zwar unglücklich, Macht
deswegen noch lange nicht glücklich. Diese Binsenweisheit sollte
man einmal ernstnehmen. Meiner Ansicht nach werden in vielen Diskussionen
über „Politisches und Persönliches“ die Ebenen „Macht-Ohnmacht“
und “Glück-Unglück“ vermengt. Zum Beispiel: Männer werden
als Männer nicht unterdrückt, sie sind in ihrer Eigenschaft
als Träger sozialer Männlichkeit (gender!) 100% Täter,
niemals Opfer. Männer können rassistisch unterdrückt sein,
oder als Lohnarbeiter, oder wegen einer abweichenden sexuellen Orientierung,
oder wegen sonstiger unzureichender Erfüllung der Normen dominanter
Männlichkeit, an denen sich schließlich alle zu orientieren
haben. Dies sind Unterdrückungsverhältnisse ganz unterschiedlicher
Art und Intensität. Aber als Männer, d.h. insofern diese Menschen
die Normen der (jeweils) gesellschaftlich dominanten Männlichkeit
erfüllen, sind sie nicht unterdrückt. Daß sie als Männer
nicht unterdrückt sind, heißt jedoch nicht, daß sie deswegen
glücklich sind. Die Radikale Therapie kennt für das Leiden des
Unterdrückers den Begriff „Täterschmerz“. Wie man über
Glück und Unglück denkt, hängt letzten Endes von Annahmen
über die Natur der Menschen ab. Hier steht der hier skizzierte Ansatz
im Gegensatz zum zeitgemäß naturvergessenen Soziologismus (16),
der die Wünsche und den Leib niemals als Quelle von Widerstand verstehen
kann, da er das „Subjekt“ für restlos gesellschaftlich konstituiert
hält. So ist auch Butler (1990), finde ich, darin zu kritisieren,
daß „sie die Naturgrundlage völlig in Diskursivität (17)
auflösen will“ und daß „Leiblichkeit und die spezifische sinnliche
Erfahrung, die daraus resultiert, in ihrem Ansatz nicht adäquat (18)
erfaßt“ werden (Musfeld 1996, p27). An dieser Stelle breche ich ab, Exkurse und Literaturangaben lasse ich der Kürze halber weg. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit. Diatryma Anmerkungen |