alle fürs ganze
Dass der Widerstand gegen den Sozialabbau bisher so gering
war, hängt mit der deutschen Ideologie zusammen
und mit der Verklärung der Arbeit.
von andreas baumgart aus Jungle World 46/2003
In Deutschland dominiert seit jeher die soziale Konfliktverwaltung
entweder von oben über den Staat oder über korporative bzw. sozialpartnerschaftliche
Bündnisse, die den Staat mit einbeziehen. Die viel zitierte Metapher vom
Vater Staat drückt das treffend aus.
Die antiautoritäre Jugend- und Studentenbewegung in der BRD, die in der
Folge eintretende Demokratisierung und Liberalisierung des Denkens und eine
zeitweise offensiver auftretende Gewerkschaftsbewegung beförderten in Teilen
der Bevölkerung ein selbstbewussteres und autonomeres Bürgerverständnis,
das aber nie hegemonial wurde.
Die eine Zeit lang in die Defensive gedrängte deutsche Ideologie, die auf
der Annahme einer deutschen Schicksalsgemeinschaft und einer deutschen Rasse
basiert, begann sich Ende der achtziger Jahre wieder verstärkt zu manifestieren.
Deutlich zeigte sich dies u.a. an einer immer offener ausgedrückten Ausländerfeindlichkeit,
an rassistischen und antisemitischen Aktivitäten und den intensivierten
Versuchen, sozialökonomische Probleme im Rahmen korporativer Bündnisse
zu lösen.
Dann brach mehr oder weniger unerwartet die DDR zusammen, und die Vereinigung
beider deutschen Staaten nahm ihren Lauf. Sie stellte eine dramatische Zäsur
dar, Willy Brandt formulierte die von der großen Mehrheit der Deutschen
geteilte Prämisse: »Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.«
Warum gehörte das zusammen? Die Formel setzt eine deutsche Volksgemeinschaft
oder eine deutsche Rasse voraus, die qua Schicksal oder biologischer Identität
zusammen gehöre. Die in der ehemaligen BRD erstarkten völkischen Tendenzen
gingen eine verhängnisvolle Symbiose mit denjenigen in der DDR ein. Die
DDR war ein Korporativstaat par exellence, in dem Autoritätsgläubigkeit,
Untertanengeist und Deutschtümelei vorherrschten. Die Pflege des deutschen
Brauchtums (des angeblich historisch guten Deutschlands) rangierte an oberster
Stelle, drapiert mit einer völkerfreundschaftlichen, internationalistischen
Rhetorik.
Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten avancierte das volksgemeinschaftliche
Gedankengut rasch zum hegemonialen, und selbst Menschen, die man für autonomere
Bürger gehalten hat, kennen inzwischen nur noch ein Anliegen: den Standort
Deutschland zu sichern. Den mit der Vereinigung angewachsenen sozioökonomischen
Problemen wird so begegnet, wie es einer völkischen Schicksalsgemeinschaft
zu Gesicht steht: Statt Rechte zu verteidigen, werden ideologische und praktische
Angriffe gegen als Volksschädlinge identifizierte Menschen wie AusländerInnen,
AsylbewerberInnen, MigrantInnen, Deutsche dunklerer Hautfarbe, Menschen jüdischen
oder moslemischen Glaubens, Arbeitslose oder
SozialhilfeempfängerInnen geführt. Neben Österreich ist es in
keinem anderen Land so rasch gelungen, Begriffe wie Ausländer, Asylant
oder Sozialhilfeempfänger in Schimpfwörter zu verwandeln. Aber auch
bei den politischen Kräften, die von sich behaupten, diesem Treiben kritisch
gegenüberzustehen, steht das deutsche Gemeinschaftsdenken im Mittelpunkt.
Ob die Grünen, die PDS, die Jusos, die Gewerkschaften oder soziale Verbände,
alle möchten Verantwortung für Deutschland übernehmen, wollen
dem deutschen Volk dienen.
