Folgenden Artikel haben wir im Expo-Reader II gefunden. Er ist zuerst erschienen in der „alaska“ 220, Juni 98
Die mit „* “ gekenntzeichneten Fremdwörter sind am Ende des Artikels erklärt.

Birgit Sauter

Nationalstaat und Männlichkeit

Hat die Globalisierung ein Geschlecht?

Telekommunikativ spült die Globalisierungswelle eine Form von Männlichkeit an die Strände westeuropäischer Bildschirme, die überwunden zu sein schien: „rohe“, „barbarische“, „archaische“ Formen von Männlichkeit bei kriegerischen Auseinandersetzungen im früheren Jugoslawien, ein wildes Rebellen- und Bandentum in den einst sowjetischen Staaten, eine maskulinistisch unterfütterte Vendetta in Albanien. Diese Männlichkeitsbilder werden als Indizien eines Rückfalls in vormoderne Männlichkeit als Folge der Erosion von Nationalstaaten präsentiert. Bemerkenswert ist, daß zwar offenbar Vergewaltigungen im Jugoslawienkrieg als Ausfluß von Männlichkeit gegeißelt oder „wilde Männer auf dem Balkan“ in ihrer ungehemmten kriegerischen Geschlechtlichkeit entdeckt werden, daß aber die Sphären internationaler Ökonomie und Politik nicht als „Schlachtfelder“ sich zu bewährender „verfeinerter“ Männlichkeit wahrgenommen werden und der geschlechtliche Charakter von neuen globalen Regulierungsmustern nicht thematisiert wird.
Alle Rechnungen in der Globalisierungsdebatte werden ohne Geschlecht gemacht. Wie auch in anderen Diskursfeldern können wir einen „Schulterschluß“ zwischen geschlechtsblinder Wissenschaft und eingeschlechtlichem Gesellschafts- und Politikprozeß beobachten: Bis auf eine Handvoll Frauen gibt es eine einträchtige Männerdominanz sowohl in der Gruppe der „global players“ - der Hochfinanz wie der hohen Politik - als auch in der Gruppe der „global analysts“. Dem „Turbokapitalismus“ entspricht ein offensichtlicher „Turbomaskulinismus“ von Politik und Wissenschaft. Andererseits fehlen empirische Analysen, die die sich verändernde Situation von Frauen im weltumspannenden Transformationsprozeß plausibel erklärbar machen, und so bleibt es vielfach bei der bekannten Unterstellung, daß Frauen wieder einmal die Verliererinnen, die Opfer und Geopferten - nun im Weltmaßstab - seien.

Erosion und Sedimentierung *: Geschlechter“geologie“ im
Zeitalter der Globalisierung

Trotz dieser prima vista eleganten Thesen von Maskulinisierung und Aufwertung bzw. Feminisierung und Abwertung muß die Globalisierungsdiskussion ambivalente* Lesarten berücksichtigen. Globalisierung ist kein eigenständiger  kausaler* Prozeß, sondern eine Resultante aus mehreren interagierenden Prozessen. Globalisierung ist ein „inklusiver, struktureller Kontext (Jessop 1997). Dies bedeutet, daß Globalisierung nicht allein als Transformation jenseits der Geschlech-terlogik, die dann auf Geschlechterverhältnisse einwirkt zu begreifen ist, sondern als ein immanent* geschlechtlicher Prozeß. Eine offene Frage ist allerdings, ob Geschlecht weiterhin eine solch wichtige Kategorie wie im nationalen Sozialstaat sein wird. Die Dynamik des Handlungshorizontes Globalisierung kann in Richtung Ver- und Entgeschlechtlichung laufen, kann die Auflösung von Geschlechtszuschreibungen (vgl. Bakker 1995:69) wie auch neue Sedimenterungen und Kristallisierungen von Männlichkeit und Weiblichkeit - insbesondere entlang der Linien von Klasse und Ethnie bedeuten. Bereits jetzt deutet sich ein Wechsel von der „industriellen“ zur „postindustriellen“ Geschlechterordnung an. Hegemoniale* Männlichkeit und Weiblichkeit schlingern im Sog globaler Kontinentaldrift. Aber es ist noch nicht ausgemacht, welcher Modus der Vergeschlechtlichung von politischen und ökonomischen Institutionen sich durchsetzen wird.
