Illegalisierung bedeutet
Entrechtung
Migrantinnen in Deutschland gehen in die Offensive und fordern Rechte ein Migrantinnen, die ohne legalen Aufenthaltsstatus in Deutschland leben werden von der Mehrheit der Bevölkerung und der Politik wenn überhaupt als kriminell wahrgenommen. Versuche, eine Legalisierung hier lebender und arbeitender Migrantinnen zu erwirken, gibt es - anders als in anderen EU-Staaten - in Deutschland kaum. Die Gesellschaft für Legalisierung, ein Bündnis antirassitischer Gruppen, zu dem unter anderem Kanak Attak, das RESPECT-Netzwerk, das Büro für medizinische Flüchtlingshilfe und Mujeres sin rostro gehören, startete deshalb am 24. Oktober mit einem Aktionstag in Berlin eine bundesweite Offensive für das Recht auf Legalisierung.
Die Taschen stehen stellvertretend für Leute ohne legalen Aufenthaltsstatus.
Ohne Papiere öffentlich aufzutreten, bedeutet ein großes Risiko.
Aber viele profitieren von unserer rechtlosen Situa-tion. Deswegen verschaffen
wir uns auf diesem Weg Gehör und fordern das Recht, Rechte zu haben.“
So erklingt es aus einer der riesigen, karierten Plastiktaschen, die in mindestens
fünfzigfacher Ausführung vor dem Eingang der Messehalle ICC aufgereiht
sind. Dort findet der erste Bundeskongress der Gewerkschaft Ver.di statt. Die
Taschen sind Teil einer Aktion der Gesellschaft für Legalisierung, die
mit einer Bustour durch Berlin auf die Situation von Menschen ohne Papiere aufmerksam
machen will.
500 000 bis eine Millionen Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus leben und
arbeiten schätzungsweise m Deutschland. 100 000 davon allein in Berlin.
Viele davon kommen aus Lateinamerika. Sie bilden eine heterogene Gruppe. Akademikerinnen
sind genauso darunter wie Elektriker, Hausfrauen wie Landarbeiterinnen. Aufgrund
der restriktiven Zuwanderungs- und Aufenthaltsbestimmungen bleibt ihnen nach
Ablauf eines Visums oder der Aufenthaltserlaubnis oft nur die Rückkehr
m das Herkunftsland oder das Leben in der Illegalität. Doch selten haben
sich die Gründe, die zu der Entscheidung geführt haben, das eigene
Land zu verlassen, seit dem geändert. Also bleiben sie. Nicht immer aber
ist Illegalisierung gleichbedeutend damit, keine Aufenthaltspapiere zu besitzen.
Schwarzarbeit aufgrund von fehlender Arbeitserlaubnis ist auch eine Form von
Illegalisierung.
Multiple Ausgrenzung
Mit sich bringt das Leben ohne Papiere nicht nur eine alltägliche Angst
vor Kontrolle und Polizei, sondern auch eine vielschichtige Entrechtung. Es
bedeutet von einer Gesundheitsversorgung ausgeschlossen zu sein, Kinder in den
meisten Bundesländern nicht in Schule oder Kindergarten schik-ken zu dürfen
und am Arbeitsplatz, kaum m der Lage zu sein, Arbeitsrechte einzufordern, um
nur einige Bespiele zu nennen.
Legalisierungsinitiativen gab es von Seiten der Politik bis jetzt nicht. Die
Debatten um ein neues Zuwanderungsgesetz drehen sich ausschließlich um
die Anwerbung wirtschaftlich interessanter Mi-grantinnen sowie um die Steuerung
und Begrenzung von Einwanderung. Die Menschen, die hier bereits leben und arbeiten,
jedoch keine Papiere haben, werden vollkommen ignoriert. Nach 50 Jahren deutscher
Einwanderungsgeschichte wird Migration immer noch nicht als Normalität
wahrgenommen, auch dann nicht, wenn Globalisierung inzwischen als Zeichen unserer
Zeit erlebt wird. Einwanderer und Einwanderinnen gelten weiterhin als Störfaktor,
die das „Eigene“ bedrohen - die vermeintliche deutsche Leitkultur
oder wechselweise das abendländische Erbe - oder „uns“ auf
der Tasche liegen. Auf diese Weise erscheinen Migrantinnen, „die noch
nicht einmal Papiere besitzen“, schnell als Kriminelle. „Wir sind
unter Euch“ tönt deswegen die erste Erklärung der Gesellschaft
für Legalisierung aus den Taschen, um aus der totgeschwiegenen und kriminalisierten
Ecke hinauszukommen und eine Offen-sive für das Recht auf Legalisierung
zu starten.