Und nicht zuletzt scheint eine weit verbreitete Eigenart die Mehrheit der Deutschen
an der Wahrnehmung ihrer persönlichen sozialen Interessen zu hindern: Glückshormone
werden immer dann ausgeschüttet, wenn man Lob für sein braves Verhalten
oder seine Leidensfähigkeit (etwa in Form unbezahlter Arbeitsstunden) einheimst,
und nicht, wenn man sich gegen Ungerechtigkeiten wehrt. Im Kontext dieser Restauration
der deutschen Schicksalsgemeinschaft setzt sich reibungslos die größte
Vermögensumverteilung der deutschen Nachkriegsgeschichte durch. So viel
zur deutschen Besonderheit.
Nun zu den systembedingten Ursachen. Der »kleine Mann« denkt wie
der »große Mann«. Fragt man einen Arbeiter oder Angestellten,
was er täte, wenn er plötzlich zu Vermögen käme oder gar
selbst der Chef wäre, lautet die Antwort: »Genau das Gleiche wie
mein Chef.« Diese Antwort ist letzten Endes der seltsamen Verkehrsform
geschuldet, in der sich zwischenmenschliche Beziehungen auf Basis des Tauschs
in Geld verdinglichen und ein entsprechendes verallgemeinertes verdinglichtes
Bewusstsein erzeugen. Die AgentInnen des Tauschs, die BürgerInnen, denken
unabhängig von ihrer jeweiligen sozialen Stellung in den gleichen Kategorien
der Anschauung. Der Tausch und die Aufspaltung der Gesellschaft in verschiedene
voneinander getrennten Sphären wie Staat, Arbeit, Freizeit, Erziehung,
Familie, Politik, Ökonomie, Wissenschaft usw. gelten dem bürgerlichen
Bewusstsein als unabänderliche und nicht hintergehbare Naturphänomene.
Ob in der Charaktermaske des Arbeiters oder des Kapitalisten steckend, die BürgerInnen
interessiert, wie sie in den Besitz des Geldes kommen, und nicht, in welche
Zwangsjacke sie wegen des Warentauschs eingeklemmt sind.
Im Prinzip zermartern sich die Lohnabhängigen mit den gleichen ideologischen
Vorstellungen über die gesellschaftlichen Verhältnisse den Kopf wie
die politischen und ökonomischen EntscheidungsträgerInnen auch.
Dass einige ökonomisch dabei besser abschneiden als andere, mag Neid und
ab und an Verteilungskonflikte mit sich bringen, rührt aber nicht an dem
prinzipiellen Verständnis für die Nöte und Zwänge, denen
auch die KapitalbesitzerInnen ausgesetzt sind.
Lohn- und GehaltsempfängerInnen akzeptieren, dass rationalisiert werden
muss, wenn das Unternehmen konkurrenzfähig bleiben soll, und sind zu jedem
Verzicht bereit, wenn es dem Ganzen dient. Selbst für den eigenen Rausschmiss,
der zur Sicherung der Firmenexistenz erfolgt, haben sie im Prinzip Verständnis.
Es wäre ihnen nur lieber, wenn es jemand anderen träfe.
Dieses Denken bildet die Grundlage für den breiten gesellschaftlichen Konsens,
der in den kapitalistischen Zentren vorherrscht. Das moderne demokratische Bewusstsein
ist Ausdruck des zu sich gekommenen warenförmigen Denkens, das seine eigenen
Schranken nicht einmal mehr erkennen kann und sich deshalb jede Lösung
sozialer Probleme nur auf der Basis von Arbeit und Geld im Rahmen eines so genannten
Wirtschaftswachstums vorstellen kann. Deshalb sieht es, trotz gewisser Unterschiede
von Land zu Land, im Prinzip überall gleich düster und perspektivlos
aus.
Auch in Deutschland gibt es natürlich Kritik. In den Gewerkschaften, auch
am Rand der etablierten Parteien, in den Kirchen und Sozialverbänden richtet
sie sich gegen die Verteilung des monetären Reichtums. Die Reichen sollen
mehr abgeben, sie sollen endlich Verantwortung für Deutschland übernehmen,
die Gehälter der Manager seien zu hoch, die Sozialhilfe zu niedrig usw.