Der Globalisierungsdebatte, die im feministischen Kontext gerade erst begonnen hat, kann es nur guttun, den stieren Blick von den gleichsam unausweichlich erscheinenden „barbarischen“ Aspekten der Globalisierung auf Paradoxien und Ambivalenzen in diesem Prozeß zu lenken. Globalisierung ist möglicherweise eine Chance, daß Männlichkeitsmuster, die die westlich-industriegesellschaftlichen National- und Sozialstaaten etabliert haben, entprivilegiert und aufgelöst werden, so daß mehr Geschlechtergerechtigkeit möglich wird. Männlichkeit und Weiblichkeit könnten zu Auslaufmodellen des 19. Jahrhunderts werden. Mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit ist indessen anzunehmen, daß versachlichte, institutionalisierte Männlichkeit konserviert wird, weil sie sich als produktiv für gegenwärtige Transformationsprozesse erweist. Das Verblassen tradierter* patriarchaler Muster kann also in einen Prozeß der Re-Formierung von Männlichkeitsmustern umschlagen. Dies deutet sich an einigen Entwicklungen bereits an, die ich im folgenden kurz skizzieren möchte. Das Ziel meiner Überlegungen ist es, Restrukturierungsformen von Männlichkeit im globalen Transformationsprozeß sichtbar zu machen.
Hier ist allerdings ein Vorbehalt zu machen: Da der Mann das wissenschaftlich nahezu unbekannte Wesen ist, basieren die folgenden, noch sehr rudimentären Überlegungen nicht auf empirischen Untersuchungen, sondern vielmehr auf „Plausibilitätskonstruktionen“ und Analogieschlüssen. Deshalb werde ich im historischen Galopp die Verkettung von National- und Sozialstaat mit Männlichkeit beleuchten und daran Überlegungen anschließen, wie sich dieses historisch gewordene Verkettungsverhältnis gegenwärtig transformiert.

Zum Zusammenhang von Staat
und Männlichkeit

Globalisierungskritische Diskurse rufen Assoziationen von kapitalistischer Entgrenzung sowie politischem Zerfall und politischer Erosion hervor. Der nationalstaatlich gezähmte Kapitalismus - so die Befürchtung - sprengt seine institutionellen Grenzen, und die Zivilisierung des Marktes durch den Staat schlägt in die blanke Barbarei des Marktes um. In einer solchen Sicht wird vergessen, daß nationale (sozial)staatliche Regulierungen der kapitalistischen Ökonomie ganz spezifische Formen der Privilegierung von Männlichkeit waren und sind.
Männlichkeit entsteht in norm- und institutionenbildenden Praxen von Männern und ist einerseits eine historisch sedimentierte Struktur bzw. Institution, andererseits eine Vielzahl kultureller und politischer Praktiken - ein „doing masculinity“ (vgl. Ramazanoglu 1992:342). Männlichkeit bezeichnet mithin historisch variable, kultur- und klassenspezifische Konfigurationen geschlechtlicher Diskurse (vgl. Maihofer 1995). Männlichkeit wird in unterschiedlichen Sphären konstruiert: am Arbeitsplatz, in der kapitalistischen Produktion, in der Familie, in und durch staatliche Institutionen.