Arbeit und Ilegalisierung
„Es kann nicht sein, dass Grund-und Menschenrechte von einem gültigen
Stempel im Pass abhängen“, sagt Valeria, die beim Büro für
medizinische Flüchtlingshilfe mitarbeitet. Sie ist selbst Studen-tin und
kam vor drei Jahren aus Kolumbien nach Deutschland und fühlt sich hier
sehr wohl. „Klar“, sagt sie. „ich bin ja auch eine Pri-vilegierte
unter den Migrantinnen mit einem Studentenvisum. Ich muss keine Angst vor Polizei
oder vor Kontrolleuren in der U-Bahn haben und darf arbeiten. Allerdings nur
drei Monate im Jahr.“ Arbeitet sie mehr, riskiert auch sie ihr Bleiberecht.
„Privilegien bedeuten, mehr Rechte zu haben als andere. Uns ist es daher
wichtig, die Trennungen zu überwinden, die uns das deutsche Ausländergesetz
aufdrückt. Es geht nicht um einen Bonus für wirtschaftlich interessante
Migrantinnen, sondern um das Recht, Rechte zu haben,“ erzählt sie,
wahrend sie wie die anderen Teilnehmerinnen der Aktion Infobroschüren der
Gesellschaft für Legalisierung im Layout von Ver.di an die zwischen den
Taschen vorbeieilenden Gewerkschafterinnen verteilt, .Viele meiner Freundinnen
haben zwar keine oder unzurei-chende Papiere, aber sie sind hier beschäftigt.
Der Dienstleistungs-sektor, vor allem der Pflege-, Reinigungs- und Hausarbeitsbereich,
würde gar nicht funktionieren ohne die Billigstlohnkräfte, die die
Papierlosen aufgrund ihrer prekä-ren Rechtslage darstellen“, sagt
sie. Bis jetzt sehen viele Gewerkschafterinnen legalisierte Arbeitnehmerinnen
eherals schwarzarbeitende Unterwanderer von Tarifverträgen, wenn sie diese
überhaupt wahrnehmen, Doch der Protest vor dem Verdi Kongress scheint Wirkung
zu zeigen. Nach zahlreichen Diskussionen mit linken Gewerkschafterinnen können
fünf Minuten Redezeit auf der Hauptversammlung erstritten werden - allerdings
mit der Einschränkung, dass keine Person ohne Papiere sprechen dürfe.
„Zuerst der Pass, dann der Mensch“, kommentier tValena diese Schikane,
findet jedoch auch, dass diese Chance nicht ungenutzt bleiben sollte. In dervollen
Messehalle spricht eine Migrantin von Respect - einem Netzwerk, dass sich fürdie
Rechte von Hausarbeiterinnen einsetzt -auf Spanisch mit deutscher Übersetzung
zu den Delegierten: „Wir wollen endlich am Ende des Monats unser Gehalt
bezahlt bekom-men, wir wollen nicht mehr sexuell am Arbeitsplatz belästigt
werden, wir wollen einen angemessenen Lohn für unsere Arbeit.“ Auf
dem Fernsehbildschirm im Foyer verfolgen die anderen die Rede, Zum Abschluss
heißt es: „Wir sind hier, damit ihr unsere Stimme hört, wir
sind hier, weil wir die Unterstützung der Gewerkschaft brauchen und das
Recht haben wollen, ihr beizutreten.“ Der Applaus ist ausdauernd. „Angesichts
der fast gesamtgesellschaftlichen Ignoranz dieses Themas ist das ein voller
Erfolg“, freut sich Valeria. Im Anschluss erklärt auch Gewerk-schaftsvorsitzender
Frank Bzirske, er unterstütze die Kampagne und „könne sich eine
Legalisierung vorstellen“. Über konkrete Unterstützung von arbeitenden
Migrantinnen im Arbeitskampf spricht er nicht.