Doch ist es die Aufgabe einer systemkritischen Linken, eine radikale ökonomistische
Bewegung in Deutschland voranzutreiben? Soll sie ArbeiterInnen, die auf ihr
Geld verzichten möchten, dazu überreden, dies nicht zu tun? Ich glaube
nicht.
Die wichtigste Aufgabe besteht darin, die gängigen Illusionen über
die Erfolgsaussichten der Umverteilungskämpfe zu kritisieren und gleichzeitig
eine Kritik am warenförmigen System zu üben, die diesen Namen auch
verdient. Das heißt, es geht nicht einfach um ein Revival des traditionellen
Marxismus bzw. der unterschiedlichen Ismen, die nicht ohne Grund untergegangen
sind. Bisher stand mehrheitlich die ungerechte Verteilung monetären Reichtums
und nicht die Kritik an den wichtigsten Fetischen des Kapitalverhältnisses,
wie des Geldes (des Tauschs) und der Arbeit im Vordergrund.
Nicht die mangelnde Warenproduktion und die ungerechte Verteilung des Geldes
plagen vorrangig die kapitalistischen Zentren, sondern die Folgen der mikroelektronischen
Revolution. Diese hat eine Epoche der unaufhaltsamen Reduzierung menschlicher
Arbeitskraft in allen Sphären der Produktion und Verteilung eingeleitet
und damit auch der Produktion des Mehrwerts. Das traditionelle linke Denken
bleibt aber nach wie vor der bürgerlichen »Illusion des freien Willens«
(Marx) verhaftet und meint, Arbeit, Geld, Wissen usw. seien frei disponible
Größen, die bei entsprechendem Willen so oder so beinflussbar wären.
Die vom System erzeugten Sachzwänge fallen dabei unter den Tisch.
Durch die Arbeit wird unablässig ein entfremdetes Dasein perpetuiert. Sie
bedeutet permanente (Selbst-) Disziplinierung, Zwang zur Zeitrationalität
im Sekundentakt, Unterwerfung unter fremden Befehl, instrumentelle Reduktion
des Denkens und des körperlichen Ausdrucks, Angst und Konkurrenzdenken.
Die Freizeit, das Ergebnis der Aufteilung der Tätigkeiten in getrennte
Sphären, ist nur ein Mittel zur Regeneration der Arbeitsfähigkeit.
Die Verhaltensweisen und Denkmuster in der Arbeitswelt, gekoppelt an die des
Tauschs, werden nicht nur in die Freizeit hineingezogen, sondern bestimmen das
gesamte Alltagsleben bis hin zur Sexualität. Die Arbeit ist der universelle
und schillerndste Fetisch des Kapitaverhältnisses: Sie kann Strafe, Erfüllung,
Drohung, Freude, Todeswerkzeug, Elendsbringer, Krankmacher, Versprechung, Mühsal,
Identität, Daseinsberechtigung und Fluch sein.
Der eigentliche Skandal ist nicht der Mangel an Arbeit, sondern die Lebensweise,
die die Arbeit aufzwingt. Die Linke sollte sich neben der Kritik der Funktionsweise
des Systems und dem notwendigen Kampf gegen bestimmte Auswirkungen vorrangig
damit befassen, welche Perspektiven sich einer Gesellschaft ohne Arbeit und
Tausch vor dem Hintergrund der existierenden materiellen und geistigen Produktivkräfte
eröffnen würden.
Was hieße das für die Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen,
welche Tätigkeiten würden im Vordergrund stehen, wie könnten
sie aussehen?
Doch solche Überlegungen werden gescheut. Woher rührt diese panische
Angst?
Der Text ist eine überarbeitete Fassung des Vortrags, den Baumgart
bei der Veranstaltung der Jungle World »Work hard, die young« im
Oktober 2003 in Hamburg hielt.