Das öffentliche Patriarchat des modernen Staates ist ein brüderliches Patriarchat, das die private Herrschaft der Väter substituierte (vgl. Pateman 1988): Innerhalb dieser patriarchalen Strukturen sind Männer sowohl ausgebeutet und unterdrückt (beispielsweise durch den kapitalistischen Arbeitsvertrag), sie sind aber auch privilegiert und in einer Herrschaftsposition institutionell abgesichert (durch den Gesellschafts- bzw. Geschlechtervertrag). Kurz: Zwischen Männlichkeit und Staatlichkeit besteht ein strukturelles Äquivalenzverhältnis: Moderne Staatlichkeit „verbannte“ „rohe“ Männlichkeit (Stichwort: staatliches Gewaltmonopol) und kanalisierte Leidenschaften in Interessen (vgl. Hirschman 1977). Als Substitut wurde Männlichkeit im Unterschied zu Weiblichkeit durch Partizipation im Staat institutionell überhöht und privilegiert. Mannsein und die politische Gleichheit zwischen Männern schob sich mit der Herausbildung des modernen Nationalstaats deutlich ins Zentrum politischen Bemühens (vgl. Kreisky 1997): Die Frage der „Geschlechterzugehörigkeit“ im Sinne familiär-ständischer Beziehungen rückte zugunsten der Zugehörigkeit zu Genus-Gruppen in den Hintergrund. Die Idee des „Staatsbürgers“ machte Männlichkeit zur Ressource für kapitalistische Mobilisierung, für die Etablierung der bürgerlichen Ordnung und zum Bindemittel sozialer Integration. Anders ausgedrückt: Macht und Kapitalbildung schufen institutionalisierte Männlichkeit und wurden durch Männlichkeit befördert. Das Geschlecht des modernen Staates ist männlich (vgl. Kreisky 1995).
Unbeschadet der politischen Gleichheit der Bürger-Brüder blieb ökonomische Ungleichheit zwischen Männern selbstverständlich.
Auch der Keynesianische Wohlfahrtsstaat basiert auf einer männlichen Form staatlicher Regulierung, in der Zweigeschlechtlichkeit und Maskulinismus notwendig zum politisch gestalteten Raum gehörten - der „Massenarbeiter“ des Sozialstaats (O’Connor 1995:393) war und ist ein männliches Subjekt. Das bürgerliche Familienlohnmodell mit männlicher Verantwortungslosigkeit gegenüber der Reproduktion der Gattung und männlicher Verfügung über Frauen wurde durch den Wohlfahrtsstaat institutionell abgesichert und hegemonial*. Der moderne Sozialstaat garantierte -wenn auch in unterschiedlich gearteten Regimen (vgl. Kulawik 1996) - allen Männern Privilegien gegenüber Frauen, auch solchen Männern, die im Zuge der Kapitalisierung entrechtet und ausgebeutet wurden. Wohlfahrts- wie Arbeitspolitik basieren auf einem Kompromiß unter Männem: Sie schützen den Sektor lebenslanger männlicher Vollerwerbstätigkeit, während private, weibliche Arbeit ungeschützt den Bedürfnissen kapitalistischer Reproduktion ausgesetzt bleibt.

Globalisierung:
Auflösung und/oder Reformulierung nationalstaatlich gebundener Männlichkeit?

Globalisierung ist zum einen ein Prozeß der inneren Verwidersprüchlichung des keynesianischen Wohlfahrtsstaates und zum anderen die Entgrenzung des einst nationalen Kapitals, d.h. die vollständige Durchkapitalisierung der Welt. Bereits seit Mitte der siebziger Jahre erweist sich die Wohlfahrtsstaatsbürokratie als eine Barriere für die kapitalistische Akkumulation und als Bremser ökonomischer Globalisierung (vgl. kritisch O’Connor 1995:396ff.). In der Folge der „Entgrenzung“ des national gebundenen Kapitalismus, aber auch als Ergebnis wachsender Migrationsbewegungen sowie innerer Widersprüche nationaler Politiken muß der Nationalstaat sein Gesicht ändern: Er wird „denationalisiert“ und „internationalisiert“ zugleich (vgl. Burchardt1996:742; Sassen 1996). Nationalstaaten werden zwar nicht völlig verschwinden, aber „traditionelle“ Institutionen werden ausgehöhlt und mit neuen Funktionen ausgestattet. Mit dem Wandel vom „Sicherheits- zum Wettbewerbsstaat’ (vgl. Hirsch 1995; Cerny 1997) stellt der Nationalstaat optimale Verwertungsbedingungen für das internationale Kapital her und nimmt deshalb soziale Sicherungen und Institutionen sozialer Massenintegration zurück.