Dass dieser erfolgreich sein kann, bewiesen zwanzig Afrikaner, die ohne Arbeitsgenehmigung
auf einer Baustelle von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte be-schäftigt
und dann um ihren Lohn betrogen worden waren. Nach Protesten, den einige antirassistischen
Gruppen unterstützten, fügte sich im Juni schließlich die Wohnungsbaugesellschaft
und übte Druck auf die beauftragten Subunternehmen aus. Auf diese Weise
konnten zwanzig Arbeiter 13 500 Euro Lohnnachzahlung erwirken. Aus diesem Grunde
heißt die nächste Station des Tages auch Wohnungsbaugesellschaft
Berlin Mitte. Dort wird der Erfolg mit Sekt gefeiert, aber auch weiter protestiert
denn die Lohnbetrüge laufen seit juni weiter: schon 2l weitere Migranten
haben seit dem um Unterstützung gebeten, weil auch sie keinen Lohn ausgezahlt
bekommen haben.
Gesundheitsversorgung je nach Aufenthaltsstatus
Der nächste Tourstopp ist das Berliner Universitätsklinikum Charite.
Während wieder die großen Taschen vor dem Eingang aufgebaut werden,
laufen Valeria und andere in weißen Kitteln in die Notaufnahme und verteilen
Infor-mationsmaterial. Am Anmeldungs-schalter werden „Transkontinental-Krankenkassenkarten“
im Design der Techniker Krankenkassenkarten ausgelegt, auf denen einfach „gültig“
steht und unter Status „egal“ vermerkt ist, Draußen werden
über einen Lautsprecher Schicksale von Patientinnen verlesen, die in der
Charite auf Grund ihres Aufenthaltsstatus schlecht oder sogar gar nicht behandelt
wurden: Eine Vietnamesin, die schwanger unter Einwilligung der Arztinnen in
Handschellen von der Station ins Abschiebegefängnis gebracht wurde oder
eine Polin, die vom Krankenhaus mit dem Krankenwagen „abgeschoben“
wurde - aus Kostengründen.
Menschen unabhängig von ihrem Aufenthalts Status zu behandeln, ist m Deutschland
nicht vorgesehen. So haben Asylsuchende keinen Anspruch auf eine Kran-kenversicherung.
Allein in Fälle „akuter Erkrankungen und Schmerzzustande“,
über dessen Erträglichkeitsgrad die Sozialbehörden entscheiden,
werden Asylsuchenden „Krankenscheine“ ausgestellt. So ist die Behandlung
oft vom Wohlwollen der Sachbearbeiterinnen abhängig, Menschen ohne Papiere
sind von einem Zugang zur Gesundheitsversorgung gänzlich ausgegrenzt. Bei
einer Einlie-ferung ins Krankenhaus müssen sie mitunter befürchten,
vom Personal bei der Ausländerbehörde denun-ziert zu werden, auch
wenn Krankenhäuser dazu juristisch nicht verpflichtet sind - anders als
Sozial-behörden, die laut Ausländerge-setz einer Meldepflicht über
illegalen Aufenthalt unterliegen, ,Wir sind aber heute nicht nur gekommen, um
die Zustände anzuprangern“, meint Valeria. „Arztinnen verpflichten
sich dazu, den Patientinnen zu helfen und nicht der Ausländerpolizei oder
den Kostenstellen der Krankenhäuser. Daran wollen wir sie mit dieser Aktion
erinnern und ihnen Mut machen, sich gegen rassistische Ausgrenzung stark zu
machen.“ So steht es auch auf den Postkarten, die Valeria verteilt: „Ob
Borg oder Kiingone, ob mit Papieren oder ohne, ist mir Bohne“, steht unter
dem Foto von Dr. med. Pille von Raumschiff Enterprise. Dass es diese Ärztinnen
inzwischen gibt, bezeugt Valerias Arbeit. Mittlerweile verfügt das Büro
