BUCHVORSTELLUNG

Emilio Modena (Hg.)

DAS FASCHISMUS-SYNDROM

Zur Psychoanalyse der Neuen Rechten in Europa

Psychosozial-Verlag, Gießen 1998

Der Untertitel ist ein wenig mißverständlich, denn nur ein Teil der siebzehn hier versammelten Aufsätze, denen zwei vom Psychoanalytischen Seminar Zürich veranstalteten Tagungen zugrundeliegen, beschäftigt sich explizit mit der Neuen Rechten in Europa. Im ersten, mit dem Brecht-Zitat “Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch” betitelten Teil werden zwar überblicksmäßig die Entwicklungen der Rechtsextremen in Deutschland, Spanien, Frankreich, Österreich (sehr spannende und leider sehr aktuelle Haider-Analyse) und Jugoslawien nebeneinandergestellt und abschließend vom Herausgeber noch mal zusammengefaßt, doch es gibt auch Beiträge des MLN-Tupamaros Honorio Grieco mit Ursula Hauser über die Zeit der Militärdiktatur in Uruguay sowie von Markus weilenmann über “ethnische” Massaker in Burundi. Der bekannteste Autor ist sicherlich Paul Parin, dessen “Ethnisierung der Politik” sicherlich gerade in der Linken auf Widerstand stoßen wird. Dennoch würde ich diesen Beitrag besonders den Milosevic-FreundInnen der Jungen Welt nahelegen; sie könnten von einem überzeugten Antifaschisten, der unter Titos Partisanen gegen die Nazis kämpfte, einiges über den Übergang vom Titoismus zum “National-Sozialismus” lernen und gleichzeitig eigene Ausblendungen in ihrem schwarz-weißen Weltbild reflektieren.
Im zweiten Teil werden dann verschiedene theoretische Erklärungsansätze  genutzt, um die Faszination des Faschismus zu begreifen und Handlungsstrategien zu entwickeln. Interessant sind hier vor allem Horst-Eberhard Richters noch eher allgemein gehaltene Thesen, Hans-Dieter Königs Beitrag zur Diskussion um den umstrittenen Bonengel-Film “Beruf Neonazi”, Mario Erdheims Anmerkungen zu den Zusammenhängen zwischen “Adoleszenz, Esoterik und Faschismus” und Maya Nadigs geschlechtsspezifischen Untersuchungen; leider der einzige Beitrag, der der eigentlich auf der Hand liegenden Frage nachgeht, warum es (fast) immer Männer sind, die zu rasistischer Gewalt greifen - ist das für die anderen politisch engagierten PsychoanalytikerInnen kein Thema?
Natürlich gibt es einige Unstimmigkeiten, etwa wenn Alt-68er Berthold Rothschild als erstes Gegenmittel gegen Faschismus die Verteidigung der Demokratie und des Parlamentarismus nennt (“auch dort, wo sie ... uns sogar ankotzen mögen”), ohne auf den Widerspruch zum erst als fünftes genannten Widerstand gegen Fremdenhaß, Antisemitismus, Sexismus und Diskriminierung zu stoßen - immerhin haben ja keineswegs die Nazis diese Unterdrückungsmechanismen für sich gepachtet, sondern sie haben eine systemstabilisierende Funktion genau für den Parlamentarismus, den Rothschild verteidigen möchte. Dennoch ein sehr wichitger Beitrag für den theoretischen Kampf gegen Rechtsextremismus, der praktische findet eher auf der Straße als in den Unis statt.
paul e. pop