Ich möchte abschließend Entwicklungstendenzen sedimentierter Männlichkeit im Kontext dreier nationalstaatlicher Transformationen diskutieren: der Supranationalisierung, der Informalisierung und Entstaatlichung von Politik sowie der Transformation des keynesianischen Sozialstaatsarrangements.
1. Globalisierung heißt, daß mit dem Ende nationalstaatlicher Regelungsfähigkeit des Verhältnisses von Kapital und Arbeit das Primat* des souveränen Staates zerbröselt und sich auf internationale Institutionen verschiebt. Entgegen der Hoffnung auf eine Erosion nationalstaatlich institutionalisierter Männlichkeit ist davon auszugehen, daß auch die neuen übernationalen Institutionen bürokratische Strukturen entwerfen (vgl. Puntscher Riekmann 1997) und daß diese Generierung supranationaler bürokratischer Regelungsmuster keineswegs mit der Infragestellung versachlichter Männ-lichkeitsmuster des bürokratischen Organisationsprinzips verbunden ist. Im Gegenteil: Supranationale Staatlichkeit wiederholt die bürokratischen, männerdominierte Staatsbildung der Nationalstaaten des 18. und 19. Jahrhunderts und arbeitet mit eingekapselten männlichen Praxen weiter. Eines der offenliegendsten Beispiele für die Männerträchtigkeit internationaler Institutionen ist der EuGH, der die Frauenförderpolitik Bremens (1995) und NRWs (vermutlich in Bälde) kippt. Das Bundesverfassungsgericht erscheint demgegenüber als geradezu feminisierte Institution. Die „Anarchie“ einzelstaatlicher Männlichkeit wird durch neue mächtige Netzwerke einer „Weltmännlichkeit“ abgelöst. Im Prozeß der Internationalisierung von Politik im Rahmen der EU findet eine Verlagerung politischer Entscheidung auf die Exekutive (vgl. Grande 1996) und damit eine Remaskulinisierung statt: Demokratische und partiell feminisierte politische Institutionen wie nationale Parlamente werden zugunsten männerbündischer Exekutivstrukturen entmachtet. Der Politmanager des globalen Jetsets überläßt „bodenständige“ Politik den Politikerinnen. Das Demokratiedefizit der EU ist ein Überschuß an Männerzentriertheit.
Es ist leicht absehbar, daß globale Ökonomie und Politik den Nationalstaat gar nicht in all seinen Belangen funktionslos werden lassen wird. Gerade innerstaatlich „herrschaftsmächtige Institutionen“ werden nicht unbedingt „verkümmern“ (Narr/Schubert 1994:131), ja in gewisser Hinsicht könnten sie sich sogar noch ausweiten - beispielsweise das Recht-setzungs- und Gewaltmonopol zur Aufrechterhaltung des Eigentumsvertrags sowie das Bürokratisierungsmonopol als Basis weiterer Durchstaatung und Durchkapitalisierung auf globaler Ebene (vgl. ebd.). Die Permanenz solcher Herrschaftsinstitutionen macht die Persistenz* der in ihnen eingeschriebenen Männlichkeitsmuster und Subalternisierungen* von Frauen ebenso wahrscheinlich.