für medizinische Flüchtlingshilfe über einen Pool von 80 Ärztinnen,
Hebam-men und Psychologinnen, die Pa-tientinnen ohne Papiere anonym und kostenlos
behandeln. Zweimal die Woche versucht Valeria, Behandlungen für Migrantinnen
zu vermitteln. Über 1000 Vermittlungen sind es im Jahr. „Ich denke,
heute ist unsere Vermittlungstätigkeit schon etwas entkriminalisierter
als noch vor ein paar Jahren“, sagt sie, „und auch unser Büro
ist inzwischen zu einer relativ akzeptierten Einrichtung geworden. Natürlich
birgt diese Akzeptanz auch die Gefahr, zu einer professionellen Hilfsorganisation
zu werden. Deshalb ist unsere politische Arbeit, die Forderung nach einem Zugang
zur Gesundheitsversorgung für alle, neben der alltäglichen praktischen
Arbeit auch so wichtig.“ Sie selber hat durch ihr Studentenvisum eine
Krankenversicherung, aber eine Aufent-haltserlaubnis über den Zeitraum
des Studiums hinaus, wird auch sie kaum erhalten.
Entrechtung sichtbar machen
Migrationbeauftragte richten Schränke mit Wasserrationen in der Wüste
ein damit die Migrantinnen nicht verdursten und Orientierungspunkte haben.
Von der Charite geht es weiter zum Checkpoint Charlie, wo im Mauermuseum Fluchthelfer
noch als ehrenwerte Personen dargestellt werden. Ein Hochzeits-Autokorso wird
kurzfristig von der Polizei wieder verboten und findet nun eher leise zu Fuß
statt. Es soll auf die Strategie der Schutzheirat als Möglichkeit, seinen
Status zu legalisieren, aufmerksam machen. „Für mich hat diese Aktion
zwei Seiten“, sagt Valeria, die neben dem weißen Kittel jetzt auch
einen weißen Brautschleier trägt und auf der letzten Etappe des heutigen
Tages einen Heiratsratgeber mit dem Titel .Welche Farbe hat deine Zahnbürste?“
an Passanten verteilt, der wissenswerles über Schutzheiraten erzählt.
„Einerseits geht es für mich darum, darauf aufmerksam machen, wie
weit man mitunter gehen muss, um hier Rechte zu haben; andererseits geht es
auch darum, zu sagen, hey, guckt mal, das ist o.k., so etwas zu machen.“
Um die Sichtbarmachung dieser unterschiedlichen Legalisierungsstrategien und
Protestmöglichkeiten geht es der Gesellschaft für Legalisierung mit
ihrer Offen-sive. Ihr Ansatzpunkt sind die all-täglichen Kämpfe für
individuelle und kollektive Rechte, die in verschiedenen Bereichen schon stattfinden.
Sie orientiert sich nicht an Forderungen nach einer „Stichtagregelung“,
wie es sie in anderen Ländern gibt, sondern will die Spannbreite der Entrechtungen
von Migrantinnen deutlich machen, von denen die Papierlosen nur die Spitze des
Eisbergs darstellen, Fragt man Valena, wie es weiter geht, wenn sie mit Ende
ihres Studiums ihren Aufenthaltstitel verliert, lacht sie. „Wie mein persönlicher
Kampf um Rechte aussieht, möchte ich hier nicht erzählen. Doch eins
ist sicher: Ich werde hier bleiben, hier arbeiten und weiter politisch aktiv
sein“, sagt sie und winkt mit einer der großen Taschen. „Ich
hoffe nur, dass ich dann nicht aus einer dieser Taschen sprechen muss.
Anne Becker
Die nächsten Tourdaten: 22. November München 27. November Hamburg
Infos:
www.rechtauflegalisierung.de
www.medizinischefluechtlingshilfe.org
www.kanakattak. de