Globale Ökonomie und internationale Politik schaffen damit neue Heroen der Männlichkeit: Es sind dies nicht mehr „Krieger“ und militärische Helden, die die Welt erobern; globale Virilität* erhält im Börsianer oder Politmanager eine verfeinerte Nuance - und sie ist damit potentiell auch Frauen zugänglich. Globalisierte Weltmännlichkeit schafft einen neuen Eroberertypus - in seiner Gestalt als Manager oder Politiker -, der nie Opfer, sondem immer nur Täter ist bzw. sein kann. Diese neue “Weltmännlichkeit“ birgt Gefahren für Männer: Die existentielle Verkettung von globalem Erfolg und Mißerfolg wird in Personen wie Nick Leeson und Helmut Praschak sichtbar; ließ der eine seine Karriere, so ließ der andere sein Leben auf dem Schlachtfeld globaler Ökonomie.
2. Die Transformation von Nationalstaatlichkeit läßt sich auch an der Informalisierung von Politik in Substrukturen von Verhandlungsrunden und -netzwerken festmachen. Staatliche Institutionen sind nur noch Vermittler, aber nicht mehr die einzigen oder gar privilegierte Akteure im Politikprozeß. Sie sind zusammen mit anderen nicht-staatlichen Akteuren an vergleichsweise nicht-hierarchischen Steuerungsformen (Governance) beteiligt. Erste Untersuchungen legen auch für den Prozeß der Entstaatlichung und Privatisierung von Politik nahe, mit Ambivalenzen zu rechnen: In nationalen wie internationalen Verhandlungsregimen zieht der Verlust von nationalstaatlichen „Hoheitsrechten“ an private bzw. internationale Strukturen einerseits Entdemokratisierung und Vermännlichung nach sich. Die Entscheidungsfindung in Verhandlungssystemen erfolgt notwendig unter Ausschluß der Öffentlichkeit (vgl. Sartori 1975, zit nach Grande 1996:351). Vermutlich wird der Männereinfluß in diesen ökonomischen und politischen Netzwerken verstärkt, weil dort bislang fast nur Männer in entscheidenden Positionen agieren und weil eine Arkanisierung* von Politik stets mit einer Homogenisierung des Arkanums* - eben auch einer Geschlechtshomogenisierung - verbunden ist.
Andererseits läßt sich Entstaatlichung durchaus als Chance für Frauen begreifen. Governance-Strukturen können ein Gewinn an Entscheidungs- und Partizipationsmöglichkeiten für Frauengruppen (z.B. NGOs auf der Weltfrauenkonferenz in Beijing) sein, weil sich nationalstaatliche hierarchische Strukturen für neue Akteursgruppen öffnen (müssen) und Frauen mehr Möglichkeiten erhalten, auf die Formulierung von Politiken Einfluß zu nehmen (vgl. Sperling/Brotherthone, zit. in Jessop 1997).
Susan Strange (1995) nennt die Mafiotisierung staatlicher Strukturen - in Form von Korruption in westlichen Industriestaaten oder als Racket-System in den einst sowjetischen Staaten - als eine Folge von Globalisierung. Auch hier läßt sich, folgt man Strange, eine Rückkehr nicht nur androzentrischer, sondern paternalis-tischer Strukturen im eigentlichen Wortsinn nicht von der Hand weisen.
3. Der Sozialstaat des Wettbewerbs- bzw. Schumpeterschen Leistungsstaats (vgl. Jessop 1994) kann seine Funktion der „Wattierung“ (Narr/Schubert 1994:157) ausgebeuteter Männlichkeit immer weniger erfüllen. Was derzeit als das Ende des Sozialstaats debattiert wird, ist zu einem nicht unerheblichen Teil das Ende staatlich konservierter patriarchaler Geschlechterverhältnisse: Immer mehr Männer fallen aus dem geschützten Segment des Erwerbsbereichs heraus und sind ungeschützt den kapitalistischen Verwertungsbedingungen ausgesetzt - eine Unmittelbarkeit die früher vornehmlich Frauen traf. Wir erleben eine Feminisierung von Erwerbsarbeit in doppeltem Sinn: Der Niedergang des Breadwinner-Modells ist mit einer steigenden Zahl weiblicher Erwerbstätiger einerseits, andererseits aber mit der Absenkung „männlich“ codierter Standards auf das Niveau von weiblichen Standards verbunden. Teilzeitarbeit, Flexibilisierung von Wochen- und Lebensarbeitszeit, diskontinuierliche Erwerbstätigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit werden nun auch zur biographischen Realität von Männern. Der „patriarchale“ Staat als institutioneller Männlichkeitsgarant und Männlichkeitsersatz erodiert.
Die Identitätsprobleme, die sich durch eine solche Feminisierung männlicher Biographien ergeben, können hier nicht debattiert werden. Bemerkenswert ist aber, daß rechtspopulistische Politiker mit der Konstruktion des „kleinen Mannes auf der Straße“ genau darauf reagieren. Dieser „kleine Mann“ muß vor den Unbilden des Weltmarktes geschützt werden - nicht, indem er sich mit anderen „kleinen Männern“ (und Frauen) solidarisiert, sondern indem er sich von anderen, „wilden“ Männern - den diebstehlenden Polen z.B. -, aber auch von „marodierenden“ und „enteignenden“ Feministinnen abgrenzt und sich einem „großen Mann“ anschließt. Solche Schutzmächtigen heißen LePen oder Haider.
Wolf-Dieter Narr und AJexander Schubert (1994:159) sehen genau darin eine neue Funktion nationalstaatlicher Innenpolitik, nämlich in der Etablierung gesellschaftpolitischer Formen, „mit denjenigen umzugehen, die durch alle international gesetzten Mobilitäts-, Flexibilitäts- und Innovationsstäbe hindurchfallen“. Daß „Ethnizität“ eine neue Ressource wird, um „die eigene Bevölkerung im Rahmen der weltweiten Konkurrenz mehr als zuvor zusammenzurotten und entsprechend zu mobilisieren“  (ebd.:157f.), zeichnet sich in zahllosen Formen der Abschottung in westlichen Staaten ab. Aber auch Männlichkeit war und ist ein Schmier- und Bindemittel gesellschaftlicher Integration: Dieses Bindemittel bekommt heute eine „neue Chemie“, es wird aber nicht völlig verschwinden, sondern Teil und Ergebnis des Transformationsprozesses sein. Noch ist die Frage nicht beantwortet, ob der nationale Wettbewerbsstaat diese Ressource in der Konkurrenz um das globale Kapital mobilisieren kann. Daß bereits neue Bilder von Männlichkeit entworfen werden - die „wilde“, südländische, schwarze, fundamentalistische Männlichkeit und ihr Gegenentwurf, der Mann, der Frauen und Kinder vor dieser wilden Männlichkeit schützt -, deutet auf solche Reaktivierung von Männlichkeit als soziale Kohäsionsressource* hin. Es ist der „kleine Mann auf der Straße“, der solche Schutzfunktionen übernimmt und daraus erneut „Ehre“ gewinnen kann. Die eigentliche Qualität von Männlichkeit als Institution und Deutungsmuster liegt im Globalisierungsprozeß also darin, daß neue gesellschaftliche Komplexitäten reduziert und auf „Standardformen“ (Kreisky 1995) zurückgeführt werden können. Männlichkeitsmuster können beispielsweise soziale Trennlinien unter Männern dem (ersten) Blick entziehen und gegenüber Frauen, Weiblichem und als nicht-männlich imaginiertem Anderen eine Identität bzw. Gemeinsamkeit konstruieren. Warum sollten also aus der Globalisierungs-dynamik gespeiste Ungleichheiten und soziale Spaltungen nicht auch auf „alte“ männliche Wertmuster vertrauen können und sie weiter verstärken oder sogar neue Maskulinisierungstendenzen stimulieren?

Literatur:
Bakker, Isabella. 1997. „Geschlechterverhältnis Im Prozeß der globalen Umstrukturierung.“ In: Helga Braun und Dörte Jung (Hgg.). Globale Gerechtigkeit. Feministische Debatte zur Krise des Sozialstaats. Hamburg: Konkret Literatur Verlag, 66-73.
Burchardt, Hans-Jürgen. 1996. „Die Globalisierungsthese - von der kritischen Analyse zum politischen Opportunismus“. In: Das Argument 217, 741-755.
Cerny, Philip G. 1997. „Paradoxes of the Competition State: The Dynamics of Political Globalization.“ In: Government and Opposition 32/2, 251-274.
Grande, Edgar. 1996. „Demokratische Legitimation und europäische Integration.“ In: Leviathan 3, 339-360.
Hirsch, Joachim. 1995. Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus, Berlin.
Hirschman, Albert 0. 1977: The Passion and the Interest. Princeton: Princeton University Press.
Jessop, Bob. 1994. „Veränderte Staatlichkeit. Veränderungen von Staatlichkeit und Staatsprojekten.“ In: Dieter Grimm (Hg.). Staatsaufgaben. Baden- Baden: Nornos, 43-73.
Jessop, Bob. 1997. „Globalisierung, Nationaistaat und Geschlecht“ In: Eva Kreisky und Birgit Sauer (Hgg.). Transformation des Politischen und die Politik der Geschlechterverhältnisse, PVS-Sonderheft. Opladen: Westdeutscher Verlag (im Erscheinen).
Kreisky, Eva. 1995. „Der Stoff, aus dem die Staaten sind. Zur männerbün-dischen Fundierung politischer Ordnung.“ In: Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp (Hgg.). Das Geschlechterverhältnis als Gegenstand der Sozialwissenschaften. Frankfurt/M./New York: Campus, 85124.
Kreisky, Eva. 1997. „Diskreter Maskulinismus. Über geschlechtsneutralen Schein, politische Idole, politische Ideale und politische Institutionen.“ In: Eva Kreisky und Birgit Sauer (Hgg.). Das geheim Glossar der Politikwissenschaft. Geschlechtskritische Inspektion der Kategorien einer Disziplin. Frankfurt/MJNew York: Campus, 161-213.
Kulawik, Teresa. 1996. „Modern bis maternalistisch. Theorien des Wohlfahrtsstaates.“ In: Teresa Kulawik und Birgit Sauer (Hgg.). Der halbierte Staat. Grundlegungen ferninistischer Politikwissenschaft. FrankfurtIM./New York: Campus, 46-81.
Maihofer, Andrea. 1995. Geschlecht als Existenzweise. Frankfurt/M.: Ulrike Helmer Verlag.
Narr, Wolf-Dieter; Alexander Schubert. 1994. Weltökonomie. Die Misere der Politik. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
O’Connor, James. 1995. „20. Jahrhundert mit beschränkter Haftung: Kapital, Arbeit und Bürokratie im Zeitalter des Nationalismus“. In: Prokla 25/100, 381-408.
Pateman, Carole. 1988. The Sexual Contract. Cambridge.
Puntscher Riekmann, Sonja. 1997. Die kommissarische Neuordnung Europas. Das Dispositiv der Integration, Habilitationsschrift Innsbruck.
Ramazanoglu, Caroline. 1992. „What can you do with a man? Feminism and the Critical Appraisal of Masculinity.“ in: Women’s Studies International Forum 15/3, 339-350.
Sassen, Saskia. 1996. „Toward a Feminist Analytics of the Global Economy.“ In: Indiana Journal of Global Legal Studies 4/1,7-41.
Strange, Susan. 1995. „The Limits of Politics.“ In: Government and Opposition 30/3, 291-311.

Fremdworterklärungen:
Sedimentierung: Ablagerung
ambivalent: doppelwertig
kausal: ursächlich
immanent: darin endhalten
hegemonial: die Vormachtstellung anstrebend
tradieren: überliefern
Primat: Vorrang
Persistenz: Ausdauer, Bestehenbleiben
Subalternität: Abhängigkeit
Virilität: männl. Zeugungskraft
Arkanum: Geheimnis
Kohäsion: Zusammenhalt